Ethnisierende Differenzierung im Kindergartenalltag. Eine Untersuchung des Liedes "Wir fliegen um die ganze Welt"


Hausarbeit, 2015

23 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition
2.1 Ethnomethodologische Perspektive
2.2 Performative Perspektive
2.3 Ethnisierende Differenzierung

3 Die Situation im Kindergarten

4 Analyse des Kinderliedes Wir fliegen um die ganze Welt (von Volker Rosin 2009).
4.1 Was wird den Kindern von den Erzieherinnen und dem Praktikanten aus ethnomethodologischer und performativer Sichtweise vermittelt, und wie wird dabei ethnisierende Differenzierung geschaffen?

5 Reflexion der Sequenzen unter Bezugnahme auf Rainer Winters Artikel cultural studies und Paul Mecherils Werk Migrationsp ä dagogik.

6 Fazit.

Literatur

Internetquellen

1 Einleitung

Der zu behandelnde Text in meiner Arbeit, Wir fliegen um die ganze Welt, ist ein Kinderlied aus dem Album Turnen macht Spa ß von Volker Rosin, welches im Jahr 2003 erschienen ist.1 In der Produktinformation ist folgender Kommentar an die Gesellschaft gerichtet: Aber bei "Turnen macht Spa ß " geht es nicht um Leistungsstreben, sondern, der Titel sagt es bereits, um Spa ß , Ausgelassenheit und die Freude an der Bewegung. Ob im heimischen Kinderzimmer, beim Mutter-Kind-Turnen oder f ü r sportliche Aktivit ä ten im Kindergarten - "Turnen macht Spa ß " sorgt f ü r den passenden Rhythmus.2

Es geht also darum, dass Kinder während des Praktizierens von Sportübungen von dem Lied begleitet werden und dabei Freude und Ausgelassenheit empfinden sollen. Das ist die eine Betrachtungsweise, ein Kommentar im Internet regt zur einer weiteren Betrachtungsweise an: Diese Lieder sind p ä dagogisch sehr wertvoll und durchaus im Kindergarten brauchbar.3 Dieser Kommentar lässt sich aus migrationspädagogischer Sichtweise erörtern. In diesem Kontext sind die Cultural Studies in Betracht zu ziehen, aus denen heraus sich eine kritische Pädagogik entwickelt hat, welche sich für eine Demokratisierung der Lebensverhältnisse, insbesondere im Bildungswesen, und für eine gemeinschaftliche Gestaltung des öffentlichen Lebens einsetzt.4

Dahingehend werden beispielsweise der Öffentlichkeit bekannte populäre Texte einer dekonstruktiven Analyse unterzogen.5 Dadurch sollen produktive Auseinandersetzungen im Unterricht angeregt werden und zu einer Erhöhung der Handlungsfähigkeit führen.6 Ziel ist es also, Ideologien, Botschaften und Werte in medialen Texten aufzudecken, um so der Manipulation ausweichen zu können sowie selbst erschaffene Identitäten und Widerstandsformen entwickeln zu können. Cultural Studies beabsichtigen mit ihren Kompetenzen und dem Wissen, über das sie verfügen, dass Subjekte, die Umstände, in denen sie leben, besser nachvollziehen und ihnen bewusst wird, wie sie diese selbst mit erschaffen und umformen können.7

In meiner Arbeit möchte ich herausfinden, auf welchen Ebenen Ethnizität produziert wird, dabei beschränke ich mich in der Analyse auf innerschulische Ursachen.

Anhand der von Diehm und Panagiotopoulou aufgeführten Sequenzen zum genannten Kinderlied in ihrem Werk Bildungsbedingungen in Migrationsgesellschaften8 möchte ich aus dem Blickwinkel der Ethnomethodologie und Performativität die Erzeugung von Ethnizität analysieren und interpretieren. Die beiden genannten Begriffe werden zuvor definiert. Nach der Analyse der Sequenzen sollen die Ergebnisse meiner Arbeit im Hinblick auf Rainer Winters Werk Cultural Studies und Paul Mecherils Werk Einf ü hrung in die Migrationsp ä dagogik10 kontextualisiert und reflektiert werden. In dieser Reflexion werde ich abgesehen vom pädagogischen Handeln der Erzieher, hinsichtlich der Interaktionen im Kinderlied, weitere innerschulische Ursachen, bezüglich der Erzeugung von Ethnizität in der Institution Schule, aufführen.

