Karl IV. Königsmacht im spätmittelalterlichen Böhmen


Hausarbeit (Hauptseminar), 1998

32 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Der König, seine Partner und Gegenspieler in der böhmischen Politik
1. Strukturelle Konflikte - Karl und der böhmische Hochadel
a) Ein unbequemer Machtblock
b) "Codex Maiestatis" - Von der traditionalen zur rationalen Herrschaft?
2. Wechselseitige Interessen - Karl IV. und die Städte
a) Die böhmischen Städte und die karlinische Wirtschafts- und Finanzpolitik
b) Nürnberg - Partnerstadt des Königs und Kaisers
3. Herrschaft und ihre Demonstration
a) Karl IV. und seine Staatsideen
b) Die Aura des Stellvertreters Christi - Reliquienkult und Kirchenpolitik
c) Der Prager Hof
d) Herrscherliche Architektur - Prag, der "caput regni"

III. Karls IV. dynastische Interessenpolitik und ihre Grenzen

Quellen

Literatur

I. Einleitung

Man schrieb den 6. Oktober 1355, als der deutsche Kaiser Karl IV. als König von Böhmen eine seiner schmerzlichsten politischen Niederlagen einstecken mußte. Am Widerstand böhmischer Hochadliger scheiterte sein Versuch, mit einem einheitlichen Gesetzeswerk das Rechtssystem des ostmitteleuropäischen Landes zu reformieren, ihm feudale, "westeuropäische" Züge zu verleihen und einen entscheidenden Schritt zur Zentralisierung zu tun. Karl IV. mußte in diesem Herbst 1355 erkennen, wie weit sich sein Herrschaftsanspruch von den böhmischen Realitäten des 14. Jahrhunderts entfernt hatte, daß dem Versuch einer Rationalisierung[1] von Herrschaft noch enge Grenzen gesetzt waren.

Die folgende Arbeit befaßt sich mit den Möglichkeiten und Grenzen königlicher Machtausübung im Böhmen der Jahre 1346 bis 1378. Der Regierungsantritt König Karls IV. markiert eine Zäsur in der Politik der Luxemburger, denn anders als sein Vater König Johann von Böhmen[2] bestimmte Karl das Land um die Moldaustadt Prag von vornherein zum Kern seiner Hausmachtpolitik, damit zum Stützpunkt seiner Machtstellung als deutscher König und Kaiser[3]. Die Traditionen dieses Landes waren dabei von eigenartiger Zwiespältigkeit: Böhmen, vor kurzer Zeit noch an der Peripherie des Reiches gelegen, war unter den Przemyslidenkönigen Schauplatz von Zentralisierungsansätzen gewesen, wie sie kein anderes Territorium im Reich erlebt hatte. Zugleich hatte sich in Gestalt der hohen Adligen - in Böhmen Barone genannt[4] - ein Machtfaktor herangebildet, der unter Karls Vorgängern, aber auch noch unter ihm selbst zum Stolperstein der Zentralisierung wurde.

Gestützt auf das dominicum speciale - Einkünfte aus Silbervorkommen und aus Abgaben der böhmischen Städte, beides flankiert von einem strategisch wertvollen Burgennetz[5] - beschritt Karl bei seinen Versuchen, die Macht in Böhmen gegenüber seinen Hauptrivalen zu festigen, vorwiegend zwei Wege. Zum einen war er bemüht, wie erwähnt ein festes Landrecht zu schaffen, die innerböhmischen Verhältnisse damit zu verschriftlichen und zu institutionalisieren. Zum anderen entwickelte er eine besondere Mythologie seiner Herrschaft und unterstützte sie durch gezielte Repräsentationsbauten. Auch Karl IV. ließ sich in seinem Verhalten in der Öffentlichkeit von Gedanken der "Zur-Schau-Stellung"[6] leiten: Zum entsprechenden Verhalten trat in besonderem Maße die repräsentative Architektur. Zielte dies wohl auch auf sein Ansehen in der breiten Bevölkerung, so war Gegenstand der Verrechtlichungsansätze Karls Verhältnis zu den böhmischen Baronen.[7]

