Über die Finanzkrise und ihre Folgen für die Bundesrepublik Deutschland bis 2009

Eindämmung ihrer Negativfolgen durch staatliche Interventionen


Seminararbeit, 2013

40 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Der Begriff Finanzkrise
2.2 Asset Backed Security Anleihen
2.3. Geschichtlicher Abriss
2.3.1 Zinssenkungen
2.3.2. US-Immobilienblase
2.3.2.1. Entstehung
2.3.2.2. Platzen der Blase
2.3.3 Internationale Finanzkrise
2.3.4 Ausweitung auf die Realwirtschaft

3 Auswirkungen der Weltfinanzkrise auf Deutschland
3.1 Auswirkungen auf das Finanzsystem
3.1.1 Der Deutsche Aktienindex
3.1.2 Banken und Interbankenmarkt
3.2 Auswirkungen auf das Wirtschaftssystem

4 Staatliche Interventionen Deutschlands
4.1 Bedeutung staatlicher Interventionen
4.2 Kurzfristige Maßnahmen
4.2.1 Hilfspakete und Übernahmen
4.2.2 Garantieerklärung für deutsche Spareinlagen
4.2.3 Finanzmarktstabilisierungs- und -ergänzungsgesetz
4.2.4 Konjunkturpakete I und II
4.3 Staatliche Eingriffe zur Krisenvorbeugung
4.3.1 Gesetzliche Einlagensicherung
4.3.2 Zweckgesellschaften Bad Banks
4.3.3 Verbot von Aktienleerverkäufen
4.3.4 Bankenabgabe

5 Zusammenfassung

Quellenverzeichnis

Anhangsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Funktionsweise von Asset Backed Security Anleihen

Abbildung 2 Deutscher Aktienindex 2008 bis 2009

Abbildung 3 Inanspruchnahme der Einlagenfazilität bei der Europäischen Zentralbank (in Milliarden Euro)

Abbildung 4 Modell der Bad Bank-Zweckgesellschaft

1 Einleitung

Niedrige Zinsen für Hypothekenkredite und steigende Immobilienpreise führten zu wirtschaftlichen Problemen auf internationalen Märkten. Dazu gehörten unter anderem Finanzierungsschwierigkeiten von Unternehmen, Umsatzeinbrüche und damit verbundene steigende Arbeitslosigkeit. Mit der ersten Bankeninsolvenz, der Investmentbank Lehman Brothers, stand der Finanz- und Wirtschaftswelt eine Rezession bevor.[1]

Zunächst glaubte keiner, dass die Konkursanmeldung eines Kreditinstituts Auswirkungen in so komplexem Umfang auf andere Institute haben könnte. Allerdings ist die globale Verflechtung sowohl der Banken als auch der Finanzmärkte so groß, dass die Folgen weitgreifend waren. Ein Kreditinstitut nach dem anderen geriet in Schieflage und schließlich wurde auch die Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen. Massive Investitions- und Konsumeinbrüche schädigten die Wirtschaft auf internationaler Ebene. Börsenwerte brachen ein und Vertrauensverluste auf dem Bankenmarkt ließen das Finanz- und Wirtschaftssystem ins Schwanken kommen.[2]

Ohne Eingriffe von Zentralbanken und Regierungen hätte sich die Situation vermutlich noch verschlimmert. Doch Gelder in Milliardenhöhe waren nötig, um nur einen kleinen Schritt in die richtige Richtung machen zu können. Banken mussten geschützt werden, Unternehmen gerettet und Anleger beruhigt werden.

Bereits 2003 beschrieb Eliot Spitzer, ein amerikanischer Politiker, wie es soweit kommen konnte: „The rules had become so ambiguous and the lack of enforcement of rules of fiduciary duty and integrity had become so pervasive that everybody was playing improperly. The rules themselves needed to be changed. [Übersetzt:] Die Gesetze sind so missverständlich geworden. Das Fehlen durchsetzbarer Regeln zur Treuepflicht und Integrität sorgt dafür, dass sich jeder unangemessen verhält. Die Gesetze müssen unbedingt geändert werden.“[3] Ob es in Deutschland Gesetzesänderungen gab und wenn ja, wie diese gestaltet wurden, soll unter anderem in der Projektarbeit analysiert werden. Dafür werden zunächst Begrifflichkeiten erläutert und ein geschichtlicher Abriss gegeben, auf dessen Basis Auswirkungen bis zum Jahr 2009 für den deutschen Finanzmarkt und die Realwirtschaft abgeleitet werden. Im Anschluss werden anhand dieser Rahmenbedingungen einige staatliche Interventionen untersucht, mit denen die deutsche Regierung auf die Ereignisse reagierte. Im letzten Teil der Analyse wird beschrieben, wie Deutschland versucht, künftig den Folgen einer Finanzkrise beziehungsweise dem Entstehen einer solchen Krise vorzubeugen.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Der Begriff Finanzkrise

