Bei Dante scheint es schwer vorstellbar, dass der anthropophage Akt anders als allegorisch gemeint ist. Und ebenso klar scheint es zu sein, dass es nur um die individuelle Sünde bzw. die individuelle Strafe geht, die einem bestimmten Fall des Vergehens (dem Verrat) zugeordnet wird. Das niedrigste Allgemein-Menschliche wird an einem besonders grausamen Fall exemplifiziert.
Bei Montaigne hingegen scheint es sich gerade umgekehrt zu verhalten: Hier wird das Grausame als das Zufällige, Normale und Unspektakuläre dargestellt, das jederzeit durch eine andere Grausamkeit, die Menschen einander zuzufügen imstande sind, ersetzt werden kann. Das Grausame erscheint somit nur als Ausdruck eines Missverstehens, dessen Grund in einer individuellen Unfähigkeit liegt, das Allgemein-Menschliche höher zu schätzen.
Diese verschiedenen Sichtweisen auf ein und dasselbe, literarisch behandelte Motiv (die Anthropophagie) gilt es an den Texten zu entdecken und auf ihre jeweilige sprachliche Ausgestaltung hin zu betrachten. Der erklärte Anspruch dieser Hausarbeit besteht darin, die religiösen, philosophischen und ästhetischen Konnotationen der von Dante und Montaigne verwendeten stilistischen und textimmanenten Deutungsmöglichkeiten des Anthropophagie-Motivs zu benennen und auf dem Hintergrund einer vergleichenden Analyse zu entfalten. Im abschließenden komparatistischen Teil werde ich die wichtigsten Ergebnisse dieser Textanalysen noch einmal hervorheben
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Dantes "Ugolino-Episode": Textumfeld und realgeschichtliche Hintergründe
Poetologische und philosophische Deutungsansätze der Anthropophagie-Allegorie bei Dante
Montaignes Essay "Des cannibales": Zeitgeschichtlicher Bezugsrahmen
Kulturtheoretische, topographische und ethnographische Deutungsansätze
Komparatistischer Lösungsansatz und Vergleich
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Motiv der Anthropophagie im komparatistischen Vergleich zwischen Dantes "Ugolino-Episode" aus der "Göttlichen Komödie" und Montaignes Essay "Des cannibales". Ziel ist es, die jeweils spezifischen poetologischen, religiösen und philosophischen Deutungszusammenhänge dieses Motivs freizulegen und zu analysieren, wie beide Autoren das "Fremde" oder "Grausame" funktionalisieren, um gesellschaftliche und politische Kritik an ihrer jeweiligen Zeit zu üben.
- Figurative Anthropophagie bei Dante Alighieri
- Montaignes "Des cannibales" im kulturellen Kontext
- Komparatistische Analyse von Menschenfresserei als Motiv
- Politische und soziokulturelle Spiegelung in literarischen Texten
- Verhältnis von Barbarei, Zivilisation und Naturzustand
Auszug aus dem Buch
Dantes "Ugolino-Episode": Textumfeld und realgeschichtliche Hintergründe
Die sogenannte "Ugolino-Episode" bildet den Hauptteil des 33. Gesangs des "Inferno", und sie ist, zusammen mit dem 5. Gesang (der Geschichte der beiden Liebenden Francesca und Paolo), die in der Dante-Literatur am meisten rezipierte und weiterentwickelte Textstelle aus dem Höllen-Teil der "Göttlichen Komödie". So verfasste etwa Heinrich Wilhelm von Gerstenberg 1768 die Tragödie "Ugolino" und unterzog sich dem schwierigen Unterfangen, die epische Dichtung Dantes in eine dramatische Form zu bringen. Die Handlung hebt wie folgt an: Der Pilger Dante erreicht mit seinem Begleiter Vergil im 31. Gesang den letzten, den 9. Kreis der Hölle: Sie nähern sich "einer Zone, wo Hilfe weit ist und der Untergang nahe."
Aus der Ferne hören die Wanderer einen gewaltigen Hornstoß. Im Halbdunkel nähern sie sich einigen angeketteten, bis zur Mitte in Steinbrunnen versenkten Riesen, die rund um den 9. Höllenkreis stehen und die die beiden Höllenbesucher zunächst mit riesigen Türmen verwechseln; unter ihnen sind Prometheus, Ephialtes und Nimrod. Einer der Riesen, Antäus, erliegt der Schmeichelei Vergils und lässt die beiden Pilger auf seiner Hand zum Kokytos – dem zugefrorenen Höllenfluss, aus dem der letzte Höllenkreis besteht – herab. Hier, wie im 32. Gesang beschrieben, befinden sich die Verräter und Hochverräter. Dante macht eine erste Begegnung mit den versammelten Bestraften, die im Eise bis zu den Köpfen eingefroren sind und deren Tränen zu Eisklumpen gefrieren: Er tritt versehentlich gegen den Kopf einer der vielen tausend Kreaturen, die dort im Eise gefangen sind. Es ist Bocca degli Abati, der aber seinen Namen nicht nennen will; erst ein anderer der eingefrorenen Sünder verrät ihn Dante schließlich aus Bosheit.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung der beiden Autoren Dante und Montaigne sowie Hinführung zum Vergleichsthema der Anthropophagie vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen politisch-historischen Epochen.
