Furchtlose Krieger und wilde Zerstörer. Archaische Männlichkeitsbilder im Heavy Metal


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Genre Heavy Metal

3. Männlichkeitskonstruktionen im Heavy Metal

4. Klassifikationsmodell nach Altrogge

5. Musikvideo-Analyse: Amon Amarth: Father of the Wolf

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Into battle we ride with Gods by our side

We are strong and not afraid to die

We have an urge to kill and our lust for blood has to be fulfilled

We’ll fight till the end! And send our enemies straight to Hell!

Ensiferum - Into Battle [1]

Liest man diesen Refrain des Songs Into Battle der Pagan Metal Band Ensiferum sind es anachronistisch anmutende Bilder, die vor dem inneren Auge entstehen: Männer in voller Kampfmontur, welche waffenschwingend zu Pferde in die Schlacht reiten. Die Furcht vor dem Tod ist ihnen dabei fremd, sie sind getrieben von Gewaltbereitschaft, Tapferkeit und der Lust am Töten. Kämpfen werden sie, bis entweder die Schlacht gewonnen ist oder sie dem Schwert eines Feindes zum Opfer gefallen sind.

Das Bild eines tapferen Kriegers, das hier gezeichnet wird, strotzt nur so von einer martialischen Hypermaskulinität, welche durch raue Gitarrenriffs und tiefen Gesang auf der musikalischen Ebene noch verstärkt wird. Dass Männlichkeit auf solch traditionelle Art und Weise dargestellt wird, ist im Genre des Heavy Metal keine Seltenheit und geht weit über die Auseinandersetzung mit kriegerischen Themen im Rahmen der Songtexte hinaus.

Diese Hausarbeit dient dazu, die verschiedenen Elemente und Faktoren, welche zur Konstruktion eben dieser archaischen Männlichkeit beitragen, zu erörtern und auf der Basis einer Musikvideoanalyse aufzuzeigen.

Zu Beginn soll dazu zunächst ein grober Überblick über das Genre des Heavy Metal und seine Geschichte gegeben werden. Anschließend an die Vorstellung des Untersuchungsgegenstandes wird erläutert, welche Formen der Männlichkeitskonstruktionen im Heavy Metal existieren. Die theoretische Basis wird komplettiert durch Kapitel 3, in dem das Klassifikationsmodel zur Analyse von Musikvideos von Michael Altrogge vorgestellt wird, welches in seinen Grundzügen auch in dieser Hausarbeit Anwendung findet. Im letzten Schritt wird dann das Musikvideo zu Father of Wolf von Amon Amarth exemplarisch auf diese Methoden hin untersucht.

2. Das Genre Heavy Metal

Heavy Metal hat seinen Ursprung in den späten 1960er Jahren als eine Art »härterer« Stil des Hard Rock. Zunächst wurde Heavy Metal nicht im Radio gespielt, so dass die Bands ihre Plattenverkäufe durch ständige Tourneen ankurbeln mussten. Bei den Besuchern ihrer Konzerte handelte es sich hauptsächlich um junge, weiße Männer, welche aus der Arbeiterklasse stammten (vgl.Walser 1993: 3).

Auch die Bands, welche zu den Gründervätern des Heavy Metal gehören, wie etwa Led Zeppelin, Black Sabbath und Deep Purple, stammten allesamt aus dem Arbeitermilieu. Inhalt ihrer Songs war wütende Kritik an sozialen Missständen, der sie in ohrenbetäubender Lautstärke und begleitet von kreischenden Gitarrensounds Ausdruck verliehen (vgl. Roccor 1998: 17ff).

In den 1970er Jahren erschienen Bands wie Kiss, AC/DC, Aerosmith, Judas Priest, Motörhead und auch die Scorpions auf der Bildfläche. Bei den Scorpions handelt es sich um die erste Heavy-Metal-Band aus einem nicht-englischsprachigen Land, welche international Erfolge feierte. Mit der zunehmenden Popularität des Heavy Metal gewannen auch die Konzerte der Bands an Größe – neben aufwendigen Bühnenkonstruktionen bekam das Publikum Lichtshows, Pyrotechnik und andere Spezialeffekte zu sehen (vgl. Walser 1993: 10f).

Erst in den 80er Jahren wuchs Heavy Metal zu einem weithin populären Musikgenre heran, in dem sich neben kommerziellen Erfolgen auch stilistische Varietäten einstellten. Zugleich änderte sich auch die Zusammensetzung des Publikums – immer mehr Frauen fanden den Weg in die Konzerthallen und auch Angehörige der Mittelschicht entdeckten ihre Begeisterung für den Heavy Metal.

Grund für die Zunahme an Popularität war vor allen Dingen die New Wave of British Heavy Metal, kurz NWoBHM, zu der Bands wie Def Leppard, Iron Maiden und Saxon gehörten. Ihr Erfolgsrezept waren kürzere und eingängigere Songs, aufwändigere Produktionsmethoden sowie höhere technische Standards (vgl. ebd.: 11f).