Mehr noch als die "Spielregeln"[8] dieser Politik stehen im Blickpunkt der Arbeit die Möglichkeiten und Grenzen karlinischer Machtausübung, der Handlungsspielraum, den Karl sich verschaffte und den seine politischen Gegner einzudämmen bemüht waren. Grundsätzliche Verbündete fand der König dabei im städtischen Bürgertum und im niederen Adel Böhmens. Entsprechend gliedert sich der Text nach den politischen Akteuren, um im letzten Abschnitt des Hauptteils noch einmal besonders auf Karls Streben nach Herrschaftsfestigung und -demonstration einzugehen. Es bedeutet sicherlich nicht, das Mittelalter anhand anachronistischer Kriterien zu beurteilen[9], wenn man an die Herrschaft Karls IV. die idealtypischen Kategorien Max Webers anlegt[10]. Nicht nur die im Mittelalter häufigen Elemente "traditionaler" Herrschaft, auch solche "rationaler", ja sogar in gewissem Sinne "charismatischer" Art sind im Anspruch Karls IV. und teilweise auch in der Realität zu erkennen. Ablesbar wird daran, in welch hohem Maße dieser König seine Herrschaft bereits mit Elementen auszustatten bemüht war, die sich so recht erst in der Neuzeit durchsetzten.

Neben der an den Nachfolger adressierten Autobiographie des Protagonisten[11] steht dabei eine besondere Quelle im Blickpunkt: der Codex Maiestatis nostrae felici nomine nun cupandus[12], in dem sich die Ziele des böhmischen Herrschers bezüglich seines Hausmachtterritoriums detailliert widerspiegeln. Daß Karl IV. mit diesem "Frontalangriff" auf den Status quo scheiterte, daß es ihm aber im Nachhinein gelang, das böhmische Rechtssystem wenigstens ein Stück weit mit diesen Ideen zu prägen, kennzeichnet nicht nur die begrenzte Reichweite normativer Texte im Mittelalter[13], sondern auch die Möglichkeiten und Grenzen seiner Macht im Ganzen.

II. Der König, seine Partner und Gegenspieler in der böhmischen Politik

1. Strukturelle Konflikte - Karl und der böhmische Hochadel

a) Ein unbequemer Machtblock

Die böhmische Politik Karls IV. griff in vielerlei Beziehung przemyslidische Traditionen auf. Das gilt besonders für die Bemühungen um Zentralisierung und Verrechtlichung. Einen Anlauf, wie ihn der König 1355 mit dem Codex Maiestatis unternahm, hatten bereits seine Vorgänger Ottokar II. und Wenzel II. in den Jahren 1272 und 1294 gewagt; sie waren allerdings ein ums andere Mal am Widerstand des Hochadels gescheitert.[14] Jetzt, in der Mitte des 14. Jahrhunderts, blühte die Rechtskodifikation in Europa; der Zeitpunkt schien also günstig.[15]

Karls innenpolitische Gegner aus dem Hochadel bildeten eine weitgehend abgeschlossene Gruppe; sie werden mitunter als "bis auf wenige Ausnahmen barbarisch roh, selbstsüchtig, beschränkt"[16] charakterisiert. Mag diese Beschreibung in grellen, vielleicht auch ideologisch gefärbten Tönen gezeichnet sein, so scheinen sich die böhmischen Barone doch durch ausgeprägtes Machtbewußtsein, ein grundsätzliches Mißtrauen gegenüber der Zentralgewalt - gleich ob przemyslidisch oder luxemburgisch - und einen festen Zusammenhalt ausgezeichnet zu haben. Deutlich besser war Karls Verhältnis zum niederen Adel, der indessen seinerseits stets auf gute Beziehungen zu Baronen und Kirche bedacht war.[17]

Um die Herren von Rosenberg formierten sich die hochadligen Gegner des Königs.[18] Eigene Versammlungen - sogenannte "Landtage" -, ein eigenes Gericht - genannt "Landrecht" - und vermutlich sogar ein eigenes Statut - die "Landtafel" - waren zu Instrumenten adliger Politik herangewachsen. Darüber hinaus besetzte der Hochadel die vier Landesämter Oberstmarschall, Oberstkämmerer, Oberstrichter und Oberstburggraf: Spitzenstellungen in der böhmischen Politik, die ständig mit der königlichen Verwaltung konkurrierten. Schließlich oblag es dem König, zweimal jährlich die Barone zu Versammlungen des Rates und der Hilfe einzuberufen.[19] Nur zu leicht konnte der Hochadel damit der Hausmachtpolitik im Wege stehen, wie Karl sie als römischer König und Kaiser betrieb.

