Haftungs- und strafrechtliche Aspekte des Sports. Zur zivil- und strafrechtlichen Verantwortlichkeit der Sportler


Studienarbeit, 2013
19 Seiten

Leseprobe

Inhalt

I. Ausgangslage

II. Die zivilrechtliche Haftung für Mitspielerverletzungen
1. Sport als rechtsentlassener Raum?
2. Sport gegeneinander und ähnlich gefährliche Sportarten
a) Vertragliche Ansprüche
b) Deliktsrechtliche Ansprüche
3. Sport nebeneinander
4. Kampfsport und kampfsportähnliche Sportarten

III. Die strafrechtliche Haftung für Mitspielerverletzungen
1. Sport gegeneinander und ähnlich gefährliche Sportarten
2. Sport nebeneinander
3. Kampfsport und kampfsportähnliche Sportarten

IV. Resümee

Literaturverzeichnis

I. Ausgangslage

Sportverletzungen sind leider alltäglich. Durch die Medien geistern in erschreckend regelmäßigen Abständen teilweise kapitale Verletzungen von Profi-Sportlern. Doch auch Freizeitsportler verletzen sich nicht selten. Oftmals sind an diesen Verletzungen andere Sportler beteiligt. Dennoch ist kaum ein Fall bekannt, in dem ein Sportler für Verletzungen eines Mitsportlers haften musste. Dies liegt daran, dass der Sport gleich welcher Ausprägung integraler, akzeptierter Bestandteil unserer Gesellschaft ist.[1] Aufgrund seiner gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung erfährt er sogar staatliche Förderung. Da kann es nicht sein, dass jede, vielleicht sogar auf regelwidrigem Verhalten beruhende Verletzung zu einer Haftung anderer Beteiligter führt. Sport birgt stets eine immanente Verletzungsgefahr[2], wie auch ein typisches Risiko von Regelverstößen. Will man die positiven Auswirkungen des Sports nicht konterkarieren, muss darüber nachgedacht werden, die Verantwortlichkeit von Sportlern für die Verletzung anderer Sportler zumindest für regelkonformes, ja vielleicht sogar für geringfügig regelwidriges Verhalten in wettbewerbstypischen Gefährdungslagen auszuschließen.[3] Genau mit dieser Haftungsfrage wird sich der folgende Beitrag auseinandersetzen. Dabei soll sowohl die zivil-, wie auch die strafrechtliche Seite der Haftung betrachtet werden. Die Unterscheidung von professionellem zu reinem Freizeitsport wird dabei nur am Rande eine Rolle spielen, da sie schlicht nicht notwendig ist. Wohl zu unterscheiden sind folgende drei Sportgruppen: Sport gegeneinander und Sportarten mit ähnlich immanenten Risiken von Verletzungen durch Gegenspieler, Sport nebeneinander, Kampfsport und Sportarten, die ebenfalls die Verletzung des Gegners zum Ziel oder zumindest als unausweichliche Nebenfolge haben.

II. Die zivilrechtliche Haftung für Mitspielerverletzungen

Zunächst soll das zivilrechtliche Haftungsrisiko für Sportler einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. Hierbei kommt eine Haftungsprivilegierung für die Verletzung von anderen Sportlern – im Folgenden unabhängig von der Sportart auch Mitspieler genannt – nur für die typischen Spielrisiken in Betracht; Verletzungen die ein Sportler einem anderen nur bei Gelegenheit der Sportausübung abseits des Spiels ohne jeden Spielvorteil zufügt, sind nach den üblichen Grundsätzen zu behandeln, spielen also im Folgenden keine Rolle.[4]

1. Sport als rechtsentlassener Raum?

Angesichts des immanenten Verletzungsrisikos im Sport könnte man sich bereits die Frage stellen, ob es überhaupt Aufgabe des Rechts ist, auch einen solchen Lebensbereich zu regulieren oder ob man den Sport nicht in einen rechtsentlassenen Raum schicken sollte. Dort würden nur informelle Verhaltenserwartungen im Sinne eines Fairnessgebots ohne jede durchsetzbare Verpflichtung herrschen; erst bei (grob) unfairem Verhalten solle das Recht wieder für Ordnung sorgen.[5]

