Der Deutsche Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen. Entstehung einer Kontroverse in der Frühpädagogik


Hausarbeit, 2014

16 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Deutscher Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (DQR)
2.1 Allgemeine Informationen
2.2 Das Niveau 6 der DQR-Matrix

3. Entstehung einer Kontroverse in der Frühpädagogik

4. Fazit

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einführung

„Wichtig ist, was jemand kann, und nicht, wo es gelernt wurde.“ [1]

Mit keinen treffenderen Worten kann der Leitgedanke des Deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (DQR) beschrieben werden. Was zunächst vielversprechend klingt, löst jedoch gleichzeitig viele Diskussionen in Deutschland aus, insbesondere im frühpädagogischen Bereich. Hier hat sich die Debatte über die bestmögliche Ausbildung von Kita-Fachkräften verschärft, denn der DQR stuft ein frühpädagogisches Bachelor-Studium als gleichwertig mit einer Ausbildung an einer Fachschule2 ein.3 Da in Deutschland die Frühpädagogik bezüglich beruflicher und akademischer Bildung bisher strikt getrennt und häufig sogar hierarchisch abgegrenzt war4, birgt eine solche Einstufung selbstverständlich Konfliktpotenzial. Seitens der Fachschulen herrscht zweifellos große Freude bezüglich dieser gleichwertigen Nivellierung, da sie dadurch die Qualität ihrer Ausbildung bestätigt sehen. Hochschulvertreter betrachten diesen Sachverhalt hingegen eher skeptisch, da ihrer Ansicht nach ein Studium unter diesen Umständen möglicherweise nicht mehr erstrebenswert ist.5

Im Folgenden wird nun zunächst der DQR in seinen allgemeinen Grundzügen erläutert. Anschließend wird auf das DQR-Niveau 6, welches das frühpädagogische Bachelor-Studium als gleichwertig mit einer Fachschulausbildung einstuft, eingegangen. Nach der Darstellung der Kontroverse, welche in der Frühpädagogik in der Folge entstanden ist, wird abschließend ein Fazit gezogen, ob diese Gleichstellung gerechtfertigt ist.

2. Deutscher Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (DQR)

2.1 Allgemeine Informationen

Parallel zu verschiedenen und vielfältigen Professionalisierungs- und Akademisierungs-prozessen in allen Bereichen und Ebenen der Frühpädagogik wurden in den letzten Jahren verschiedene Qualifikationsrahmen entwickelt. Darunter auch der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR), welcher nach einer langen Ausbauphase vom Bund, den Bundesländern und Akteuren aus allen Bildungsbereichen, Wirtschaftsorganisationen, Sozialpartnern und weiteren Experten entwickelt6, im März 2011 verabschiedet und im Januar 2012 bestätigt wurde7.

Der DQR gilt als die nationale Variante des Europäischen Qualifikationsrahmens (EQR) und soll systematisch und „bildungsbereichsübergreifend alle Qualifikationen des deutschen Bildungssystems“8 in einem Rahmen, d.h. auf verschiedenen Niveaustufen, umfassen. Ziele sind insbesondere die erleichterte Orientierung im deutschen Bildungssystem sowie die Transparenz von Gleichwertigkeit und Unterschieden von Qualifikationen, um nicht nur auf nationaler, sondern auch auf europäischer Ebene einen angemessenen Vergleich gewährleisten zu können und um dadurch die Mobilität innerhalb Europas zu fördern.9

„Bei der Zuordnung von Qualifikationen zum DQR sollen alle formalen Qualifikationen des deutschen Bildungssystems der Allgemeinbildung, der Hochschulbildung und der beruflichen Bildung – jeweils einschließlich der Weiterbildung – einbezogen werden.“10 Ziel ist jedoch auch, Ergebnisse des nicht-formalen und informellen Lernens im DQR zu berücksichtigen.11 Ein Verfahren für die Zuordnung von erworbenen Kompetenzen in diesen beiden zuletzt genannten Bereichen liegt derzeit jedoch noch nicht vor.12

