Rechtsextreme Einstellungen innerhalb der Thüringer Bevölkerung. Ein gesellschaftliches Randproblem?


Bachelorarbeit, 2013

55 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Vorwort

Herrn Dr. Dietmar Molthagen von der Friedrich-Ebert-Stiftung gilt mein besonderer Dank für die wissenschaftliche Betreuung und die gründliche Durchsicht des Manuskripts. Darüber hinaus mochte ich mich bei Ihm bedanken für das rege Interesse, welches er bei mir für dieses aktuelle, gesellschaftliche Phänomen weckte.

Bei Frau P. von [Name entfernt] bedanke ich mich für das persönliche Interview und die damit eröffneten praxisbezogenen Perspektiven, bezüglich der Strategien gegen rechtsextreme Einstellungen.

Des Weiteren, bedanke ich mich bei Herrn apl. Prof. Dr. Alexander Thumfart, für die ständige Begleitung während meines Studiums als Mentor und vor allem dafür, dass er sich bereit erklärt hat – trotz einer Vielzahl weiterer zu betreuenden Arbeiten und seinem vielseitigen sozialen Engagement – diese Arbeit als Zweitkorrekteur zu prüfen.

Meiner Lebensgefährtin Sabrina Hrabie, welche die gesamte Zeit meines Studiums, insb. während der Erstellung dieser Arbeit, stets bereit war zahlreiche Abstriche gemeinsamer Freizeit hinzunehmen und darüber hinaus eine Menge Verständnis dafür aufbrachte, danke ich für ihre unendliche Geduld, Liebe und fortwahrende Unterstützung.

Abschließend geht noch ein herzlicher Dank an meine Eltern Karin und Wolfgang, für ihre vielfaltigen Unterstützungen und vor allem dafür, dass sie stets an mich geglaubt haben.

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung … 1

2. Begrifflichkeiten und theoretische Grundlagen … 4

2.1 Merkmale des politischen Extremismus … 4

2.2 Rechtsextremismus per definitionem – konkretisiert auf die Einstellungsebene … 7

2.3 Die Mehrdimensionalität rechtsextremer Einstellungen … 9

3. Rechtsextreme Einstellungen unter Thüringer Bürgern … 11

3.1 Grundlegende Probleme empirischer Studien über rechtsextreme Einstellungen … 12

3.2 Auswertende Interpretation der Ergebnisse des „Thüringen-Monitor 2012“ – bezüglich rechtsextremer Einstellungen … 14

3.3 Genese rechtsextremer Einstellungen … 21

3.3.1 Individualisierungstheoretischer Ansatz … 21

3.3.2 Politischer Einflussfaktor … 23

4. Strategien gegen rechtsextreme Einstellungen … 25

4.1 Strategien von [Name entfernt] … 25

4.2 Zusammenfassung des leitfadengestützten Interviews … 26

4.3 Auswertung des Interviews … 28

5. Fazit … 29

6. Quellenverzeichnis … 31

6.1 Literatur … 31

6.2 Internetquellen … 33

6.3 Interview … 34

7. Abkürzungsverzeichnis … 34

8. Abbildungsverzeichnis … 36

9. Anhang … 36

9.1 Prozentuale Werte der Verbreitung rechtsextremer Einstellungen im Ost-West-Vergleich, gemäß der „Mitte-Studien“ 2002-2012 … 36

9.2 Prozentuale Zustimmung zu den 6 Dimensionen rechtsextremer Einstellungen im Ost-West-Vergleich, gemäß der „Mitte im Umbruch-Studie 2012 … 37

9.3 Statements des „Thüringen-Monitor 2012“ zu den jeweiligen Dimensionen rechtsextremer Einstellungen … 37

9.4 Transkription des leitfadengestützten Interviews … 38

Im Namen der Toleranz sollten wir […] das Recht beanspruchen, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“ Karl R. Popper

