Pikareske Elemente in "Últimas tardes con Teresa"


Hausarbeit, 2013

22 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Literarhistorischer Hintergrund des Schelmenromans

3. Der Schelmenroman und das Pikareske in Últimas tardes con Teresa
3.1 Typische Eigenschaften des pícaro
3.2 Herkunft und Familie der Schelmenfigur
3.3 Zum Begriff der Arbeit
3.4 Die Gesellschaft der pikarischen Welt
3.5 Formale und literarische Besonderheiten

4. Fazit

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einführung

Die vorliegende Ausarbeitung behandelt die Thematik des spanischen Schelmenromans sowie die pikaresken Elemente in Juan Marsés Roman Últimas tardes con Teresa. Marsé wurde im Jahre 1933 unter dem Namen Juan Faneca Roca in Barcelona geboren und wuchs, da die leibliche Mutter bei seiner Geburt starb und er von seinem Vater zur Adoption freigegeben wurde, bei einer Adoptivfamilie auf[1]. Zunächst arbeitete er in einem Schmuckgeschäft, bis er seine Leidenschaft für das Schriftstellertum entdeckte und den ersten Roman veröffentlichte[2]. Typische Elemente seiner Werke sind beispielsweise die Verbindung von Realität und Fantasie sowie die Thematik der Nachkriegszeit in Barcelona[3], was sich auch in seinem 1966 publizierten Roman Últimas tardes con Teresa[4] niederschlägt. Für diese gesellschaftskritische Novelle, welche von dem andalusischen Motorraddieb Manolo Reyes und seinen Aufstiegsbemühungen in die katalanische Gesellschaft handelt, erhielt Marsé schon ein Jahr vor der Veröffentlichung den Literaturpreis Premio Biblioteca Breve[5].

Im Folgenden wird zunächst der literarhistorische Hintergrund des Schelmenromans skizziert. Anschließend werden die spezifischen Merkmale der traditionellen novela picaresca vorgestellt, welche jeweils auf Konvergenzen und Divergenzen zum Roman Últimas tardes con Teresa untersucht werden, da dieser zahlreiche intertextuelle Bezüge zu dieser literarischen Gattung aufweist[6] ; nach Kloepfer und Hempfer spricht man in diesem Zusammenhang auch von Systemreferenz[7], nach Genette von Architextualität[8]. Auf diesen Ergebnissen basierend wird abschließend beurteilt, ob Últimas tardes con Teresa als ein typischer Schelmenroman klassifiziert werden kann und warum der Autor Juan Marsé gerade auf eine solch traditionelle literarische Gattung des 16./17. Jahrhunderts Bezug nimmt.

2. Literarhistorischer Hintergrund des Schelmenromans

Der Schelmenroman, auch Pikaresker Roman oder novela picaresca genannt, ist laut Chwastek eines „der hervorragendsten und eigenständigsten Genre der spanischen Nationalliteratur“[9]. Er entstand in Spanien in der Epoche des Siglo de Oro[10], welche das 16. und 17. Jahrhundert umfasst[11]. Diese Ära war einerseits von einer umfangreichen und beeindruckenden Kunst und Kultur geprägt, weshalb man sogar vom Goldenen Zeitalter oder der Blütezeit Spaniens spricht, andererseits aber auch von Machtverlust, imperialem Niedergang[12] sowie von ökonomischen Problemen und sozialen wie religiösen Veränderungen[13]. Der Ursprung der novela picaresca geht auf den im Jahre 1554 anonym herausgegebenen Lazarillo de Tormes zurück[14], welcher jedoch von vielen Kritikern noch nicht als tatsächlichen Pikaroroman, sondern als dessen Vorreiter gesehen wird. Vielmehr gehen sie davon aus, dass sich das Pikareske erst etwa fünfzig Jahre später mit Guzmán de Alfarache und Buscón vollständig entfaltet hat[15].

