Die Entdeckung und Kolonisation im Atlantik in der Wikingerzeit


Bachelorarbeit, 2015
59 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Die Quellen

2. Woher kamen die Wikinger?
2.1. Schiffbau und Navigation in der Wikingerzeit
2.2. Die Ursachen für die Anfänge der Wikingerexpansion von den Raubzügen bis zur Besiedlung neuer Länder.

3. Die Färöer

4. Die Entdeckung und Besiedlung Islands

5. Die Entdeckung Grönlands
5.1. Wie lebten die Grönland – Wikinger?
5.2 Das Ende der Wikingersiedlungen auf Grönland

6. Die Entdeckung Vinlands
6.1. Beweise für weitere Fahrten nach Vinland

7. Zusammenfassung und Ausblick

8. Literatur und Quellenangabe
8.1.Literaturverzeichnis
8.2. Quellenverzeichnis
8.3. Internetverzeichnis

9. Anhang
9.1. Karte der Wikingerzüge im Atlantik
9.2. Karte von Island
9.3. Karte von Helluland, Markland und Vinland
9.4. Kleiderfund aus Herjolfsnes
9.5. Nachbau des Gokstad – Schiffes
9.6. Grönland – Karte
9.7. Typisches Wikinger – Haus auf dem Gehöft Stöng auf Island

1.Einleitung

Die Wikingerzeit zählt zu den spannendsten und faszinierendsten Epochen der Weltgeschichte. Als die mittelalterlichen Sagaschreiber anfingen, über die Fahrten der Nordmänner in ferne Länder und deren Abenteuern dort zu berichten, schufen sie den Mythos vom freien wilden Nordmann.

Die Wikinger gelten als die letzten Heiden des Norden und sind die Vorfahren der Norweger, Schweden, Dänen, Isländer und Färöer. Die Eroberungs – und Kolonisationszüge stellen das dar, was man im Allgemeinen unter den Kraftleistungen der nordischen Wikingerzeit versteht. Die Zeit ihrer Entfaltung war Ende des 9. und Anfang des 10. Jahrhunderts. Den offiziellen Beginn stellt der räuberische Überfall auf Lindisfarne an der englischen Küste im Jahre 793 dar. Aber Motiv und Vorgehensweise änderten sich. 200 Jahre nach den ersten Raubüberfällen auf England und Irland siedelten dort Wikinger als friedliche Bauern und Handwerker. Sie gründeten das Königreich Dublin und gaben der Stadt York ihren Namen. Am Ende der Wikingerzeit steht das Jahr 1066 mit der Einnahme Englands durch Wilhelm dem Eroberer. Hierbei handelt es sich nur um die kriegerischen Eckdaten und die Kernzeit. Auf den Färöern und auf Island lebt ihr Erbe bis heute fort.1

Als die Wikinger sich mit politischen, religiösen und raumrelevanten Problemen auseinandersetzen mussten, erschufen sie sich innerhalb ihrer Blütezeit ein Gebiet, das vom Polarkreis bis zum Bosporus reichte. Sie nutzten die Gelegenheiten, die sich ihnen boten und wenn sie auch keine Imperien begründeten, hinterließen sie doch Spuren, denn noch immer gibt der Boden Nordeuropas und Kanadas Wikingerschätze preis.

„Als Bauern und Fischer kolonisierten sie Island und die anderen Inseln des Nordatlantiks; als Entdecker kamen sie nach Grönland und Kanada; als Piraten terrorisierten sie Europa; als Söldner kämpften sie in England, an der Seine und am Bosporus; als Händler erschlossen sie neue Routen, die sie tief nach Russland und bis Bagdad führten; als Krieger und Politiker errangen sie zeitweilig den englischen Königsthron, begründeten die nordfranzösische Normandie und waren maßgeblich an den Gründungen der frühen russischen Staaten von Nowgorod und Kiew beteiligt.“2

Sie waren Eroberer, Entdecker, Kolonisatoren, Händler und Staatengründer. Aber in erster Linie waren sie Bauern, Fischer, Jäger, Kunsthandwerker und Dichter. Sie waren besser als ihr Ruf und nicht schlechter als ihre christlichen Zeitgenossen.3 Vor allem aber waren sie großartige Seefahrer, die mit ihren Drachenbooten über die Meere zogen - stets von Abenteuerlust gepackt. Der geradezu unbegrenzt wirkende Atlantik muss eine große Faszination auf sie ausgeübt haben.