1. Einleitung

Rechtsextremismus galt in Deutschland lange Zeit als Nachwirkung des „Dritten Reiches“ und als Aktivitäten „Ewiggestriger“. Die Verbreitung dieses Phänomens und das Ausmaß seiner gesellschaftlichen Unterstützung bzw. Bekämpfung, dienten in der alten BRD als Demokratieindikatoren.1 In der ehemaligen DDR wurde dieses Phänomen so gut wie nicht erfasst, geschweige denn thematisiert. Erst nach den „pogromartigen Ausschreitungen“ gegen ausländische Vertragsarbeiter, Asylsuchende und Immigranten in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen, Anfang der 1990er Jahre und der Medienpräsenz dieser verstörenden Bilder, begann man, sich im wiedervereinten Deutschland sowohl in Wissenschaft als auch innerhalb der Gesellschaft, wieder intensiver mit dieser Thematik zu befassen. Obwohl in den darauffolgenden Jahren zahlreiche weitere rechtsextreme Straftaten, Aufmarsche, ''Gedenkfeiern'' etc. stattfanden, wurde dies vom Großteil der Gesellschaft eher als „gesellschaftliches Randproblem“ aufgefasst, wenngleich sich, zumindest in der wissenschaftlichen Debatte, weiterhin intensiv damit auseinandergesetzt wurde – man beachte die zahlreichen Publikationen über Rechtsextremismus der letzten zwei Jahrzehnte.

Spätestens seit November 2011, mit Bekanntwerden der Mordserie der rechtsextremen „Terrorzelle NSU“ – deren Mitglieder allesamt aus Thüringen stammen – wurde Rechtsextremismus für die breite Bevölkerung wieder zu einer wahrnehmbaren und gegenwärtigen, realen Bedrohung. Problematisch ist jedoch, dass es rechtsextreme Handlungen waren, durch welche dieses Phänomen plötzlich wieder präsent wurde und sich dadurch zugleich der Fokus von rechtsextremistischen Einstellungen (im Folgenden als rex. Einst. abgekürzt), als mögliche gesellschaftliche Bedrohung entfernte, ja wahrscheinlich nie bzw. nur unzureichend in diese Richtung ausgerichtet war.

Infolge dessen stellt sich die Leitfrage, in welchem Ausmaß rex. Einst. innerhalb der Thüringer Bevölkerung (im Folgenden als Thür. Bev. abgekürzt) gegenwärtig vorzufinden sind und inwiefern sich aus diesen Ergebnissen ableiten lasst, ob dies ein „gesellschaftliches Randproblem“ oder doch ein „gesamtgesellschaftliches Problem“ darstellt. Um die aktuelle, regionale Entwicklung und Verbreitung rex. Einst., innerhalb der Thür. Bev. zu analysieren und damit die eben vorgestellte Leitfrage zu beantworten, werden insb. die Ergebnisse des sog. „Thüringen-Monitor 2012“2 herangezogen und interpretierend ausgewertet. Viele Jahre lag der Fokus der Rechtsextremismusforschung primär auf den sichtbaren Erscheinungsformen von Rechtsextremismus, wie bspw. auf rechtsextremer Gewalt oder rechtsextremen Wahlverhalten. Seit einigen Jahren ruckt man jedoch von diesem eindimensionalen – da vordergründig auf die Handlungsebene ausgerichteten – Paradigma ab und untersucht auch die Einstellungsebene zunehmend intensiver. Beim gegenwärtigen Forschungsstand sei vor allem auf die von der „FES“3 in Auftrag gegebenen „Mitte-Studien“ hingewiesen, durch welche seit 2006 – die Erhebungen wurden allerdings schon ab 2002 durchgeführt – alle 2 Jahre eine deutschlandweite Studie über die Verbreitung rex. Einst. veröffentlicht wird. In ihr werden die Entwicklungen der letzten Jahre für das gesamte Bundesgebiet veranschaulicht und darüber hinaus, ein Ost-West-Vergleich ermöglicht. Dabei kommt sie zu dem Ergebnis, dass rex. Einst. in Ostdeutschland seit Beginn der Erhebung, tendenziell zugenommen – bis auf 2006 – haben und in den letzten 2 Jahren, sogar ein signifikanter Anstieg zu beobachten ist, wohingegen für den Westen Deutschlands, von 2002 bis 2012 eine tendenzielle Abnahme zu erkennen ist. Studien mit vergleichbar konzipierter Herangehensweise und demselben Untersuchungsgegenstand, führten u.a. Stöss und Niedermayer in der Region Berlin-Brandenburg zwischen 2000-2008 durch und kamen zu ähnlichen Ergebnissen.4 Das Institut für Politikwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena, veröffentlichte von 2000 bis 2011 den – jährlich erscheinenden – eben schon erwähnten „Thüringen-Monitor“, als Studie über die Verbreitung und Entwicklung rex. Einst. unter Thüringer Bürgern, welche vom soziologischen Institut der Universität Jena seit 2012 fortgeführt wird. Inwieweit die aktuellen Ergebnisse dieser Studie, mit denen der „FES“ vergleichbar sind, wird sich im Verlauf dieser Arbeit zeigen.