Dieses in Spanien entstandene literarische Genre wurde in einigen europäischen Ländern, insbesondere in Deutschland, England und Frankreich, rezipiert und modifiziert, sodass es jeweils in den einzelnen Ländern zu Veränderungen innerhalb der pikarischen Welt sowie zu verschiedenartigen Romanproduktionen kam[16]. Aber nicht nur diese landesspezifischen Unterschiede, sondern auch epochenspezifische Divergenzen sowie die Vorlieben und Entscheidungen des Autors tragen zur Problematik der Gattungs- und Merkmalsbestimmung des Pikaresken bei[17]. Wie Guillén deutlich macht, gibt es „kein Werk, das die Gattung des Pikaresken vollkommen verkörpert“[18]. Aufgrund dieser Komplexität und Vielfalt wird bei der folgenden generischen Auseinandersetzung nur auf die gemeinsamen Grundzüge des spanischen Schelmenromans eingegangen, wobei der Schwerpunkt auf den traditionellen pikaresken Elementen liegt.

3. Der Schelmenroman und das Pikareske in Últimas tardes con Teresa

3.1 Typische Eigenschaften des pícaro

Der Schelmenroman zeichnet sich insbesondere durch seinen Protagonisten aus[19], den sogenannten pícaro, auch Schelm genannt. Seine typischen charakteristischen Eigenschaften sind beispielsweise Abenteuerlust, Unzuverlässigkeit, Kriminalität, Schalkhaftigkeit[20] sowie Wandlungsfähigkeit[21]. Vor allem die männlichen Pikaros haben einen schlechten Ruf[22], denn – wie Chwastek treffend formuliert – „sie kümmern sich im allgemeinen nicht um Ehrvorstellungen und versuchen, sich mit Tricks und Schlichen durch ihr jämmerliches Dasein zu schlängeln“[23].

Ein weiteres Merkmal des Protagonisten ist seine Doppelfigürlichkeit: In der Figur des pícaro gehen sowohl Held als auch Anti-Held auf. Auf der einen Seite ist er Held seiner Geschichte[24] ; in den Worten Bachtins Held „einer unvollendbaren Reihe von abenteuerlichen Episoden“[25]. Andererseits wird jedoch diese Heldenposition durch sein ständiges Scheitern relativiert[26]. Der Anti-Heroismus wird zudem durch die gesellschaftliche Randposition des Schelmen sowie dadurch, dass er die geltende Meinung der Mehrheit in Frage stellt, unterstützt[27].

Das äußere Erscheinungsbild des Schelmen ist durch Ungepflegtheit, wie beispielsweise abgenutzte Kleidung und / oder ein von Narben geprägtes Gesicht, charakterisiert[28].

Im Mittelpunkt des Romans Últimas tardes con Teresa von Juan Marsé steht Manolo Reyes, alias Pijoaparte, welcher zahlreiche Charaktereigenschaften des traditionellen Pikaros aufweist[29]. Insbesondere die Merkmale Kriminalität und Wandlungsfähigkeit treffen auf ihn zu. Manolo kann als kriminell bezeichnet werden, da er keiner ehrlichen und rechtschaffenen Arbeit nachgeht, sondern sich seinen Lebensunterhalt durch illegalen Motorraddiebstahl[30] sichert. Auch in der Szene, in welcher er einer Dame die Handtasche stiehlt[31], kommt seine Kriminalität zum Ausdruck. Seine Wandlungsfähigkeit ist u.a. in seiner Verhaltens- und Sprechweise zu sehen, welche jeweils zwischen den verschiedenen Gesellschaftsschichten variiert. Ein Beispiel hierfür ist die Szene, in der Manolo und sein Freund Bernardo unbefugterweise einen Privatstrand betreten und anschließend von der Eigentümerin entdeckt werden. Von einem Moment auf den anderen wechselt Manolo von seiner üblichen vulgären zu einer sehr formalen und höflichen Ausdrucksweise[32]. Auch seine Mimik und Gestik verändern sich augenblicklich: „Instantáneamente, la actitud del murciano cambió por completo. Exhibió su esplendorosa sonrisa blanca, se inclinó ante la enfurecida señora y abrió los brazos en un rendido gesto de disculpa“[33]. Darüber hinaus beruht das Dasein von Manolo, genau wie das Leben des typischen Pikaros, auf schelmischen und schalkhaften Einfällen. Er versucht, in der Gesellschaft aufzusteigen und dieser anzugehören, indem er sich beispielsweise auf der Verbena de San Juan unter die wohlhabendere Bevölkerung mischt[34] und vorgibt, die Begleitung von Teresa zu sein[35]. Ebenso teilt Manolo Reyes die Charaktereigenschaft der Abenteuerlust. Diese kommt z.B. durch den Umzug von Ronda nach Barcelona[36], durch seine Tätigkeit als Motorraddieb[37] oder durch seine vielfältigen Versuche, sich in die burguesía catalana zu integrieren, zum Ausdruck, um nur einige von vielen Exempeln zu nennen. Bezüglich der Unzuverlässigkeit ist zu erwähnen, dass Manolo keine konstante Unzuverlässigkeit aufweist, sondern sich während seines Werdegangs von einem relativ zuverlässigen zu einem unzuverlässigen Individuum entwickelt. Dieses Faktum zeigt sich z.B. darin, dass er anfangs noch sehr pünktlich zu seinem ersten Treffen mit Maruja erscheint[38], später dann aber Teresa „más de media hora“[39] warten lässt. Gründe für diesen Wandel könnten u.a. seine immer wiederkehrenden Misserfolge sowie das Erleben von Unzuverlässigkeit durch andere Personen sein. Ein schlechter Ruf, wie ihn der pícaro genießt, ist auch bei Manolo zu beobachten. Dieser ist schon in seiner Kindheit erkennbar, als die anderen Kinder ihn mit dem Namen „el inglés“ verspotten[40]. Doch auch später in Barcelona gelingt es ihm nicht, einen guten Ruf aufzubauen, was Jesús ihm klar vor Augen führt: „que eres un marica, todo el barrio lo sabe. ¡Si nadie te puede ver!“[41].

