"Super prudentia tua valde admiramur". Studien zu Papst Calixt II.


Hausarbeit (Hauptseminar), 1995
30 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B.
I. Erzbischof Guy von Vienne
1. Herkunft und Jugend
2. Die Jahre 1088-1112: Guy als Erzbischof von Vienne
3. Guy und die politische Entwicklung der Jahre 1112 bis 1119
II. Papst Calixt II.
1. Neue Festigung päpstlicher Herrschaft und eine gescheiterte Friedensinitiative
2. Das "Wormser Konkordat"

C. Machtpolitiker oder Friedensstifter?

Quellen

Literatur

Der Titel der Arbeit übernimmt ein Zitat Papst Paschalis' II. aus dem Jahre 1115 (JL 6467), worin dieser sich über die politischen Qualitäten Erzbischof Guys von Vienne äußert. Zitiert nach der Edition Sacrorum conciliorum nova et amplissima collectio, Bd. 21, ed. J. D. Mansi, Paris 1903 (ND Graz 1961), Sp. 142-143; in der Edition Mignes, Patrologia Latina, 163, S. 387-388, heißt es "plurimum admiramur".

A. Einleitung

Es war eine ungewöhnliche Papstwahl, mit der sich die in Rom weilenden Kardinäle im Februar 1119 konfrontiert sahen: Nicht in der Ewigen Stadt war sie vollzogen worden, sondern in einem fernen Kloster, wenn auch im Kloster Cluny. Nur eine Handvoll Angehöriger ihres Standes hatte Gelegenheit zur Stimmabgabe erhalten, und auch nur von diesen wurden sie darüber unterrichtet, welche Anordnungen der vorherige Papst Gelasius II. über seine Nachfolge gemacht habe, bevor er am 29. Januar im Kloster Cluny verstorben war.

Immerhin war die Wahl mit dem Erzbischof von Vienne auf einen Mann gefallen, der höchstem burgunischen Adel entstammte, dessen politisches Geschick selbst Papst Paschalis II. aufgefallen war, und der sich im wichtigsten Konflikt des frühen 12. Jahrhunderts als unerbittlicher Streiter für gregorianische Ideen erwiesen hatte. Die Kardinäle entschlossen sich, der Wahl zuzustimmen.

Die folgende Arbeit wirft Schlaglichter auf die Laufbahn des Erzbischofes Guy von Vienne und auf seinen erfolgreichen Pontifikat als Calixt II. Sie widmet sich in erster Linie den herausragenden Ereignissen seines Wirkens, die auf zwei Ebenen - der burgundischen und der europäischen - mit dem päpstlich-kaiserlichen Konflikt in enger Verbindung stehen. Als Zäsuren müssen - neben Guys Erhebung zum Erzbischof - die Jahre 1112 und 1119 gelten: das Jahr 1112 mit dem Eintritt Guys in die "große Politik" im Zuge seines Engagements im Kirchenstreit von Besancon und auf der Synode von Vienne; das Jahr 1119 mit dem Beginn seines Pontifikats, das schließlich nach einem vergeblichen Versuch die Beilegung eines beinahe fünf Jahrzehnte dauernden Konfliktes von europäischem Ausmaß brachte.

Der gebotenen Kürze wegen kommen daher Probleme wie der Umgang mit den Normannen, die Umbesetzung des Kardinalskollegiums sowie das Verhältnis zum Kloster Cluny und seinem Abt Pontius allenfalls am Rande zur Sprache. Es war der Konflikt mit dem Kaiser, der im Mittelpunkt von Guys politischer Laufbahn stand und dessen Lösung sicherlich zu dem positiven Bild beiträgt, das die Nachwelt von Calixt II. gezeichnet hat. Dabei müssen Fragen offenbleiben wie diejenige nach der inneren Einstellung des Papstes zum "Wormser Konkordat", nach den Gründen für das Scheitern des vorherigen Versuches 1119, nach den Motiven Guys für sein Engagement in Besancon - auch wenn vieles dafür spricht, daß es davon beseelt war, die Erzdiözese seines verstorbenen Bruders kaiserlichem Einfluß zu entziehen - und nach den Gründen für die endgültige Regelung des dortigen Kirchenstreits, mit der sich Calixt schroff von den Weisungen seines Vorgängers Paschalis abwandte.

