Operation Walküre. Militärischer Widerstand ab 1940


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
36 Seiten, Note: 2.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. EINLEITUNG

II. EID UND GEHORSAM

III. FRÜHER MILITÄRISCHER WIDERSTAND

IV. MILITÄRISCHER WIDERSTAND ZWISCHEN AB 1940
Kapitel I: Allgemeines Heeresamt unter Olbricht
Kapitel II: Walküre-Befehl
Kapitel III: Grundbefehl
Kapitel IV: Friedrich Fromm und dermilitärische Widerstand
Kapitel V: Tresckowund die Heeresgruppe Mitte
Kapitel VI: Attentatsversuche des Militärs 1943
Kapitel VII: Hinzuziehung Stauffenbergs

V. JULI 1944
Kapitel I: Der 11. und 15. Juli
Kapitel II: Planungen für den Ernstfall
Kapitel III: 20. Juli
Kapitel IV: Gründe des Scheiterns

VI. SCHLUSS

LITERATURVERZEICHNIS
Medien
Digitale Medien

ANHANG
Kurzbiographien

I. Einleitung

Der 20. Juli 1944, das Stauffenberg-Attentat, Operation Walküre. Diese Begriffe stehen synonym für ein und dasselbe Ereignis, nämlich für den Versuch, Hitlers Herrschaft mithilfe des Militärs und eines ausgefeilten Putschplans zu beenden. Mit den Termini Militär und Putschplan wird sich diese Arbeit befassen, denn es werden die Geschehnisse rund um den 20. Juli näher beleuchtet, wobei ein be­sonderes Augenmerk auf drei Schwerpunkte gelegt wird. Zum einen geht es um die Planung des Staatsstreichplans und dessen umfassende Vorgeschichte, zum anderen um Militärzentren, die in diese Pläne involviert waren. Deshalb erhält die Arbeit den Namen „20. Juli 1944. Planungen des Militärs“.

Im Hinblick auf das Hauptaugenmerk sollen unter anderem folgende Fragestel­lungen beantwortet werden: Was ist unter Walküre zu verstehen? Weshalb tritt dieser Begriff immer wieder mit dem Staatsstreich 1944 auf? Was wurde geplant und wie sollte der Plan umgesetzt werden? Welche Probleme gab es zu bewälti­gen? Inwiefern war der Putsch vielversprechend? Warum erfolgte der Staats­streich erst im Jahre 1944 so kurz vor Kriegsende? Warum scheiterte der Putsch? Auf diese zum Teil richtungsweisenden Fragen soll speziell eingegan­gen werden.

Einige Sachverhalte werden bewusst ausgeblendet beziehungsweise nur kurz behandelt, da die Informationsfülle sonst die Arbeit vollkommen überfrachten würde. Zivile Oppositionelle werden nur kurz erwähnt, die militärische Lage Deutschlands ebenfalls nur grob umrissen. Dieses Faktenwissen ist für diese Ar­beit unbedeutend, da sich die militärischen Putschplanungen, welche hier spezi­ell besprochen werden, größtenteils auf innenpolitische Angelegenheit bezogen sind und weniger auf außenpolitische.

Die Arbeit gliedert sich in vier Themenkomplexe, die zum Teil mehrfach in Kapitel untergliedert sind. Die Themen bauen aufeinander auf, es verbindet sie stets ein roter Faden. Zum Einstieg geht es um den Soldateneid innerhalb des Militärs und um die Fragestellung, weshalb dieser nach August 1934 den Verschwörern zu einem ernsten Problem wurde. Daraufhin wird über den frühen militärischen Wi­derstand informiert und erläutert, warum dieser für den späteren militärischen Widerstand von großer Bedeutung war. Das nächste Thema umfasst den Haupt­teil der Arbeit. Es handelt von den Protagonisten, die während der Jahre vor dem 20. Juli umfassende Staatsstreichpläne im Falle der Ermordung Hitlers diskutier­ten und ausarbeiteten. Diese Pläne werden dargestellt und analysiert werden. Danach gelangt der Leser zum Thema „Juli 1944“, welches auf den Hauptteil aufbaut und noch detaillierter über verschiedenste geplante Abläufe der Putsch­pläne aufklären soll. Anschließend folgen die Gründe für das Scheitern des Putschs, zuletzt rundet der Schlussteil die Arbeit ab, in dem ein kurzes Fazit ge­zogen wird.