In dieser Hausmachtpolitik lag seine Antwort auf den politischen Wandel. Das hergebrachte Lehnswesen war der wachsenden Mobilität in Gesellschaft und Politik des frühen 14. Jahrhunderts nicht mehr gewachsen. Seine spürbare Verschriftlichung machte deutlich, wie sehr sich die Beziehungen zwischen Herr und Vasall gelockert hatten.[20] Zur Politik der von Schutz-, Rat- und Hilfspflichten geprägten persönlichen Beziehungen trat für die Krone nun die Hausmachtpolitik: ein "Verstaatungsversuch auf Umwegen"[21]. Allerdings war diese Politik vom Bemühen gekennzeichnet, sich gerade das gewandelte, verschriftlichte Lehnswesen nutzbar zu machen - was in ostmitteleuropäischen Spezifika begründet lag.

Ein Generallandtag in Prag wurde zum Ausgangspunkt dieser Bestrebungen. In Böhmen als einem Teil Osteuropas hatte das Lehnswesen die inneren Beziehungen niemals derart geprägt wie im Westen. Zwischen König und Ständen galten vielmehr spezifische persönliche Treueverhältnisse, aus denen die Angehörigen des Hochadels umfassende politische Mitwirkungsrechte herleiteten. Diese Rechte abzuschneiden, indem er das gesamte Beziehungssystem auf eine neue, lehnsrechtliche Grundlage stellte, erwies sich nun für Karl bald als aussichtslos. Ihm bot sich jedoch der Weg, rechtlich unklare und lückenhafte Verhältnisse Stück für Stück in feudale Herrschaftsbeziehungen umzuwandeln. Nicht nur sein eigenes Erbe Schlesien, sondern auch Mähren, das Erbe seines Bruders Johann Heinrich, schlug er als Lehen dem König von Böhmen und seiner Krone zu.[22]

Bereits hier zeigte sich der böhmische Hochadel reserviert. Die Barone repräsentierten auf ihren Landtagen die böhmischen Kernlande und lehnten es zugleich ab, ihre ständischen Versammlungen um den Adel neu hinzukommender Gebiete zu erweitern; noch drei Jahrzehnte später gingen die Verbindungen der böhmischen Stände zu denen im neuerworbenen Brandenburg nicht über einen gemeinsamen Landfrieden hinaus.[23] Doch wurde das Verhältnis Karls zu den Baronen in anderer Beziehung weit mehr auf die Probe gestellt.

b) "Codex Maiestatis" - Von der traditionalen zur rationalen Herrschaft?

Der Codex Maiestatis sollte der böhmischen Innenpolitik Karls IV. eine neue Grundlage verleihen. Der Kurs, den Karl damit als böhmischer König verfolgte, war deutlich schärfer als jener Weg, den er bald mit den Planungen für die sogenannte Goldene Bulle im Reich zu beschreiten versuchte.[24] Das Staatsverständnis des Codex Maiestatis, aber auch im besonderen sein Prooemium und die einleitenden Bestimmungen über Häresie beschworen das Vorbild der Statuten von Melfi Friedrichs II. herauf.[25] Auch das österreichische Landrecht von 1298 und frühere böhmische Ansätze hatten in eine ähnliche Richtung gewiesen.[26] In seinem Bemühen, sämtliche Rechtsbereiche minuziös zu regeln, offenbart der Codex, wie sehr dem böhmischen König daran gelegen war, seiner der Zeit gemäß "traditionalen" Herrschaft "rationalen"[27] Unterbau zu verschaffen. Unklar ist, inwieweit Karl sich dabei auf die Ideen seiner Vorgänger stützte.[28]