Grundsätzlich empfahl sich die chronologische Gliederung, sie ist jedoch an einigen Punkten im Interesse der Übersichtlichkeit durchbrochen; gerade in den Jahren 1112-1116 verlaufen mehrere Handlungsebenen parallel. Der Ausgang Calixts II. ist erst im Schlußabschnitt geschildert, da die Ereignisse von Worms 1122 wohl den Höhepunkt seines Lebens darstellen und sich damit als Endpunkt des Hauptteils anboten. Daneben umreißt der Schlußabschnitt die Fragen, die bei der Behandlung des Themas offenbleiben mußten oder aber den Rahmen der Arbeit gesprengt hätten. Obgleich Mauritius noch zur Zeit Gelasius' II. zum Gegenpapst erhoben wurde, kommt er hier zur Sprache, denn erst Calixt gelang es, ihn niederzuwerfen und die päpstliche Macht in Rom neu zu festigen.

Zu den ergiebigsten Quellen zählen zunächst die Chroniken Ekkehards von Aura[1] und Ordericus' Vitalis[2], die beide die wichtigen Jahre der politischen Wirksamkeit Calixts behandeln. Sie werden flankiert von einigen ergänzenden Quellen: Details über die Erhebung Papst Calixts II. bieten die Historia Compostellana[3] und die Chronik Gaufreds von Bruil[4] ; das Reimser Konzil von 1119 erfährt in der auf Ekkehards Chronik gestützten Schrift des papstfreundlichen Scholastikers Hesso[5] besondere Beachtung. Die jeweiligen Verhandlungspositionen können neben anderen Quellen eine 1108 entstandene kaiserliche Denkschrift[6] und ein kircheninternes Dokument zur Verteidigung Papst Paschalis' II. aus dem Jahre 1117[7] erhellen. Unter den bedeutendsten Zeugnissen politischer Wirksamkeit Calixts verdienen neben den Entwürfen von Reims 1119[8] die Vertragsurkunden von Worms 1122[9] besondere Beachtung; zwar ist das Briefregister des Papstes verloren[10], viele Schreiben sind dennoch zugänglich, so auch das Dokument der Kontaktaufnahme mit Kaiser Heinrich V. aus dem Jahre 1119[11].

B.

I. Erzbischof Guy von Vienne

1. Herkunft und Jugend

Guy, der spätere Erzbischof von Vienne und Papst Calixt II., wurde um das Jahr 1058 als eines von neun Kindern des Grafen Wilhelm von Burgund geboren. Seine Familie war in Begriff, innerhalb der folgenden drei Jahrzehnte zur herausragenden Kraft im burgundischen Raum zu werden.[12]

Der Vater, Wilhelm von Burgund, hatte die Grafenwürde als Nachfolger des verstorbenen Renaud I. im Jahre 1057 erlangt - im selben Jahr, in dem auch die letzte burgundische Königin Irmgard verstorben war. Da der damalige Erzbischof von Vienne, Leudegar, dem Irmgard die Provinz Vienne anvertraut hatte, nur eine schwache politische Persönlichkeit darstellte, konnte Wilhelm das Vakuum, das Irmgard hinterlassen hatte, ungehindert in seinem Interesse ausfüllen.[13] Bei allem Machtbewußtsein war der neue Graf von Burgund doch Anhänger der Kirchenreform, und so gelang es ihm im Verlaufe seiner dreißigjährigen Regentschaft, mit Papst und König auf gleichermaßen gutem Fuß zu stehen und dabei Einfluß und Bedeutung seines Hauses stetig zu vergrößern. Wilhelm war es, in dessen Hause Heinrich IV. auf dem Wege nach Canossa das Weihnachtsfest 1076 feierte, und dennoch war sich Gregor VII. dessen bewußt, daß er diesen unverzichtbaren Partner keinesfalls durch eine Exkommunikation in die Arme des Gegners treiben durfte.[14]

Nachdem die Grafschaft Macon im Jahre 1078 an Wilhelm gefallen war, bedeutete es einen weiteren Machtzuwachs, daß Guys Bruder Hugo im Jahre 1085 den Erzstuhl Besancon bestieg. Die Schwestern hatten sich mit hohem Adel vermählt, die Brüder Stephan und Raymond erlangten Grafenwürde, und dreißig Jahre nach Wilhelms Regierungsantritt befand sich sein Geschlecht auf dem Höhepunkt seiner Macht.[15] Es bedeutete einen Schicksalsschlag, als der Graf am 11. November 1087 verstarb. Sein Sohn Reynaud trat die Nachfolge an, doch die Bedeutung der Familie sollte fortan schwinden.[16]