Obwohl die Skandinavier jener Zeit in keinem einheitlichen Reich lebten, verband sie eine Fülle von Gemeinsamkeiten zu einer zusammengehörigen Kultur. Sie konnten sich in ihrer altnordischen Sprache (dem heutigen isländisch ähnlich) unterhalten. Sie nutzten die Runenschrift und glaubten an die gleichen Götter. Ihre Häuser und Lebensweisen waren ähnlich sowie ihre Kleidung und Kunststile.4 Sie wurden u. a. Nordmänner, Waräger oder Wikinger genannt. Die Bedeutung des altnordischen Wortes vikingr ist allerdings nicht bekannt. Man geht aber davon aus, dass vik, Bucht bedeutet.

Die Wikinger waren Nordmänner, aber nicht alle Menschen aus dem Norden waren Wikinger. Heute ist der Begriff ganz allgemein die Bezeichnung aller Menschen skandinavischer Herkunft vom Ende des 8. bis Mitte des 11. Jahrhundert.

Die vorliegende Bachelorarbeit befasst sich mit den Expansionsbestrebungen der Wikinger im Nordatlantik, die weniger ein kriegerisch-machtpolitischer Vorgang, als vielmehr ein kolonisatorischer und wirtschaftspolitischer waren. Dadurch werden eine Reihe von Fragen aufgeworfen, wie z. B. - Welche Gründe gab es für die Expansion? Was geschah mit den Grönland - Wikingern? Wo liegt Vinland ? Und welche Quellen sind vertrauenswürdig?

1.1. Die Quellen

Leider gingen 80 % des gesamten Saga - Materials verloren. Zur frühesten Geschichte Islands und zur Besiedlung Grönlands sind keine zeitgenössischen Schriften erhalten. Erst infolge der Christianisierung und der damit verbundenen Schriftkultur begannen die Skandinavier damit, sich seit dem 12. Jahrhundert um die eigene Geschichtsschreibung zu kümmern.5

Die früheste erhaltene schriftliche Quelle stellt das Íslendingabók (Isländerbuch) des Ari Þorgilsson dar. Es wurde in isländischer Sprache um 1125 verfasst und ist das älteste bekannte Geschichtswerk Islands. Ari schrieb zwei Fassungen, wobei nur die jüngere erhalten ist. Das Werk gibt uns einen Überblick von der Landnahme durch norwegische Oberschichtfamilien bis zum Anfang des 12. Jahrhunderts auf Island. Die Berichte basierten nur auf mündlichen Überlieferungen, aber Ari prüfte und wertete alles kritisch und nannte die glaubwürdigsten Erzähler, mit dem besten Gedächtnis, namentlich in seinen Werken.6

Das Landnámabók (Landnahmebuch) eines unbekannten Autoren aus dem 13. Jahrhundert stellt eine weitere beachtliche Quelle dar und beruft sich wahrscheinlich auf das Íslendingabók. Es erfasste alle Siedler der ersten Landnahme - Periode Islands bis zum Anfang des 12. Jahrhunderts. Der Verfasser schildert nicht nur die geografische Landnahme, sondern beschrieb auch die kulturelle Geschichte der Siedler und verfolgte die Stammbäume genealogisch.7

Weitere Quellen, die über das Schaffen der Wikinger berichten, sind die Sagas. Dazu gehören die Grænlendinga Saga (Grönländersaga), die im Flateyjarbok gefunden wurde und erst zwischen 1382 bis 1395 aufgeschrieben wurde, und die Eiríks saga rauða (Erikssaga), die in zwei Pergamenthandschriften erhalten ist. Zum einen im Skalholtsbok, das im 15. Jahrhundert entstand und im Hauksbok, welches um 1330 verfasst wurde. Zusammen werden sie als die Vinlandsagas bezeichnet. Beide berichten von der anfänglichen Geschichte Grönlands und sind die Hauptquellen für Amerikas erste Entdeckung und kurzweilige Besiedlung. Es gibt in beiden Sagas viele Parallelen, aber auch große Unterschiede. Vielleicht ist die jüngere Eiríks saga rauða eine Bearbeitung der Grænlendinga Saga.

Des Weiteren gibt es die Orkneyinga Saga, die über die Geschichte der ersten norwegischen Jarle auf Orkney erzählt. Und die Faereyinga Saga, die die älteste Quelle zur Geschichte der Färöer in der Wikingerzeit darstellt.

