Das Nibelungenlied und die mittelhochdeutsche Heldenepik

Lernzusammenfassung


Zusammenfassung, 2008
24 Seiten

Leseprobe

1. Das Nibelungenlied

1.1 Die Heldensage

Die Heldensage ist nur ein Teilbereich der Sage. Die Wurzeln der Heldensage, liegen in der Geschichte.

Wurzeln: Die Heldensage ist definiert nach dem 'heroic age'. Dies ist ein wichtiger Bestandteil der Sage. Dennoch sind Sagen keine Geschichtsdichtungen! Im Zuge der Sagenbildung werden historische Ereignisse umgewandelt und nahezu unkenntlich gemacht. Heldensagen zu vergleichen ist ein grundlegender Mechanismus des Sagenbildungsprozesses:

Reduktion und Privatisierung: Historische Ereignisse werden auf private Konflikte reduziert und auf elementare menschliche Aspekte, wie etwa Wut und Hass. Probleme einzelner Personen stehen im Vordergrund.

Assimilation: Erzählt werden Sagen in 'Mustern', wie etwa der Brautwerbung und Rachehandlungen. Es gibt feste gattungsübergreifende wirksame Rollen (z.B. schwache Könige, Heimkehrer, Rächer...). Die biographische Topik ist das Heldenlebenschema. Andere Stereotypen sind etwa ungewöhnliche Geburten, gefährdete Jugend, Abenteuer usw.

Synchronisation: Historische Zeiten verschmilzen in der erschafften Heldenzeit. Epische und historische Überlieferungsstränge treten auseinander. Es entstehen Indifferenzen. Die Abfolge der Zeiten, die der Geschichtsschreibung entspricht, gerät in manchen Fällen durcheinander. Integration / Zyklus: Stoffliche Bereiche aus dem Gesamtbereich der Heldensage wachsen durch Personen und Plätze zu einem Zyklus zusammen. Es sind zyklushafte Aneinanderreihungen der Sagen. Es entstehen Sprossfabeln, durch die die heroische Welt aufgebaut und differenziert wird.

Der Mythos: Er wird sekularisiert und neu aufgefüllt mit Materialien aus der Geschichte und Literatur.

1.2 'Oral Poetry'

1. Oral Poetry und oral-formulaic composition: Vom Feldversuch zum Paradigma

Oral Poetry ist mündlich entstanden ohne irgendeine schriftliche Form, es können Dichtungen, Märchen oder Sprichwörter sein, die von der Schrift gelöst sind.

Kennzeichen:

- gebundene Rede
- Die Parataxe dominiert, also wenige Nebensätze - Häufiger Einsatz fast identischer Formen
- Vorausdeutungen und Rückblenden für den roten Faden des Erzählers und des Publikums All diese Merkmale können schriftlich literarisch nachgeahmt werden. Dann handelt es sich nicht um oral poetry sondern um inszenierte Mündlichkeit.

2. Das Nibelungenlied als mündlicher Epos? Eine Analyse der 1. Strophe (A, C)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Uns: Der Erzähler spricht als Kollektiv, in dem er selbst mit aufgeht. Er tritt nicht als Einzelperson auf, sondern schließt sich ein.

Alten maeren: alte Kunden / Nachrichten: Historische Distanz zum Stoff, der keine schriftliche Quelle hat.

wunders: wunderbares / erstaunliches geseit: mündliche Überlieferungen helden / recken: veraltete Begriffe

fröiden: höfische Epik, top-aktuelle Signalworte

Das Nibelungenlied steht zum althistorischen Stoff und zur höfischen Tradition. Eine zeitgemäße Gestaltung wird angestrebt. Der Gegensatz von alt und neu setzt sich weiter fort. Es sind ständige Gegenstatzpaare (fröiden / weinen).

hoeren sagen: Mündliche Überlieferung gepaart mit dem aktuellen Vortrag. Es ist inszenierte Mündlichkeit. Der Dichter verladet Mittel der Mündlichkeit ins Schriftliche um die Mündlichkeit zu inszenieren.

