Seit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert leben immer mehr Menschen in Städten. 2008 lebten erstmals mehr als die Hälfte der Erdbevölkerung in Städten, 2025 werden es voraussichtlich 61% sein. Bisher war das Muster der Stadtentwicklung also durch Wachstum geprägt.
Dass das Wachstum von Bevölkerung, Fläche, Arbeitsplätzen und der damit verbunden Wirtschaftskraft endlich ist, beschreibt das Phänomen der schrumpfenden Städte. Zwar ist der globale Prozess der Verstädterung weiterhin ungebrochen, doch verlieren Großstädte auf der ganzen Welt, beispielsweise in den USA, Russland, Großbritannien oder Deutschland, stetig an Einwohnern. Seit 1950 ist das endogene Stadtschrumpfen, das eine Schrumpfung ohne Einwirken äußerer Einflüsse wie Kriege, Epidemien,Natur- oder Umweltkatastrophen beschreibt, eine "zumindest parallele Normalität" der Stadtentwicklung geworden. Besonders davon betroffen sind ehemalige Industriezentren in Westeuropa und im Osten Nordamerikas, die hauptsächlich durch Eintreten von ökonomischen Strukturkrisen, Entstehen von Leerstand in Wohnungen, Büro- und Gewerbeflächen und Bevölkerungsrückgang gekennzeichnet sind.
Ein besonders extremes Beispiel für diese Schrumpfung ist die amerikanische Stadt Detroit: Zu Beginn des 20. Jahrhundert war sie Zentrum der Automobilindustrie und erlangte durch den Zuzug vieler Arbeitskräfte großes Wachstum. Im Jahr 1950 erreichte die Stadt ihren Höhepunkt mit knapp 1.850.000 Einwohnern, seitdem ist die Zahl stetig rückläufig. Bis heute verlor Detroit fast eine Million Einwohner, was eine Schrumpfungsquote von beinahe 50 Prozent bedeutet.
In dieser Arbeit sollen die folgenden Fragen beantwortet werden:
- Welche Ursachen gibt es für städtische Schrumpfungsprozesse?
- Welche Ursachen sind für den Schrumpfungsprozess in Detroit verantwortlich?
- Welche Herausforderungen ergeben sich für von Schrumpfung betroffene Städte?
-Welche Strategien können Städte, besonders die Stadt Detroit anwenden, um mit durch
bevölkerungsverlustbedingtem Leerstand und Brachflächen umgehen?
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung: Was ist Schrumpfung?
0.1 Problemstellung & Motivation
0.2 Fragestellung
0.3 Begriffsdefinition
1. Auslösende Ursachen
1.1 Kriege, Krankheiten und Zerstörungen
1.2 Verlust und Verknappung von Ressourcen
1.3 Änderung der Präferenzen von Einwohnern und wirtschaftlichen Aktivitäten
1.4 Demographischer Wandel
2. Ursachen für Schrumpfungsprozesse in Detroit
2.1 Wirtschaftliche Transformation
2.2 Suburbanisierung
2.3 Rassismus
3. Auswirkungen von städtischen Schrumpfungsprozessen
3.1 Schwächung der kommunalen Finanzsituation
3.2 Sozialräumliche Folgen: Entmischung und Polarisierung
3.3 Entstehen von Wohnungsleerstand und Brachflächen
4. Strategien zum Umgang mit schrumpfungsbedingten Brachflächen und Leerstand
4.1 Ideen und Beispiele verschiedener Städte
4.2 Ideen und Beispiele in Detroit
5. Zusammenfassung & Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das globale Phänomen der schrumpfenden Städte mit einem spezifischen Fokus auf die Stadt Detroit, um Ursachen für Bevölkerungsverluste zu identifizieren und Strategien zum Umgang mit den daraus resultierenden Leerständen und Brachflächen zu analysieren.
- Globale Ursachen für Stadtschrumpfung (z. B. Ressourcenverlust, demografischer Wandel).
- Spezifische Faktoren des Niedergangs in Detroit: Wirtschaftliche Transformation, Suburbanisierung und Rassismus.
- Soziale, räumliche und finanzielle Auswirkungen des Schrumpfungsprozesses auf das urbane Umfeld.
- Vergleichende Analyse von Strategien zur Neunutzung von Leerständen und Brachflächen (z. B. "Urban Farming", "Hauswächter").
Auszug aus dem Buch
2.3 Rassismus
Ein besonderer Faktor, der eng mit der heutigen Situation Detroits im Zusammenhang steht, ist der Rassismus der weißen Einwohner gegenüber der schwarzen Bevölkerung.