Zu den Íslendingasögur (Isländersagas) gehören etwa drei Dutzend größere Prosawerke und eine Anzahl von Erzählungen, die insgesamt anonym überliefert sind. Sie handeln von Stolz und Ehre,

Trotz und Hass zwischen Familien, Sippen und Einzelpersonen. Stellenweise geht es auch um das Phantasiereich der Helden und Götter.

Als weitere Quelle gibt es die Islandske Annaler (isländischen Annalen), die seit dem Ende des 13. Jahrhunderts chronologisch von verschiedenen Kompilatoren verfasst wurden.8 Sie berichten u. a. über Holzfahrten zwischen Markland und Grönland, lange nach den offiziellen Vinlandfahrten. Der Historiker Gustav Storm gab die Annalen 1888 als gesammeltes Werk heraus.

Aus Grönland gibt es keine Gesetzessammlung, keine Chronik oder Annalen. Die Quellen sind mit Vorsicht zu betrachten.Verändert durch jahrhundertelange mündliche Überlieferungen, durch persönliche, politische, religiöse Motive oder Irrtümer usw. sind sie an einigen Stellen evtl. verfälscht oder auch märchenhaft. Forschungen haben gezeigt, dass die Sagas eng an das Vorbild der biblischen und antiken Geschichtsschreibung angelehnt sind. Das unbestreitbar Historische an ihnen ist jedoch die Mentalität ihrer Verfasser und deren Haltung zu den Traditionen.9 Geistliche waren selten objektiv, von daher müssen die Schriften unter Berücksichtigung der Person des Autors und seiner vermutlichen Absicht sowie der genauen Entstehungszeit betrachtet werden. Diese Werke gewinnen ihren Wert erst durch Vergleiche mit anderen Quellen. Zum Beispiel wurde jüngst durch die Archäologie herausgefunden, dass es eine lange keltische Präsenz weit vor 874 auf Island gab durch irische Mönche. Ari Þorgilsson hat das Thema im Isländerbuch unterschlagen, weil er wahrscheinlich den Ruhm der isländischen Volkskirche mehren wollte. Dennoch haben die Sagas heute eine große Bedeutung für uns, weil sie uns von den altgermanischen Sitten, Anschauungen und Lebensformen ein Bild geben, das von der antiken Kultur gar nicht und vom Christentum nur wenig beeinflusst war.10 Die Schriften zeigen Geschichten aus einer Mischung von Fakten, konventionellem mittelalterlichem Sagengut und Aberglauben über den hohen Norden, die mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wurden. So konnten sie über Jahrhunderte mehr oder weniger bewahrt werden.

Die Archäologie ist die wichtigste Quelle und Wissenschaft, die die Geschichte der Wikinger erhellen kann. Aber auch mit modernster Technik, der sogenannten Karbon – 14 Methode fällt es oftmals schwer, Funde so genau zu datieren, dass sie mit Sicherheit der nach archäologischen Kriterien sehr kurzen Wikingerzeit zugeordnet werden können.11 Einen der wenigen direkten Zugänge zu Sprache und Denkweise der Wikinger bieten die Runeninschriften. Sie sind die einzigen schriftlichen zeitgenössischen Zeugnisse der Wikinger. Über 5000 Runendenkmäler – und Texte sind weltweit erhalten, die meisten aus der Wikingerzeit. Auch Gotländische Bildsteine bieten Informationsvielfalt.

Die Philologie, also die Ortsnamen - , und Personennamenkunde, wird herangezogen, wenn ihre Schlussfolgerungen durch andere Zeugnisse gestützt wird. Die Ortsnamen aus der Wikingerzeit enden beispielsweise auf – by, -torp oder - toft und viele heilige Stätten wurden nach Göttern benannt, z. B. Dursey in Irland (Thors Insel). So haben wir Hinweise darauf, welche Orte schon zur Wikingerzeit besiedelt waren.12

Adam von Bremen, ein geistlicher Chronist, schrieb zwischen 1072 und 1085 über den hohen Norden:

„Es gibt noch mehrere Inseln im Ozean, eine der größten ist Grönland, es liegt noch tiefer im Ozean, den schwedischen und ripheischen Bergen gegenüber. Bis zu dieser Insel soll man von der norwegischen Küste aus wie nach Island in 5 – 7 Tagen segeln. Die Menschen dort sind bleich-grün wie das Meer, wovon das Land seinen Namen hat. Sie leben ähnlich wie die Isländer, nur sind sie rauer und mit ihren Schiffen als Räuber den Seefahrern gefährlich. Auch zu ihnen soll neuerdings das Christentum gelangt sein.“