1.3 Heldendichtung im Frühmittelalter: Zeugnisse und Hypothesen

Es gibt Quellenprobleme um Frühmittelalter. Dies ist kein Zufall sondern die Folge einer hohen Verlustrate, bedingt durch den Abbruch mündlicher Traditionen. Die Texte waren nicht zur Schriftlichkeit geeignet. Es sind jedoch Sagen in altenglischer / altnordischer Sprache überliefert und uralte Heldenlieder wurden im vollen Maß der Hypothetik rekonstruiert. Die Existenz heroischer Stoffe ist zwar überliefert, jedoch nicht das gesamte Ausmaß. Die Existenz von Vorstufen ist klar, jedoch nicht überliefert. Dennoch muss man sich damit beschäftigen.

Für das Fortleben der Stoffe weit über das Mittelalter hinaus gibt es viele Belege:

„ Repertoirstrophe des Marner “ : Rede von Kriemhilts Verrat, ganz unabhängig erwähnt im 13. Jahrhundert.

Vorschriftliche/mündliche Heldendichtung: Im niederdeutschen Raum waren die Sagen weit verbreitet. In Süddeutschland bestätigt die Klage das gleiche, alt und jung würden die Nibelungen- Geschichte kennen. Das Anno-Lied berichtet vom Untergang mächtiger Reiche, vom Bruch mit Traditionen. Der Autor der 'Kaiserchronik' befürchtet, dass durch diese Texte die historische Wahrheit verloren gehen.

Ein Bischof um 1060 hielt die Kirchenväter für langweiliger als den Nibelungen-Stoff. Stoffe: Wolfgang Haubriechs

Fabel von der Verletzung und Wiederherstellung der Ordnung. Thema ist Rache. Fabel um die Kämpfe mit Ungeheuren und Andersweltwesen. Fabel mit tragischer oder versöhnlicher Inszenierung von Wertkonflikten.

Gemeinsam all diesen drei Klassen von Heldendichtungsstoffen: Zug zur Außergewöhnlichkeit. (des Ungeheures, der Rechtsverletzung und der Rächung von dieser, die raffinierte Zuspitzung von Wertkonflikten)

1.4 Das Hildebrandslied

Ältestes überliefertes Zeugnis deutscher Heldendichtung.

Charakteristik: ungewöhnliche Vokalität in diesem Text ergibt sich aus:

- Die Langzeile und der germanische Stabreim

Grundform: ´x´x / ´x (Alliterationen bilden den Vers)

- Kenningar (epische Umschreibung)

guth hamun 'Kampfgewand' für Rüstung, ask 'Esche' für Speer

Diese Umschreibungen sind für die Heldendichtung an sich sehr charakteristisch.

- Paarformeln, z.B. alte anti frote, sumaro enti wintero
- Übergewicht des Dialogs

Auch unvermittelte Übergänge zwischen Erzähler- und direkter Rede: hwer sin fater wari /'eddo hwelihhes cnusles du sis.

Der Text bietet viele philologische Fragen und nur wenige Antworten

Vom Hunnenland nach Bern und Raben, der stoffgeschichtliche Hintergrund.

Die Niederschrift fand in den 830er Jahren im Kloster Fulda statt. Die Handschrift wurde über Jahrhunderte vergessen bis sie 1812 durch die Brüder Grimm in Kassel wieder entdeckt und editiert wurde. 1945 wurde die Handschrift als Beutegut in die USA verschleppt, 1954 gelangte die Handschrift nach Kassel zurück, jedoch fehlt die erste Seite. 1972 tauchte die zweite Seite wieder auf und wurde mit der Gesamthandschrift wieder vereint.