1067 - im Alter von etwa acht Jahren - war Guy seinem Bruder Hugo in die Obhut des Kathedralkapitels Saint-Jean in Besancon gefolgt. Dort wird er eine hervorragende Ausbildung genossen haben, schätzte man doch bald seine Qualitäten auf wissenschaftlichem Gebiet.[17] Dies mochte ihn dafür prädestinieren, als zweiter Sohn Wilhelms nach Hugo einen Erzstuhl zu besteigen - etwa den des Bistums Vienne, der bereits einige Zeit unbesetzt war, als Papst Urban II. im Frühjahr 1088 auf eine Neubesetzung drängte.[18]

2. Die Jahre 1088-1112: Guy als Erzbischof von Vienne

Eine burgundische Gesandtschaft hatte sich in Rom über die Probleme beklagt, welche die fünf- oder sechsjährige Vakanz in Vienne bereitete. Womöglich hatte Wilhelm seinen Sohn bereits seit geraumer Zeit für die Übernahme des Erzbistums ausersehen, sodaß sich die lange Übergangsperiode aus der Jugend Guys erklärte.[19] Und selbst 1088 bedurfte es päpstlicher Initiative, daß Guy den Stuhl besteigen konnte.[20] Bald darauf scheint er geweiht worden zu sein, und ein anschließendes Treffen mit Urban II. verlief in freundschaftlicher Atmosphäre.[21] Der neue Erzbischof enttäuschte die hohen Erwartungen nicht, und es deutete sich an, daß der Provinz Vienne eine Epoche der Stabilität bevorstand.[22]

Dies sollte indes nicht für ganz Burgund gelten. Guy blieb der einzige Sohn des Grafen Wilhelm, der dem Kreuzzugsaufruf Urbans nicht folgte - obgleich er bei der Proklamation zugegen gewesen war[23] ; und am Beginn des 12. Jahrhunderts waren seine sämtlichen Brüder den Kämpfen zum Opfer gefallen. Für die Grafschaft Burgund verhieß das nichts Gutes. Renaud II. war es noch gelungen, dem Vater ähnlich zwischen Krone und Papsttum zu lavieren, doch spätestens ab dem Jahre 1110 brachte der Konflikt zwischen Renauds zweitem Nachfolger Wilhelm "Alemannus" und Reynaud III. ein Moment der Instabilität nach Burgund.[24] Was den Erzstuhl Besancon anbetraf, hatten die Bistümer Vienne und Besancon in der Hand einer Familie einen beachtlichen Machtblock dargestellt; obendrein hatte Guys Bruder gleichermaßen gute Beziehungen zu Papsttum und Gegenpapsttum unterhalten. Als Hugo III. 1101 den Tod fand, folgte ihm jedoch der politisch weit weniger glückliche Pontius; zugleich war Heinrich IV. erneut um Einfluß in Besancon bemüht. Da sich das dortige Kapitel seit geraumer Zeit auf zwei Kathedralen stützte, zwischen denen ein ständiges Konkurrenzverhältnis herrschte, mußte Besancon bald zum Ort von Konflikten werden.[25]

Guys Archiepiskopat verlief über beinahe zwei Jahrzehnte hinweg vergleichsweise unbeeinflußt von diesen Streitigkeiten. In tatkräftiger Weise war der Erzbischof bemüht, den Status seines Bistums zu sichern, was ihn selbst vor einem scharfen Konflikt mit Papst Urban II. nicht zurückschrecken ließ.[26] Zu Beginn des 12. Jahrhunderts unternahm Guy als päpstlicher Legat eine allerdings erfolglose Reise nach England; eine Legatentätigkeit in Frankreich ab 1107 läßt sich allenfalls vermuten.[27] Erst 1112 traten Ereignisse ein, die den gut fünfzigjährigen Guy mit einem Schlage in den bedeutendsten Konflikt der Epoche hineinrissen.