Von anonymen norwegischen Autoren stammen zwei weitere wichtige Quellen. Erstens die Historia Norvegiae, die um 1170 entstand und die erstmals Reisen in den hohen Norden entlang der grönländischen Küste und der Davis Strait schriftlich belegt und der Konungs skuggsjá (Königsspiegel) aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Keine Quelle von beiden erwähnt Vinland, sie gehen aber davon aus, dass Grönland zu einer arktischen Landmasse gehörte, die mit dem äußersten Westen und Osten Eurasiens verbunden war. Den einzigen Kontinent, den man damals außer Afrika kannte.

Erwähnt werden soll auch, dass es drei Inuit - Erzählungen über die Nordmänner gibt, die in mündlicher Tradition weitergegeben worden sind. Sie wurden im 19. Jahrhundert aufgezeichnet und unter dem Titel „Eskimoiske Eventyr og Sagn“ in Kopenhagen herausgegeben. Wenn diese Geschichten auch sehr sagen- und märchenhaft ausgestaltet sind, so geben sie doch das einzige Zeugnis über die Erinnerungen der Inuits zum Thema „ Die Nordmänner auf Grönland“ wieder.

2. Woher kamen die Wikinger?

Die Wikinger tauchten nicht einfach aus dem Nordseenebel auf. Ihre Wurzeln können bis zu den Jägern und Sammlern zurückverfolgt werden, die vor 12 000 Jahren erste Spuren in Form von Grabstätten hinterließen. Die skandinavische Vorgeschichte beginnt also 10 000 Jahre v. Chr. und endet um 800 unserer Zeitgeschichte.

Um 3000 v. Chr. wurden die nomadisierenden Jäger und Sammler nach und nach von sesshaften Menschen verdrängt und Ackerbau und Viehzucht setzten sich durch. Sie benutzten bereits Feuersteinwerkzeuge und Lederboote. Wasserwege bildeten ideale Möglichkeiten um Fernverbindungen aufrecht zu erhalten, da es kein ausgebautes Überwegeland – System gab.

In der Bronzezeit (1500 v. Chr. - 400 v. Chr.) entstanden berühmte Felszeichnungen mit dem vorherrschenden Motiv der Sonne und den ersten Schiffen (Kammschiff).8 Es war die Epoche wirtschaftlichen Wachstums, denn der Bernsteinhandel ermöglichte den Import von Zinn, Kupfer und Gold. Aus dieser Kultur sind die heutigen Bewohner Skandinaviens hervorgegangen. Die ersten Runen erschienen in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. auf der Halbinsel Jütland sowie in Schweden. Um 300 v. Chr. werden die Skandinavier zum ersten Mal schriftlich erwähnt. Pytheas von Massalia, ein griechischer Händler, nannte sie „Barbaren, die von der Landwirtschaft lebten.“3

Die Eisenzeit (400 v. Chr. - 800 n. Chr.) mündete direkt in die Wikingerzeit. Das Schiff gewann während dieser Zeit immer größeren Einfluss und Bedeutung in allen Lebensbereichen.

Vor dem 8. Jahrhundert entwickelten diese nordeuropäischen Völker eine eigene Kultur, die die Basis der späteren Wikingergesellschaft bildete. Die Wikinger waren in erster Linie ein Bauernvolk. Neben den ländlichen Gemeinden gab es nicht bäuerliche Gemeinschaften von Handwerkern, Baumeistern, Schiffsbauern und Sklaven, die die Nordmänner auf ihren Raubzügen gefangen nahmen. Damals betrug das Verhältnis Freie zu Unfreien etwa 1:4.

In der Frühphase der Wikingerzeit waren die Menschen in Sippen und Familienverbänden organisiert. Die eigene Familie war heilig und stellte die entscheidende Schutzmacht für das Individuum dar. Ohne die Bande der Sippe galt der Einzelne nichts.

Auch die Rangordnung in den Sippen war wichtig. Mächtige Sippen hatten einen klaren Anführer, den "Jarl". Die frühe Wikingerzeit kannte noch keinen König.