Des Weiteren weist Manolo das pikareske Merkmal der Doppelfigürlichkeit auf. Er selbst sieht sich, trotz seines kontinuierlichen Scheiterns, als Held seiner Geschichte bzw. als xarnego, dem, im Gegensatz zu den anderen Emigranten, der soziale Aufstieg gelingt. Auch zeigen sich seine heroischen Eigenschaften darin, dass er, wie der typische Held[42], seinen Vater nicht kennt[43]. Dagegen kommt Manolos Antiheroismus insbesondere durch seine gesellschaftliche Randposition zum Ausdruck[44], welche figurativ durch seinen ärmlichen Wohnort, den am Stadtrand gelegenen Monte Carmelo[45], untermauert wird.

Im Gegensatz zum traditionellen pícaro legt Manolo Wert auf ein gepflegtes Auftreten und auf sein äußeres Erscheinungsbild, indem er sich beispielsweise seine Haare kämmt[46] oder darauf achtet, während der Motorradfahrt den Anzug nicht zu verschmutzen[47]. Auch wird Manolo nicht wie ein klassischer Schelm mit zernarbtem Gesicht beschrieben, sondern vielmehr als „natural atractivo, que fijaba las miradas femeninas con un leve escalofrío“[48]. Überdies trägt Manolo keine abgenutzte Kleidung. Für die Verbena de San Juan zieht er sich sogar so übertrieben schick an, dass er unter den vielen Reichen einer der wenigen ist, welcher Anzug und Krawatte trägt[49] und aufgrund dessen daraus folgert: „Son más ricos de lo que pensaba“[50] ; d.h. die Gäste auf der Feier sind schon so vermögend, dass sie es sich leisten können, legerere Kleidung zu tragen. Im Gegensatz dazu muss sich Manolo seine gesellschaftliche Position erst noch erkämpfen und versucht aus diesem Grunde, seine Armut durch extravagante Kleidung zu verbergen.