Die große offene Aufgabe dieses Ansatzes bleibt jedoch, den Begriff Fairness mit Inhalt zu füllen. Zumal wenn dieser sich aus den Verhaltenserwartungen der einzelnen Sportler zusammensetzt, sieht man sich eben nicht einer einheitlichen Erwartungshaltung ausgesetzt; vielmehr bringt jeder Sportler seine eigene Vorstellung von Fairness mit in das Spiel.[6] Aus dieser Vielzahl von Erwartungshaltungen eine Haftungsgrenze zu destillieren scheint unmöglich. Auch der Grundgedanke des Sports als rechtsfreiem Raum geht angesichts heutzutage umfassender Regelwerke für beinahe jede Sportart in die falsche Richtung.[7] Die Rechtswissenschaft darf sich nicht vor den schwierigen Fragen nach Haftungsregelungen im Sport drücken, sondern muss gerade auch diesen Bereich ausfüllen und für Rechtssicherheit sorgen.

2. Sport gegeneinander und ähnlich gefährliche Sportarten

Nachdem nun also geklärt ist, dass sich hier tatsächlich Rechtsprobleme stellen, ist in die angekündigte Unterscheidung verschiedener Sportartgruppen einzutreten. Diese ist vorzunehmen, da aufgrund der verschiedenen immanenten Verletzungsrisiken unterschiedliche Haftungsbegrenzungsansätze in Betracht zu ziehen sind. Außerdem unterscheidet sich teilweise auch das Maß der intendierten und erreichten Haftungsfreistellung. Zu aller erst seien Sportarten gegeneinander und solche mit ähnlich unausweichlichen Risiken von Verletzungen durch Gegenspieler betrachtet. Hierunter fallen Rückschlagspiele wie Tennis, Mannschaftssportarten wie Fußball und Kampfspiele wie Fechten, bei denen es um gegenseitigen körperlichen Einsatz geht, bei dem allerdings der Gegner nicht verletzt werden soll.[8]

a) Vertragliche Ansprüche

Bevor jedoch die Frage nach Haftungsprivilegierungen gestellt werden kann, ist nach tauglichen Anspruchsgrundlagen zu suchen. Grundsätzlich wird keine vertragliche Haftung in Betracht kommen. Zwischen Sportlern findet sich zumeist keine direkte Vertragsbeziehung. Auch wird man weder eventuell vorhandenen Anstellungsverträgen mitspielerverletzender Sportler mit ihrem Verein, noch im Profisport üblichen Lizenzverträgen eine Schutzwirkung zugunsten verletzter Mitspieler zusprechen können.[9]

b) Deliktsrechtliche Ansprüche

Somit bleibt nur ein Rekurs auf deliktsrechtliche Haftungsnormen (§§ 823 Abs. 1, Abs. 2, 826 BGB). Dabei lassen sich Restriktionen bzw. Restriktionsansätze auf allen Ebenen (Tatbestand, Rechtswidrigkeit, Verschulden, Haftungsausfüllung) verorten.

aa) § 823 Abs. 1 BGB

Haftungsgrundnorm des Deliktsrechts ist § 823 I BGB, so dass mit Ausführungen zu diesem zu beginnen ist.

(1) Tatbestand

Tatbestandlich setzt § 823 Abs. 1 BGB eine kausale, zurechenbare Verletzung eines der in dieser Norm genannten Rechtsgüter durch ein Verhalten des Täters voraus.