Die Themenwahl erfolgte primär aus der Überzeugung heraus, dass wir, als Burger eines freiheitlich demokratischen Rechtsstaates, rechtsextreme Einstellungsmuster innerhalb unserer Gesellschaft keinesfalls ignorieren oder gar tolerieren dürfen. Stattdessen sollten wir, als Zivilgesellschaft – aber auch auf staatlich-(partei) politischen Wege – derartigen Einstellungen vielfältigst entgegenwirken, um dadurch einerseits potentielle Opfer vor Rechtsextremismus zu schützen und andererseits unsere Demokratie und eine daraus resultierende multikulturelle Gesellschaft zu gewährleisten und zu bewahren. Darüber hinaus erfolgte die Themenwahl, angesichts der tagtäglichen Konfrontation mit dem Phänomen Rechtsextremismus, sei dies durch die Omnipräsenz von „Nazi-Streetwear“ wie z.B. „Thor Steinar“ tragende Mitvierziger (nicht selten mit eigenem Nachwuchs an der Hand) oder in verbaler Form, durch bspw. rechtsextreme Äußerungen von Nachbarn oder Bekannten.

Im ersten Teil dieser Arbeit, wird über die Merkmalsausprägungen des politischen Extremismus – inklusive einer Problematisierung dieses Begriffes – ein theoretisches Grundgerüst konstruiert, um an die Begrifflichkeit Rechtsextremismus heranzufuhren. Der Terminus Rechtsextremismus wird sodann, zur Schaffung eines permanenten Bezugsrahmens per definitionem – konkretisiert auf die Einstellungsebene – dargestellt und zugleich die Notwendigkeit einer Differenzierung zwischen Handlungs- und Einstellungsebene aufgezeigt. Im Anschluss wird die Mehrdimensionalität rex. Einst. – mit dem Vorschlag einer dimensionalen Erweiterung – vorgestellt.

Im zweiten Teil werden grundlegende Probleme empirischer Studien über rex. Einst., i.F. von Ergebnis verzerrenden Faktoren beleuchtet. Darauf folgt eine interpretierende Auswertung der Ergebnisse des „Thüringen-Monitor 2012“, bezüglich der Verbreitung und Entwicklung rex. Einst. innerhalb der Thür. Bev. Im Anschluss sollen ein individualisierungstheoretischer Ansatz sowie ein politischer Einflussfaktor erklären helfen, welche Ursachen die Genese rex. Einst. beeinflussen können.

Der dritte Teil widmet sich möglichen Strategien gegen rex. Einst. Hierzu wurde ein leitfadengestützes Interview – um dadurch eine praxisorientierte Perspektive zu eröffnen und eine qualitative Methode der empirischen Sozialforschung anzuwenden – mit einer Beraterin in einem Verein gegen Rechtsextremismus geführt, zusammengefasst und ausgewertet.

Im vierten und letzten Teil, wird auf Basis der zuvor gewonnenen Erkenntnisse diskutiert, ob es sich bei der Verbreitung von rex. Einst. unter der Thür. Bev., ''nur'' um ein „gesellschaftliches Randproblem“ handelt oder nicht.

Um dem „Gender-Mainstreaming“ gerecht zu werden, sind sämtliche Personenbezeichnungen als geschlechtsneutral aufzufassen, wodurch impliziert wird, dass stets von weiblichen und männlichen Personen die Rede ist.

Gewidmet ist diese Arbeit allen Opfern rechtsextremer – sowohl physischer als auch psychischer – Gewalt.