2 Definition

2.1 Ethnomethodologische Perspektive

Die Ethnomethodologie stellt eine praktische Forschungsrichtung in der Soziologie dar, welche von Harold Garfinkel begründet wurde.11 Zergliedert man den Begriff Ethnomethodologie in Ethno und Methodologie, bezieht sich Ersteres nach Garfinkel darauf, ob und inwiefern ein Mitglied der Gesellschaft über das Alltagswissen dieser Gesellschaft als ein Wissen über das Was- auch- immer verfügt.12 Die Gesellschaftsmitglieder verwenden dieses Wissen methodisch, vor dem Hintergrund, sich gegenseitig den Sinn oder, wie Garfinkel postulieren würde, die rationalen Eigenschaften ihrer Handlungen darzulegen.13

Das Aufzeigen von Sinn stellt ein methodisches Verfahren dar, somit stehen den Mitgliedern Methoden hinsichtlich der Sinnerzeugung zur Verfügung.14 Methodologie, im Zusammenhang mit dem Begriff Ethnomethodologie, verweist auf die Methoden aller Gesellschaftsmitglieder als Gegenstand der Untersuchung.

Letzteres stellt den Untersuchungsgegenstand der Ethnomethodologie dar, es werden die Methoden, mit denen Menschen soziale Bedeutung herstellen und gesellschaftliche Realität erzeugen und erhalten, analysiert und interpretiert. Demnach beschreibt die ethnomethodologische Forschung die als selbstverständlich empfundenen, typischen Methoden des Denkens und Handelns von Gesellschaftsmitgliedern.16 Der Begriff Methoden impliziert diesbezüglich die Art und Weise, wie wir Menschen unsere Welt und unser Handeln darin interpretieren und strukturieren und folglich die erklärbare Darstellung unseres Handelns für uns und für andere ermöglichen.17 Handlungen beinhalten die Intention, die Rationalität, Geordnetheit und Darstellbarkeit des Alltagslebens herzustellen beziehungsweise erkennbar zu machen.18 Mit einer Unzahl an solchen alltäglichen Handlungen stellen die Mitglieder ihre soziale Ordnung her, sie realisieren dadurch ihre Alltagswirklichkeit.19

Somit ist für Ethnomethodologen nicht interessant, warum Menschen eine bestimmte Handlung durchführen, sondern, wie sie diese durchführen, wie eine Handlung also zustande gebracht wird.20

Es geht ihnen also darum, festzustellen, wie die Mitglieder einer Gesellschaft die Aufgabe lösen, die Welt, in der sie leben, zu sehen, zu beschreiben und zu erklären.

2.2 Performative Perspektive

Der Begriff der Performativität ist zurückzuführen auf die Sprechakttheorie und wurde insbesondere von dem Sprachphilosophen John L. Austin in den Vordergrund gerückt.21 Mit dem Begriff verweist Austin auf die handlungspraktische Dimension hinsichtlich des Aspekts Sprechen. Dies impliziert, das zu praktizieren oder zu produzieren, was der Sprecher mittels Sprache sagt und es somit nicht nur bezeichnet.22 So wird zum Beispiel mit der Aussage Hiermit erkl ä re ich Sie zu verbundenen Eheleuten von einem Standesbeamten/ in gegenüber einem Hochzeitspaar das Referenzobjekt, also die Ehe, durch das Sprechen erst zum Vorschein gebracht. Das bedeutet also, dass Sprache soziale Tatsachen produzieren kann, somit nimmt die performative Perspektive ein Sprechen an, dass genau das produziert, was es bezeichnet, womit folglich das Gesprochene zu einem sozialen Tatbestand transformiert wird und wirklichkeitserzeugende Wirkung hervorbringt. Es wird in die soziale Realität insofern auf eine verändernde Weise eingegriffen, als dass das Hochzeitspaar nun aufgrund des Sprechaktes als verheiratet gilt.23 Demnach kann ein Sprechakt nicht bezüglich seines Wahrheitsgehalts, sondern nur hinsichtlich seines Gelingens beurteilt werden.24 Das Gelingen wiederum ist nach Austin an spezifische Bedingungen geknüpft, wie zum Beispiel an Riten oder konventionelle Kontexte.25 Nach Austin ist dahingehend weder die Autorität noch die Intention des jeweiligen Sprechenden von Relevanz, sondern vielmehr die Tatsache, dass an soziale Konventionen und gesellschaftliche Werte und Normen angeknüpft werden kann.26 Somit erfolgt auf diese Weise die Erzeugung von sozialen Differenzen erst in sozialen Interaktionen, indem auf Normen zurückgegriffen wird und die Subjekte entlang dieser Normen eingeordnet werden.27