Definierbar sind Finanzkrisen aufgrund der Vielfältigkeit nur schwer. Dennoch kann man allgemein sagen, dass Finanzkrisen schwerwiegende Verschlechterungen von Finanzindikatoren, wie zum Beispiel Kursen von Wertpapieren und Bonitäten, mit sich bringen, die sich innerhalb kurzer Zeit ausprägen. Folgen können teilweise gravierend sein und sogar in einigen Fällen auf die Realwirtschaft übergreifen. Es wird in diesem Zusammenhang unter anderem zwischen zwei verschiedenen Arten unterschieden. Die erste ist die Informationskrise. Sie beschreibt das Sinken des inneren Wertes eines Gutes, was Wertberichtigungen in den Bilanzen nach sich zieht. Schlechte Informationsweitergabe kann dabei zu zeitlichen Differenzen der Korrekturen führen und sich schließlich krisenartig auswirken. Die zweite Ausprägungsform ist die Spekulationskrise. Sie ist vom Verhalten der Marktteilnehmer abhängig. Speziell bedeutet das spekulative Handlungen in eine Richtung, das heißt der Kauf eines bestimmten Gutes von einer Anlegerzahl in komplexem Umfang. Die Werte des Gutes steigen daraufhin am Markt ohne fundamentalistischen Nachzug. Die Krise entsteht dann beim Platzen der so entstandenen Spekulationsblase. Dabei fällt der Marktwert grundsätzlich weit unter den Fundamentalwert.[4]

2.2 Asset Backed Security Anleihen

Als Asset Backed Security Anleihen werden Bankschuldverschreibungen mit Kreditforderungen als zugrundeliegende Sicherheit bezeichnet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Funktionsweise von Asset Backed Security Anleihen (GRILL; PERCZYNSKI, 2011, S. 235)

Die Abbildung 1 zeigt den Vorgang der Verbriefung von Krediten. Zunächst werden gleichartige Kreditforderungen in einem Pool gebündelt. Investmentbanken, oder auch Zweckgesellschaften genannt, kaufen die Forderungen von der Privatbank als Forderungsverkäufer.[5] Durch den Verkauf der Forderungen ist es für die Kreditinstitute möglich, die Risiken der Kredite auf die Zweckgesellschaften umzulegen und somit weniger Eigenkapital hinterlegen zu müssen. Das bedeutet eine schnelle Liquiditätsbeschaffung bei ausreichend vorhandenem Eigenkapital, um beispielsweise neue Kredite vergeben zu können.[6] Die Zweckgesellschaften emittieren Wertpapiere am Kapitalmarkt zur Refinanzierung ihrer Geschäfte. Diese Wertpapiere, die sogenannten Asset Backed Security Anleihen, sind mit den vorher erworbenen Kreditforderungen besichert. Zinsleistungen des Schuldners werden bis zum Anleger, also dem Käufer der kreditbesicherten Asset Backed Security Anleihen, über die Bank und die Zweckgesellschaft weitergeleitet. Der Anleger profitiert dann von kapitalmarktgerechten Zinsen in einer Anlage, die jederzeit wieder über die Börse veräußert werden kann.

Die Wertpapiere im Pool werden in sogenannte Tranchen eingeteilt, die den jeweiligen Risikogehalt der Forderungen widerspiegeln.[7] Dabei werden Zins- und Tilgungsleistungen zunächst an die Anleger der Tranchen, die mit AAA oder AA geratet sind, den Senior-Tranchen, geleistet. Schlechter geratete Junior-Tranchen werden erst nach vollständiger Zahlung an die Senior-Tranchen bedient. Für diese höhere Risikoklasse wird dafür auch eine höhere Rendite gezahlt.[8] Aufgrund der vielen Einzelkredite in den Asset Backed Security Anleihen gestaltet sich die Bestimmung des Ausfallrisikos allerdings als äußerst schwierig. Daher wird bei der Ermittlung des Risikos und damit der Festlegung des Ratings meist auf Modellschätzungen zurückgegriffen.[9] Um die Papiere zu sichern, werden sie meist mit einer Ausfallversicherung versehen, die im Fall eines Kreditereignisses greift und den Schaden übernimmt. Das soll Anleger vor Verlusten schützen. Diese höhere Sicherheit spiegelt sich gleichzeitig im Rating wieder. So können Papiere mit durchschnittlich BB-gerateten Krediten auch das Rating AAA erhalten.[10]