Die verschiedenen Qualifikationen werden auf acht Niveaustufen eingeordnet, welche von einer minimalen Basisqualifikation ohne Berufsabschluss (Niveau 1) bis hin zur Promotion (Niveau 8) reichen.13 Die Niveaus beschreiben sowohl fachliche als auch personale Kompetenzen, welche zur Erlangung einer Qualifikation vonnöten sind. Diese beiden Kompetenzkategorien unterteilen sich jeweils nochmal in zwei Kompetenzen, wie in der folgenden Tabelle dargestellt wird:14

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Struktur der acht Niveaus des DQR15 16

Kompetenz wird hierbei nicht als eine isolierte, sondern als eine umfassende Handlungskompetenz definiert, genauer gesagt als „die Fähigkeit und Bereitschaft des Einzelnen, Kenntnisse und Fertigkeiten sowie persönliche, soziale und methodische Fähigkeiten zu nutzen und sich durchdacht sowie individuell und sozial verantwortlich zu verhalten“17.

Insgesamt soll eine Orientierung an Lernergebnissen („Outcome-Orientierung“) gefördert werden.18 Lernergebnisse werden dabei als das bezeichnet, „was Lernende wissen, verstehen und in der Lage sind zu tun, nachdem sie einen Lernprozess abgeschlossen haben.“19 Es besteht somit eine Unabhängigkeit davon, wann, wo und wie Wissen, Fertigkeiten und Kompetenzen zustande gekommen sind.

Bei der DQR-Matrix ist außerdem zu berücksichtigen, dass es sich bei Qualifikationen auf dem gleichen Niveau nicht um gleich artige, sondern um gleich wertige handelt.20 Zudem wird ausdrücklich darauf hingewiesen, „dass die Zuordnung der Qualifikationen des deutschen Bildungswesens zu den Niveaus des DQR das bestehende System der Zugangsberechtigungen nicht ersetzt“21 und dass auch keine tarif- und besoldungsrechtliche Konsequenzen daraus resultieren.22 Es handelt sich ausschließlich um einen orientierenden Qualifikationsrahmen ohne Rechtswirkung.23

2.2 Das Niveau 6 der DQR-Matrix

Um das Niveau 6 der DQR-Matrix zu erreichen, muss man über „Kompetenzen zur Planung, Bearbeitung und Auswertung von umfassenden fachlichen Aufgaben und Problemstellungen sowie zur eigenverantwortlichen Steuerung von Prozessen in Teilbereichen eines wissenschaftlichen Faches oder in einem beruflichen Tätigkeitsfeld“24 verfügen. Häufige Veränderungen und Komplexität charakterisieren die Anforderungsstrukturen.25 Es wurde daher beschlossen, die Abschlüsse Bachelor, Fachkaufmann, Fachschule, Fachwirt, Meister und Operativer Professional (IT) auf das Niveau 6 einzustufen.26 Dazu zählen dementsprechend frühpädagogische Bachelor-Studiengänge als auch die Erzieherausbildung an der Fachschule.

Die einzelnen Kompetenzen zur Erreichung des DQR-Niveaus 6 werden in der folgenden Tabelle nochmals genauer beschrieben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 2: Niveau 6 des DQR27

Wie kam es nun jedoch dazu, dass eine fachschulische Ausbildung auf dem Niveau 6 eingestuft wurde? Laut der KMK-Erklärung (2002) sind „Fachschulen […] Einrichtungen der beruflichen Weiterbildung. Die Bildungsgänge in den Fachbereichen schließen an eine berufliche Erstausbildung und an Berufserfahrungen an.“28 Sie vermitteln nach Landesrecht staatlich anerkannte Berufsabschlüsse und qualifizieren zu Führungsaufgaben auf mittlerer und gehobener Ebene. Dabei spielt sowohl Wissenschaftsorientierung als auch Praxisbezogenheit eine große Rolle. Auch der Erwerb von Kompetenzen zur Planung, Bearbeitung und Auswertung von Aufgaben bzw. Problemstellungen definieren u.a. eine Fachschulausbildung. Ebenfalls charakterisieren Komplexität und häufige Veränderungen die Anforderungsstrukturen an Fachschulabsolventen.29 Aus diesen Gründen wird es als gerechtfertigt angesehen, Fachschulabschlüsse auf dem DQR-Niveau 6 einzustufen.