2.3 Ethnisierende Differenzierung

Ethnische Differenz kann als das Ergebnis von interaktiven Selbst- und Fremdzuweisungen verstanden werden.28 Folglich werden Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres äußeren Erscheinungsbildes oder ihrer Lebensgewohnheiten in sich homogenen Gruppen zugeordnet.29 Die Produktion einer solchen Herstellungskategorie darf als ein machtvoller Prozess angesehen werden, welcher einerseits auf eine individuumsbezogene und andererseits auf eine nichtindividuumsbezogene Weise erfolgen kann.30

3 Die Situation im Kindergarten

Die Tanzfläche der sogenannten Kinderdisko wird mithilfe des Stuhlkreises markiert, in dem vorher alle Geburtstagslieder gesungen und dazu Kuchen gegessen haben.31 An dem Geschehen sind insgesamt 15 Kinder sowie die Erzieherinnen Angelika, Irina und Nathalja und der Praktikant Simon, der nach seinem Abschluss der fachlichen Ausbildung nun das einjährige Anerkennungsjahr, um die staatliche Anerkennung als Erzieher zu erhalten, absolviert.32

4 Analyse des Kinderliedes Wir fliegen um die ganze Welt (von Volker Rosin 2009)

4.1 Was wird den Kindern von den Erzieherinnen und dem Praktikanten aus

ethnomethodologischer und performativer Sichtweise vermittelt, und wie wird dabei ethnisierende Differenzierung geschaffen?

Sequenz 1

Die Melodie ertönt, und die Erzieherin Angelika erteilt parallel das Startsignal mit folgenden Worten: ,,Es geht los, wir starten die Motoren.“33 Die Erzieherin macht den Kindern Bewegungen vor, indem sie mit angewinkelten Knien ein wenig in die Hocke geht, ihre angewinkelten Arme vor sich hält, ihr rechtes Handgelenk mehrmals dreht und dabei die Laute brumm, brumm, brumm von sich gibt.34

Im nächsten Teil der ersten Sequenz ertönt der Liedtext Wir fliegen nach Amerika, nach Amerika. Wir fliegen nach Amerika, nach Amerika.35 Sowohl die Erwachsenen als auch die Kinder laufen mit ausgebreiteten Armen im Kreis herum.36

Das Lied geht mit den Sätzen Good morning boys and girls, good morning boys and girls. Good morning, good morning, good morning boys and girls weiter.37

Angelika macht erneut eine Bewegung vor, indem sie dem Kind, das ihr im Kreis am nächsten ist, die Hand schüttelt.38 Die Kinder reagieren, indem sich diejenigen, die sich während des Tanzens begegnen, gegenseitig die Hände schütteln.39

Die gewählte Methode der Erzieherin gleicht einem systematischen Ablauf und ist in Sequenzen eingeteilt.40 Die Darstellung ergibt für die Kinder Sinn, weil es ein Kontextwissen gibt, von dem sie glauben, dass jedes der anderen Kinder es teilt, dieses Wissen stellt ein stillschweigendes Merkmal ihrer Interaktion dar.41 Dies zeigt sich dadurch, dass keine Komplikationen in Form von Verwunderung hinsichtlich der Interaktionen aufkommen. Das Kinderlied symbolisiert Amerika über eine Begrüßungsformel in englischer Sprache und erschafft so ein spezifisches Bild von Amerika.42 Es wird somit ein bestimmtes Wissen über Amerika produziert43, was im Folgenden konkretisiert wird.