(a) Verhalten und Rechtsgutsverletzung

Bei der rechtlichen Beurteilung von Sportverletzungen sind regelmäßig Verletzungen von Körper und Gesundheit, im Extremfall auch des Lebens von Interesse. An eine Haftung ist dabei erst bei Überschreitung einer gewissen Erheblichkeit zu denken; zudem kann natürlich nur haften, wem ein Verhalten i.S.e. willensgetragenen menschlichen Tuns oder Unterlassens vorgeworfen werden kann; für unwillkürliche Bewegungen wie Reflexe ist ein Sportler mithin nicht zur Rechenschaft zu ziehen.[10]

(b) Kausalität und Zurechnung

Verhalten und Rechtsgutsverletzung dürfen nun nicht zusammenhanglos nebeneinander stehen. Das Verhalten muss zuallererst für die Rechtsgutsverletzung kausal, also ursächlich i.S.d. conditio-sine-qua-non-Formel, eingeschränkt durch Adäquanzerwägungen geworden sein.[11] Dies wird in den allermeisten Fällen leicht und unangreifbar festgestellt werden können.

Allerdings muss dem Täter(verhalten) die Rechtsgutsverletzung auch zuzurechnen sein.[12]

Für regelgerechtes und durchaus auch noch leicht regelwidriges Sportlerverhalten ließe sich argumentieren, dass sich dieses noch innerhalb der sozial-ethischen Ordnung des Gemeinschaftslebens befindet, so dass eine daraus resultierende Verletzung aufgrund sozialadäquaten Verhaltens des Täters diesem nicht zu Haftung gereichen, also nicht zugerechnet werden kann.[13] Grobe Regelverstöße und vorsätzliche Verletzungen wären demgegenüber nicht mehr sozialadäquat.[14] Diese Rechtsfigur der Sozialadäquanz ließe sich an die jeweils zu betrachtenden sozialen Teilbereiche, also die individuell-konkrete Sportart und Spielsituation anpassen[15] und trägt somit dem Gedanken Rechnung, dass regelwidriges Spiel grundsätzlich unerwünscht, leichte Regelverstöße jedoch abhängig von der jeweiligen Sportart üblich und nicht sanktionswürdig sind.[16] Teilweise sollen nach dieser Theorie sogar Verletzungen durch eventualvorsätzliche Attacken, die aber legitim einem Spielvorteil dienen, keine Haftung begründen. Abzustellen sei objektiv ex ante auf die erhebliche Verletzungseignung eines Verhaltens, was diesen Ansatz dadurch sogar einer Abstufung von Leistungs- und Freizeitsport zugänglich macht.[17] Eine Lösung über die Sozialadäquanz verschafft jedoch keinerlei Rechtssicherheit, da ihre Kriterien (leichte Regelverstöße, erhebliche Verletzungseignung) sehr vage sind.[18] Auch die auf den ersten Blick plausible Idee, darauf abzustellen, dass zur Haftung nur führen kann, was die Gesellschaft nicht mehr akzeptiert, birgt bei näherer Betrachtung die Gefahr, dass damit gesellschaftliche, wandelbare, zeitgeistabhängige Strömungen und Anschauungen Haftungsrecht setzen, was eigentlich Aufgabe des Gesetzgebers ist.[19] Des Weiteren sind doch erhebliche Bedenken anzumelden, wenn Regelverstöße, ja sogar eventualvorsätzliche Verletzungen für sozialadäquat, also gesellschaftlich akzeptiert gehalten werden.[20]

Ein anderer Ansatz stellt sich die Frage, ob Mitspielerverletzungen deshalb nicht zugerechnet werden können, weil sie Folgen eines erlaubten Risikos sind. Um zu dieser Einschätzung zu gelangen müsse man eine umfassende Güter- und Interessenabwägung zwischen den Beteiligten anstellen. Dabei sollen der Grad der Gefahr durch das schädigende Verhalten, sein und des Gesamtspiels sozialer Nutzen, die Schutzwürdigkeit des Verletzten und Zumutbarkeitserwägungen in die Abwägung einzubeziehen sein.[21] Die Einhaltung der Spielregeln soll als gewichtiges Indiz für die Annahme, ihre Missachtung für die Ablehnung der Setzung eines erlaubten Risikos sprechen; Einzelfallgerechtigkeit müsse über eine anschließende, umfassende Abwägung hergestellt werden.[22] Auch dieser Lösungsweg vermag jedoch nicht zu überzeugen. Einerseits führt eine solche Abwägung zu unvorhersehbaren, unbestimmten Ergebnissen. Andererseits müsste man entweder allein regelgerechtes Spiel als erlaubtes Risiko einstufen, was jedoch eine zu weitgehende Haftung, nämlich auch für leichteste Fouls, nach sich zöge. Oder aber man manövrierte sich in einen Widerspruch, wenn man regelwidriges Verhalten als erlaubtes (!) Risiko einstufte. Zwar lässt sich dieser Widerspruch dadurch auflösen, dass ein rechtlich erlaubtes Risiko nicht durch private Spielregeln determiniert werden kann. Rechtssicherheit vermag dieser Lösungsweg indes nicht herzustellen.