3. Guy und die politische Entwicklung der Jahre 1112 bis 1119

a) Der Kirchenstreit von Besancon

Zu Beginn des 12. Jahrhunderts war das nördliche Burgund für die Kontrahenten des Investiturstreites ins Blickfeld des Interesses gerückt. Als Anhänger Heinrichs IV. stand Wilhelm, der Comes Alemannus, dem neuen König Heinrich V. sehr zurückhaltend gegenüber, und weite Kreise des einheimischen Hochadels teilten diese Einstellung.[28] Heinrich V. mußte um seine Stellung in Burgund und im Machtzentrum Besancon fürchten.

Es war ein Zeichen schwindender Macht der Krone, daß bereits Hugos III. Nachfolger Erzbischof Pontius von Besancon (1101-1107) keine Investitur von Seiten Heinrichs IV. mehr empfangen hatte. Zwar standen die Chancen Heinrichs V. nicht schlecht, seine Position gegenüber dem schwachen Pontius auszubauen, doch der Erzbischof gab seine Würde bereits 1107 auf. Papst Paschalis II. waren die unerfreulichen Ereignisse nicht verborgen geblieben, und so wird er es für geboten gehalten haben, einen energischen und ortskundigen Politiker als vicarius mit der Neuvergabe des Erzstuhles zu betrauen.[29]

So bewirkte Guy im Oktober 1108 die Einsetzung des neuen Erzbischofs Hugo IV., der nach hoffnungsvollem Beginn aber schon im Januar 1109 verstarb. Ein Nachfolger fand sich noch im selben Jahr mit Wilhelm, dem einstigen Archidiakon Erzbischof Hugos III. Auch bei dieser Neubesetzung war Guys Einfluß ausschlaggebend;[30] ihm war es in den wenigen Jahren seit 1107 gelungen, Besancon spürbar enger an die antikönigliche Seite zu binden: Wilhelm datierte seine Urkunden nicht mehr nach den königlichen Regierungsjahren, und Reichsprivilegien hinsichtlich der Kirchengüter hielt man gar nicht erst für erforderlich - diese Zusicherungen übernahm vielmehr Paschalis II. Mit Wilhelm auf dem Stuhl von Besancon hatte Guy von Vienne einen verläßlichen Partner zur Wahrung kirchlicher Interessen in Nordburgund gefunden.[31]

Im Herbst 1112 sollte diese Zusammenarbeit der beiden Erzbischöfe auf eine erste harte Bewährungsprobe gestellt werden. An der Vergabe des Archidiakonats Dôle entzündete sich von neuem der seit langem schwelende Streit der beiden Kathedralkapitel Saint-Étienne und Saint-Jean von Besancon. Guy hatte das Archidiakonat wider alle Tradition dem Einfluß S.-Étiennes entzogen und es S.-Jean zugesprochen. Darüber hinaus entschied er die Frage, welcher Seite die Würde der Metropolitankirche zukommen solle, zugunsten S.-Jeans. Paschalis II. selbst hatte diese Regelung bestätigt.[32] Nun aber führten die Kleriker von S.-Étienne Beschwerde in Rom, und Paschalis beauftragte Wilhelm, die Fragen erneut zu verhandeln. Vorab sei Dôle an S.-Étienne zurückzugeben.[33]

Der Kirchenstreit von Besancon betraf keineswegs nur zwei nordburgundische Kapitel und die Aufsicht über ein Archidiakonat. Mit S.-Jean mag sich Guy von Vienne besonders verbunden gefühlt haben, was ihm die Entscheidung erleichterte; von erheblicher Bedeutung war jedoch, daß S.-Étienne wahrscheinlich enge Beziehungen zu Heinrich V. pflegte und dieser somit besonderes Interesse an einer Stärkung des Kapitels hatte. Die Frage, welche Kirche die "führende" sein solle, entschied zugleich, unter welchen Einfluß Nordburgund geraten würde. Guy, dem daran gelegen war, die Verhältnisse in der Nachbarregion nach einem Jahrzehnt der Unsicherheit endlich wieder zu stabilisieren, mußte alle Möglichkeiten nutzen, die der Konflikt ihm bot.[34]