Als die Baumwollindustrie im Süden der USA zusammenbrach, wanderten zwischen 1940 und 1970 viele Afroamerikaner auf der Suche nach besseren Chancen in die städtischen Ballungsräume des Nordens aus. Doch durch das Einsetzten der Deindustriealisierung kam es in den Städten, so auch in Detroit, zum Abbau von Arbeitsplätzen in der Produktion. Für viele Detroiter Bürger, vor allem aber für Afroamerikaner, wurde es schwierig gut bezahlte Arbeitsplätze zu finden. Die wirtschaftliche Ungleichheit drückte sich durch "sichtbare Armut, Beengtheit und verfallene Häuser" aus, was von der "Mehrheit der ungebildeten Weißen als Anzeichen mangelnder persönlicher Moral" der Schwarzen gesehen wurde. Die wirtschaftlichen Chancen der Schwarzen wurden beeinträchtigt und durch die Ghettobildung in innerstädtischen Vierteln verschlimmert (Sugrue 2004:235). Die Vorurteile gegenüber schwarzen Einwohnern wurden weiter bestärkt und eine Wohnadresse im Stadtzentrum stigmatisierte. Der "wirtschaftliche[n] Umgestaltungsprozess[es]" brachte eine Verlagerung vieler Fabrikstandorte in ländlichen Regionen oder in die Südstaaten mit sich. Die Schwarzen konnten den Arbeitsplätzen aufgrund der streng getrennten Wohnsituation, Geldmangel und rassistischen Übergriffen nicht nachfolgen. Mit den Rassenunruhen im Jahr 1967, die 43 Todesopfer und über 1000 Verletze forderten, begann die urbane Krise Detroits, die durch die Wahl Colemann Young 1973 zum ersten schwarzen Bürgermeister von Detroit verschlimmert wurde.
Die Rassendiskriminierung sorgte dafür, dass die Schwarzen die Auswirkungen des industriellen Abbaus und die durch den Kapitalismus verursachten Ungleichheiten vermehrt zu spüren bekamen. Als Resultat entstand "eine zutiefst gespaltene Metropole" mit einer Innenstadt die überwiegend von Schwarzen bewohnt wird und beinahe völlig weißen Vorstädten (Fischman 2004:64ff; Sugrue 2004:231ff). Dieses Phänomen findet sich auch in anderen Städten und wird unter dem Begriff "White flight" diskutiert (Wikipedia 2011).
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Was ist Schrumpfung?: Einführung in das Phänomen schrumpfender Städte und Definition zentraler Begriffe wie "Schrumpfung", "Brachflächen" und "Leerstand".
1. Auslösende Ursachen: Analyse der theoretischen Erklärungsmuster und Faktoren, die städtische Schrumpfungsprozesse global auslösen können.
2. Ursachen für Schrumpfungsprozesse in Detroit: Spezifische Untersuchung der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Prozesse, die den massiven Bevölkerungsverlust in Detroit verursachten.
3. Auswirkungen von städtischen Schrumpfungsprozessen: Beschreibung der Folgen des Bevölkerungsrückgangs auf die kommunale Finanzlage, die Sozialstruktur und den physischen Zustand der Stadt.
4. Strategien zum Umgang mit schrumpfungsbedingten Brachflächen und Leerstand: Übersicht über verschiedene Ansätze, von temporären Zwischennutzungen bis hin zu Rückbaustrategien, mit besonderem Fokus auf Detroit.
5. Zusammenfassung & Schlussfolgerung: Synthese der Ergebnisse zur Schrumpfungssituation und Bewertung der Potentiale lokaler Interventionsmaßnahmen.
Schlüsselwörter
Städtisches Schrumpfen, Detroit, Deindustrialisierung, Suburbanisierung, Rassismus, Brachflächen, Leerstand, Urban Farming, Stadtumbau, demographischer Wandel, Stadtentwicklung, Segregation, White flight, Zwischennutzung, Standortqualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt das Phänomen städtischer Schrumpfungsprozesse und analysiert, wie Städte, insbesondere Detroit, mit Bevölkerungsverlusten, Leerständen und der Zunahme von Brachflächen umgehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Ursachenforschung von Stadtschrumpfung (z.B. Suburbanisierung), die sozialen und finanziellen Folgen für betroffene Kommunen sowie praxisnahe Strategien zur Neunutzung städtischer Flächen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Ursachen für das Schrumpfen von Städten zu verstehen und Strategien aufzuzeigen, wie insbesondere Detroit durch Stadtumbaumaßnahmen und kreative Neunutzung auf diese Krise reagieren kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, die theoretische Ansätze der Stadtsoziologie und Stadtplanung mit Fallbeispielen internationaler Städte sowie spezifischen Analysen der Situation in Detroit verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse globaler Ursachen, die spezifische Untersuchung der Faktoren in Detroit (Wirtschaft, Suburbanisierung, Rassismus) und die Darstellung verschiedener Strategien zum Umgang mit Brachflächen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Städtisches Schrumpfen, Detroit, Deindustrialisierung, Suburbanisierung, Rassismus, Brachflächen, Leerstand, Urban Farming, Stadtumbau und Segregation sind die prägendsten Begriffe.
Welche Bedeutung hat "Urban Farming" im Kontext von Detroit?
Urban Farming dient als beispielhaftes Instrument, das nicht nur der lokalen Lebensmittelversorgung dient, sondern durch bürgerschaftliches Engagement zur Verbesserung der Standortqualität und zur Aufwertung brachliegender Gebiete beiträgt.
Inwiefern hat der Rassismus zur Krise Detroits beigetragen?
Die Arbeit beschreibt, wie rassistische Vorurteile und die soziale Spaltung zwischen der Innenstadt und den Vorstädten (White flight) den Niedergang und die wirtschaftliche Polarisierung in Detroit signifikant verschärft haben.
- Citation du texte
- Manuela Stögerer (Auteur), 2011, Städtisches Schrumpfen. Bevölkerungsrückgang in Detroit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302967