3.2 Herkunft und Familie der Schelmenfigur

Die mysteriösen Geburtsumstände des Schelmen[51] sowie seine von Armut und Ehrlosigkeit geprägte Kindheit[52] können als weitere Merkmale des Schelmenromans klassifiziert werden. Häufig hat der Pikaro Vater oder Mutter, in manchen Fällen sogar beide Elternteile, verloren[53]. Trifft dieser Fall nicht zu, ist die Beziehung des Pikaro zu seiner Mutter meist weder positiv noch negativ charakterisiert. Auch herrscht zu seinem Vater keine gefühlsmäßige Bindung, denn der Pikaro wurde hauptsächlich geboren, um den Fortbestand der Familie zu sichern[54]. Der Schelm hat gegenüber seiner Familie eine recht zwiespältige Haltung, welche einerseits von Anhänglichkeit, andererseits aber auch von Abwendung geprägt ist. Diese spiegelt das ambivalente Verhältnis des pícaro zur Gesellschaft wider[55], denn diese ist für ihn, wie Erhart-Wandschneider diesen Zusammenhang formuliert, „Feindbild und Fluchtpunkt zugleich“[56]. Auf diese Ambivalenz wird jedoch in Kapitel 3.4 näher eingegangen. In vielen Fällen verlässt der Pikaro bereits im Kindesalter sein Elternhaus, weshalb er schon sehr früh auf sich selbst gestellt ist und sich alleine durchschlagen muss[57]. Doch trotz dieses Fortgangs aus dem Elternhaus und trotz der Versuche, sein Herkommen zu verleugnen[58], kann der Schelm seine soziale Determiniertheit[59] nicht überwinden: Er wurde in ärmlichen Verhältnissen geboren[60], gehört daher der Schicht der Unterprivilegierten an[61] und kann diesen Umständen nicht entkommen. Nun bleibt noch zu klären, ob der Schelm schon als Schelm geboren wird. Bezüglich dieser Thematik legt die Literaturforschung divergierende Ergebnisse dar. Guillén geht davon aus, dass der Schelm zwar schicksalsmäßig in eine soziale Ordnung hineingestellt ist, er jedoch erst „aufgrund der Lehren, die er aus seinen Abenteuern zieh[t]“[62], zum echten Pikaro wird[63]. Demgegenüber steht Chwasteks Aussage, dass der Schelm schon von Geburt an ein Schelm ist[64].

Vergleicht man nun diese Merkmale mit dem Protagonisten von Últimas tardes con Teresa, werden einige Übereinstimmungen erkennbar. Genau wie der traditionelle Schelm stammt auch Manolo Reyes aus ärmlichen Verhältnissen[65], aufgrund deren er aus der katalanischen burguesía ausgeschlossen ist. Eine weitere Parallele zum pícaro zeigt sich in den mysteriösen Geburtsumständen: Manolos Mutter, eine Bedienstete des marqués de Salvatierra, hat – den in Ronda kursierenden Gerüchten zufolge – mit einem englischen Gast ihres Dienstherren ein uneheliches Kind, Manolo, gezeugt, weshalb Manolo in seiner Kindheit von den anderen Kindern spöttisch als „el inglés“ bezeichnet wird[66]. Aber um diesen Gerüchten und der Verspottung entgegenzuwirken, erfindet Manolo „su propia y original concepción de sí mismo“[67], indem er vorgibt, Sohn des noblen marqués de Salvatierra selbst zu sein[68]. Da die Identität von Manolos Vater daher nicht eindeutig geklärt ist, können keine Aussagen zum Vater-Sohn-Verhältnis getroffen werden; über die Beziehung zu seiner Mutter geht aus dem Roman bedauerlicherweise nicht viel hervor. Es kann jedoch konstatiert werden, dass sie zumindest versuchte, Manolo bessere Lebensbedingungen zu ermöglichen, indem sie ihn dazu verpflichtete, in der Abendschule lesen und schreiben zu lernen[69], woraus sich schließen lässt, dass ihr der eigene Sohn durchaus von Wichtigkeit war. Auch die Beschreibung „[l]a quiso mucho“[70] deutet eher auf ein positives Verhältnis, was keine typische Eigenschaft eines pícaro ist. Die Vermutung, dass Manolo, genau wie der pícaro, nicht aus Liebe gezeugt wurde, liegt dennoch sehr nahe. Seine Zeugung diente jedoch im Gegensatz zur Schelmenfigur des Siglo de Oro keinem planmäßigen Fortbestand der Familie, sondern kann vielmehr als ein 'Unfall' bezeichnet werden. Hinsichtlich der pikarischen ambivalenten Haltung gegenüber der Familie ist zu erwähnen, dass diese auch bei Manolo Reyes zu beobachten ist. Einerseits versucht er schon recht früh, seinen Heimatort Ronda und damit auch seine Familie zu verlassen, beispielsweise als er das Angebot von der Familie Moreau erhält, nach Paris zu gehen[71], andererseits kann er sich aber auch nicht vollständig von seiner Familie lösen, da er seinem Bruder nach Barcelona folgt und dort sogar mit ihm eine Wohnung teilt[72] bzw. aufgrund seines Geldmangels diese gezwungenermaßen mit ihm teilen muss. Doch obwohl Manolo schon im Kindesalter sein Elternhaus und seinen Heimatort verlässt und immer wieder versucht, in der Gesellschaft aufzusteigen, gelingt ihm dies nicht. Auch ihm wird, wie dem klassischen Schelmen, die soziale Determiniertheit zum Verhängnis. In Bezug auf die Geburtsstunde des Schelmen ist festzustellen, dass auf Manolo Reyes eher der Standpunkt von Guillén zutrifft. Manolo ist zwar von Geburt an in die untere Gesellschaftsschicht hineingestellt, aber seine picardía, d.h. sein schelmisches Leben[73], beginnt erst, als er die Familie Moreau als Touristenführer in Ronda begleitet und erste Anzeichen des Wunsches nach einem besseren Leben erkennbar werden[74].