Zur selben Zeit kam es jedoch auch zur Fragmentierung des Heavy Metal in einzelne Subgenres: „[…] magazine writers and record marketers began referring to thrash metal, commercial metal, lite metal, power metal, American metal, black (satanic) metal, white (Christian) metal, death metal, speed metal, glam metal – each of which bears a particular relationship to that older, vaguer, more prestigious term 'heavy metal'” (ebd.: 13).

Die nächste Welle des Heavy Metal hatte ihren Ursprung 1983-84 in Los Angeles. Süd-Kalifornien wurde zum Zentrum des Heavy Metal in den 1980ern und Bands aus anderen Teilen der USA zogen nach Los Angeles in der Hoffnung dort bei einem großen Plattenlabel unter Vertrag genommen zu werden. Während 1983 lediglich 8% der insgesamt verkauften Platten in den USA Heavy-Metal-Alben waren, stieg dieser Anteil bereits ein Jahr später auf 20% an (vgl. ebd.: 12).

Auch die Medien wurden aufmerksam auf das Phänomen Heavy Metal und in Europa und den USA kamen etliche Musikzeitschriften auf den Markt, die ausschließlich über dieses Genre berichteten.

Auch MTV begann Ende 1986 deutlich mehr Heavy-Metal-Clips zu senden. Außerdem wurde die Sendung »Headbanger’s Ball« ins Programm aufgenommen und avancierte zu MTVs erfolgreichster Show mit 1,3 Millionen Zuschauern jede Woche. Aufgrund der zunehmenden Präsenz in den Medien gewann die Metalszene zunehmend an Popularität und Einfluss: Bei mindestens der Hälfte aller Top-20-Alben in den Charts handelte es sich um Heavy Metal (vgl. ebd.: 13).

In den 90er Jahren erlangten Nu-Metal-Bands wie Limp Bizkit, Slipknot und KoЯn Bekanntheit, indem sie Heavy Metal mit Funk- und Rapelementen kombinierten. Obwohl dieses Crossover verschiedener Musikstile ihnen eine breite Fanbasis einbrachte, lehnte die traditionelle Anhängerschaft Nu Metal eher ab.

Seit Geburt des Genres verfügt Heavy Metal aktuell über die größte Fangemeinde, die über die Grenzen des Geschlechts, der sozialen Herkunft und des Alters hinweg eine Mischung verschiedenster Menschen darstellt (vgl. Hofstadler 2007: 23).

3. Männlichkeitskonstruktionen im Heavy Metal

„At its core, British heavy metal is an expression of masculinity.” (Weinstein 2009: 17) Dass diese Aussage das Genre in Hinsicht auf Männlichkeitskonstruktionen lediglich unvollständig beschreibt, macht Deena Weinstein in ihrem Aufsatz »The Empowering Masculinity of British Heavy Metal« gleich zu Beginn deutlich. Die Tatsache, dass Rockmusik, zu der auch Heavy Metal gehört, an sich bereits vor einiger Zeit als ein maskulines Genre wissenschaftlich beschrieben wurde, lässt obige Aussage erst recht trivial erscheinen (vgl. ebd.).

Das folgende Kapitel soll also klären, auf welche Art und Weise Männlichkeit im Heavy Metal konstruiert wird und welche Faktoren in diesem Zusammenhang von Bedeutung sind.

Die Deutung der Rockmusik als maskulin hängt zunächst damit zusammen, dass die große Mehrheit der in den Schaffungsprozess Involvierten männlichen Geschlechts ist (vgl. ebd.).

Weiterhin gilt die E-Gitarre, deren Spiel im Zentrum der Rockmusik steht, als typisch männliches Instrument: „In the world of rock’n’roll the guitar was an inescapable sym­bol of masculinity, and the dynamics of the performance were filled with sexually sig­nificant actions and meanings.“ (Millard/McSwain 2004: 157)

Auch die Art und Weise des in die Bühnenperformance eingebetteten Gitarrenspiels gibt Anlass für die oben genannte Interpretation: „In several genres of rock, especially heavy metal and hard rock, the way of holding and moving the guitar was closely con­nected to its phallic symbolism.“ (ebd.: 158)

Aufgrund dieser Assoziation, die E-Gitarre als Symbol für Männlichkeit, wird gitar- renlastige Rockmusik auch als »cock rock« bezeichnet und zugleich reduziert auf machohafte Attitüden (vgl. Weinstein 2009: 28).

Aber auch der Sound, die Lautstärke und die tiefe Tonlage im Heavy Metal stellen neben der stark verzerrten E-Gitarre eine gewisse Maskulinität dar. Diese Eigenschaften „are not merely symbols of power but are power itself“ (ebd.: 24).

