Im Tarifpolitischen Jahresbericht von 1997 werden Tarifabschlüsse für über 17 Millionen Beschäftigte in der Bundesrepublik Deutschland verzeichnet. Die Voraussetzungen für Abschlüsse dieser Art sind langwierige und oft komplizierte Tarifverhandlungen, die sich über das ganze Jahr hinweg verteilen können. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Gefüge der Tarifverhandlungen und ihrer Verankerung im politischen Staat Deutschland. Hierzu gehören die gesetzlichen Grundlagen und die tarifliche Bestimmungen einerseits aber auch das Rollenverständnis der Tarifparteien und des Staates im Konflikfeld zwischen „Arbeit versus Kapital“ andererseits. Interessant erscheint es, darüber hinaus die industriellen Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland in ihrer tarifpolitischen Prägung einzubinden, insofern sie Tarifverhandlungen beeinflussen bzw tangieren. Vor allen Dingen ist es wichtig, die Entwicklungen seit der Wende von 1989 und der wirtschaftlichen Rezession 1992 in Bezug auf das Tarifsystem zu beobachten.
Die Komplexität des Themas erfordert es, Eingrenzungen vorzunehmen. Sinnvoll erscheint es, den Ablauf oder die Kündigung des bestehenden Tarifvertrag als Ausgangspunkt der Verhandlungen zu nehmen und mit dem erfolgreichen Abschluß, d. h. einem neuen Tarifvertrag zu enden. Daß Tarifpolitik darüber hinaus das ganze Jahr über gesteuert wird und in einem Prozeß vonTarifbewegungen über unterschiedliche Tarifphasen hinweg beurteilt werden muß, kann hier nicht berücksichtigt werden. Angebracht erscheint es auch, den Arbeitskampf als Mittel zur Durchsetzung der Lohninteressen über die Tarifverhandlungen im Sinne einer friedlichen Regelung hinaus, hier nicht näher zu erörtern. Die Tarifpolitik der Bundesrepublik Deutschland ist auf konfliktvermeidende Lösungen ausgerichtet und hat als Ergebnis die wenigsten Streiktage jährlich innerhalb der Industriestaaten zu verzeichnen. Der Arbeitskampf verdient es, in einem historischen Kontext betrachtet zu werden, vorliegende Arbeit wird unter strukturellen Aspekten untersucht. Ein weiteres Thema für sich bilden die zahlreichen Tarifabschlüsse, die seit Bestehen der BRD je nach wirtschaftlicher Lage unterschiedliche Konturen erhielten. Hier bietet sich an, statistische Angaben in vollem Umfang zu nutzen und Vergleiche zu ziehen. Dies würde den Rahmen dieser Untersuchung sprengen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gesetzliche und tarifliche Bestimmungen im Interessenausgleich „Wirtschaft und Arbeit“ in der BRD
2. 1 Die Tarifautonomie
2. 2 Das Tarifvertragsgesetz
2. 3 Mitbestimmung in der Privatwirtschaft
2. 4 Die Bildung von Interessenverbänden - der „Dritte Sektor“ zwischen Staat und Markt
3. Strukturprägende Faktoren der Tarifverhandlungen in der BRD
3. 1 Parteien eines Tarifvertrags
3. 2 Tarifverhandlungsebenen
3. 3 Schlichtung als erweiterndes Element der Tarifverhandlungen
4. Strukturprägende Faktoren der Tarifverhandlungen in der BRD
4. 1 Das „duale System“ der Interessenvertretung
4. 2 Auswirkungen der Deregulierung auf die Tarifverhandlungen
4. 3 Dezentralisierung und Differenzierung des tariflichen Standards
5. Bargaining und Konfliktlösungen in der BRD - Schlußbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Gefüge der Tarifverhandlungen in der Bundesrepublik Deutschland und deren Verankerung im politischen Staat. Dabei werden die gesetzlichen Grundlagen, das Rollenverständnis der Tarifparteien sowie strukturelle Faktoren analysiert, um die Funktionsweise des deutschen Modells der industriellen Beziehungen im Konfliktfeld zwischen „Arbeit versus Kapital“ darzustellen.
- Rechtliche Grundlagen und Mitbestimmungsrechte
- Rolle der Interessenverbände und des „Dritten Sektors“
- Strukturelle Faktoren und Ablauf der Tarifverhandlungen
- Funktionsweise des „dualen Systems“ der Interessenvertretung
- Einfluss von Deregulierung und Dezentralisierung auf Tarifstandards
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Tarifautonomie
Die Tarifautononomie läßt sich aus der im Artikel 9 Absatz 3 des Grundgesetzes verankerteten Koalitionsfreiheit ableiten. Das Grundgesetz von 1949 formuliert im Artikel 9 Absatz 3 das Recht für jedermann, „zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen Vereinigungen zu bilden“. Hieraus läßt sich die Bildung von Interessengruppen und Verbänden ableiten.