3.3 Zum Begriff der Arbeit

In der Regel befindet sich die Familie des Schelmen in wirtschaftlicher Not[75], was dazu führt, dass der Pikaro schon während seiner Kindheit auf verschiedene Art und Weise zum Lebensunterhalt der Familie beitragen muss. Dies können beispielsweise kleine Diebereien, aber auch ehrlicher Gelderwerb sein[76]. Jedoch nicht nur während seiner Kindheit, sondern auch im heranwachsenden Alter sucht der Schelm „durch Gerissenheit und Gewandtheit zu erreichen, was anderen durch harte Arbeit oder einen glücklichen Zufall zuteil geworden ist“[77], wie Chandler prägnant zum Ausdruck bringt. Normalerweise hat der Pikaro keine feste Anstellung, aber um seine materielle Existenz zu sichern, schlägt er sich mit den verschiedensten Arbeiten für wechselnde Herren durch, denen er Streiche spielt[78] und die er verspottet[79].

Da der Vater von Manolo Reyes nicht bekannt ist, muss die verwitwete Mutter für sich und ihre beiden Söhne alleine finanziell aufkommen, indem sie als Reinigungskraft im Palast des marqués de Salvatierra arbeitet[80]. Um seine Mutter geldmäßig zu unterstützen, betätigt sich Manolo als „maletero en la estación y ocasional guía turístico de Ronda“[81]. Er führt seine 'Arbeit' jedoch nicht sehr gewissenhaft aus; beispielsweise erzählt er der Familie Moreau erfundene Geschichten über seine Erfahrungen als Touristenführer[82]. Manolo trägt also wie der pícaro auf schelmische Art und Weise zum Lebensunterhalt der Familie bei. Nach seinem Wohnortwechsel von Ronda nach Barcelona[83] arbeitet Manolo als Motorraddieb[84]. Ganz pikaresk geht er somit keiner ehrlichen und rechtschaffenen Arbeit nach, sondern versucht durch Raffinesse und Geschicklichkeit, ja sogar durch Kriminalität das zu erreichen, was andere erst durch harte Arbeit und viel Disziplin zu Stande bringen. Die Geschäfte laufen allerdings immer schlechter, sodass Manolo dazu bereit ist, Bekannte, Freunde und Verwandte nach Geld zu bitten[85], einer älteren Dame die Handtasche zu entwenden[86] sowie seinen Chef zu berauben[87]: „El murciano no lo pensó un segundo. El billete pasó a su bolsillo“[88]. Letzten Endes bleibt ihm jedoch nichts anderes übrig, als Teresa seine Arbeitslosigkeit und Geldnot zu gestehen[89]. Für Manolo ist das Schlimmste daran die Tatsache, dass er dadurch das (seiner Meinung nach vorhandene) Ansehen bei Teresas Eltern und Freunden verliert. Auch ist ihm diese missliche Lage gegenüber Teresa selbst äußerst peinlich und unangenehm[90]: „¿Cómo podría mirarte a la cara, sin trabajo?“[91]. Daraufhin bietet Teresa an, über ihre eigenen bzw. über die Beziehungen ihres Vaters Manolo zu einer neuen Anstellung zu verhelfen[92] und es kommt zu einem Treffen mit Alberto und Mari Carmen Bori[93], welches für Manolo jedoch erfolglos bleibt. Bezüglich der Arbeitsthematik sind jedoch nicht nur Konvergenzen zwischen der spanischen novela picaresca und dem Roman Últimas tardes con Teresa zu vermerken, sondern es lassen sich auch Unterschiede herausarbeiten. Einer dieser Unterschiede zeigt sich in der Tatsache, dass Manolo nicht für wechselnde Herren verschiedene Arbeiten verrichtet, sondern nur für einen Herren, genauer gesagt für „El Cardenal“, eine einzige Tätigkeit ausübt: Motorräder entwenden. Eine weitere Divergenz zum spanischen Schelmenroman ist, dass Manolo seinem Herren keine Streiche spielt und diesen auch nicht verspottet; vielmehr „[r]espetaba mucho al Cardenal, le tenía por el hombre más inteligente del barrio“[94]. Eine Ausnahme stellen diesbezüglich seine Tätigkeiten als Gepäckträger und Touristenführer dar, welche er in seiner Kindheit für verschiedene Menschen ausübte[95]. Diesen spielt er zwar nicht direkt Streiche, ist aber auch nicht ganz ehrlich zu ihnen[96]. Zudem verspottet er sie nicht, sondern verehrt sie und beneidet sie um ihren Lebensstandard.