Zum Eindruck einer gewissen ungezähmten Männlichkeit gesellen sich körperliche Stärke, die sich im ausgiebigen Spiel der Instrumente und der körperlichen Fitness der Musiker niederschlägt, kraftvoller Gesang und die Nutzung von riesigen Verstärkern. Auch die Bandnamen, Album- und Songtitel, Lyrics und das von den Musikern in Interviews vermittelte Bild spielen eine wichtige Rolle. All diese Elemente lassen sich unter dem Begriff »Chaos« subsummieren. Während Frauen eher als die Bewahrer der Ordnung angesehen werden, sind chaotische Kräfte, welche eben diese Ordnung stören, männlich konnotiert. Diese chaotischen Kräfte zeigen sich in Darstellungen von Rebellion, Ungerechtigkeit und Tod, welche sich zuhauf in der Bildsprache des Heavy Metal wiederfinden lassen (vgl. ebd.). Beispielhaft dafür sind vor allem die Namen einiger Bands – Ratt, Scorpions, Twisted Sister, Quiet Riot, Iron Maiden, Judas Priest, Black Sabbath, Anthrax, Poison, Megadeth und Slayer. Diese Namensgebungen repräsentieren neben Tieren, Personen und Objekten, die auf die eine oder andere Weise unangenehm oder gefährlich sind, blasphemische Inhalte oder verschiedene Arten des Todes (vgl. Walser 1993: 2).

Auch bei der Unterscheidung zwischen Pop- und Rockmusik lässt sich eine geschlechtsspezifische Zuschreibung finden. Während Rock als gleichbedeutend mit Authentizität angesehen wird, attestiert man der Popmusik eine gewisse Künstlichkeit. In der Folge wird authentischer Rock als maskulin und künstlicher Pop als feminin charakterisiert. Diese Einteilung entspricht zugleich einer hierarchischen Bewertung: Dem Maskulinen wird ein höherer Status zugeschrieben, wodurch die traditionelle Hegemonie des männlichen Geschlechts verstärkt wird (vgl. Mäkelä 2004: 100).

Jedoch auch über das rein Musikalische und die genutzten Instrumente hinaus findet im Heavy Metal eine ganz bewusste Inszenierung von Männlichkeit statt. So unterscheidet Deena Weinstein (2009: 25f) die Ikonographie des British Heavy Metal untersuchend, zwischen vier Schlüsselsymbolen, welche nicht nur männlichen Geschlechts sind, sondern auch als Repräsentationen des Maskulinen gelten. Bei diesen handelt es sich um den Krieger, den Gesetzlosen, das Monster und zuletzt Satan, der als das Symbol der Rebellion gilt. Diese Symbole zieren Albumcover und Bandshirts, finden Ausdruck in der Kleidung und Inszenierung der Bands und werden in Musikvideos zum Leben erweckt. Alle vier Figuren erfreuen sich über den British Heavy Metal hinaus auch in anderen Subgenres großer Beliebtheit.

Das Symbol des Kriegers ist vor allem im Bereich des Pagan und Black Metal sehr präsent, was mit deren inhaltlicher Orientierung an historischen und mythischen Motiven zusammenhängt, die sowohl in den Songtexten und der Covergestaltung als auch in der Inszenierung der Band ihren Ausdruck finden. Es finden sich starke Bezüge auf die nordische Mythologie, das Leben und die Geschichte der Wikinger oder germanisches bzw. keltisches Kriegertum (vgl. Brill 2011: 14f). In diesem Zusammenhang werden Schlachten und Kriege und Militarismus besungen und thematisiert. Diese Basis bietet vielzählige Möglichkeiten der Inszenierung traditioneller archaischer Männerbilder.

Sowohl im Musikalischen als auch „in den begleitenden textlichen und visuellen Elementen wird ein Bild von Männlichkeit gezeichnet, das von traditionellen maskulinen Stereotypen wie Härte, Gewalt und Kriegertum geprägt ist. Furchtlose Krieger und gestählte Soldaten scheinen hier allgegenwärtig, und viele Acts beschwören mittels Songtiteln bzw. Songtexten sowie Sounds und Samples düstere Szenarien aus Schlachten und Kriegen herauf“ (Brill 2011: 15).

[...]


[1] Ensiferum: Into Battle (Iron, 2004).

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Furchtlose Krieger und wilde Zerstörer. Archaische Männlichkeitsbilder im Heavy Metal
Hochschule
Universität Siegen  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Internet killed the Video Star | Das Musikvideo im Internetzeitalter
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
24
Katalognummer
V303706
ISBN (eBook)
9783668019980
ISBN (Buch)
9783668019997
Dateigröße
749 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musikvideo, Musikvideoanalyse, Heavy Metal, Amon Amarth, Männlichkeit, Maskulinität
Arbeit zitieren
B.A. Eva Lambrecht (Autor), 2014, Furchtlose Krieger und wilde Zerstörer. Archaische Männlichkeitsbilder im Heavy Metal, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303706

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