Pax und iustitia, zentrale Begriffe mittelalterlicher Herrschaft, prägen auch den Codex Maiestatis. Im Anschluß an die Verkündung von Schutz des christlichen Glaubens und an die Geißelung der Häresie (Cap. I-V) umreißt das Prooemium Karls Staatstheorie und die grundsätzlichen Obliegenheiten des Herrschers. Der friedenswahrende König wird zum Helfer, dessen Aufgabe es ist, seine Untertanen als einen Teil des sündigen Menschengeschlechtes vor den Folgen des Sündenfalles zu bewahren. Das bedeutet Sorge für den Frieden nach innen wie nach außen. Spürbar verwandt erscheint Karls Theorie in der Frage des menschlichen Zusammenlebens, aber auch der Urheberschaft von Gesetzen den brisanten Ideen Marsilius' von Padua - ungeachtet der Tatsache, daß dessen Defensor pacis im Jahre 1327 in Teilen für häretisch erklärt worden war[29]. Mit seiner Zurückhaltung gegenüber den sozialen Fähigkeiten des Menschen[30] wirkt Karl dabei wie ein Urahn des Hobbesschen Leviathan; doch die königliche Macht im Codex Maiestatis basiert nicht ausdrücklich auf dem Vertrag der Individuen, sondern teils auf einer unklar formulierten rerum necessitate cogente, teils auf divine provisionis instinctu[31]. Und doch scheint Karl mit dem Kern seiner Herrschaftstheorie die Ideen eines Jean Bodin vorzuzeichnen: Licet humano Jure princeps legibus sit solutus, et conctos populos sibi subiectos habeat Judicare et ipse ab nemine judicetur[32] - eine Vorstellung, die den leidenschaftlichen Widerstand der Barone provozieren mußte, mochte der selbstbewußte König auch hinzufügen, er selbst sei Gott verantwortlich, an die Gesetze des Landes gebunden und verpflichtet, nicht zum Nachteil seiner Untertanen zu handeln.[33] Von welchen Wert waren derlei Selbstbeschränkungen bei einem Herrscher, der als deutscher Kaiser den Anpruch erhob, selbständig Recht zu setzen und auszulegen[34] ? Nicht ohne Grund erachtet die Geschichtsschreibung "für gewisse Bereiche von Karls Wirken die Zuordnung zur Neuzeit [für] gültig"[35].

Auch die Vorstellung des Codex vom Staatsgebilde offenbart deutlich die Stoßrichtung gegen den Hochadel. Karl griff auf den Begriff der corona Bohemiae zurück und erklärte diese zu einem abstrakten, von der Person des Herrschers losgelösten, aber diesem zugeordneten und damit dem Verfügungsbereich der Stände entzogenen Gegenstand.[36]

Zu den unentbehrlichen Machtmitteln eines Königs zählte der Codex Maiestatis neben einem festgefügten Herrschaftsbereich und einem Mindestbestand unveräußerlicher Krongüter auch etwas, das in der Politik Karls IV. immer wieder von höchster Bedeutung war: solide Staatsfinanzen. Herrscherliche Aufgabe war nicht zuletzt, das Vermögen zu mehren[37] - erkennbar nicht zum Selbstzweck, sondern zur Erweiterung des Handlungsspielraums.

Auch wenn die böhmischen Barone im Vorfeld ihr grundsätzliches Einverständnis zur Abfassung eines Landrechts signalisiert hatten[38], war ihr Widerstand unter diesen Umständen vorprogrammiert. Mochte Karls Sorge um das Krongut[39] angesichts des Umgangs berechtigt sein, den sein Vater Johann mit diesem sensiblen Gegenstand gepflegt hatte, indem er ihn in sorgloser Weise veräußert und verpfändet hatte, mochte weiterhin der energische Machtanspruch gute Gründe in der Fehdefreudigkeit des böhmischen Adels[40] haben - der Codex war ein besonders gewagter Fall des "gebotenen" Rechts[41], und Karl hatte den Bogen überspannt.[42] Mag Karls Herrschaftsanspruch bereits zum Teil in die Neuzeit weisen, die Machtverhältnisse, innerhalb deren er diesen Anspruch verwirklichen mußte, trugen noch mittelalterliche Züge.

Die Details der Gegenargumente sind nicht bekannt; höchstwahrscheinlich aber weckte bereits das Vorhaben, die Gerichtsbarkeit nach und nach Gelehrten vorzubehalten[43], heftigen Widerspruch - denn das bedeutete auch die Verdrängung traditionellen böhmischen Rechts durch das kanonische und römische. Ähnliches wird gegolten haben für das Verbot von Gottesurteilen[44], besonders aber für Karls Versuch, das gesamte böhmische Herrschaftssystem zu feudalisieren[45]. Das Verbot eigener Bünde unter Adligen und Städten[46] mußte die Barone brüskieren; weiterhin die vielfachen Einschränkungen hochadliger Gerichtsrechte[47] - zumal in Fällen, in denen sich Karl ausdrücklich bestimmte Sanktionen vorbehielt[48]. Mehrfach nennt der Codex Adlige und Bürgerliche ohne Rücklicht auf Standesgrenzen in einem Atemzug[49]. Mit den königlichen Vorstellungen vom princeps legibus solutus korrespondiert das Ansinnen, gerichtliches Vorgehen gegen den Herrscher zu kanalisieren: Zwar sieht sich das königliche Handeln der Rechtsprechung der Barone unterworfen, flankiert jedoch vom supremus camerarius, und eine Vorladung des Königs ist rundweg ausgeschlossen.[50] Zu einem besonderen Eingriff in die hochadlige Souveränität wäre das Verbot der Fehde geworden, zumal Karl sich nicht scheute, die Widerspenstigkeit der Barone direkt beim Namen zu nennen[51].