Da den Rezipienten viele Personen flüchtig vorgestellt werden, sei darauf auf­merksam gemacht, dass im Anhang eine Kurzbiographie zu einigen Personen zu finden ist. Hauptprotagonisten werden dort aber nicht angeführt, da sie allgemein bekannt sind oder in der Arbeit selbst näher beleuchtet werden. Diese Lebens­läufe sind sinngemäß dem Buch „Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli“ von Fest dankend entnommen.

II. Eid und Gehorsam

Der Wortlaut des Fahneneids der Soldaten der Reichswehr lautete bis August 1934 wie folgt:

Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich meinem Volk und Vaterland allzeit treu und redlich dienen und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen.[1]

Als Hitler sich im August 1934 der Funktion des Reichspräsidenten bemächtigte und somit alle Staatsgewalt in seiner Person vereinigte, war die Weimarer Ver­fassung nicht nur endgültig ausgeschaltet und die Demokratie zur Diktatur ver­kommen. Hitler fasste den Entschluss, durch den sogenannten Führereid die ge­samte neu geschaffene Wehrmacht auf sich zu vereidigen. Jeder Soldat hatte den folgenden Eid zu leisten:

Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Obersten Befehls­haber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzuset- zen.[2]

Der Eid befahl wie auch der alte Eid bis August 1934 unbedingten Gehorsam. Al­lerdings musste man bis August 1934 auf sein Volk und Vaterland schwören und auf keine Person. Nachdem der Führereid Gesetzeskraft besaß, war es enorm schwer, Gefolgsleute und Mitverschwörer zu finden, die bewusst den Eid zu bre­chen wagten. Viele Soldaten hielt die militärische Ehre ab, die direkt mit dem Fahneneid zusammenhing. Hitler nutze und modifizierte die „Gehorsamstradition seit der Zeit des preußischen Absolutismus“[3] zu seinen Gunsten. Die einzige Möglichkeit, der Gehorsamsverweigerung zu entgehen, war der Rücktritt, der Ab­schied oder der Ruhestand.[4] Die ersten beiden Möglichkeiten standen allerdings nur hohen Militärs zur Auswahl. Bei Gehorsamsverweigerungen drohten empfind­liche Strafen, bei Fahnenflucht oder Wehrkraftzersetzung die Todesstrafe, bei ei­nem Hochverrat war die Todesstrafe unabwendbar. Somit wird klar, dass jegliche Verweigerung des Führereids mit Strafen endete, die kein Soldat ohne weiteres in Kauf nehmen wollte. Die Widerstandskämpfer hingegen waren mutig genug, eventuelle Strafen auf sich zu nehmen. Ebenfalls beriefen sich die Widerstands­kämpfer auf das Militärstrafgesetzbuch, Paragraph 47/2, wonach man sich straf­bar macht, wer kriminelle Befehle eines Vorgesetzten befolgt.[5] Dies erklärt unter anderem, warum es doch Personen gab, die sich dem Eid entzogen.

Zu Beginn des militärischen Widerstands in den Jahren 1937 bis 1940 gab es mehrere Überlegungen, Hitler zu einem Rückrudern seiner außenpolitischen Zie­le zu zwingen. Wegen dieser Überlegungen wird deutlich, dass schon am Vor­abend des Zweiten Weltkrieges über Protest im Kreise militärischer Gegner Hit­lers diskutiert wurde.