Inhalt: Zwei bewaffnete Krieger mit zwei Heere treffen aufeinander. Sie begegnen sich öffentlich und sind die Gefolgsleute von zwei Todfeinden. Die Vorgeschichte der Krieger bleiben bis zuletzt offen. Man kennt ihre Rolle nicht. Hildebrands Frage nach der Sippenzugehörigkeit eröffnet den dialogischen Hauptteil. Hadubrand ist der Sohn Hildebrand, der 30 Jahre früher außer Landes geflohen ist. Hildebrand weiß damit, wen er vor sich hat und versucht sich auszuweisen. Hadubrand reagiert herausfordernd und beleidigend, da er eine List dahinter sieht. Sie stellen sich im Kampf, auf dem Höhepunkt bricht der Text ab.

Man glaubt dennoch zu wissen, wie der Kampf ausgegangen ist: Hildebrand wird seinen Sohn töten und sein Geschlecht auslöschen. Die Quellen stimmen darin überein. Es gibt jedoch auch Quellen, von gegenseitigem Erkennen und gemeinsamer Heimkehr reden und nicht von dem blutigen Sohnesmord, diese Quellen sind jedoch selten.

Der Sänger las nicht, sondern er hörte berichten, dass sich die beiden Krieger einst trafen. Er begründet sich hiermit auf historisches Geschehen. Dass der Text je auf Pergament gelangte ist purer Zufall. Das Hildebrands-Lied lebte in der Mündlichkeit, und auch nach der Niederschrift lebte es so weiter. Das Hildebrands-Lied ist Teil der Dietrich-Saga.

Für die Deutung und Verständnis des Liedes muss man den Text angesichts der Zeit und des Ortes seiner Niederschrift betrachten.

Die Heidnisch-germanische Tragik: Tragisch im Lied ist die Ausweglosigkeit, vor allem Hildebrands Konflikt zwischen Kriegerehre und Vaterliebe. Mit dem unausweichlichen Kampf vergeht sich der Vater wissentlich am Sohn und zerstört seine Sippe. Ab Vers 17 weiß Hildebrand um die Identität seines Sohnes. Durch seine Flucht aus der Heimat hatte Hildebrand seine Familie allen Nöten ausgesetzt. Seine Vorwürfe gegen den Sohn laufen damit ins Leere. Um jedes Anzeichen von Feigheit zu vermeiden deutet Hildebrand seine Vaterschaft an. Zum Pfand seiner Freundschaft bietet er dem Sohn einen edlen Ring an. Hadubrand geht darauf nicht ein, sein Vater sei längst tot. Die tragische Ironie nimmt hier ihren Höhepunkt. Hadubrand kann nicht damit rechnen, dass sein Vater noch lebt. Ein Planspiel misslingender Kommunikation. Eindeutig sind die Folgen des unausweichlichen Kampfes.

Die Rolle des Christentums: Trotz des tragischen Bewusstseins und aller Zweifel zögert der Held des Hildebrands-Lied auch hier nicht, selbst wenn dadurch der eigene Sohn ermordet wird Hildebrand kann keinen Lohn und keine Verzeihung erwarten, auch kein christlichen Jenseits. Er muss den höchsten Preis bezahlen, den ein aristokratischer Held bezahlen kann: Den Verlust seiner Sippe. Die Geschichten der Sippe gehen mit Hadubrand unter. Hildebrand vernichtet dadurch alles, seinen Ruf und den Galanten seiner Memoria. Dies ist tragisch, da alles von Anfang an unlösbar war. Dies besteht jedoch nur für Hildebrand und somit besteht auch nur die Tragik für ihn. Bei Hadubrand ist seine Blindheit nicht ausweglos und somit auch nicht tragisch. Dies gelte auch, wenn der Kampf anders ausging und Hadubrand seine Vater töten würde und nachträglich davon erfahren würde. Hadubrand hat einen Ausweg: er könnte den Ring annehmen und dem Kampf aus dem Weg gehen. Er hat jedoch seine Entscheidung gefällt. Hadubrand wird durch die Schuld Hildebrands entlastet, der 30 Jahre lang nicht seinen Pflichten nachgekommen war.