Hinzu trat das Problem, daß der Codex nicht in tschechischer, sondern in lateinischer Sprache abgefaßt und damit Laien kaum verständlich war - obwohl er zugleich von locorum iudices et rectores verlangte, daß sie subditorum vita et conversacione decet esse conformes[52]. Zeugt das von einem Willen zur Orientierung am römischen Recht, der Karls taktisches Gespür gegenüber den Baronen in den Hintergrund rückte?

Wohl gelang es dem König, einen Teil des Hochadels für seinen Plan einzunehmen.[53] Daß Karl noch 1353 an der Spitze der böhmischen Verwaltung einen auswärtigen Finanzfachmann einzusetzen vermocht hatte[54], kennzeichnet die Macht, über die er nach seiner erneuten Wahl und Krönung[55] sowie dem Erwerb der Reichskleinodien 1350[56] verfügte. 1354 war er zum Kaiser gekrönt worden[57] und konnte somit nicht nur den Kurfürsten im Reich, sondern auch den Baronen in Böhmen in abermals gefestigter Position gegenübertreten.[58]

Dennoch wurde der böhmische Generallandtag von 1355 zum Schauplatz eines geradezu kläglichen Fehlschlags. Ob es dem in diplomatischen Dingen sonst so erfolgreichen Kaiser wirklich an "Charisma" und "Stehvermögen"[59] gefehlt hat, ob nicht vielmehr der einige böhmische Hochadel eine politische Kraft darstellte, gegen den jeder Herrscher machtlos war - schließlich taktierte Karl gleichzeitig gegenüber den rivalisierenden Kurfürsten im Reich mit gewissem Erfolg - am 6. Oktober erklärte der hoffnungsvolle princeps von Böhmen seinen überraschenden Verzicht auf den Codex damit, daß dieser im Verlauf der Beratungen verbrannt[60], im übrigen von keiner Seite beschworen sei[61]. Nur mit diesem Kunstgriff hatte er sein Gesicht wahren können, denn die Barone hatten auf den Codex erbost reagiert; sie hatten nicht nur die Annahme verweigert, sondern sogar von Karl den offenen Widerruf seines Plans verlangt.[62] Eine solche Zurücknahme aber wäre gleich den Unterwerfungsritualen bei anderer Gelegenheit "in der Tat als Stigma"[63] betrachtet worden.

Daß es dem König gelang, die böhmischen Stände ab 1356 bis zu seinem Tode 1378 nicht mehr einzuberufen, untermauert die Vermutung, daß das Verbrennen des Codex auf einem Handel Karls mit den Baronen beruht haben könnte. 1355/56 gelang es den König, die Nachfolgefrage auf dem böhmischen Thron in seinem Sinne zu regeln. Auf dem Generallandtag 1355 könnte er gegenüber dem Hochadel die Gegenleistung für diesen Erfolg erbracht haben.[64] Dagegen spricht allerdings die undiplomatische Form der Ablehnung seitens der Barone.

Ob die Ursache im Kompromiß oder doch in der Konfrontation lag - der Codex erhielt sich in Abschriften und prägte in den Folgejahren merklich die böhmische Rechtspraxis.[65] Einzelne Bestimmungen wurden im Nachhinein sogar verwirklicht. Mehr noch als im Reich konnte Karl in Böhmen die Friedensgestaltung in seine Hände nehmen. Und in der Goldenen Bulle von 1355/56 gelang es ihm zumindest, das böhmische Königsgericht gegenüber der adligen Konkurrenzinstanz hervorzuheben.[66] Generell wird der Codex -Fehlschlag Karls Verhandlungstaktik auf dem Nürnberger Reichstag wenige Monate später geprägt haben.[67]

Wie schwer es selbst mit Unterstützung der Barone war, im Böhmen des 14. Jahrhunderts das Gewohnheitsrecht zu durchbrechen, sollte Karl im Jahre 1368 erfahren: Bei seinem Versuch, das Rechtsinstitut des Eides zu reformieren, soll es dem König gelungen sein, den Hochadel für sich zu gewinnen. Doch allzuschnell setzte sich in der juristischen Praxis wieder das traditionelle Gewohnheitsrecht durch.[68]

[...]