Doch die Gegenseite hatte den Zeitpunkt ihrer Beschwerde in Rom klug gewählt: Wenige Wochen zuvor noch hatte Guy auf der Synode von Vienne Angriffe gegen Heinrich V. geführt, die Paschalis zwar unterstützte; zu ähnlichen Maßnahmen sah sich der Papst aber angesichts einer Eidesleistung außerstande. Eine Kluft zwischen Radikalen und Gemäßigten zog sich durch Kirche, Kardinalskollegium, und sie trennte auch Paschalis und Guy.[35] Nun gerieten beide auch noch in der Frage von Besancon in Konflikt. Die Gelegenheit schien günstig, den "Viennensis inimicus pacis et concordiae" zu isolieren: War Guy als Gegner S.-Étiennes nicht zugleich "ennemi de l'empire et de la papauté"[36] ? Heinrich V. seinerseits stellte in einem undatierten Schreiben an burgundische Adlige S.-Étienne unter seinen Schutz und richtete darüber hinaus scharfe Angriffe gegen den "contemptor apostolicae auctoritatis et imperatoriae immo divinae".[37]

Wilhelm von Besancon verhielt sich abgesehen von der Rückgabe Dôles an S.-Étienne zunächst passiv. Es bedurfte einer päpstlichen Erinnerung[38], bis Guy für den Sommer 1115 ein Konzil zu Tournus einberief. Unter Fristsetzung bis zum 15. August hatte Paschalis als Verfahren einen Zeugenbeweis angeordnet. Der Fall wurde mit zehn Bischöfen und Abt Pontius von Cluny neu verhandelt, wobei es Guy indes gelungen war, die kaisertreuen Bischöfe von Lausanne und Basel auszuschließen. Und der Erzbischof von Vienne brachte es fertig, das Konzil von seiner Auffassung zu überzeugen, indem er den Beweis S.-Étiennes für gescheitert erklärte. Weiterer Widerstand wurde kurzerhand mit Exkommunikation bedroht.[39]

Von S.-Étienne heimlich informiert, reagierte Paschalis unwirsch: Guy solle sich den Anweisungen vom Frühjahr fügen und in gerechter Weise von neuem verhandeln - oder der Papst werde die Frage selbst entscheiden.[40] Es zeigt die Bedeutung, die Guy dem Problem beimaß, daß er nun eine Delegation nach Rom entsandte, um dem Papst seine Beweggründe aufzuzeigen. Welche Argumente die Gesandten vorgebracht haben mögen - Paschalis blieb hart. Abermals liefen die Begleitumstände Guys Interessen zuwider: Der Papst sah sich in diesem Winter 1115/16 im Begriff, mit dem Kaiser zu einer Lösung des Investiturproblems zu gelangen und wollte deshalb neue Spannungen um jeden Preis vermeiden.[41] Obgleich sich die Friedenshoffnungen auf der Lateransynode 1116 zerschlugen[42], erklärten Paschalis und die Kardinäle dort S.-Étienne zur neuen Metropolitankirche.[43]

[...]


[1] Ekkehardi Uraugiensis chronica. Chronici universalis pars altera a. 1106-1125 ed. G. Waitz / P. Kilon, in: MGH SS VI, Hannover 1844, ND Stuttgart 1980, S. 231-265 - künftig zitiert als "Ekkehard" mit Jahresangabe, Seite und Zeile der Edition. - Anmerkungen zu Quelle und Verfasser bei Wilhelm Wattenbach / Robert Holtzmann, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter. Die Zeit der Sachsen u Salier. II. Teil, 3. und 4. Heft. Das Zeitalter des Investiturstreits (1050-1125), hg. v. Franz Josef Schmale, Darmstadt 1967, S. 491-494, 498-506.

[2] Ordericus Vitalis, Historia Ecclesiastica, Buch XII, in: The ecclesiastical history of Ordericus Vitalis Vol. VI. Books XI, XII, and XIII, ed. M. Chibnall, Oxford 1978 (Oxford medieval texts) - künftig zitiert als "Ordericus Vitalis XII" mit Kapitelnummer und Seitenzahl der Edition. - Quellenkritische Details bei Robert Somerville, The Councils of Pope Calixtus II.: Reims 1119, in: ders., Papacy, Councils and Canon Law in the 11th-12th Centuries, London 1990 (Collected Studies Series 312), Nr. XII, S. 38/39.

[3] Historia Compostellana, ed. Emma F. Rey, Brepols 1988 (CC Cont. Med. LXX) - künftig zitiert als "Historia Compostellana II" mit Kapitel und Zeile der Edition.

[4] Ex Gaufredi de Bruil prioris Vosiensis Chronica ed. O. Holder-Egger, in: MGH SS XXVI, Hannover 1882, ND Stuttgart-New York 1964, S. 198-203; künftig zitiert als "Gaufred" mit Jahresangabe, Seitenzahl und Zeile der Edition.