Recht und Gesetz waren in der Gesellschaft der Wikinger respektierte Werte. Das wichtigste Gremium für gesellschaftliche Entscheidungen war das Thing - eine öffentliche Versammlung der freien Männer. Dort beriet man über politische Angelegenheiten, beschloss Gesetze und sprach Recht. Bei großen Verbrechen konnte der Ausschluss aus der Gesellschaft, die Verbannung drohen, was mit der totalen Rechtlosigkeit gleichbedeutend war.

Die Wikingerzeit war eine historische Epoche für Skandinavien. Erst danach begann dort das Mittelalter.

2.1. Navigation und Schiffbau in der Wikingerzeit

Die großartigen Unternehmungen der Wikinger sind in erster Linie auf ihre Schiffsbaukunst zurückzuführen. Mit ihren Drachenbooten landeten sie problemlos an jeder Küste, befuhren größere und kleinere Flüsse und wenn es sein musste, zogen sie ihre Drachenboote auf Holzstämmen sogar über Land.13 Die langen Küsten Schwedens und Norwegens, mit ihren zahllosen vorgelagerten Schären und Fjorden, zwangen die Skandinavier schon früh dazu, Wasserfahrzeuge als zweckdienliches Transportmittel zu bauen. Die Landwege waren wenig oder gar nicht ausgebaut und somit war der Seeweg die einzige Möglichkeit größere Entfernungen zurückzulegen. Von Schonen beispielsweise fuhr man mit dem Schiff fünf Tage in die historische Stadt Birka (auf der Insel Björkö). Über Land dauerte die Reise einen Monat.14 Die Nordmänner entwickelten über die Jahrhunderte Schiffe, deren Kombination aus äußerer Bauweise, Segel und Steuerruder ihre Schnelligkeit und Wendigkeit erklären.

Die ältesten nordischen Schiffe sieht man auf bronzezeitlichen Bildsteinen ca. 1500 v. Chr.. Es waren offene Ruderboote mit hochgezogenen Steven, die die heran eilenden Wellen mühelos zerteilen konnten.

Der früheste archäologische Fund ist ein sogenanntes Einbaum aus dem 7. Jahrhundert v. Chr., das durch Ausbrennen und Aushöhlen gefertigt wurde. Es eignete sich vor allem zum Fischfang.

Das Hjortspring - Boot - ein eisenzeitlicher Fund aus dem Jahre 350 v. Chr. - ist das älteste belegte Schiff in Plankenbauweise in Skandinavien, mit einer Länge von 19 m und mit 2 m Breite. Es wurde 1921 in der Nähe des Hjortspring auf der dänischen Insel Als ausgegraben. Der Boden besteht aus dem ausgehöhlten Stamm einer Linde und die Seiten wurden von zwei Planken gebildet. Am Heck befindet sich ein Steuerruder und 24 Paddler passten in das Boot.15

Ein weiterer Fund ist das Nydam - Boot, das etwa 320 n. Chr. im Nydam – Moor in Südjütland geopfert und im Jahre 1863 wieder entdeckt wurde. Es war ein hochseetaugliches Kriegsfahrzeug, welches als schneller Truppentransporter bis zu 45 Männer aufnehmen konnte. Die Paddel wurden durch Ruder ersetzt und eiserne Nieten kamen zur Verwendung. Es verfügte über ein starres Seitenruder.

Das Kvalsund - Boot wurde im Jahr 1920 bei Kvalsund auf der westnorwegischen Insel Nerlandsøya gefunden. Es wurde auf das Jahr 690 ±70 Jahre datiert. Auch dieses Boot verfügte über ein Seitenruder. Es war 18 m lang, 3,2 m breit und hatte einen Tiefgang von 78 cm. Das Boot konnte von 20 Männern gerudert werden.

Eine sehr bedeutende Entdeckung war das Gokstad – Schiff (siehe Anhang). Es wurde in einem Schiffsgrab bei dem Bauernhof Gokstad in Sandar in Norwegen entdeckt und 1880 ausgegraben. Es besteht aus Eichenholz und stammt aus dem Jahre 900. Das Schiff ist über 23 m lang, 5 m breit und 2 m hoch. Der hohe Vorder – und Achtersteven sind annähernd gleich. Dadurch konnte man selbst an flachen Stränden problemlos landen. Der Mast wurde über einen Verstärkungsbalken am Kiel befestigt, wodurch er starkem Sturm standhielt.16 Jede Seite verfügte über 32 runde Schilde, aus Schutz vor Geschossen oder Wasser. Da die Planken und das innere Gerüst aus Spanten und Verstrebungen bzw. Ruderbänken mit Abstützungen oft nur festgezurrt waren, wiesen die Schiffe bei hoher See eine gute Elastizität auf. Segel und Ruder machten Fortbewegung bei jedem Wetter möglich und die wunderschön verzierten und abnehmbaren Drachenköpfe sollten unheilvolle Landgeister abwehren. Durch den geringen Tiefgang der Schiffe, eigneten sie sich gut für Überfälle und lange Reisen übers offene Meer. Ein entscheidender Fortschritt war das Segel, welches im Laufe des 7. Jahrhunderts verwendet wurde.