2.3. Geschichtlicher Abriss

2.3.1 Zinssenkungen

Ausgangspunkt der US-Immobilienblase war zum einen das Platzen der Dotcom-Blase im März 2000. Neue Entwicklungen im technologischen Bereich, unter anderem die Globalisierung des Internets und die Nutzung von Mobiltelefonen, verursachten Spekulationen auf steigende Kurse am Aktienmarkt Ende des 20. Jahrhunderts. Die Aktiennachfrage nach Technologieunternehmen stieg stark. Von den steigenden Kursen wollten die Anleger profitieren und investierten vermehrt in diese Assetklasse. Aber auch Unternehmen wollten an der Euphorie teilhaben und die Börse verzeichnete daraufhin viele Börsengänge. Die überhöhten Gewinnerwartungen standen dabei allerdings in keinem Zusammenhang mit der Bewertung der Unternehmen auf fundamentalistischer Basis. Schnell zeigte sich, dass die Unternehmen den Gewinnerwartungen der Anleger nicht gerecht werden konnten, da meist kein auf Dauer funktionsfähiges Geschäftsmodell hinter dem Börsenwert stand. Im März 2000 begannen die Kurse zu sinken, was zu immer mehr Verkäufen führte. Die ausgelösten Kursrückgänge endeten im Zusammenbruch des Marktes, bei dem viele Kleinanleger ihre Ersparnisse verloren.[11]

Zum anderen führten auch die Terroranschläge vom 11. September 2001 zu wirtschaftlichen Einbußen. Bei nationalen und internationalen Unruhen lässt sich beobachten, dass die Börse mit sinkenden Aktienkursen reagiert, da die Ereignisse Einfluss auf die Wirtschaft haben könnte. Dieses Phänomen trat auch bei den Anschlägen auf das World Trade Center auf und die Kurse fielen im Anschluss. Das lässt sich auch im Chart von S&P 500 im Anhang 1 erkennen. Im Nachgang an die Terroranschläge fiel der Index auf 965,81 Punkte.[12]

Um negativen Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum entgegenzuwirken, senkte die US-Notenbank Federal Reserve von 2001 bis 2003 den Leitzins schrittweise um insgesamt 5,5 Prozent, sodass dieser anschließend bei circa einem Prozent stand. Die Entwicklung des Leitzinses in Amerika von 2000 bis heute ist im Anhang 2 nachvollziehbar. Diese geldpolitischen Maßnahmen ließen die Wirtschaft anschließend zwar wieder leicht wachsen, dennoch breitete sich Unsicherheit in der Bevölkerung über die künftige Entwicklung der Wirtschaft aus. Somit beschloss die Federal Reserve den Leitzins auf diesem niedrigen Niveau zu halten.[13]

2.3.2. US-Immobilienblase

2.3.2.1. Entstehung

Der Verkauf der Kreditforderungen an Investmentbanken als Zweckgesellschaften, die diese bündelten, verbrieften und weiterverkauften, sorgte für neue Liquidität und somit größeren Spielraum in der Kreditvergabe. Zudem bestand politisches Interesse für den privaten Häuserbau. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase verloren die Anleger einen Großteil ihres Vermögens. Um den Menschen in Amerika eine Basis des Wohlstandes zu bieten, senkte die Politik die Voraussetzungen für die Kreditvergabe. Zum Beispiel wurden die Anforderungen an die zu hinterlegenden Sicherheiten gelockert. In Zusammenhang mit den niedrigen Zinsen wurde dadurch ein regelrechter „Kreditboom“ ausgelöst. Durch preiswert geliehenes Geld konnten Privatpersonen ihren Konsum finanzieren und investierten in Immobilien, da diese höhere Renditen versprachen als der Kapitalmarkt hergab.[14] Die Nachfrageerhöhung ließ die Preise für Immobilien zwischen 2000 und 2006 um 105% wachsen.[15] Die höheren Immobilienpreise suggerierten einen Anstieg der Sicherheiten, wodurch eine wiederum erleichterte Aufnahme von Hypothekenkrediten ermöglicht wurde. Von dem Zeitpunkt an wurden auch Kredite an Kreditnehmer geringerer Bonität, der sogenannten Subprime-Schicht, ausgereicht. Das Problem in diesem Segment liegt allerdings in der hohen Ausfallwahrscheinlichkeit, da das Einkommen meist für Zins- und Tilgungsleistungen nicht ausreicht. Durch die Verbriefung der Kredite in Asset Backed Security Anleihen wurden die Kreditrisiken jedoch verlagert, ohne dass sich die Banken an Eigenkapitalschranken halten mussten. Hinzu kam, dass die Kreditinstitute aufgrund des Risikotransfers die Untersuchung der Zahlungsfähigkeit ihrer Kunden einschränkte, um Kosten zu sparen. Die genannten Voraussetzungen erlaubten weitere Kreditvergaben in komplexem Umfang an das Subprime-Segment.[16]