[5] Hessonis scholastici relatio de concilio Remensi, ed. W. Wattenbach, in: MGH Libelli de lite imperatorum et pontificum saeculis XI. et XII. conscripti, Bd. III, Hannover 1897 (ND 1956), S. 21-28; künftig zitiert als "Hesso" mit Seitenzahl und Zeile der Edition. - Zum Verhältnis zu Ekkehard vgl. Wattenbach / Holtzmann / Schmale, a.a.O., S. 504.

[6] Tractatus de investitura episcoporum, ed. Ernst Bernheim, in: MGH Libelli de lite imperatorum et pontificum saeculis XI. et XII. conscripti, Bd. II, Hannover 1892 (ND 1956), S. 495-504; künftig zitiert: "Tractatus" mit Seitenzahl und Zeile der Edition. - Weitere Edition bei Jutta Krimm-Beumann, Der Traktat "De investitura episcoporum" von 1109, in: DA 33 (1977), S. 37-83, auf S. 66-83; quellenkritische Anmerkungen auf S. 37-65.

[7] Disputatio vel defensio Paschalis Papae, ed. Ernst Sackur, MGH Libelli de lite imperatorum et pontificum saeculis XI. et XII. conscripti, Bd. III, Hannover 1897 (ND 1956), S. 658-666; künftig zitiert mit Seitenzahl und Zeile der Edition.

[8] Der Wortlaut ist wiedergegeben in: Heinrici V. Constitutiones. MGH Legum Sectio IV. Constitutiones et acta publica imperatorem et regum I, ed. Ludwig Weiland, Hannover 1893 (ND 1963), S. 157-158.

[9] Die Texte der Urkunden finden sich als Pax Wormatiensis cum Calixto II. (1122. Sept. 23.), in: Heinrici V. Constitutiones. MGH Legum Sectio IV. Constitutiones et acta publica imperatorem et regum I, ed. Ludwig Weiland, Hannover 1893 (ND 1963), S. 159-161. - Quellenkritische Anmerkungen bei Peter Classen, Das Wormser Konkordat in der deutschen Verfassungsgeschichte, in: Fleckenstein, Josef (Hg.), Investiturstreit und Reichsverfassung, Sigmaringen 1973 (VuF XVII), S. 411-460; hier: S. 413-416.

[10] Vgl. Gerd Tellenbach, Der Sturz des Abtes Pontius von Cluny und seine geschichtliche Bedeutung, in: ders., Ausgewählte Abhandlungen und Aufsätze Bd. III, Stuttgart 1988, S. 1024-1066; hier: S. 1032.

[11] Briefe Calixts sind wiedergegeben im Bullaire du Pape Calixte II., ed. Ulysse Robert, 2 Bde., Paris 1891 (ND Hildesheim - New York 1979).

[12] Grundsätzliche biographische Angaben zu Guy von Vienne / Calixt II. bei Werner Maleczek, Art. Calixtus II., in: LexMA II, München-Zürich 1983, Sp. 1397-1398; Theodor Schieffer, Art. Calixtus II., in: LThK II, Freiburg (Brsg.) 21958, Sp. 884 - künftig zitiert als "Calixt"; Mary Stroll, New Perspectives on the Struggle between Guy of Vienne and Henry V, in: AHP 18 (1980), S. 97-115 - künftig zitiert als "Perspectives"; J. Gelmi, Die Päpste in Lebensbildern, Graz 1983, S. 84; Bernard de Vregille, Calixte II et la "Franche-Comté", in: Grosse, Rolf (Hg.), L'Église de France et la papauté (Xe-XIIIesiècle). Actes du XXVIecolloque historique franco-allemand organisé en coopération avec l'École nationale de chartes par l'Institut historique allemand de Paris (Paris, 17-19 octobre 1990), Bonn 1993 (Études et documents pour servir à une Gallia Pontificia 1), S. 287-303; hier: S. 287-288. Guys Geburt läßt sich aufgrund der Erhebungsmodalitäten 1088 auf nach 1058 datieren, vgl. Vregille, a.a.O., S. 291/292.

[13] Vgl. zu den Begleitumständen von Wilhelms Aufstieg in Burgund: Stroll, Perspectives, S. 99/100; Vregille, a.a.O., S. 287-288.