Die Tarifautonomie ist die Grundlage der praktischen Tarifpolitik und hat im System der industriellen Beziehungen in der Bundesrepublik Deutschland einen hohen Stellenwert. Die Tarifautonomie ist das unmittelbare Recht von Gewerkschaften und Arbeitgebern bzw. Ihren Verbänden, die Arbeits- und Einkommensbedingungen ohne staatliche oder sonstige Eingriffe in freien Tarifverhandlungen kollektiv festzulegen. Sie steht als Ausdruck wirtschaftlicher Handlungsfreiheit und ermöglicht zudem die wirtschaftspolitischen Ziele der Regierung zu durchkreuzen. Infolgedessen ist die Regierung bestrebt, unter Wahrung der Tarifautonomie die Tarifparteien zu einem Verhalten zu veranlassen, das die wirtschaftspolitischen Absichten der Regierung unterstützt.
Die Tarifautonomie in der BRD führt zu einer relativen Isolierung des Konflikts von anderen gesellschaftlichen Konflikten, insbesondere von politischen Konflikten. Dies erhöht die Chancen, die Dauer der Tarifverhandlungen im zeitlichen Rahmen zu halten und entsprechende Lösungskonflikte zu finden.
Das Modell der deutschen Tarifautonomie sieht vor, daß die Verhandlungen und Vertragsmodalitäten ausschließlich an die Arbeitgeberverbände und die Gewerkschaften deligiert wird. Dies hat zum Vorteil, daß das Betriebsklima nicht wesentlich durch den Interessenkonflikt gestört wird und die Tarifverhandlungen den Produktionsprozesse vor Ort nur tangieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung steckt den Rahmen der Untersuchung ab, die sich mit dem Gefüge der Tarifverhandlungen und den relevanten gesetzlichen sowie rollenspezifischen Rahmenbedingungen in der Bundesrepublik befasst.
2. Gesetzliche und tarifliche Bestimmungen im Interessenausgleich „Wirtschaft und Arbeit“ in der BRD: Dieses Kapitel erläutert die rechtlichen Fundamente wie die Tarifautonomie, das Tarifvertragsgesetz sowie die Mitbestimmung und die Rolle der Verbände als Akteure im politischen System.
3. Strukturprägende Faktoren der Tarifverhandlungen in der BRD: Hier werden die Akteure, die Verhandlungsebenen sowie das Schlichtungswesen als prozedurale Elemente der Tarifpolitik detailliert beschrieben.
4. Strukturprägende Faktoren der Tarifverhandlungen in der BRD: Dieses Kapitel beleuchtet das duale System der Interessenvertretung sowie die Auswirkungen von Deregulierungsdebatten und Dezentralisierungstendenzen auf die tariflichen Standards.
5. Bargaining und Konfliktlösungen in der BRD - Schlußbetrachtung: Die Schlussbetrachtung resümiert das auf Konfliktvermeidung ausgelegte deutsche System und diskutiert die Notwendigkeit von Reformen vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Herausforderungen.
Schlüsselwörter
Tarifverhandlungen, BRD, Tarifautonomie, Tarifvertragsgesetz, Mitbestimmung, Interessenverbände, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Flächentarifvertrag, duales System, industriellen Beziehungen, Schlichtung, Deregulierung, Arbeitskampf, Konfliktlösung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Gefüge und die rechtliche sowie strukturelle Verankerung der Tarifverhandlungen in der Bundesrepublik Deutschland innerhalb des Spannungsfeldes von Arbeit und Kapital.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Themen gehören die gesetzlichen Grundlagen der Tarifautonomie, die Rolle der Verbände (Gewerkschaften und Arbeitgeber), das Mitbestimmungssystem sowie die strukturellen Anpassungsprozesse durch Deregulierung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel besteht darin, die Funktionsweise des deutschen Tarifverhandlungssystems sowie dessen konfliktvermeidende Struktur in einem historisch-politischen Kontext zu untersuchen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine strukturorientierte Untersuchung, die auf der Analyse von Fachliteratur, gesetzlichen Grundlagen und existierenden theoretischen Modellen der industriellen Beziehungen basiert.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung rechtlicher Rahmenbedingungen, die Analyse der beteiligten Akteure, die Untersuchung des dualen Systems der Interessenvertretung sowie die Diskussion von Reformansätzen durch Deregulierung und Dezentralisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Tarifautonomie, Mitbestimmung, Flächentarifvertrag, duales System und industrielle Beziehungen.
Warum ist das duale System in Deutschland so bedeutsam?
Das duale System der Interessenvertretung, bestehend aus Betriebsräten und Gewerkschaften, ermöglicht eine differenzierte Austragung von Interessenkonflikten auf unterschiedlichen Ebenen und trägt zur Stabilität der industriellen Beziehungen bei.
Welchen Einfluss hat die Schlichtung auf die Tarifverhandlungen?
Die Schlichtung dient als konfliktminderndes Instrument, das darauf ausgerichtet ist, Streiks zu vermeiden und eine friedliche Einigung im Rahmen der Tarifrunde zu erreichen.
- Quote paper
- Teresa Wanczura (Author), 1998, Die Struktur der Tarifverhandlungen in der BRD, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30270