2. Begrifflichkeiten und theoretische Grundlagen

Zunächst gilt es, einige elementare Begrifflichkeiten zu klaren, um dadurch ein theoretisches Grundgerüst, zum besseren Verständnis der darauf folgenden Kapitel zu gewährleisten. Vorab sei auf die Problematik einer allgemein gültigen Begriffsbestimmung von Rechtsextremismus per definitionem und einer damit einhergehenden, grds. Begriffsverwirrung hingewiesen, welche aus einer mannigfachen Verästelung von gesellschaftlichen Hintergründen und diversen Ursachenbündeln resultiert. Dennoch ist es zur Schaffung eines permanenten Bezugsrahmens notwendig, Rechtsextremismus i.F. einer möglichst prägnanten Definition zu veranschaulichen und diese anschließend, auf der Einstellungsebene zu konkretisieren. Um an die Definition des Terminus Rechtsextremismus heranzufuhren, wird zunächst dargestellt, durch welche Merkmale politischer Extremismus gekennzeichnet ist.

2.1 Merkmale des politischen Extremismus

Die sprachliche Wurzel von Extremismus liegt im Lateinischen, wobei „extremus“ so viel wie äußerst bzw. gefährlichste und „extremitas“ den äußersten Rand bezeichnet und damit politischer Extremismus eine Position an den rechten und linken Rändern des politischen Spektrums deklariert.6 Politischer Extremismus existiert eigentlich, als ein vielgestaltiges Phänomen. Vom „BfV“ wird er jedoch ausschließlich, als Antonym zum demokratischen Verfassungsstaat verstanden, welcher diesen kategorisch – direkt oder indirekt – ablehnt und als primäres Ziel dessen Einschränkung bzw. Abschaffung sowie die Errichtung eines totalitären oder autoritären Staates verfolgt.7 Demnach bedeutet politischer Extremismus eine klare Absage an: die Menschenrechtsidee; die Grund- und Freiheitsrechte der Burger; den Interessenpluralismus; die freie politische Betätigung und die Erhaltung politischer und individueller Freiheiten und stellt somit eine eindeutige Abkehr von den grundlegenden Werten, Verfahren und Institutionen der Demokratie dar.8

Das „unauflösliche Spannungsverhältnis von Freiheit und Sicherheit...“9, stellt ein grds. Dilemma im Umgang mit Extremismus in einer Demokratie dar, da Extremismus, solang er sich unterhalb der strafrechtlichen Ebene abspielt, grundrechtlich geschützt bleibt.10 Zudem kann politischer Extremismus, lt. Jesse und Thieme, sowohl gewaltfrei als auch gewalttätig und in unorganisierter oder organisierter Form auftreten.11 Allerdings halte ich die Bezeichnung „gewaltfrei“ für leicht irreführend, da man annehmen konnte, Jesse und Thieme beziehen dies auf die Einstellungsebene und justieren damit zugleich „gewalttätig“ auf der Handlungsebene. Problematisch dahingehend, da Gewalt eben nicht nur physisch, sondern auch psychisch – z.B. durch gesellschaftliche Ausgrenzung i.F. von bspw. Diskriminierung und demzufolge aus Einstellungen resultierend – ausgeübt werden kann. Zwar findet dabei kein körperlicher Übergriff i.e.S. statt, aber aufgrund einer extremistischen Ideologie, bestimmte Menschen, die nicht in das eigene ideologische Weltbild hineinpassen auszugrenzen, entspricht sehr wohl Gewalt, allerdings auf der psychischen Ebene. Die Folgen derartiger psychischer Gewalt durch z.B. „rassistisches Bossing und Mobbing“, können bei den Opfern zu schweren psychischen Erkrankungen fuhren.12 Daher ist die Behauptung einer Existenz von gewaltfreiem Extremismus durchaus kritisch zu bewerten, weil dies eben das Vorhandensein von real existierender psychischer Gewalt ausblendet bzw. diese als gewaltfrei deklariert.