[1] Verstanden im Sinne von Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, hg. v. Johannes Winckelmann, Studienausgabe, Tübingen 51972, S. 124.

[2] Vgl. Werner Goez, Karl IV. und das politische System seiner Zeit, in: Jahrbuch für fränkische Landesforschung 39 (1979), S. 41-61, hier: S. 49.

[3] Vgl. Goez, a.a.O., S. 55; Frantisek Kavka, Böhmen, Mähren, Schlesien, in: Ferdinand Seibt (Hg.), Karl IV. Staatsmann und Mäzen, München 1978, S. 189-195, hier: S. 189; Jiri Spevacek, Karl IV. Sein Leben und seine staatsmännische Leistung, Wien u.a. 1978 (Tschechoslowakische Akademie der Wissenschaften), S. 116; Hans H. Hofmann, "Böhmisch Lehen vom Reich". Karl IV. und das deutsche Lehen der Krone Böhmens, in: Bohemia-Jahrbuch 2 (1961), S. 112-124, hier: S. 113.

[4] Vgl. Peter Moraw, Art. Karl IV., in: LexMA 5, 1991, Sp. 971-974, hier: Sp. 972.

[5] Vgl. Kavka, Böhmen, Mähren, Schlesien, S. 193.

[6] Gerd Althoff, Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde, Darmstadt 1997, S. 231.

[7] Vgl. Eckard Müller-Mertens, Karl IV., in: Evamaria Engel / Eberhard Holtz (Hg.), Deutsche Könige und Kaiser des Mittelalters, Köln - Wien 1989, S. 305-322 - künftig: "Karl IV.", hier: S. 316, sowie Kavka, Böhmen, Mähren, Schlesien, S. 192.

[8] Althoff, a.a.O.

[9] Vgl. den Hinweis auf diese grundsätzliche Gefahr bei Althoff, a.a.O., S. 2.

[10] Zu den Begriffen Weber, a.a.O., S. 122-124.

[11] Vgl. dazu Eugen Hillenbrandt, Art. Karl IV., in: Verfasserlexikon, Bd. IV., Berlin - New York 1983, S. 994-999, hier: S. 995. - Zitiert nach der Edition Vita Caroli quarti. Die Autobiographie Karls IV. Einführung, Übersetzung und Kommentar von Eugen Hillenbrandt, Stuttgart 1979 - künftig: "Vita". Die Widmung an den Nachfolger findet sich im cap. III.

[12] Zitiert nach der Edition Maiestas Carolina. Der Kodifikationsentwurf Karls IV. für das Königreich Böhmen von 1355, hg. v. Bernd-U. Hergemöller, München 1995 (Veröffentlichungen des Collegium Carolicanum 74) - künftig "Codex" oder "Codex Maiestatis". Von Zeitgenossen als Codex Carolinus betitelt, vgl. Ferdinand Seibt, Zur Entwicklung der böhmischen Staatlichkeit. 1212-1471, in: Hans Patze (Hg.), Der deutsche Territorialstaat im 14. Jahrhundert Bd. II, Sigmaringen 1971 (Vorträge und Forschungen 14), S. 463-483 - künftig zitiert: "Böhmische Staatlichkeit", hier: S. 477; die in der heutigen Literatur verbreitete Bezeichnung Majestas Carolina ist eine Schöpfung des 17. Jahrhunderts, vgl. Vaclav Vanecek, Die gesetzgeberische Tätigkeit Karls IV. im böhmischen Staat, in: Evamaria Engel (Hg.), Karl IV. Politik und Ideologie im 14. Jahrhundert, Weimar 1982, S. 121-149, hier: S. 135 Anm. 69.

[13] Vgl. Althoff, a.a.O., S. 6, 282.

[14] Vgl. Emil Werunsky, Geschichte Kaiser Karls IV. und seiner Zeit, Bd. III (1355-1368), Innsbruck 1892, S. 76.

[15] Vgl. Müller-Mertens, Karl IV., S. 308; Seibt, Böhmische Staatlichkeit, S. 473; Vaclav Vanecek, Die gesetzgeberische Tätigkeit Karls IV. im böhmischen Staat, in: Evamaria Engel (Hg.), Karl IV. Politik und Ideologie im 14. Jahrhundert, Weimar 1982, S. 121-149, hier: S. 121.