3.4 Die Gesellschaft der pikarischen Welt

Ein weiteres Merkmal des Pikaros ist sein Außenseitertum[97] ; er steht in Konflikt zur Gesellschaft und stellt die geltenden Werte und Klassenvorstellungen in Frage[98]. Im traditionellen Schelmenroman ist der pícaro überwiegend ein Gegenspieler der Gesellschaft, im modernen – nach Erhart-Wandschneider – eher „Mitläufer und Nutznießer“[99]. Der Schelm ist jedoch nur ein halber Außenseiter[100], in dem sich die in Kapitel 3.2 erwähnte Ambivalenz zeigt: Da er selbst aus den niedrigsten Gesellschaftsschichten stammt[101], ist er einerseits aus den angesehenen Klassen und von gewissen Gemeinschaftsgütern ausgeschlossen, andererseits kann er ohne diese nicht überleben[102] und muss nach Bauer aufgrund dessen „seine mangelnde Integration überspielen und eine Zugehörigkeit zur Gesellschaft vortäuschen“[103]. Trotz dieser schwierigen Lebensumstände fehlt es dem Pikaro nicht an Lebensmut, denn genau diese Auseinandersetzung mit der eigenen sozialen Marginalität ruft in ihm seine pikareske Lebendigkeit hervor[104].

[...]


[1] Vgl. Clark 2006, S. 161.

[2] Vgl. Amell 1984, S. 10.

[3] Vgl. Fidora 2005, S. 25.

[4] Vgl. Amell 1984, S. 19.

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. Romea Castro 1990, S. 461.

[7] Vgl. Pfister 1985 a, S. 17 ff.

[8] Vgl. Pfister 1985 b, S. 56.

[9] Chwastek 1987, S. 4.

[10] Vgl. ebd., S. 13.

[11] Vgl. Simson 2001, S. 7.

[12] Vgl. ebd., S. 7 f.

[13] Vgl. Chwastek 1987, S. 13.

[14] Vgl. Bauer 1994, S. 1.

[15] Vgl. Chwastek 1987, S. 6 f.

[16] Vgl. Bauer 1994, S. 3 f.

[17] Vgl. Guillén 1969, S. 377 f.

[18] Ebd., S. 376.

[19] Vgl. Erhart-Wandschneider 1995, S. 35.

[20] Vgl. ebd., S. 99 f.

[21] Vgl. ebd., S. 33.

[22] Vgl. Chwastek 1987, S. 4.

[23] Ebd.

[24] Vgl. Erhart-Wandschneider 1995, S. 140 ff.

[25] Bachtin 1979, S. 285.

[26] Vgl. Kinzkofer 2003, S. 41.

[27] Vgl. Gabikagojeaskoa 2011, S. 102.

[28] Vgl. Chwastek 1987, S. 252.

[29] Vgl. Mangini González 1980, S. 13.