Die Modellschätzungen des Ratings der Asset Backed Security Anleihen waren so intransparent, dass Außenstehende den Vorgang nur schwer nachvollziehen konnten. Ratingagenturen lassen sich von Zweckgesellschaften, die die Papiere emittierten, bezahlen, um diese zu raten. Die Einnahmen daraus machten 2002 bis 2006 ein Drittel des gesamten Gewinns der Agenturen aus. Auf dieser Basis in Verbindung mit den Ausfallversicherungen der Asset Backed Security Anleihen wurden auch die Papiere minderer Qualität mit AAA oder AA geratet, erschienen nach außen also genauso sicher wie beispielsweise deutsche Staatsanleihen.[17]

Diese Entwicklung führte zu einer kaum aufhaltbaren Spirale von Kreditvergabe und Verbriefung. Der Verkauf der Kreditforderungen sorgte für neue preiswerte Liquidität bei Banken. Diese wurde wiederum eingesetzt, um neue Kredite auszureichen. Die Gelder wurden in Immobilien angelegt und führten zu steigenden Preisen im Immobiliensektor. Das ließ die Immobilienblase entstehen. Gleichzeitig gab es auch Banken, die sehr viel Liquidität aufwiesen. Aufgrund der niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt suchten auch sie eine höher verzinste Anlageform und investierten in die hypothekenbesicherten Asset Backed Security Anleihen.[18]

2.3.2.2. Platzen der Blase

Aufgrund der fehlenden Eigenkapitalunterlegung für die verkauften Hypothekenkreditforderungen wiesen die Banken der United States of Amerika ein zu kleines Eigenkapitalpolster auf. Das machte die Kreditinstitute instabil und somit anfällig gegen äußere negative Einflüsse.[19]

Um einer drohenden Beschleunigung der Inflation vorzubeugen und Preisstabilität zu gewährleisten, hob die Federal Reserve im Zeitraum von 2004 bis 2006 den Leitzins wieder auf 5,25 Prozent an, wie es in Anhang 2 verdeutlicht ist. Das Problem bestand darin, dass die meisten Kredite mit einer variablen Zinsstruktur ausgegeben wurden.[20] Im Jahr 2006 wiesen 91 Prozent der ausgereichten Hypothekenkredite an das Subprime-Segment eine variable Zinsbeschaffenheit auf, die aus einem Index, wie beispielsweise dem LIBOR, und einer Marge bestand. Folglich stieg der Zinssatz dieser Kredite nach dem Anstieg des Leitzinses.[21] Die nun entstandene Zinserhöhung konnte von den Subprime-Kunden vermehrt wirtschaftlich nicht mehr geleistet werden. Kreditausfälle waren die Folge. Die Zweckgesellschaften, die die Hypothekenkredite kauften, versuchten nach den Ausfällen die hinterlegten Sicherheiten, also die Immobilien, zu versteigern, um die Restschuld auszugleichen. Bei der hohen Anzahl von Kreditausfällen und so auch den vielen Zwangsversteigerungen von Häusern stieg das Angebot enorm. Aufgrund dessen fielen die Immobilienpreise und gleichzeitig der Wert der Sicherheiten. Damit folgten weitere Ausfälle, weil von den Kunden weitere Sicherheiten gefordert wurden, die sie nicht hatten. Erst jetzt zeigten sich die wirklichen Risiken der immobilienkreditbesicherten Asset Backed Security Anleihen der USA.[22] In diesem Fall sollten die Ausfallversicherungen greifen. Diese beruhen allerdings auf bestimmten Ausfallwahrscheinlichkeiten. In der Realität überstiegen die Kreditausfälle die berechneten Ausfälle. Die Versicherungsgesellschaften konnten diesen Schaden nicht tragen und wären ohne politische Hilfen Amerikas insolvent gegangen.[23]