„Mit der Übernahme des Segels als Antriebsmittel waren endlich die Voraussetzungen geschaffen für die in der Wikingerzeit einsetzende Expansion über See, für die es geräumiger und schneller Schiffe zugleich bedurfte.“17

1893 ließ der Norweger Magnus Andersen das Gokstad - Schiff originalgetreu nachbauen und segelte damit von Bergen bis nach Neufundland in 27 Tagen.

Das Oseberg - Schiff wurde im Jahre 1904 unter einem Grabhügel auf dem Oseberg - Hof, einem Bauernhof bei Tønsberg in Norwegen entdeckt. Es stammt aus dem Jahr 820 und war vermutlich ein Prunkschiff für festliche Anlässe, da es zu niedrige Bordwände für eine Hochseefahrt hatte. Es war vom geschwungenen Vordersteven bis zum Heck mit einem kunstvoll geschnitzten Bandornament verziert. Das Oseberg – Schiff maß 21 m Länge, 5 m Breite und war 1,4 m hoch.

Aufgrund der vielen Funde, ist der skandinavische Schiffbau gut belegt. Er weist einen hohen Stand auf, der dazu führte, dass schon vor dem Ende des ersten Jahrtausends, tausende von Menschen mit ihrer Habe einschließlich des Viehs viele 100 km westwärts über den Atlantik transportiert werden konnten. Wahrscheinlich war die Verlustquote hoch, aber die Sagas berichten von den vielen Erfolgen.

Die Wikingerzeit stellt den Höhepunkt der nordischen Schiffsbaukunst dar. Die Nordmänner trugen wesentlich zum europäischen Fernhandelsverkehr auf Fluss – und Seewegen bei. Hochseetüchtigkeit, Wendigkeit, Schnelligkeit und ein großes Fassungsvermögen waren die Voraussetzungen. Bald wurde der Sichtkontakt zum Ufer aufgegeben und westwärts über das offene Meer gesteuert.

Wie oben bereits beschrieben, gab es verschiedene Schiffstypen. Kriegsschiffe waren sehr schmal und lang gebaut und dadurch schneller und wendiger. Es waren mehrere Ruderer notwendig. Die Handelsschiffe waren sehr breit für mehr Laderaum. Dafür gab es weniger Ruderplätze.18

Schiffe und Boote zählten zum kostbarsten Besitz und waren der Stolz der Wikinger. Sie bekamen Namen, wie Windhengst, Wolf des Meeres, Schwan des Meergottes oder einfach Drache. Sie wurden mit verziertem Bug oder Drachenköpfen geschmückt, um Macht und Wohlstand zu repräsentieren. Vor allem für die abgelegeneren Färöer, Isländer und Grönländer waren Schiffe unabdingbar.

„Obwohl die Wikingerschiffe alle nach demselben Grundprinzip gebaut und Spitzgattboote mit überlappenden Eichenplanken, Ruderantrieb und einem einzigen rechteckigen Segel waren, bildeten sich im Laufe der Zeit doch verschiedene Größen und Formen aus, je nachdem, welchem Zweck sie dienten und welchem Seegang sie standhalten sollten. In einer Zeit, wo man noch keine Maschinen kannte und alles mit der Hand und ohne formale Pläne angefertigt werden mußte, gab es keine zwei Schiffe, die gleich waren.“19

Ich möchte hier einige konkrete Beispiele nennen. Schnell und leicht manövrierfähig war das niedrig gebaute, vielseitige Langschiff Skeið, das sowohl für Raubüberfälle mit 200 Mann als auch für den Küstenhandel (20 t Fracht) eingesetzt wurde. Es war 30 m lang und 6 m breit. Der „ Snekkja “ war ein schneller Kriegsschifftyp mit relativ scharfen Formen und schmalem langem Bau, der auch als Snigge oder Snikke bekannt war und zu Unrecht als „Schnecke“ bezeichnet wurde. Des Weiteren gab es die Skuta, ein kleineres Späherboot oder Hilfsschiff der Kriegsflotten. Allzweckschiffe, wie der Karfi, sorgten in Kriegszeiten für den Nachschub von Waffen und Proviant und in Friedenszeiten wurden sie von den Häuptlingen als Luxusyacht verwendet.20 Der große „Drakkar“, mit einer Länge von über 48 m und 7,5 m Breite, konnte bis zu 300 Krieger aufnehmen.