[16] Vanecek, a.a.O., S. 148.

[17] Vgl. Kavka, Böhmen, Mähren, Schlesien, S. 191-194; Friedrich Merzbacher, Karl IV. und das Recht, in: Ferdinand Seibt (Hg.), Karl IV. Staatsmann und Mäzen, München 1978, S. 146-151, hier: S. 147 f.

[18] Vgl. Werunsky, a.a.O., S. 3.

[19] Vgl. Heinz Stoob, Kaiser Karl IV. und seine Zeit, Graz u.a. 1990, S. 90; Ferdinand Seibt, Karl IV. Ein Kaiser in Europa, München 61978 - künftig zitiert: "Kaiser in Europa", S. 249, 290 f., 302.

[20] Vgl. Seibt, Böhmische Staatlichkeit, S. 491-493, 503.

[21] Heinrich Mitteis, Die deutsche Königswahl. Ihre Rechtsgrundlagen bis zur Goldenen Bulle, Brünn u.a. 21944, S. 106, dort kursiv.

[22] Vgl. Kavka, Böhmen, Mähren, Schlesien, S. 189 f., sowie Seibt, Kaiser in Europa, S. 168.

[23] Vgl. Seibt, Kaiser in Europa, S. 283 f., sowie Joachim Prochno, Terra Bohemiae, Regnum Bohemiae, Corona Bohemiae, in: Manfred Hellmann (Hg.), Corona Regni. Studien über die Krone als Symbol des Staates im späteren Mittelalter, Darmstadt 1961 (Wege der Forschung 3), S. 198-224, S. 211 f.

[24] Vgl. Stoob, a.a.O., S. 91; Seibt, Kaiser in Europa, S. 245 f.; Bernhard Töpfer, Zur Staatsideologie in den Prooemnia der Konstitutionen von Melfi und der Majestas Carolina, in: Evamaria Engel (Hg.), Karl IV. Politik und Ideologie im 14. Jahrhundert, Weimar 1982, S. 150-157, hier: S. 157.

[25] So Töpfer, a.a.O., S. 151, sowie Stoob, a.a.O., S. 91.

[26] Darauf verweist Seibt, Böhmische Staatlichkeit, S. 504.

[27] Vgl. zur Begrifflichkeit Weber, a.a.O., S. 124.

[28] Vgl. Werunsky, a.a.O., S. 78.

[29] Vgl. Jürgen Miethke, Politische Theorien im Mittelalter, in: Hans-Joachim Lieber (Hg.), Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart, Bonn 21993 (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung 299), S. 47-156, hier: S. 113 f.

[30] Codex, Prooemium: inde proprium sibi quisque querens.

[31] Codex, Prooemium.

[32] Codex, cap. LXII.

[33] Codex, cap. LXII.

[34] Vgl. zu diesem Anspruch Merzbacher,. a.a.O., S. 148

[35] Beat Frey, Pater Bohemiae - Vitricus Imperii. Böhmens Vater, Stiefvater des Reichs Karl IV. in der Geschichtsschreibung, Bern u.a. 1978 (Geist und Werk der Zeiten 53), S. 169.

[36] Vgl. Müller-Mertens, Karl IV., S. 315; Kavka, Böhmen, Mähren, Schlesien, S. 190.; die Idee der corona kommt unten ausführlicher zur Sprache.

[37] Vgl. Reinhard Schneider, Karls IV. Auffassung vom Herrscheramt, in: Theodor Schieder (Hg.), Beiträge zur Geschichte des mittelalterlichen deutschen Königtums, München 1973 (Historische Zeitschrift - Beiheft 2), S. 122-150 - künftig zitiert: "Auffassung", hier: S. 137 f., sowie dens., Kaiser und Reich im höfischen Programm, in: Ferdinand Seibt (Hg.), Karl IV. Staatsmann und Mäzen, München 1978, S. 305-308 - künftig: "Kaiser und Reich", hier: S. 307.

[38] Vgl. Werunsky, a.a.O., S. 76.

[39] Abzulesen am Verbot jeglicher Schmälerung der terra regni in cap. XI, XII und XV.

[40] Vgl. Werunsky, a.a.O., S. 77.

[41] Vgl. zum Begriff Althoff, a.a.O., S. 283.

[42] Vgl. Seibt, Kaiser in Europa, S. 246, 248; Vanecek, a.a.O., S. 136, 146; Bernd-U. Hergemöller, Der Nürnberger Reichstag von 1355/56 und die "Goldene Bulle" Karls IV., Diss. Münster 1978, S. 16 f.; Merzbacher,. a.a.O., S. 147, 150.