Die Anleihen erlitten im Folgenden massive Ratingverschlechterungen. Das nun nach außen publizierte hohe Risiko ließ die Nachfrage nach den Papieren fast gegen Null sinken. Dies verursachte einen erheblichen Angebotsüberhang. Die Preisbildung in funktionierenden Märkten steht in Abhängigkeit von Angebot und Nachfrage. Da die Nachfrage allerdings fast nicht mehr existierte, stürzten die Preise ab. Die Handelbarkeit der Anleihen war nicht mehr gegeben und es kam zum Nichtfunktionieren des Marktes.[24]

2.3.3 Internationale Finanzkrise

Finanzinstitute, die Anlagen in Asset Backed Security Anleihen tätigten, wiesen diese in ihren Bilanzen aus. Die Kreditausfälle verursachten einen massiven Wertverlust der Wertpapiere. Investmentbanken mussten auf dieser Basis enorme Wertberichtigungen vornehmen, was das bereits geringe Eigenkapital weiter sinken ließ.[25] Die nun offengelegten Risiken schreckten viele Anleger davor ab, weiter in die verbrieften Forderungen zu investieren.[26] Damit konnten sich Zweckgesellschaften nicht mehr refinanzieren und gerieten in Liquiditätsengpässe.[27] Diese Schieflage der Investmentbanken führte dazu, dass am 21. August 2008 Instituten, wie Goldman Sachs und Morgan Stanley, von der Politik ermöglicht wurde, sich von Investmentbanken in Geschäftsbanken umzuwandeln, wodurch sie sich mit Hilfe der Federal Reserve refinanzieren konnten. Aber auch Übernahmen erfolgten. So wurde beispielsweise die Bear Steans am 16. März 2008 von der JPMorgan Chase & Co. übernommen.[28] Die United States of Amerika beschlossen zudem zahlreiche Hilfspakete zur Rettung von Banken. Als sie allerdings einer der größten Banken in Amerika, der Lehman Brothers Investmentbank, die als „too big to fail“ galt, Hilfen untersagten, meldete sie am 15. September 2008 Insolvenz an.[29] Das löste massive Vertrauensverluste auf dem internationalen Bankenmarkt aus. Da Asset Backed Security Anleihen auch von internationalen Investoren gekauft wurden, stand folglich auch im Ausland eine Welle von Wertberichtigungen bevor. Diese weltweite Verflechtung der Finanzmärkte war Auslöser für eine globale Häufung von Liquiditätsengpässen.[30] Das Risikobewusstsein verstärkte sich bei den Investoren immer mehr, sodass dies für Vertrauensverluste zwischen den Banken führte. Jedes Kreditinstitut musste befürchten, dass das jeweils andere Kreditinstitut, dem sie Geld liehen, in risikoreiche verbriefte Hypothekenkredite investierte. Damit stieg die Risikoprämie für Kredite untereinander. Um den Zahlungsverkehr dennoch sicherzustellen und Liquidität bereitzustellen, weiteten die Zentralbanken die Geldmenge aus. Die Maßnahme half allerdings kaum, denn die Unsicherheiten und die gestiegenen Risikoprämien für Kredite unter Banken ließen den Interbankenmarkt austrocknen.[31]

Diese Krise lässt sich in die Art der Spekulationskrisen einordnen, da die spekulative Immobilienblase als Ursache der Krisenentwicklung anzusehen ist. Die Sozialdynamik bewegte die Menschen zum Immobilienkauf als sichere Anlage, wodurch die Preise für solche Objekte spekulativ stiegen. Die Erscheinung wirkte sich schließlich mit dem Zerplatzen auf die Finanzmärkte und die Wirtschaft aus.

2.3.4 Ausweitung auf die Realwirtschaft

Liquiditätsprobleme bei Banken veranlassten die Kreditinstitute, sich auf den Aufbau ihres Eigenkapitals und den Abbau von Fremdkapital zu konzentrieren. Um Risiken vorerst zu minimieren, die das Eigenkapital mindern könnten, schränkten sie die Kreditvergabe ein.[32] Das beeinflusste die Unternehmen, die auf Kredite zur Finanzierung angewiesen waren. Damit erfasste die Krise letztlich auch die Realwirtschaft. Die Finanzierungsprobleme der Unternehmen führten zu einem gewaltigen Rückgang von Neuinvestitionen, wodurch auch die Produktion eingeschränkt werden musste. Der damit geringere Umsatz veranlasste 2009 eine Welle von Entlassungen. Die gestiegene Arbeitslosigkeit wirkte sich in Form von sinkender Nachfrage auf den Konsum aus. Mit diesem Schritt weitete sich die Weltfinanzkrise zu einer Weltwirtschaftskrise aus.[33]