III. Früher militärischer Widerstand

Während der frühen Phase des Widerstands wurde versucht, den Eidbruch zu umgehen. Ziel war eine bestimmte Art von Protest und kritischem Hinterfragen. Dies konnte nur vonstatten gehen, wenn sich hohe Generäle finden ließen, die direktes Vortragsrecht bei Hitler hatten, also mit Hitler direkt in Verbindung stan­den. Dies war deshalb nötig, da Briefe oder Denkschriften auf dienstlichem Weg auf Defätismus geprüft wurden, bevor sie Hitler vorgelegt wurden.[6] Da Hitler alle Fäden als Diktator des Deutschen Reiches in der Hand hielt, musste demnach versucht werden, diesen zumindest zu beeinflussen, um bestimmte außenpoliti­sche Ziele Hitlers berichtigen zu können. Die Beeinflussung war das Ziel des frü­hen militärischen Widerstands. Da die meisten Soldaten noch durch die Reichs­wehr ausgebildet worden sind, waren diese den faschistischen Wahn am wenigs­ten verfallen. So wird schnell ersichtlich, dass sich logisch betrachtet nur im Mili­tärwesen die wenigstens fanatischen Hitleranhänger befanden. Im Gegensatz dazu konnten sich Männer dem paramilitärischen Verband SS anschließen, wenn von der NS-Doktrin genug durchdrungen. Den Fanatismusmangel innerhalb der Wehrmacht kritisierte Hitler, als er den Oberbefehlshabern des Heeres einmal unterstellte, dass es dessen Aufgabe sei, das Heer nationalsozialistisch zu er­ziehen, wobei er niemanden kenne, der dazu im Stande sei.[7] Den ersten Schritt in Richtung Widerstand vollzogen Werner von Fritsch, der Oberbefehlshaber des Heeres, Werner von Blomberg, der Oberbefehlshaber der Wehrmacht sowie der Außenminister Konstantin Freiherr von Neurath. Dies entnimmt man der Hoß- bach-Niederschrift, in welcher festgehalten wurde, wie Hitler den wichtigsten Ver­tretern der Wehrmacht im Beisein des Außenministers seine radikale Außenpoli­tik der nächsten Jahre vorstellte. Alle drei genannten Personen legten vehement Widerspruch ein. Hitler selber erkannte bei dieser Konferenz am 5. November 1937, dass hohe Vertreter der Wehrmacht ihm gegenüber zu kritisch gegenüber- standen.[8] Das Widersprechen Fritschs und Blombergs endete mit Entlassungen, im Falle Neuraths mit der Versetzung. Hitler löste das Reichskriegsministerium auf, schuf unter General Wilhelm Keitel, der als loyal gegenüber Hitler galt, das

Oberkommando der Wehrmacht (OKW)[9] und Hitler übernahm persönlich den Oberbefehl über die gesamte Wehrmacht.[10] Dieses Szenario ist auch bekannt unter Blomberg-Fritsch-Krise. Anfang 1938 hatte der Diktator somit die höchsten Wehrmachtsränge gesäubert, seine Interessen und Handeln konnte somit wei­testgehend auf höchster Ebene nicht mehr hinterfragt werden. Zudem stand ihm nach der Entlassung Blombergs „kein Repräsentant der Gesamtstreitkräfte mehr gegenüber“.[11]