Das Hafskip unterschied sich in Knorre/Knarr und Byrdinger. Der Byrdinger war ein kleines Handels - und Frachtschiff mit ca. 12 m Länge, das vorrangig die Küsten, Haffe, Bodden und Flüsse befuhr.

Die Knorre war ein breites Segellastschiff, mit größerem Tiefgang, höherem Freibord, spitzem Bug und Heck. Infolge ihrer hohen Seetüchtigkeit spezialisierten sich die größeren Knarrs zu Entdecker – und Auswandererschiffen. Durch die Funde im Roskilde Fjord bei Skuldelev ist die Konstruktion der Knarren gut bekannt. Sie lagen „bedeutend tiefer“ im Wasser und waren „widerstandsfähiger gegen Stürme und Strömungen.“21 Die „große“Knorre von Skuldelev war 16,5 m lang, 4,6 m breit und mittschiffs mehr als 2 m hoch. Man baute die Schiffe aus Eichenholz, Esche, Buche, Birke, Weide oder Kiefer.

Alle Schiffe waren mit Rudern und Segel ausgestattet. Der Mast der damaligen Schiffe war 10 – 13 m hoch. Heute finden sich Nadelbäume dieser Größe nur noch in Südamerika.22 Keines der Schiffe war mit einer nennenswerten Überdachung ausgestattet. Die Seefahrer waren ständig der Willkür des Wetters ausgesetzt, was sie abhärtete und widerstandsfähig machte.

Die Rolle des Schiffes als weltliches und religiöses Symbol (Schiffsgräber) blieb erhalten, da die Wikinger relativ unbeeinflusst von den politischen und religiösen Wandlungen in anderen Teilen Europas im ersten Jahrtausend waren.23 Die symbolische Bedeutung von Schiffen führte zu Konstruktionsverbesserungen, denn bessere Schiffe sorgten für ein besseres Ansehen.

Die Wikinger waren nicht nur bemerkenswerte Schiffbauer, sondern auch großartige Seeleute. Der Atlantik setzte hohe nautische Kenntnisse voraus. Leider gibt es wenige Zeugnisse über die Navigationshilfen der Wikinger. Sie segelten ohne Kompass zwischen Norwegen, Island, Grönland und Vinland. Möglicherweise besaßen sie profunde astronomische Kenntnisse, denn eine isländische Quelle rühmt in dieser Hinsicht einen gewissen Stjörnu – Oddi (Sternen- Oddi), der im 11. Jahrhundert lebte.

Allerdings war dies nur in wenigen klaren Nächten von Nutzen, denn im Sommer gab es keine Nächte und im Winter keine Seefahrt. Zudem war der Himmel oft bedeckt. Wichtigere Beobachtungen waren die Standorte der Walherden oder die Flugrichtung der Zug – und Seevögel. Das Mitführen von Raben, die den Weg wiesen und als schwarzer Punkt am Himmel noch lange erkennbar waren, war eine bekannte Praxis. Auch die Färbung und Temperatur des Wassers (das kälteste Wasser des Nordatlantiks – violette Färbung – befindet sich weiter nördlich an der Peripherie des Subpolargürtels, der an Südgrönland und Westkanada vorbeiläuft) und die Menge und Art des Treibholzes (Strömungsverläufe) sowie die Windrichtung (warme und feuchte Winde aus Südwest oder kalte und nasse Winde aus Nordost) spielten bei der Orientierung ebenfalls eine Rolle.

Laut der Sagas gab es darüber hinaus ein sogenanntes Solbrädt (Sonnenbrett), mit dem man den Sonnenstand und damit die geografische Breite fixieren konnte. Des Weiteren ist von einer Peilscheibe bzw. einem Sonnenkompass die Rede, der auf Grönland gefunden wurde und der im Grundprinzip einer Sonnenuhr gleicht. Ein S ólsteinn (Sonnenstein) diente verschiedenen Überlieferungen nach als Navigationshilfe bei bewölktem Himmel, Nebel oder Dämmerung. Er soll allerdings nur zur Mittagszeit brauchbar gewesen sein. Der Ledarstein, der auf den Schiffen von Olaf des Heilgen bezeugt ist, zeigte bei bewölktem Himmel ein Polarisationsmuster desgleichen an, welches den Sonnenstand erkennen ließ. Es wird vermutet, dass es sich dabei um einen Cordierit - Kristall handelte.