Die Probleme in der Realwirtschaft hatten wiederum Einfluss auf das Bankenwesen. Die in Finanzierungsschwierigkeiten geratenen Unternehmen konnten aufgrund dessen teilweise ihre bereits aufgenommenen Kredite nicht mehr bedienen, was einen weiteren Verlust für die Kreditinstitute bedeutete.[34] Als Reaktion auf die betroffene Realwirtschaft senkten die Zentralbanken weltweit im Laufe des Jahres 2008 die Leitzinsen auf nahezu null Prozent (Leitzinsentwicklung von Amerika in Anhang 2 nachvollziehbar). Der Versuch, damit eine höhere Vertrauensbasis zu schaffen, scheiterte. Konsumerhöhung und Investitionsausweitung konnten nicht erreicht werden. Stattdessen bauten Privatpersonen, Unternehmen und Banken ein Risikopolster für kommende Verluste auf.[35]

3 Auswirkungen der Weltfinanzkrise auf Deutschland

3.1 Auswirkungen auf das Finanzsystem

3.1.1 Der Deutsche Aktienindex

Zur Analyse der Entwicklung des deutschen Finanzmarktes eignet sich die Kursentwicklung des Deutschen Aktienindex gut. In der Abbildung 2 wird dieser im Zeitraum vom 2008 bis 2009 dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Deutscher Aktienindex 2008 bis 2009 (online: DAX Index (12.08.2013))

Zunächst lag der Kurs des Deutschen Aktienindex Anfang 2008 knapp über 8.000 Punkten. Er versuchte mehrfach den Seitwärtstrend nach oben zu verlassen, scheiterte aber jedes Mal. Im Anschluss folgte ein steiler Absturz bis circa Juni 2009, was durch die Weltfinanzkrise ausgelöst wurde. Nach dem starken Einbruch zeichnete sich eine langsame Erholung der Aktienkurse ab. Diese Entwicklung ließ Ende 2009 hin einen positiven Verlauf prognostizieren. In der Gesamtbetrachtung ist zu erkennen, dass die Krise einen Einsturz des Deutschen Aktienindex von 8.111,34 Punkte auf 3.656,99 Punkte hervorrief. Das entspricht einem Verlust von 54,9 Prozent. Bei der Untersuchung einzelner Sektoren im gleichen Zeitraum fallen ebenfalls stark fallende Kurse auf. Am schlimmsten traf die Krise die Banken mit einem Minus von 85,0 Prozent im DAX-Banken (siehe Anhang 3). Aber auch der DAX-Konsum, der DAX-Handel und der DAX-Industrie stürzten mindestens um 50 Prozent ab. Die genauen Kurse sind in den Anhängen 4 bis 6 nachvollziehbar. In diesen Börsenwerten wird das Ausmaß der Weltfinanzkrise für Deutschland sichtbar. Aber nicht nur für Aktienkurse und somit für Aktionäre brachten die Kursstürze verheerende Folgen. Privatanleger, die in Aktien investierten, verloren im Durchschnitt mehr als 50 Prozent ihres Vermögens, was wiederrum Auswirkungen auf die Wirtschaft hatte. Der Konsum ging zurück und die Unternehmen mussten daraufhin ihre Produktion zurückfahren. Zudem wurde eine Abnahme der Risikobereitschaft der Anleger verzeichnet. Dies bedeutete, dass viele Investoren aus Angst vor weiteren Verlusten große Beträge aus dem Aktienmarkt abzogen und nur noch selten solche Investitionen neu tätigten. Andererseits stieg aufgrund des niedrigen Zinsniveaus die Nachfrage am Markt für Staatsanleihen mit dem verstärkten Blick auf gute Bonitäten der Staaten. Besonders gefragt waren zur damaligen Zeit deutsche, amerikanische und japanische Staatsanleihen.[36]