Allerdings löste die Blomberg-Fritsch-Krise das erste weitverbreitete Unverständ­nis niederer und mittlerer Hierarchieebenen der Wehrmacht aus. Zu nennen sind beispielsweise Ludwig Beck, Friedrich Olbricht, Hans Oster und Henning von Tresckow. Es war deutlich zu erkennen, dass Hitlers Handeln nur das Ziel ver­folgte, die unbequeme und kritische Generalität der Wehrmacht auszuschalten. Dies führte zu einer sich „rasch vermehrenden Zahl von Regimegegnern.“[12] Beck versuchte nach diesen Vorkommnissen wiederholt, Vorgesetzte zum Widerstand aufzurufen, nachdem Hitler im Sommer 1938 erklärte, in einigen Monaten die Tschechoslowakei anzugreifen, einen Staat, in welchem sich das Sudetenland befand. Seine Vorgesetzten weigerten sich allerdings. Das Sudetenland wurde nach der Kriegsniederlage 1918 an die Tschechoslowakei abgetreten. Es handel­te sich um Grenzgebiete innerhalb der Tschechoslowakei, die mehrheitlich von Deutschen besiedelt waren. Unter Vorbehalt der Rettung der Sudetendeutschen wollte Hitler das Sudentenland annektieren und die restliche Tschechoslowakei zerschlagen. Dies wollte Generaloberst Beck verhindern, weil dadurch ein mögli­cher Krieg gegen Frankreich, dem Bündnispartner der Tschechoslowakei,[13] un­abdingbar erschien. Da er selbst allerdings kein direktes Vortragsrecht bei Hitler hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als 1938 mehrere Denkschriften zu verfas- sen[14], welche er dem Oberbefehlshaber des Heeres Walther von Brauchitsch übergab. Da diese aber meist von ausgewählten Personen Hitlers auf Defätismus im Sinne der Nationalsozialisten geprüft wurde, kamen sie meist nicht an oder wurden nur teilweise Hitler weitergeleitet. Deshalb bat Beck um Abschied. Der Rücktritt wurde von Hitler am 21. August 1938 genehmigt. Allerdings endete sei­ne Karriere als Regimekritiker und Widerstandskämpfer nicht. Mit dem ehemali­gen Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler, der ebenfalls zum Regimegeg­ner wegen Verfolgungen von Minderheiten in seiner Zeit als Bürgermeister wur­de, iniziierte er mit anderen hohen Militärs einen Putsch gegen Hitler, der unter dem Namen Septemberverschwörung bekannt ist. Ziel war es, nach Hitlers Be­fehl, die Tschechoslowakei anzugreifen, diesen zu verhaften und vor ein Gericht zu stellen. Hier erkennt man eine erste Verschärfung der Mittel, die die Wider­standskämpfer nutzten. Nach der gescheiterten Beeinflussung Hitlers ging man nun dazu über, eine Verhaftung Hitlers zu erwirken. Nur das Münchener Abkom­men konnte der Verhaftung Hitlers zuvorkommen. Es wurde kurz vor dem ge­planten Angriff auf die Tschechoslowakei unterzeichnet und war das Diktat west­europäischer Staaten, das Sudentenland dem Deutschen Reich zuzusprechen. Hitler musste also nicht Krieg führen, der Putschversuch war gescheitert. Es ist strittig, ob man Hitler überhaupt hätte vor Gericht stellen können, da Gefolgsleute Hitlers versucht hätten, diesen zu befreien. Da Hitlers Stellvertreter ebenfalls Na­tionalsozialisten waren, kann vermutet werden, dass diese mit Tausendschaften von SS Trupps den Ort der Festsetzung Hitlers gestürmt hätten. Genau diese Kri­tikpunkte müssen die Verschwörer später aber diskutiert haben, denn genau ein solches Szenario sollte unter allen Umständen bei einem nächsten Putschver­such einkalkuliert oder verhindert werden.

Durch diese Verschwörung trat Beck in Verbindung mit Erwin von Witzleben, Wolf-Heinrich von Helldorf und weiteren Widerstandskämpfern.[15] All diese Män­ner sollten bei der Verschwörung des 20. Juli eine Rolle spielen. Zur gleichen Zeit entstand die Verbindung zwischen Beck und Olbricht durch Goerdeler. Ganz umsonst war diese frühe Verschwörung also nicht. Beck machten diese Kontakte zu dem gefragten Mann des späteren militärischen Widerstands.

IV. Militärischer Widerstand zwischen ab 1940

Kapitel I: Allgemeines Heeresamt unter Olbricht

Olbricht wurde am 15.02.1940 ins Allgemeine Heeresamt (AHA) versetzt und dort zum Chef ernannt. Zuvor war er Chef einer Division im Wehrkreis IV, wodurch er 1934 in Kontakt mit dem Leipziger Oberbürgermeister Goerdeler trat.[16] Es war ein großer Karrieresprung, wobei er sich keinen bürokratischen Posten wie die­sen gewünscht hatte. Der Posten als Chef des AHA war ein strategisch entschei­dender Gewinn für den militärischen Widerstand. Mit Olbricht fand Beck einen Mann, der weitreichende Einsicht in Militärangelegenheiten besaß, beispielswei­se wegen der dienstlichen Verbindungen zu den Wehrkreisen.[17] [18] Das AHA war vor Kriegsbeginn vor allem für das Personal und Material verant­wortlich. Dem AHA unterstanden unter anderem die Abteilungen der Heeresbe­kleidung als auch die Abteilungen, welche für die Herstellung, Lagerung und Ver­teilung von Waffen und Munition verantwortlich waren. Normalerweise wurde dem AHA von der obersten Führung der Auftrag erteilt, bestimmten Heeresgrup­pen Material zukommen zu lassen. Nicht immer waren die Aufträge mit der Reali­tät vereinbar, weshalb man mit der Organisationsabteilung des Generalstabs des Heeres Kontakt aufnehmen musste, um die Widersprüche zwischen den Bedürf­nissen und vorhandenen Mitteln auszuräumen.[19] Durch diese Abteilung entstand der Kontakt mit Stauffenberg, der dort arbeitete und einen zuverlässigen Ein­druck auf Olbricht hinterließ. Nach der Mobilmachung war das AHA nicht mehr dem Oberbefehlshaber des Heeres, ab Dezember 1941 Hitler persönlich, son­dern dem neu geschaffenen Posten des Befehlshabers des Ersatzheeres unter­stellt. Vorteil dieser Maßnahme war eine gewisse Entscheidungsfreiheit, die Hitler ihm direkt unterstellten Ämtern nicht gewährte. Der Nachteil war die Herabstu­fung in der Militärhierarchie, wodurch Olbricht selbst kein direktes Vortragsrecht bei Hitler mehr besaß.