[14] Zur Rolle Wilhelms zwischen König und Papst:Vregille, a.a.O., S. 287-288; Stroll, Perspectives, S. 101.

[15] Vgl. zur frühen "Karriere" der Geschwister und dem Status der Familie in den achtziger Jahren: Stroll, Perspectives, S. 102, 103; Vregille, a.a.O., S. 288-290.

[16] Vgl. zu Wilhelms Tod und Nachfolge: Stroll, Perspectives, S. 102.

[17] Vgl. Vregille, a.a.O., S. 288/289.

[18] Vgl. Vregille, a.a.O., S. 290/291.

[19] Vgl. Vregille, a.a.O., S. 291.

[20] Am 12. März 1095 wies Urban II. Guy nachdrücklich darauf hin (JL 5548; wiedergegeben in: B. Urbani II. Pontificis Romani epistolae, diplomata, semones accurante J. P. Migne, Paris 1881 (Patrologia T. 151), Sp. 406-407).

[21] Vgl. zu den Erhebungsmodalitäten: Vregille, a.a.O., S. 290-292. - Vermutlich wurde Guy noch vor seiner Romreise geweiht. - Urban selbst sprach 1089 in JL 5421 (wiedergegeben bei Migne, Patrologia 151, Sp. 316) von einem venerabilem atque charissimum archiepiscopum.

[22] Vgl. Stroll, Perspectives, S. 103, 106.

[23] Vgl. Vregille, a.a.O., S. 292/293: Es läßt sich nur vermuten, welche Beweggründe Guy hatte, nicht mit in den Osten zu ziehen, womöglich trug die soeben empfangene Legatenaufgabe dazu bei.

[24] Es kennzeichnet den Konflikt Renauds und Wilhelms, daß Heinrich V. ersteren in einem Schreiben zwischen 1112 und 1116 als Rainaldo Burgundie comiti bezeichnete, vgl. die Edition bei Karl Friedrich Stumpf-Brentano, Acta Imperii inde ab Heinrico I. ad Heinricum VI. usque adhuc inedita. Urkunden des Kaiserreiches aus dem 10., 11. und 12. Jahrhundert, ND der Ausgabe Innsbruck 1865-1881, Aalen 1964 (Die Reichskanzler Bd. III) - künftig zitiert als "Stumpf-Brentano, Reichskanzler III"), Nr. 329, S. 468. - Vgl. zum Schicksal der Brüder: Stroll, Perspectives, S. 102, 103, 105, 106.

[25] Vgl. zu den Verhältnissen in Besancon: Stroll, Perspectives, S. 107/108; Vregille, a.a.O., S. 288-290, 293: Pontius war in besonderem Maße mit den Klerikern von S.-Étienne in Konflikt geraten.

[26] Guy war mit dem Bischof Hugo von Grenoble wegen eines Archidiakonates aneinandergeraten, und der Erzbischof erwies sich in der Wahl seiner Mittel bei dieser Kontroverse als überaus machtbewußt, vgl. Stroll, Perspectives, S. 104.

[27] Vgl. zu Guys Legatentätigkeit: Theodor Schieffer, Die päpstlichen Legaten in Frankreich vom Vertrage von Meersen (870) bis zum Schisma von 1130, Berlin 1935 (Historische Studien Bd. 263) - künftig zitiert als "Legaten", S. 196. - Stroll, Perspectives, S. 108, weist im Zusammenhang mit der Neubesetzung des Erzbistums Besancon 1107 gleichfalls auf den "papal legate" Guy hin, äußert sich jedoch nicht näher zur Dauer des Legatenamtes. - Ian Stuart Robinson, The Papacy 1073-1198. Continuity and innovation, Cambridge 1990 (Cambridge medieval textbooks), S. 156, zufolge war Guy ab etwa 1112 bis 1118 päpstlicher Legat für Burgund und Ostfrankreich.

[28] Vgl. Stroll, Perspectives, S. 106, 108, 109.

[29] Vgl. Vregille, a.a.O., S. 294; Stroll, Perspectives, S. 108/109.

[30] Vermutlich weihte Guy daneben im Jahre 1109 den neuen Cluniazenserabt Pontius. Vregille, a.a.O., S. 294, weist auf die Gewohnheit hin, daß sowohl dessen Vorgänger Odilo und Hugo als auch sein Nachfolger Petrus die Weihe durch die Erzbischöfe von Besancon empfingen. Auf einen Nachfolger Hugos IV. und Vorgänger Wilhelms, dem diese Aufgabe zugefallen wäre, deutet nichts hin. Daher ist es durchaus möglich, daß der vicarius Guy mit diesem Dienst betraut war.