3.1.2 Banken und Interbankenmarkt

Die immensen Aktienkursverluste und die weitgehend wertlosen Asset Backed Security Anleihen erforderten in vielen Banken hohe Abschreibungssummen in den Bilanzen. Kreditinstitute, die hauptsächlich im Retail-Geschäft agierten, wiesen eine hohe Finanzierungsstabilität wegen den vergleichsweise geringen Risiken auf und waren daher von der Weltfinanzkrise kaum betroffen. Im Gegensatz dazu sind Investmentbanken risikoreicher aufgestellt, wodurch sie von der Abschreibungswelle getroffen wurden. Eine langfristig gute Möglichkeit der Refinanzierung war die Konzentration diese Institute auf das Privatkundengeschäft.[37] Dies sollte laut Prognosen in Zukunft den Wettbewerb um Kundeneinlagen am Markt drastisch verstärken und Jaschinski stellte die Vermutung an, dass dieser Kampf um Kunden höhere Zinskosten auslöst und schließlich das Zinsniveau steigen lässt.[38] Dies ist in der Praxis allerdings nicht eingetroffen, da die Investmentbanken nicht von ihrem Geschäftsmodell abwichen. Weitere Gefahren, welche drohten, waren die sogenannten „Bank Runs“. Hierbei ziehen Kunden ihre gesamten Gelder von Girokonten und konservativen Anlageformen, wie Sparbüchern und Festgeldkonten, ab. Dieser Vorgang geschieht, weil die Privatkunden Angst vor dem Verlust ihres Vermögens haben. Das würde die Lage der Banken verschlimmern, denn die Refinanzierung über das Retail-Geschäft bräche ein und würde die Banken in ihrer Liquidität weiter einschränken. Damit dies nicht geschah, gab die deutsche Regierung eine Garantieerklärung für deutsche Spareinlagen ab.[39]

Um zu untersuchen, welche konkreten Auswirkungen auf die Banken zukamen, werden nun einzelne Kreditinstitute genauer betrachtet. Die HypoRealEstate war eine der ersten deutschen Investmentbanken, die von existenzbedrohenden Verlusten getroffen wurde. Sie betrieb komplexe Fristentransformation, das heißt, sie investierte langfristig in Asset Backed Security Anleihen und refinanzierte sich gleichzeitig kurzfristig. Bei funktionierenden Märkten ist diese Strategie durchaus sinnvoll, da die Zinsen langfristig höher ausfallen als kurzfristig. Nach den Abschreibungen geriet die Investmentbank in Zahlungsschwierigkeiten, da die Bank auch keine Geschäfte im Privatkundensektor betrieb. Insgesamt konnten Aktiva in Höhe von 400 Milliarden Euro im September 2008 nicht mehr finanziert werden.[40] Auch die IKB Deutsche Industriebank AG wurde durch die Krise in Mitleidenschaft gezogen. Mit einer Summe von 8,1 Milliarden Euro beteiligte sich die Bank mit 63,8 Prozent am Asset Backed Security-Fonds Rhineland Funding. Dieser investierte 70 Prozent in AAA- beziehungsweise AA-geratete Wertpapiere und nur 2 Prozent machten die laut Rating riskanten Wertpapiere aus. Erst mit den Preisstürzen am zusammengebrochenen Markt wurden die 8,1 Milliarden Euro als Risiken in der Bilanz sichtbar. Dagegen stand allerdings nur ein Eigenkapital in Höhe von 1,4 Milliarden Euro. Die Bank kam dadurch in Liquiditätsengpässe und auch ein kompletter Vertrauensverlust in das Institut folgte.[41] Ähnlich erging es der Landesbank Sachsen, die sich am Fonds Ormond Quay mit 17,3 Milliarden Euro beteiligte. Der Fonds investierte hauptsächlich in die am besten gerateten Anleihen. Durch die Krise und den daraus folgenden Verlusten geriet der Fonds jedoch in Zahlungsschwierigkeiten. Da für die Landesbank Sachen eine Nachschusspflicht bestand, geriet sie selbst in Probleme, da das Eigenkapital der Bank von 1,1 Milliarden Euro zum Nachschießen nicht ausreichte. Dazu kam, dass Anleger immer mehr ihrer Gelder aus dem Fonds abzogen. Dies bewirkte die Austrocknung der Refinanzierung, bis der Fonds nicht mehr finanziert werden konnte.[42] Wie die Probleme dieser Kreditinstitute gelöst wurden und sich die Geschäftsmodelle der Banken entwickelten wird in Gliederungspunkt 4.2.1 „Hilfspakete und Übernahmen“ geklärt.