Der Chef des AHA wandte sich höchstwahrscheinlich 1940, also kurz nach sei­nem Amtsantritt, dem Widerstand aktiv zu, auch wenn er schon vor 1940 Kontakt zu Widerstandskämpfern hatte. Spätestens 1942 war er der Cheforganisator des Putschversuchs. Obwohl Olbricht nun weitreichende Einsichten genoss, blieb es bei dem Hauptproblem der Verschwörer, keinen Putsch planen zu können, ohne die Befehlsgewalt über Truppen zu besitzen. Diese Befehlsgewalt hatte Ol- bricht als militärischer Bürokrat nicht. Es würde auch nicht reichen, auf die Poli­zeitruppen des Polizeipräsidenten und Mitverschwörer Helldorf zu hoffen, da die in Berlin stationierten SS-Einheiten besser bewaffnet waren. Die Befehlsgewalt über Soldatentruppen hatte ausschließlich sein Vorgesetzter, der Oberbefehls­haber des Ersatzheeres Friedrich Fromm. Nach den Erfolgen Hitlers bis 1941 war es mit einigen Ausnahmen unmöglich, neue hochrangige Verschwörer zu finden. Durch das Scheitern des Blitzkrieges 1941 und aufgrund der Winterkrise 1941/42 gewann man im Kreise der Verschwörer wieder Mut, doch noch gegen Hitler den entscheidenden Schlag zu wagen. Ein unausgearbeiteter Plan sollte den Verschwörern dienlich sein. Im Sommer 1941 bekam Olbricht von Fromm die Aufgabe, Möglichkeiten hinsichtlich der Aufstellung neuer Divisionen im Notfall zu prüfen. Am 28. Oktober 1941 ordnete das AHA die Aufstellung dieser Divisionen an, die bis spätestens Ende November aufstellbereit zu sein hätten.[20] [21] [22] Es handel­te sich bei den Einheiten um Truppen des Ersatzheeres, die durch Stichworte wie Rheingold oder Walküre die rasche Zusammenstellung der Einheiten im Kampf­fall ermöglichen sollten. Anfänglich sollten diese Truppen als Nachschubeinhei­ten an die Ostfront geschickt werden. Olbricht erkannte zu dem Zeitpunkt aber schon, dass diese Befehle zu gänzlich anderen Zwecken genutzt werden konn­ten. Außerdem war er der bislang einzige Widerstandskämpfer in aussichtsrei­cher Position, der einen militärischen Putsch vorbereiten konnte. Der Verschwö­rerkreis legte um Jahresanfang 1942 fest, dass Olbricht die Befehle zur Aufstel­lung von Ersatzheerdivisionen in die Staatsstreichvorbereitungen einfließen las­sen solle.[23] Dies belegt beispielsweise die Aussage seines Schwiegersohns Friedrich Georgi, dem Olbricht schon im Juli 1942 ausgearbeitete Befehle gezeigt habe, die mit der Verhaftung von höheren SS-Funktionären zum Inhalt gehabt hätten. Dies beweist, dass spätestens zu Jahresbeginn 1942 festgestanden ha­ben muss, dass Olbricht sich der Sache annehmen sollte, wenn Mitte 1942 schon die wichtigen Grundbefehle formuliert waren, auf die später Bezug genommen wird.