[31] Vgl. zu den Erzbischöfen Hugo IV. und Wilhelm: Vregille, a.a.O., S. 294; Stroll, Perspectives, S. 109.

[32] Vgl. Stroll, Perspectives, S. 110/11l. - Guy hatte damit einen Traditionsbruch begangen.

[33] JL 6365; wiedergegeben in der Sacrorum concil. nova et ampl. collectio, Bd. XXI, ed. J. D. Mansi, Paris 1903 (ND Graz 1961), künftig zitiert als "Mansi XXI" mit Spaltenzahl, Sp. 140-141.-Vgl. Stroll, Perspectives, S. 111.

[34] Vgl. zum Kirchenstreit und den Hintergründen: Vregille, a.a.O., S. 294, 295; Schieffer, Legaten, S. 196/197 (ihm zufolge wurde die Frage der Metropolitankirche erst 1115 zum Gegenstand des Konfliktes); Stroll, Perspectives, S. 109-111, 114.

[35] Vgl. Robinson, a.a.O., S. 103. - Zu den Ereignissen von Ponte Mammolo und Vienne vgl. unten.

[36] Vregille, a.a.O., S. 295.

[37] Stumpf-Brentano, Reichskanzler III, Nr. 329, S. 468. Aus diesem Schreiben stammt die im vorhergehenden Satz verwandte Bezeichnung "Viennensis inimicus pacis et concordiae".-Zur Datierung vgl. die Zusammenfassung des Forschungsstandes bei Stroll, Perspectives, S. 114/115, die hinzufügt, ob der Brief 1112 oder 1115/16 (wie von Stumpf datiert) verfaßt worden sei, "make[s] little difference to the understanding of the competition between Guy and Henry in Burgundy".

[38] JL 6456 vom 22. April 1115, wiedergegeben bei Mansi XXI, Sp. 141/142 und bei Migne, Patrologia 163, Sp. 334/335: Mit mindestens fünf Zeugen sollte S.-Étienne glaubhaft machen, quod post redintegrationem ecclesiae suae infra annos triginta super querula hac questionem fecerint.

[39] Vgl. zum Konzil von Tournus: Vregille, a.a.O., S. 295/296; Stroll, Perspectives, S. 111; Schieffer, Legaten, S. 197. - Zur Datierung: Schieffer, Legaten, S. 197 Anm. 12, weist darauf hin, daß der 15. August nicht etwa der Tag des Konzils war, sondern daß mit ihm die päpstliche Frist ablief - das Konzil datiert er auf "etwa im Juli".

[40] JL 6467 vom 27. August 1115; wiedergegeben bei Mansi XXI, Sp. 142-143 und bei Migne, Patrologia 163, S. 387-388.

[41] Vgl. Stroll, Perspectives, S. 112; H. E. J. Cowdrey, Abbot Pontius of Cluny (1109-22/6), in: ders., Two Studies in Cluniac History 1049-1126, Rom 1978 (Studi Gregoriani XI), S. 179-277; hier: S. 197/198.

[42] Vgl. den Bericht Ekkehards, ad a. 1116, S. 250, Zeile 53-S. 251, Zeile 21.

[43] JL 6517 vom 24. März 1116; wiedergegeben bei Mansi XXI, Sp. 149-151 (zentrale Bestimmung Sp. 150 C), sowie bei Migne, Patrologia 163, Sp. 402-404 (zentrale Bestimmung in Sp. 403 C). - Vgl. Stroll, Perspectives, S. 112; Vregille, a.a.O., S. 296.

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Details

Titel
"Super prudentia tua valde admiramur". Studien zu Papst Calixt II.
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar "Neue Forschungen über Cluny"
Note
1,7
Autor
Jahr
1995
Seiten
30
Katalognummer
V303208
ISBN (eBook)
9783668015845
ISBN (Buch)
9783668015852
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Investiturstreit, Hochmittelalter, Cluny, Calixt, Vienne
Arbeit zitieren
Michael Kuhlmann (Autor), 1995, "Super prudentia tua valde admiramur". Studien zu Papst Calixt II., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303208

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