In Amerika müssen Unternehmen die Marktpreise der Anlagegüter zwingend in ihren Bilanzen ausweisen. Da die hypothekenkreditbesicherten Asse Backed Security Anleihen nicht mehr nachgefragt wurden, hatten sie fast keinen Wert mehr. Da dieser Wert auszuweisen war, wären fast alle Banken Amerikas damals insolvent gewesen. Um dies zu verhindern, wurde in Amerika beschlossen, dass 2008 die Papiere zu Anschaffungskosten bilanziert werden durften. Das verschaffte den Banken Zeit, ihre finanzielle Situation zu verbessern. Allerdings erzeugte dieser bilanzielle Spielraum ab August 2007 ein immenses Misstrauen zwischen den Banken.[43] Jedes Kreditinstitut musste befürchten, dass das Kreditinstitut, welches Geld von ihnen lieh, in die risikoreichen Asset Backed Security Anleihen investierte. Das Risiko, selbst durch das Leihen des Geldes Verluste zu machen, brachte den Interbankenmarkt zum Erliegen. Damit sich dieses Geschäft wieder lohnte, wurden im Folgenden die Risikoprämien für diese Kredite angehoben, was allerdings kaum Wirkung zeigte.[44] In Abbildung 3 wird veranschaulicht, dass die Kreditinstitute ihre Liquidität, die sie kurzfristig nicht benötigten, seit November 2008 verstärkt bei der Europäischen Zentralbank anlegten. Dieses geldpolitische Instrument wird als Einlagenfazilität bezeichnet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 Inanspruchnahme der Einlagenfazilität bei der Europäischen Zentralbank (in Milliarden Euro) (online: RINNE, 2011 (12.08.2013))

[...]


[1] vgl. JASCHINSKI, 2011, S. 1

[2] vgl. ebenda

[3] GEISST, 2007, S. 425

[4] vgl. online: BUDZINSKI; JASPER; MICHLER, 2010 (12.08.2013)

[5] vgl. GRILL; PERCZYNSKI, 2011, S. 234

[6] vgl. QUIRING u. a., 2013, S. 14-15

[7] vgl. GRILL; PERCZYNSKI, 2011, S. 235

[8] vgl. BLOSS u. a., 2009, S. 18-19

[9] vgl. JASCHINSKI, 2011, S. 43-44

[10] vgl. BÄR, 2000, S216-217

[11] vgl. online: Aufstieg und Fall des Neuen Markts, 2009 (12.08.2013)

[12] vgl. BLOSS u. a., 2009, S. 165

[13] vgl. online: SCHEIBLECKER, 2008, S. 1 (12.08.2013)

[14] vgl. QUIRING u. a., 2013, S. 14

[15] vgl. ELSCHEN; LIEVEN, 2009, S. 86

[16] vgl. QUIRING u. a., 2013, S. 14-15

[17] vgl. ZIMMERMANN u. a., 2009, S. 11

[18] vgl. ZIMMERMANN, 2009, S. 15

[19] vgl. QUIRING u. a., 2013, S. 16

[20] vgl. ebenda, S. 16

[21] vgl. BLOSS u. a., 2009, S. 21-22

[22] vgl. QUIRING u. a., 2013, S. 16-17

[23] vgl. BÄR, 2000, S. 216-217

[24] vgl. JASCHINSKI, 2011, S. 146

[25] vgl. ELSCHEN; LIEVEN, 2009, S. 146

[26] vgl. ebenda, S. 178

[27] vgl. ebenda, S. 178

[28] vgl. JASCHINSKI, 2011, S. 221

[29] vgl. ELSCHEN; LIEVEN, 2009, S. 221

[30] vgl. LESCHKE u. a., 2009, S. 186

[31] vgl. QUIRING u. a., 2013, S. 18

[32] vgl. TICHY u. a., 2009, S. 11

[33] vgl. ZIMMERMANN u. a., 2009, S. 7

[34] vgl. ELSCHEN; LIEVEN, 2009, S. 207

[35] vgl. ebenda, S. 187

[36] vgl. JASCHINSKI, 2011, S. 111

[37] vgl. BLOSS u. a., 2009, S. 109

[38] vgl. JASCHINSKI, 2011, S. 110-111

[39] vgl. TICHY u. a., 2009, S. 302

[40] vgl. JASCHINSKI, 2011, S. 47-48

[41] vgl. ebenda, S. 44

[42] vgl. ebenda, S. 45

[43] vgl. ebenda, S. 49-50

[44] vgl. TICHY u. a., 2009, S. 302

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Über die Finanzkrise und ihre Folgen für die Bundesrepublik Deutschland bis 2009
Untertitel
Eindämmung ihrer Negativfolgen durch staatliche Interventionen
Hochschule
Berufsakademie Sachsen - Glauchau
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
40
Katalognummer
V302854
ISBN (eBook)
9783668013964
ISBN (Buch)
9783668013971
Dateigröße
985 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Finanzkrise, Weltfinanzkrise, Krise, Wirtschaftskrise, Geschichte Finanzen, staatliche Intervention, staatliche Eingriffe, Immobilienblase, Spekulationsblase, Bubble, Blase, Konjunkturpaket
Arbeit zitieren
Romy Scholz (Autor), 2013, Über die Finanzkrise und ihre Folgen für die Bundesrepublik Deutschland bis 2009, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302854

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