„Wenn ein Cordierit im rechten Winkel zum einfallenden Sonnenstrahl gehalten wird, verfärbte sich das gelbe Kristall sofort dunkelblau. Damit konnten die Seefahrer mitten auf dem Ozean die genaue Position der unsichtbaren Sonne feststellen, indem sie den Stein solange drehten, bis er blau wurde.“23 a

Viele Fahrbeschreibungen nahmen ihren Ausgang an einem geografischen Punkt, von dem aus es möglich war, den Kurs auf einem bestimmten Breitengrad zu halten. Bei Unternehmungen auf dem Meer ging es eher um Richtungen als um Punktgenauigkeit. Norwegen war ideal für Fahrten gen Westen. Die Orkneys befinden sich auf dem gleichen Breitengrad wie Stavanger, Bergen liegt auf der Höhe der Shetland - Inseln und der Südspitze Grönlands. Zudem gab es detaillierte mündliche Überlieferungen.

[...]


1 Banck, Claudia: Die Wikinger, Stuttgart 2009. S. 18 – 20.

2 Krause, Arnulf: Die Welt der Wikinger, Frankfurt/Main 2006. S. 7.

3 Vgl. Banck: Die Wikinger, 2009. S. 10.

4 Vgl. Krause: Die Welt der Wikinger, 2006. S. 14.

5 Banck: Die Wikinger, 2009. S. 26

6 Sawyer, Peter: Inseln im Atlantik. Stuttgart, 2. Auflage 2001. S. 121.

7 Findeisen, Jörg – Peter: Vinland, Die Entdeckungsfahrten der Wikinger von Island nach Grönland und Amerika, Kiel 2011. S 60.

8 Seaver, Kirsten A.: Mit Kursauf Thule, Die Entdeckungsreisen der Wikinger, Stuttgart 2011. S. 18 – 19.

9 Gränz, Linda: Die Wikinger, Stuttgart 1994. S. 30 – 31.

10 Steche, Theodor: Wikinger entdecken Amerika, in: Bauern und Helden, Geschichten aus Alt – Island, hg. von Dr. Walter Baetke. Hamburg 1934. S. 10.

11 Vgl. Gränz: Die Wikinger, 1994. S. 20.

12 Banck: Die Wikinger, 2009. S. 23 – 24.

8 Vgl. Gränz: Die Wikinger, 1994. S. 39.

3 Konstam, Angus: Die Wikinger, Geschichte, Eroberungen, Kultur, Wien 2005. S. 13.

13 Vgl. Krause: Die Welt der Wikinger, 2006. S. 23.

14 Vgl. Banck: Die Wikinger, 2009. S. 44.

15 Vgl. Sawyer: Inseln im Atlantik, 2001. S. 193

16 Vgl. Krause: Die Welt der Wikinger, 2006. S. 24.

17 Capelle, Torsten: Die Eroberung des Nordatlantik, Archäologie am Rande des Meeres, Neumünster 1987. S. 29.

18 Vgl. Capelle, T. S. 67

19 Wernick, Robert: Die Wikinger. Eltville am Rhein 1994. S. 44.

20 Vgl. Gränz: Die Wikinger, 1994. S. 79.

21 Vgl. Findeisen: Die Entdeckungsfahrten der Wikinger von Island nach Grönland und Amerika. 2011. S. 30.

22 Vgl. Gränz: Die Wikinger, 1994. S. 77.

23 Vgl. Sawyer: Inseln im Atlantik , 2001. S. 192.

23 a Wernick, Robert: Die Wikinger, Eltville am Rhein 1994. S

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Die Entdeckung und Kolonisation im Atlantik in der Wikingerzeit
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Nordisches Institut)
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
59
Katalognummer
V302379
ISBN (eBook)
9783668010611
ISBN (Buch)
9783668010628
Dateigröße
2529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entdeckung, kolonisation, atlantik, wikingerzeit
Arbeit zitieren
Andrea Kuhtz (Autor), 2015, Die Entdeckung und Kolonisation im Atlantik in der Wikingerzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302379

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