Des Weiteren ist das statische Begriffsverständnis von politischen Extremismus seitens des „BfV“ problembehaftet. Und zwar dahingehend, dass darin normativ die Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaates sowie die verfassungsfeindlichen Bestrebungen zur Beseitigung der „FDGO“ gesehen werden. Diese rein staatstheoretisch ausgerichtete Definition, prägt auch zunehmend die öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurse. Der gesellschaftlichen Komplexität, bezogen auf rechtsextreme Einstellungsmuster, wird diese eindimensionale Verortung – an den gesellschaftlichen Rändern – nicht gerecht, da hierdurch die gesellschaftliche Mitte nicht mit erfasst wird. Wodurch seitens des „BfV“ fast offeriert wird, dass ein ''paar'' rex. Einst. nicht weiter Besorgnis erregend sind, solange deren Träger nicht explizit auf die Ablehnung und Abschaffung der „FDGO“ abzielen. Eine derartig monokausale Reduktion, auf ausschließlich verfassungsrechtliche Aspekte, verengt den Blick, rex. Einst. auch in der gesellschaftlichen Mitte zu fokussieren.13 Zudem wirft eine derartig einseitig ausgerichtete Erfassung von politischen Extremismus, Probleme bei der eindeutigen Trennung zwischen Links- und Rechtsextremismus auf. Denn sie verwischt dadurch die Grenze zwischen beiden und lasst sie zu einem – nicht konformen – Einheitsbrei verschmelzen und das, obwohl die ideologischen Weltanschauungen dieser Extremismusausprägungen divergierender kaum sein konnten.

Resümierend lasst sich festhalten, dass eine solche Reduzierung auf die Messlatte unseres GG höchst problematisch ist, da eine Differenzierung zwischen Handlungs- und Einstellungsebene – wie sie in der sozialwissenschaftlichen Debatte vorgenommen wird – nicht stattfindet.

Ab Mitte der 1970er Jahre, wurde in der Publizistik; der politischen Bildung und den Sozialwissenschaften, der Begriff Radikalismus, von dem des Extremismus abgelöst und seitdem fortentwickelt. Dies ist damit zu begründen, dass der bis dahin häufig synonym verwendete Begriff des Radikalismus dazu diente, eine Art milderen Extremismus, welcher sich noch im Verfassungs-Rahmen bewegt, zu beschreiben.14 Der Begriffswechsel seitens des „BfV“ ab 1974, ist auf das Verfassungsverständnis der sog. „wehrhaften Demokratie“ bzw. „streitbaren Demokratie“ zurückzuführen, welche sich gegen die Bedrohung der „FDGO“, durch extremistische Kräfte – seien dies Linke oder Rechte – zur Wehr setzen muss.15

Zu den Strukturmerkmalen des politischen Extremismus zählen das Vorhandensein von „Freund-Feind Stereotypen“, „Missionsbewusstsein“ sowie ein stark ausgeprägter „ideologischer Dogmatismus“. Die Extremismusforschung differenziert außerdem „zwischen Mitgliedern extremistischer Parteien, ihren Wählern und einem extremistischen Einstellungspotential.“16 Letzteres gilt es in der vorliegenden Arbeit, bezogen auf den Raum Thüringen, zu analysieren. In der politischen Soziologie bezeichnet politischer Extremismus zudem „Einstellungen und Überzeugungen sowie die sie tragenden Individuen (Mikroebene), Organisationen (Mesoebene) und Ordnungsformen (Makroebene).“17 Daraus wird ersichtlich, dass diese Arbeit sowohl eine Analyse auf der Mikroebene i.F. der Untersuchung der Verbreitung rex. Einst. in der Thür. Bev. darstellt. Als auch die Folgen der Verbreitung rex Einst. auf der Makroebene dahingehend untersucht, ob dies „nur“ ein „gesellschaftliches Randproblem“ darstellt.

Wird dem Extremismusbegriff die politische Orientierung „rechts“ vorangestellt, bezeichnet Rechtsextremismus jene äußerste Rechte, welche im Kontext der politischen Handlungs- und Einstellungsmuster von Menschen zu betrachten ist. Aber wie lasst sich aus den eben aufgeführten Merkmalsausprägungen des politischen Extremismus, Rechtsextremismus definieren und ist eine eindeutige und allgemein gültige Definition überhaupt möglich?