[43] Erkennbar u.a. an der Formulierung des Codex, cap. XVIII: Castellani seu burgravii [...] libero semper regie voluntatis arbitrio cassentur atque mutentur vel secundum merita permutentur.

[44] Cap. XXXIX. - Zur Bedeutung der Gottesurteile im böhmischen Gewohnheitsrecht Werunsky, a.a.O., S. 67 f.

[45] Erkennbar am cap. XLI, das die Gültigkeit der innerböhmischen Herrschaftsverhältnisse im Falle der Thronfolge an die Bestätigung - Wiederbelehnung - durch den neuen König band.

[46] Cap. XXXIII.

[47] Cap. LXXXIV-XCI.

[48] Cap. LXXXVII verbot den Baronen manum abscidere, während Karl seinerseits im cap. L das Abholzen von Wäldern mit der Strafe mutilacionis manus dextre bedrohte.

[49] Etwa im cap. XXXIV: nobilium aut plebeiorum [...] vel alterius cuiusvis generis personarum.

[50] Cap. XLII.

[51] Cap. XXXV.

[52] Cap. XIX, aliud.

[53] Vgl. Seibt, Kaiser in Europa, S. 248 f.

[54] Vgl. Peter Moraw, Monarchie und Bürgertum, in: Ferdinand Seibt (Hg.), Karl IV. Staatsmann und Mäzen, München 1978, S. 43-69, hier: S. 48 f.

[55] Vgl. Ferdinand Seibt, Art. Karl IV., Kaiser, in: NDB 11, Berlin 1977, S. 188-191, hier: S. 188.

[56] Vgl. Stoob, a.a.O., S. 69.

[57] Vgl. Hartmut Boockmann, Stauferzeit und spätes Mittelalter. Deutschland 1125-1517, Berlin 1994 (Siedler Deutsche Geschichte), S. 264 f.

[58] So die nachstaufische politische Theorie, vgl. Heinz Thomas, Die Luxemburger und der Westen des Reiches zur Zeit Kaiser Karls IV., in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 1 (1975), S. 59-96, hier: S. 59 f.

[59] So Stoob, a.a.O., S. 92.

[60] RImp VIII, 2262. Als Zeugen fungierten u.a. der Sachsenherzog Rudolf d. Ä. und Hofkanzler Bischof Preczlaus von Breslau.

[61] Vgl. Vanecek, a.a.O., S. 138.

[62] Vgl. Spevacek, Karl IV., S. 123.

[63] Althoff, a.a.O., S. 16.

[64] Diese Vermutung äußert Kavka, Böhmen, Mähren, Schlesien, S. 193

[65] Vgl. Stoob, a.a.O., S. 92 f.

[66] Vgl. Seibt, Kaiser in Europa, S. 255; Kavka, Böhmen, Mähren, Schlesien, S. 192; Merzbacher,. a.a.O., S. 147; Heinz Angermeier, Herrschaft und Friede in Deutschland unter Kaiser Karl IV., in: Hans Patze (Hg.), Kaiser Karl IV. 1316-1378. Forschungen über Kaiser und Reich, Neustadt 1978, S. 833-845 - künftig zitiert: "Herrschaft und Friede", hier: S. 835. Die erfolgreiche Friedenspolitik Karls in den Territorien der corona außerhalb des böhmischen Kernlandes schildert Seibt, Kaiser in Europa, S. 267, 276-279, für Schlesien, die Oberlausitz und den nordbayerisch-fränkischen Raum.

[67] Diese Vermutung äußert Spevacek, Karl IV., S. 124.

[68] Vgl. Vanecek, a.a.O., S. 128.

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Details

Titel
Karl IV. Königsmacht im spätmittelalterlichen Böhmen
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar "Herrscherliche Machtausübung im Hochmittelalter"
Note
1,7
Autor
Jahr
1998
Seiten
32
Katalognummer
V303210
ISBN (eBook)
9783668015647
ISBN (Buch)
9783668015654
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Böhmen, Karl IV., Spätmittelalter, Prag, Goldene Bulle, Maiestas Carolina
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Michael Kuhlmann (Autor), 1998, Karl IV. Königsmacht im spätmittelalterlichen Böhmen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303210

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Titel: Karl IV. Königsmacht im spätmittelalterlichen Böhmen



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