Da also weder der Lösungsansatz über die Sozialadäquanz, noch die Theorie eines erlaubten Risikos zu überzeugen vermögen, scheitert die Haftung im Normalfall nicht an Zurechenbarkeitserwägungen.

[...]


[1] Looschelders, JR 2000, 265 (271 f.); Kreutz, JA 2011, 337.

[2] Wilms, JR 2007, 95 (96).

[3] Vieweg, Faszination Sportrecht, http://www.irut.jura.uni-erlangen.de/Forschung/Veroeffentlichungen/ OnlineVersionFaszinationSportrecht/FaszinationSportrecht.pdf (aufgerufen am 25.06.2013).

[4] Sprau, in: Palandt, BGB, 72. Aufl., 2013, § 823 Rdn. 217 ff.; KG SpuRt 2008, 76 (76-78); OLG Hamm, SpuRt 2000, 248 (248 ff.).

[5] Dölling, ZStW 1984, 36 (53).

[6] Dölling, ZStW 1984, 36 (53).

[7] Dölling, ZStW 1984, 36 (53).

[8] Zur entsprechenden Sportphänomenologie Sprau (Fn. 4), § 823 Rdn. 217 ff.; Eser, JZ 1978, 368 (369); Dölling, ZStW 1984, 36 (37 f.); Seebacher, Haftungsfragen bei Körperverletzung im Sport, 1997, S. 9 ff.

[9] Krähe, Die zivilrechtlichen Schadensersatzansprüche von Amateur- und Berufssportlern für Verletzungen beim Fußballspiel, 1981, S. 315-322; Seebacher, (Fn. 8), S. 16 ff.

[10] Krähe (Fn. 9), S. 146-147.

[11] Krähe (Fn. 9), S. 148.

[12] Krähe (Fn. 9), S. 148.

[13] Eser, JZ 1978, 368 (370); Hermann, JURA 1985, 568 (569); Dölling, ZStW 96, 36 (49).

[14] Dölling, ZStW 1984, 36 (49 f.).

[15] Dölling, ZStW 1984, 36 (57 f.).

[16] Dölling, ZStW 1984, 36 (59).

[17] Dölling, ZStW 1984, 36 (61-63).

[18] Eser, JZ 1978, 368 (370); Dölling, ZStW 1984, 36 (50); Reichert, Grundriß des Sportrechts und des Sporthaftungsrechts, 1968, S. 215.

[19] Seebacher (Fn. 8), S. 71.

[20] Eser, JZ 1978, 368 (372).

[21] Eser, JZ 1978, 368 (372); Dölling, ZStW 1984, 36 (51); Seebacher (Fn. 8), S. 51.

[22] Zum erlaubten Risiko im Ganzen: Krähe (Fn. 9), S. 168-214.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Haftungs- und strafrechtliche Aspekte des Sports. Zur zivil- und strafrechtlichen Verantwortlichkeit der Sportler
Hochschule
Universität Augsburg
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V302318
ISBN (eBook)
9783668030442
ISBN (Buch)
9783668030459
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
haftungs-, aspekte, sports, verantwortlichkeit, sportler
Arbeit zitieren
Martin Neumann (Autor), 2013, Haftungs- und strafrechtliche Aspekte des Sports. Zur zivil- und strafrechtlichen Verantwortlichkeit der Sportler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302318

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