2.2 Rechtsextremismus per definitionem – konkretisiert auf die Einstellungsebene

Politischer Extremismus und Rechtsextremismus stehen in einem „Subordinationsverhältnis“ zueinander, weshalb die eben aufgeführten Merkmale, Strukturen und Formen auf Rechtsextremismus grundlegend übertragbar sind, sich jedoch aufgrund ihrer politischen Orientierung und ideologischen Weltbilder ganz eigenständig ausdifferenzieren. Sichtet man diverse Literatur zu dieser Thematik, stößt man auf zahlreiche Definitionen. Zwar besteht im Kern kaum Dissens, jedoch werden jeweils unterschiedliche Merkmalsausprägungen akzentuiert, woraus eine begriffliche Unscharfe resultiert. Damit wird ersichtlich, dass eine allgemein gültige und sämtliche Merkmale einschließende Definition, infolge der Komplexität dieses Phänomens nicht möglich ist. Trotz dieser Grundproblematik, der eindeutigen Begriffsbestimmung, sticht in diesem fast schon unüberschaubaren Angebot von Definitionen, die des Politikwissenschaftlers Prof. Dr. Hans-Gerd Jaschke heraus, welche auf den ersten Blick ein wenig umfangreich erscheinen mag, jedoch als wissenschaftliche Definition, umfassend unterschiedlichste Merkmalsausprägungen aufzeigt. Jaschke versteht unter Rechtsextremismus, per definitionem:

„...die Gesamtheit von Einstellungen, Verhaltensweisen und Aktionen, organisiert oder nicht, die von der rassisch oder ethnisch bedingten sozialen Ungleichheit der Menschen ausgehen, nach ethnischer Homogenität von Völkern verlangen und das Gleichheitsgebot der Menschenrechts-Deklaration ablehnen, die den Vorrang der Gemeinschaft vor dem Individuum betonen, von der Unterordnung des Bürgers unter die Staatsräson ausgehen und die den Wertepluralismus einer liberalen Demokratie ablehnen und Demokratisierung rückgängig machen wollen. [sowie] den Individualismus aufheben wollen zugunsten einer völkischen, kollektivistischen, ethnisch homogenen Gemeinschaft in einem starken Nationalstaat und in Verbindung damit den Multikulturalismus ablehnen und entschieden bekämpfen. Rechtsextremismus ist eine antimodernistische, auf soziale Verwerfungen industriegesellschaftlicher Entwicklung reagierende, sich europaweit in Ansätzen zur sozialen Bewegung formierende Protestform.“ 18

Eindrucksvoll werden aus Jaschkes Definition, drei entscheidende Eckpfeiler ersichtlich: 1. Die notwendige Differenzierung in Verhaltens- und Einstellungsebene 2. Die sich aus einem vielschichtigen Einstellungsmuster ergebende Mehrdimensionalität und 3. Das sich Rechtsextremismus gegenwärtig zu einer sozialen Bewegung und Protestform formiert. Auch Richard Stöss, plädiert für eine Differenzierung zwischen rechtsextremen Verhalten (Protest/Provokation, Mitgliedschaft, Wahlverhalten, Gewaltausübung/Terror, Partizipation) und rex. Einst. (rechtsextremes Weltbild als mehrdimensionales Einstellungsmuster).19 Die Notwendigkeit dieser Unterscheidung ergibt sich für Stöss daraus, dass „Einstellungen [...] in der Regel dem Verhalten vorgelagert [sind] sich aber nicht zwangsläufig in konkreter Praxis [niederschlagen müssen].“20 Durch diese „duale Definition“ bzw. Trennung in zwei Ebenen wird verdeutlicht, dass Rechtsextremismus als heterogenes politisches Verhaltens- und Einstellungsmuster verstanden und differenziert werden muss. Gleichwohl sollen – durch diese notwendige Trennung – rex. Einst., gegenüber rechtsextremen Handlungen auf keinen Fall verharmlost werden, weshalb das Begriffspaar „rechtsextreme Einstellungen“ ebenso negativ konnotiert bleibt, wie der Terminus Rechtsextremismus selbst. Vielmehr soll diese Differenzierung in Handlungs- und Einstellungsebene zu erkennen helfen, dass Rechtsextremismus eben mehr ist, bzw. sein kann, als '„nur“' die Aufmarsche der NPD oder gewalttätige Übergriffe von kahlrasierten Neonazis. Sondern ebenso vom vermeintlich netten Nachbarn oder Arbeitskollegen ausgehen können. Obwohl Jaschkes Definition die geeignetste zu sein scheint, dass Phänomen Rechtsextremismus trotz seiner Vielschichtigkeit nahezu präzise zu erfassen, stellt auch sie keine exakte und abschließend gültige dar, da dies – wie schon erwähnt – aufgrund der Komplexität von Rechtsextremismus nicht implementierbar ist. Darüber hinaus ist sie, für die Untersuchung rex. Einst. zu breit gefächert, weshalb ein Ruckgriff auf die „operationalisierbare Arbeitsdefinition“ – welche auch Stöss favorisiert – erfolgt. Demnach wird unter Rechtsextremismus verstanden:

„ein Einstellungsmuster, dessen verbindliches Kennzeichen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen [welche] sich im politischen Bereich in der Affinität zu diktatorische Regierungsformen, chauvinistischen Einstellungen und einer Verharmlosung bzw. Rechtfertigung des Nationalsozialismus [äußern]. Im sozialen Bereich sind sie gekennzeichnet durch antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen.“21

Da diese Definition die unterschiedlichen Dimensionen auf der Einstellungsebene konkretisiert, wird sie den permanenten Bezugsrahmen dieser Arbeit bilden, weshalb sämtliche Ausführungen in ihrem Kontext zu betrachten und zu verstehen sind. Nachdem über die zwei vorgestellten Definitionen u.a. die Notwendigkeit einer Differenzierung zwischen rechtsextremen Verhalten und Einstellungen ersichtlich wurde, gilt es nun folgend, die auf die Einstellungsebene bezogene Mehrdimensionalität darzustellen und darüber hinaus eine als notwendig erachtete dimensionale Erweiterung zu unterbreiten.

[...]


1 Klarner/Kohlstruck (2006), S. 7 ff.

2 Seit 2000 jährlich erscheinende Studie über politische Einstellungen der Thüringer Bevölkerung. Siehe: http://www.thueringen.de/imperia/md/content/tsk/th__ringen-monitor_2012_mit_anhang.pdf [Stand: 21.11.2012].

3 Abkürzung für: Friedrich-Ebert-Stiftung. 1925 gegründete sozialdemokratische Stiftung für politische und gesellschaftliche Bildung. Siehe: http://www.fes.de/sets/s_stif.htm [Stand: 05.11.2012].

4 Siehe: http://www.polsoz.fu-berlin.de/polwiss/forschung/systeme/empsoz/forschung/media/rex_00_08.pdf [Stand: 07.11.2012].

5 [Fußnote entfernt]

6 Moller (2001), S.195 f.

7 Jesse (2004), S. 10 f.

8 Jesse/Thieme (2011), S. 15.

9 Jaschke (2006), S. 27.

10 Ebd.

11 Jesse/Thieme (2011), S. 16.

12 Florencio (2007), S. 142.

13 Butterwegge/Hausler (2002), S. 228 f.

14 Jaschke (2006), S. 17.

15 Jaschke (2001), S. 24 f.

16 Jesse (2004), S. 11 f.

17 Winkler (2001), S. 43.

18 Jaschke (2001), S. 30.

19 Stöss (2010), S. 20 f.

20 Ebd. S. 21.

21 Ebd. S. 57.

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Rechtsextreme Einstellungen innerhalb der Thüringer Bevölkerung. Ein gesellschaftliches Randproblem?
Hochschule
Universität Erfurt  (Staatswissenschaftliche Fakultät - Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar - Rechtsextremismus in Deutschland
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
55
Katalognummer
V303899
ISBN (eBook)
9783668024380
ISBN (Buch)
9783668024397
Dateigröße
981 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Beinhaltet ein leitfadengestützes und ausgewertetes Interview als Anwendung qualitativer Methoden der empirischen Sozialforschung.
Schlagworte
Rechtsextremismus, Rechtsextremismus in Thüringen, Rechtsextreme Einstellungen, politischer Extremismus, Xenophobie, Genese rechtsextremer Einstellungen, 6 Dimensionen rechtsextremer Einstellungen, Ungleichwertigkeitsvorstellungen, Nationalismus, Chauvinismus, Rechtspopulismus, Islamophobie
Arbeit zitieren
Ronny Hellesch (Autor), 2013, Rechtsextreme Einstellungen innerhalb der Thüringer Bevölkerung. Ein gesellschaftliches Randproblem?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303899

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