Für die Frühpädagogik war dieser Beschluss von großer Bedeutung, da die Erzieherausbildung laut KMK-Erklärung (2002) auch an Fachschulen verortet ist.30 Streng betrachtet schließt die Erzieherausbildung an der Fachschule für Sozialpädagogik jedoch nicht an eine Erstausbildung an, sondern ist eine Erstausbildung – zumindest für einen Teil der Auszubildenden – und somit formal gesehen keine „echte“ Fachschule. Zu einem anderen Resultat kommt man jedoch, wenn man der Logik der KMK (2002) folgt und man die Qualifizierung zur staatlich anerkannten Erzieherin31 nicht als Aus bildung, sondern als Weiter bildung betrachtet, welcher eine Erstausbildung, genauer gesagt die Ausbildung zur Kinderpflegerin/Sozialassistentin, vorangehen muss. Und exakt diese Formalität führte letztendlich dazu, dass Abschlüsse sozialpädagogischer Fachschulen und Fachakademien dem Niveau 6 des DQR zugeordnet wurden.32

[...]


1 Arbeitskreis Deutscher Qualifikationsrahmen 2011, S. 5.

2 Im nachfolgenden Text wird die Bezeichnung „Fachschule“ bzw. „Fachschule für Sozialpädagogik“ verwendet, welche die „Fachakademien für Sozialwesen“ und die „Fachakademien für Sozialpädagogik“ einschließen.

3 Vgl. Arbeitskreis Deutscher Qualifikationsrahmen 2014, S. 30ff.

4 Vgl. Berth / Nürnberg 2014, S. 111.

5 Vgl. Rauschenbach 2013, S. 24.

6 Vgl. Bund-Länder-Koordinierungsstelle für den Deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen 2013, S. 3.

7 Vgl. Bund-Länder-Koordinierungsstelle für den Deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen 2013, S. 10.

8 Arbeitskreis Deutscher Qualifikationsrahmen 2011, S. 3.

9 Vgl. ebd.

10 Ebd., S. 5.

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. Bund-Länder-Koordinierungsstelle für den Deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen 2013, S. 42.

13 Vgl. ebd. S. 36.

14 Vgl. Arbeitskreis Deutscher Qualifikationsrahmen 2011, S. 4.

15 Vgl. ebd., S. 5.

16 Da detaillierte Definitionen dieser Begrifflichkeiten den Rahmen dieser Arbeit überschreiten, soll an dieser Stelle auf das Handbuch zum Deutschen Qualifikationsrahmen der Bund-Länder-Koordinierungsstelle (2013) hingewiesen werden, welches die Bezeichnungen des DQR ausführlich darlegt.

17 Arbeitskreis Deutscher Qualifikationsrahmen 2011, S. 4.

18 Vgl. Arbeitskreis Deutscher Qualifikationsrahmen 2011, S. 3.

19 Ebd., S. 9.

20 Vgl. ebd., S. 5.

21 Ebd.

22 Vgl. ebd.

23 Vgl. Bund-Länder-Koordinierungsstelle für den Deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen 2013, S. 32

24 Ebd., S. 20.

25 Vgl. ebd.

26 Vgl. ebd., S. 38.

27 Vgl. Bund-Länder-Koordinierungsstelle für den Deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen 2013, S. 20.

28 Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland 2013, S. 2.

29 Vgl. Bund-Länder-Koordinierungsstelle für den Deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen 2013, S. 186.

30 Vgl. Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland 2013, S. 3.

31 Da der Hauptanteil des frühpädagogischen Personals weiblich ist, wird im fortlaufenden Text zur besseren Lesbarkeit ausschließlich die weibliche Form verwendet.

32 Vgl. Berth / Nürnberg 2014, S. 110.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Deutsche Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen. Entstehung einer Kontroverse in der Frühpädagogik
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Berufspädagogik II
Note
1,0
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V302010
ISBN (eBook)
9783668011779
ISBN (Buch)
9783668011786
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DQR, Qualifikationsrahmen, Frühpädagogik, Professionalisierung, Akademisierung
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Der Deutsche Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen. Entstehung einer Kontroverse in der Frühpädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302010

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