[...]


1 Vgl. http://www.amazon.de/Wir-fliegen-die-ganze-Welt/dp/B001SVMS82 (aufgerufen: 29.02.2015)

2 http://www.universal-music.de/home/alle-genres/produkt/product:86692/turnen-macht-spass (aufgerufen: 29.02.2015)

3 https://www.weltbild.de/artikel/hoerbuch/turnen-macht-spass-1-audio-cd_13841167-1( aufgerufen 29.02.2015)

4 Vgl. Handbuch soziologische Theorien, S. 81

5 Vgl. ebd.

6 Vgl. ebd.

7 Vgl. ebd., S.82

8 Diehm, Isabell, Panagiotopoulou, Argyro. Bildungsbedingungen in europäischen Migrationsgesellschaften. Ergebnisse qualitativer Studien in Vor- und Grundschule. Wiesbaden: Springer.

9 Winter, Rainer (1997): Cultural Studies als kritische Medienanalyse: Vom „encoding/decoding“-Modell zur Diskursanalyse. Hrsg: Hepp, Andreas: Kultur - Medien - Macht: Cultural Studies und Medienanalyse. Opladen: Westdeutscher Verlag GmbH; S. 47-63.

10 Mecheril, Paul (2010): Migrationspädagogik. Weinheim und Basel: Beltz Verlag.

11 Garfinkel & Sacks 1976, S. 9 ff.

12 Garfinkel S.10

13 Garfinkel S.10

14 Garfinkel S.10

15 Garfinkel 1976

16 Garfinkel 1976

17 Handbuch Soziologische Theorien, S. 87

18 Garfinkel und Sacks, S.13

19 Garfinkel, S.13

20 Vgl. Garfinkel, S.13

21 Vgl. http://www.gender-glossar.de/de/glossar/item/22-performativitaet/22-performativitaet (abgerufen 15.03.2015)

22 Vgl. ebd.

23 Vgl. ebd.

24 Vgl. ebd.

25 Vgl. ebd.

26 Vgl. ebd.

27 Vgl. ebd.

28 Vgl. Kathrin Hahn, Alter, Migration und Soziale Arbeit, S. 108 ff.

29 Vgl. ebd.

30 Vgl. ebd.

31 Vgl. Diehm, Panagiotopoulou, Bildungsbedingungen in europäischen Migrationsgesellschaften, S.146.

32 Vgl. ebd.

33 Vgl. Diehm, Panagiotopoulou, Bildungsbedingungen in europäischen Migrationsgesellschaften, S.147

34 Vgl. Diehm, Panagiotopoulou, Bildungsbedingungen in europäischen Migrationsgesellschaften, S.147

35 Vgl. ebd.

36 Vgl. ebd.

37 Vgl. ebd. S.148

38 Vgl. ebd. S.148

39 Vgl. ebd. S.148

40 Vgl. Weingarten, Sack, Schenkein 1976, S. 18

41 Vgl. ebd.

42 Professionalität im Kindergarten, Melanie Kuhn, S. 244

43 Vgl. S.244

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Ethnisierende Differenzierung im Kindergartenalltag. Eine Untersuchung des Liedes "Wir fliegen um die ganze Welt"
Autor
Jahr
2015
Seiten
23
Katalognummer
V302724
ISBN (eBook)
9783668008489
ISBN (Buch)
9783668008496
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ethnisierende, differenzierung, kindergartenalltag, eine, untersuchung, liedes, welt
Arbeit zitieren
Hala Fattah Ahmad (Autor), 2015, Ethnisierende Differenzierung im Kindergartenalltag. Eine Untersuchung des Liedes "Wir fliegen um die ganze Welt", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302724

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