Die Welt des Hildebrands-Lied ist anders, als die Welt des Nibelungenlieds. Es gibt keine Frauen. Im Hildebrands-Lied wird nur eine Frau erwähnt, diese tritt jedoch nicht auf. Es wird auch nicht klar, ob sie überhaupt noch am Leben ist. Nicht sie klärt Hadubrand über ihren Vater auf, sondern Fremde aus der Ferne. Ihre Sippenherkunft sind für Hadubrands Identität irrelevant. Die Sippe des Vaters konstituiert die Identität des Einzelnen sowie die Position in seiner Gesellschaft. Der Einzelne verschwindet ganz unter der Autorität seiner Ahnenschaft.

Gottesbild des Hildebrandslied: 19.05.2008

Das Hildebrandslied enthält Gottesanrufungen von Hildebrand an einen christlichen und an einen monotheistischen Gott. Diese Anrufungen gehörten schon immer zum Text. Doch welcher „waltende“ Gott tritt im Lied auf? Gott tritt als ungerührter Zuschauer hinter das autonome Geschick. Das Schicksal behält die Oberhand. Religiöse Werte und Maxime müssen über Erde und Kampf hinaus weisen, tun es in dem Lied aber nicht. Im Hildebrandslied findet sich kein christlicher Ethos, kein Himmelsparadies.

Wozu gibt es dann die Niederschrift? Im 9. Jahrhundert hatte sich die fränkisch-christliche Reichskultur etabliert und das Benediktinerkloser in Fulda war der Ort der Niederschrift und gleichzeitig Kern dieser Reichskultur. Wieso schrieben die Mönche dennoch das heidnische Lied nieder? Beweisbar ist nichts. Möglich scheinen Interessen an uralten heidnischen Liedern. Völlig kompatibel mit spezifischen christlichen Interessen und moral-didaktische Warnungen. Die Moral: Die Irdische Werte heroischer Existenz kann nur schuldhaft und tödlich enden. Überlieferungsdefizite machen eine letztendliche Entscheidung unmöglich. Es gibt auch eine kulturpolitisch-memoriale Erklärung, nämlich die Rettung des Hildebrandslieds in die Schriftlichkeit.

Spätere Rezipienten zogen einen Schlussstrich unter tragisch tödlichen Ernst des Hildebrandlieds. Daher geht es im Jüngeren Hildebrandslied gut aus:

Das 'Jüngere Hildebrandslied', 15.Jh.

Hildebrand weiß schon vorher, dass er auf seinen Sohn treffen wird. Innerhalb des Kampfes kommt er zur Erkennungszene, kämpferisch erweist sich der Vater zunächst als überlegen. Vater und Sohn schliessen sich in die Arme. Es folgt danach die Heimkehr zur Mutter, die hier stofflich zum ersten Mal auftaucht.

1.5 Die Kohärenz mhd. Heldenepik und ihr Status als heroische Dichtungen

Stoff- und Textfeld:

- Burgundischer und Siegfried-Stoffkreis: Nibelungenlied und Klage
- Hildestoff: Kudurn
- Waltherstoff: Waltharius
- Dietrichstoffkreis: Thidrekssaga
- Synthesen und Anderes: Rosengarten

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das Nibelungenlied und die mittelhochdeutsche Heldenepik
Untertitel
Lernzusammenfassung
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Das "Nibelungenlied" und die mhd. Heldenepik
Autor
Jahr
2008
Seiten
24
Katalognummer
V302919
ISBN (eBook)
9783668021297
ISBN (Buch)
9783668021303
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nibelungenlied, heldenepik, lernzusammenfassung
Arbeit zitieren
Rebecca Schwarz (Autor), 2008, Das Nibelungenlied und die mittelhochdeutsche Heldenepik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302919

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Titel: Das Nibelungenlied und die mittelhochdeutsche Heldenepik


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