[30] Vgl. Marsé, J.: Últimas tardes con Teresa. Barcelona 4 2011 (Debolsillo), S. 19.

[31] Vgl. ebd., S. 309 f.

[32] Vgl. ebd., S. 51 ff.

[33] Ebd., S. 52.

[34] Vgl. ebd., S. 19 ff.

[35] Vgl. ebd., S. 30.

[36] Vgl. ebd., S. 41.

[37] Vgl. ebd., S. 19.

[38] Vgl. ebd., S. 41.

[39] Ebd., S. 332.

[40] Vgl. ebd., S. 92 f.

[41] Ebd., S. 301.

[42] Vgl. Gabikagojeaskoa 2011, S. 59.

[43] Vgl. Marsé 2011, S. 92 f.

[44] Vgl. Gabikagojeaskoa 2011, S. 102.

[45] Vgl. Marsé 2011, S. 35 ff.

[46] Vgl. ebd., S. 20.

[47] Vgl. ebd., S. 309.

[48] Ebd., S. 20.

[49] Vgl. ebd., S. 21.

[50] Ebd., S. 22.

[51] Vgl. Chwastek 1987, S. 11 ff.

[52] Vgl. Guillén 1969, S. 383.

[53] Vgl. ebd.

[54] Vgl. Chwastek 1987, S. 257.

[55] Vgl. Erhart-Wandschneider 1995, S. 190.

[56] Ebd., S. 190.

[57] Vgl. Chwastek 1987, S. 255.

[58] Vgl. Rötzer 2009, S. 116.

[59] Vgl. Sevilla 2001, S. 14.

[60] Vgl. Marsé 2011, S. 91 ff.

[61] Vgl. Simson 2001, S. 33.

[62] Erhart-Wandschneider 1995, S. 32.

[63] Vgl. Guillén 1969, S. 382.

[64] Vgl. Chwastek 1987, S. 255.

[65] Vgl. Marsé 2011, S. 91 ff.

[66] Vgl. ebd., S. 92.

[67] Ebd., S. 92.

[68] Vgl. ebd., S. 92.

[69] Vgl. ebd., S. 93.

[70] Ebd., S. 93.

[71] Vgl. ebd., S. 95 ff.

[72] Vgl. ebd., S. 40 f.

[73] Vgl. Rötzer 2009, S. 113.

[74] Vgl. Romea Castro 1990, S. 462 f.

[75] Vgl. Chwastek 1987, S. 258.

[76] Ebd., S. 252 f.

[77] Chandler 1969, S. 4.

[78] Vgl. Chandler 1974, S. 45.

[79] Vgl. Chandler 1969, S. 6.

[80] Vgl. Marsé 2011, S. 91.

[81] Ebd., S. 93.

[82] Vgl. ebd., S. 95.

[83] Vgl. ebd., S. 41.

[84] Vgl. ebd., S. 19.

[85] Vgl. ebd., S. 300 f.

[86] Vgl. ebd., S. 310.

[87] Vgl. ebd., S. 251.

[88] Ebd., S. 251.

[89] Vgl. ebd., S. 388.

[90] Vgl. ebd.

[91] Ebd.

[92] Vgl. ebd., S. 389.

[93] Vgl. ebd., S. 398.

[94] Ebd., S. 88.

[95] Ebd., S. 93.

[96] Vgl. ebd., S. 95.

[97] Vgl. Erhart-Wandschneider 1995, S. 27.

[98] Vgl. ebd., S. 23.

[99] Ebd., S. 137.

[100] Vgl. Guillén 1969, S. 384.

[101] Vgl. Chwastek 1987, S. 4.

[102] Vgl. Bauer 1994, S. 10 f.

[103] Ebd., S. 11.

[104] Vgl. Chwastek 1987, S. 9.

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Details

Titel
Pikareske Elemente in "Últimas tardes con Teresa"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar II Literaturwissenschaft „Das Barcelona Juan Marsés“
Note
1,0
Jahr
2013
Seiten
22
Katalognummer
V302007
ISBN (eBook)
9783668002180
ISBN (Buch)
9783668002197
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Juan Marsé, Barcelona, Schelmenroman, Ultimas tardes con Teresa, pícaro, novela picaresca
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Pikareske Elemente in "Últimas tardes con Teresa", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302007

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