Kapitel II: Walküre-Befehl

Olbricht machte sich Anfang 1942 an die Arbeit, die bislang die Ostfront betref­fenden Befehle nach und nach umzugestalten. Klar war, dass die Verschwörer für einen erfolgreichen Staatsstreich Kampftruppen besitzen mussten, um natio­nalsozialistischen Widerstand nach Möglichkeit auch mit Gewalt niederschlagen zu können. Der Befehl betraf in seiner ursprünglichen Form Soldaten des Ersatz­heeres, die allerdings nur an der Front eingesetzt werden durften, also nicht im Landesinneren. Der Chef des AHA änderte den Befehl ab, den er nun Walküre nannte, hinsichtlich des Einsatzortes der einzuberufenden Einheiten. Nach dieser ersten Änderung war es nun möglich, die aufgestellten Truppen auch im Heimat­kriegsgebiet für Kämpfe einzusetzen. Diese Änderung musste aber wohlüberlegt vor Hitler gerechtfertigt werden, da er den Befehl gegenzeichnen musste. Ol­bricht begründete diese und weitere Änderung mit der Lage im Deutschen Reich. So würden Heerscharen von Zwangsarbeiter dort arbeiten. Im Falle eines Auf­standes dieser wäre das Deutsche Reich schutzlos ausgeliefert, da von der Front zu der Zeit keine Soldaten abgezogen werden konnten und das Ersatzheer auch nur an der Front eingesetzt werden durfte. Um keinen Verdacht zu erregen „musste [Walküre] in eine solche Form gefasst sein, dass selbst ein nazifreundli­cher Kommandeur aus dem, was auf dem Papier stand, keinen Verdacht schöp­fen konnte, es handele sich um einen Putsch.“[24] Dies galt auch für Hitler, welcher die Bestimmung und auch alle weiteren Änderungen akzeptierte und den eigent­lichen Grund der Abänderung nicht erkannte. Anfangs sollten die neu einberufe­nen Einheiten des Ersatzheeres innerhalb von sechs Tagen marschbereit sein. Unterschieden wurde zwischen Walküre I, der Alarmbereitschaftsbefehl, und Walküre II, der Kampfbereitschaftsbefehl. Ein Putsch, der immer eine Überra­schungstat darstellt, musste deshalb möglichst schnell und konsequent durchge­führt werden. Sechs Tage war ein zu langer Zeitraum. Die Zeitspanne zwischen Alarmierung und Kampfbereitschaft wurde schlussendlich auf wenige Stunden reduziert.

Mit dem ausgearbeiteten Walküre-Befehl war allerdings zu diesem Zeitpunkt nur gewährleistet, dass im Falle von Zwangsarbeiteraufständen das Ersatzheer im Landesinneren eingreifen durfte. Später hieß es im Befehl, dass im Falle „beson­derer Bedrohung“[25] das Stichwort Walküre ausgerufen werden könne. Diese va­ge Umschreibung sollten die Verschwörer bewusst für ihren Putschplan mithilfe der Grundbefehle nutzen, die nun näher analysiert werden sollen.

Kapitel III: Grundbefehl

Nachdem Hitler das Einverständnis zur Abänderung des Walküre-Befehls gege­ben hatte, war ein großer Schritt getan. Einige Probleme waren aber noch nicht beantwortet und gelöst worden. So musste diskutiert werden, wie der gesamte nationalsozialistische Macht- und Sicherheitsapparat ausschalten werden konnte. Kurz vor Kriegsbeginn 1939 gründeten die Nationalsozialisten das Reichssicher­heitshauptamt (RSHA), eines der gefürchtetsten Ämter im Deutschen Reich. Das RSHA war in mehrere Abteilungen untergliedert. Die Geheime Staatspolizei (Ge­stapo) war die bekannteste Abteilung. Die kriminalpolizeiliche Behörde bekämpf­te vor allem Regimegegner und fusionierte 1936 mit der Kriminalpolizei zur Si­cherheitspolizei (Sipo). Weiter folgten Abteilungen wie der Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS (SD), der als Geheimdienst der SS fungierte und genauso wie die Geheime Staatspolizei für zahlreiche Verbrechen verantwortlich war. Nicht di­rekt zum Sicherheitsapparat gehörte die Schutzstaffel SS, die mit der NSDAP den Machtapparat der Nationalsozialisten ausmachte. Dieser Macht- und Sicher­heitsapparat stand also den Verschwörern in der Heimat entgegen.