Dantes "Ugolino-Episode": Textumfeld und realgeschichtliche Hintergründe: Darstellung des 9. Höllenkreises im Inferno und der historischen Hintergründe der Figur Graf Ugolino sowie der politischen Konflikte in Florenz.
Poetologische und philosophische Deutungsansätze der Anthropophagie-Allegorie bei Dante: Untersuchung der narrativen und figurativen Ebenen von Dantes Schilderung und deren Einordnung in das göttliche Strafprinzip des contrapasso.
Montaignes Essay "Des cannibales": Zeitgeschichtlicher Bezugsrahmen: Analyse der Entstehungsgeschichte des Essays und Montaignes Quellenlage sowie seine Verwendung der Berichte über brasilianische Ureinwohner.
Kulturtheoretische, topographische und ethnographische Deutungsansätze: Diskussion von Montaignes Stilisierung des "guten Wilden" und die Relativierung von Barbarei im Vergleich zu europäischen Religionskriegen.
Komparatistischer Lösungsansatz und Vergleich: Synthese der Ergebnisse, in der die unterschiedlichen Verwendungsweisen der Anthropophagie als Ausdruck für philosophische Konzepte von Moral, Tugend und menschlicher Natur gegenübergestellt werden.
Schlüsselwörter
Anthropophagie, Dante Alighieri, Michel de Montaigne, Göttliche Komödie, Des cannibales, Kannibalismus, Allegorie, Kulturkritik, bon sauvage, Barbarei, Ugolino, Literaturwissenschaft, Komparatistik, Menschenfresser, Naturzustand
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht das literarische Motiv der Anthropophagie (Menschenfresserei) in zwei bedeutenden Werken der europäischen Literaturgeschichte: Dantes "Göttliche Komödie" und Montaignes "Essays".
Was sind die zentralen Themenfelder dieser Analyse?
Zentral sind der literarische Umgang mit Gewalt und Kannibalismus, die Analyse von Zeitgeist und historischem Kontext sowie die philosophische Reflexion über "Barbarei" im Vergleich zu den eigenen europäischen Werten.
Welches Ziel verfolgt die Untersuchung?
Ziel ist es, die literarische Funktion des Kannibalismus-Motivs bei Dante und Montaigne herauszuarbeiten und zu zeigen, dass dieses Motiv bei beiden Autoren als ein "figuratives" Instrument dient, um moralische und politische Missstände in der jeweiligen Gesellschaft anzuprangern.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit folgt einer komparatistischen (vergleichenden) Methodik, die primär textimmanente Analysen mit historisch-biographischen und ideengeschichtlichen Kontextualisierungen verknüpft.
Welche Aspekte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse der Ugolino-Episode bei Dante sowie eine Untersuchung von Montaignes Essay über die Kannibalen, wobei jeweils sowohl die narrativen Ebenen als auch die kulturtheoretischen Implikationen erörtert werden.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Allegorie, "bon sauvage" (der gute Wilde), "contrapasso" (göttliche Strafe), Kulturkritik und die Unterscheidung zwischen narrativer Darstellung und metaphorischer Bedeutung.
Wie unterscheidet sich Dantes Darstellung von der bei Montaigne?
Dante nutzt das Motiv allegorisch als Ausdruck einer göttlich verhängten Strafe für Verrat, während Montaigne das Motiv ethnographisch-skeptisch verwendet, um die europäische Zivilisation und deren Grausamkeit in der eigenen Geschichte zu kritisieren.
Inwiefern beeinflusst der historische Hintergrund die Darstellung der Anthropophagie?
Bei Dante spiegeln sich die guelfisch-ghibellinischen Parteienkämpfe im mittelalterlichen Italien wider, bei Montaigne die Auswirkungen der Hugenottenkriege und die europäische Kolonialisierung Südamerikas.
- Arbeit zitieren
- Frederik Schlenk (Autor:in), 2005, Figurative Anthropophagie bei Dante und Montaigne. Die "Ugolino"-Episode in "Divina commedia" und der Essay in "Des cannibales", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302656