[...]


[1] Friedrich Georgi, Wir haben das Letzte gewagt..., General Olbricht und die Verschwörung gegen Hitler. Freiburg im Breisgau 1990, S. 157.

[2] Friedrich Georgi, Das Letzte gewagt, S.157.

[3] Dieter Ehlers, Technik und Moral einer Verschwörung, Der Aufstand am 20. Juli 1944. Bonn 1964, S. 56.

[4] Vgl. Ebd., S. 57.

[5] Vgl. Ehlers, Technik einer Verschwörung, S.59.

[6] Vgl. Hoffmann, Widerstand-Staatsstreich-Attentat, S.98.

[7] Vgl. Joachim Fest, Staatstreich. Der lange Weg zum 20. Juli. Berlin 1997, S. 186.

[8] Vgl. Fest, Staatstreich, S. 62.

[9] Das Oberkommando der Wehrmacht war für Planungsaufgaben verantwortlich, zwischen 1938­1945 eines der höchsten Organisationen der Wehrmacht und Hitler unterstellt. In der Dienstgradhierarchie des Deutschen Reichs gab es nur zwei Posten, die dem Chef des OKW höhergestellt waren, nämlich der Reichsmarschall Göring, der allerdings innerhalb der Wehrmacht keine Machtbefugnisse besaß sowie der Oberbefehlshaber der Wehrmacht Hitler.

[10] Vgl. Fest, Staatstreich, S. 66.

[11] Ebd., S. 66.

[12] Ebd., S. 72.

[13] Vgl. Peter Hoffmann, Widerstand-Staatsstreich-Attentat, München 1970, S. 70.

[14] Vgl. Friedrich Georgi, Das Letzte gewagt, S. 42.

[15] Vgl. Hoffmann, Widerstand-Staatsstreich-Attentat, S. 105f.

[16] Vgl. Friedrich Georgi, Soldat im Widerstand, General der Infanterie Friedrich Olbricht. Berlin Hamburg 1989, S. 27.

[17] Vgl. Helena P. Page, General Friedrich Olbricht. Ein Mann des 20. Juli. Bonn 1994, S. 159.

[18] Vgl. Ebd., S. 129f.

[19] Vgl. Ebd., S. 132.

[20] Vgl. Page, General Olbricht, S. 153.

[21] Vgl. Fest, Staatsstreich, S.190.

[22] Vgl. Bernhard Kroener/Rolf-Dieter Müller/Hans Umbreit, Das Deutsche Reich und der zweite Weltkrieg Bd. 5, Organisation und Mobilisierung des deutschen Machtbereichs. Kriegsverwaltung, Wirtschaft und personelle Ressourcen 1939-1941 Hbd. 1. Stuttgart 1988, S. 886f.

[23] Vgl. Page, General Olbricht, S. 187.

[24] Heinrich Fraenkel/Roger Manvell, Der 20. Juli. Berlin 1964, S. 55.

[25] N/A, Das deutsche Militärwesen 1933-1945, (letzte Aktualisierung am 27.05.2010), in: Das Bundesarchiv [online], URL: http://www.bundesarchiv.de/oeffentlichkeitsarbeit/bilder_dokumente/00845/index-30.html.de (abgerufen im Januar 2013).

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Operation Walküre. Militärischer Widerstand ab 1940
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Hauptseminar "Widerstand im Dritten Reich"
Note
2.0
Autor
Jahr
2013
Seiten
36
Katalognummer
V302874
ISBN (eBook)
9783668014244
ISBN (Buch)
9783668014251
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hitler, Drittes Reich, Widerstand, Operation Walküre, Walküre, Stauffenberg, Tresckow, Olbricht, Fromm, 20. Juli 1944, Hitler-Attentat, militärischer Widerstand, Zeit des Nationalsozialismus, Putsch, 1944
Arbeit zitieren
Alexander Gaida (Autor), 2013, Operation Walküre. Militärischer Widerstand ab 1940, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302874

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