Musik als Trigger. Bilden Rechtsextremismus und Gewalt eine Symbiose?


Hausarbeit, 2012

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Elementare Begrifflichkeiten
2.1Rechtsextremismus und dessen 6 Dimensionen
2.2Gewalt als Erscheinung sozialen Zusammenlebens

3. Rechtsextreme Gewalt
3.1 3 Erklärungsansätze zur Genese
3.2Eine Grobe Skizze rechtsextremer Gewalt in Deutsch­land seit 1990
3.3Der Mord an Amadeu Antonio Kiowa - ein Beispiel fürdas Ausmaß rechtsextremer Gewalt
3.4 Die Rolle des Verfassungsschutz

4. Einfluss rechtsextremer Musik auf das Gewaltpotential rechtsextremer Gewalttäter
4.1Textanalyse des Songs „Ein Krieger'
4.2 Schlussfolgerung aus den verwendeten Stilmitteln

5. Schluss: Das Verhältnis von Rechtsextremismus zu Gewalt

6. Quellen
6.1Literatur.
6.2Internet

7. Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Seminararbeit widmet sich der Thematik rechtsextremer (im folgenden mit rex. abgekürzt) Gewalt als menschenfeindliche Ausprägung auf der Handlungsebene. Die Themenwahl erfolgte aus dem Grundgedanke heraus, dass es uns als Bürger eines frei­heitlich, demokratischen Staates, normativ alle angeht und daher ein jeder gefordert ist, größtmöglich zu partizipieren an z.B. der Entwicklung und Implementierung Rechtsextre­mismus (im folgenden mit Rex. abgekürzt) eindämmender Initiativen und Präventionsstra­tegien.

Der Telos dieser Arbeit liegt sowohl auf der Darstellung rex. Gewalt und die sie beeinflus­senden Faktoren am Bsp. rex. Musik als auch auf der Veranschaulichung verschiedener theoretischer Erklärungsansätze bezüglich der Genese von Rex. Dies geschieht unter dem ständigen Leitgedanken - „stellen Rex. und Gewalt stets eine Symbiose oder doch eher ein ambivalentes Verhältnis dar?“ - deren Beantwortung ich mich am Schluss stelle. Strukturiert ist diese Arbeit so, dass zum besseren Verständnis zunächst die zwei elemen­taren Begriffe Rex. und Gewalt definiert werden, um dadurch einen thematischen Bezugs­rahmen zu schaffen. Danach werden 3 - voneinander divergierende -, theoretische Erklä­rungsansätze, bezüglich der Genese rex. Gewalt beleuchtet. Anschließend erfolgt eine gro­be Skizzierung rex. Gewalt in Deutschland seit 1990, sowie einer daraus abgeleiteten mög­lichen Verantwortung des Staates. Im Anschluss wird eine argumentative und inhaltliche Textanalyse eines Songs der sog. Schulhof-CD durchgeführt, um zu verdeutlichen, welche Einflüsse rex. Musikauf das Gewaltpotential rex. Gewalttäter haben könnte. Darauffolgend erfolgt eine Auswertung des Verfassungsschutzberichts von 2010, um hierdurch eine mög­lich Verharmlosung rex. Gewalt aufzuzeigen.

Abschließend wird die vorangegangene und die gesamte Arbeit durchziehende Leitfrage - ob Rex. und Gewalt eine Symbiose oder ein ambivalentes Verhältnis bilden - beantwor­tet.

Zudem sei darauf verwiesen, dass geschlechtsspezifische, altersspezifische und Ost-West und internationale Vergleiche außer acht gelassen werden, da dies den Rahmen dieser Ar­beit sprengen würde.

2. Elementare Begrifflichkeiten

Zunächst ist es unumgänglich die zwei zentralen Begriffe - Rechtsextremismus und Gewalt - möglichst prägnant zu definieren, um sie einerseits möglichst plastisch zu veranschauli­chen und um zugleich einen permanenten, themenspezifischen Bezugsrahmen zu schaf­fen.

2.1 Rechtsextremismus und dessen 6 Dimensionen

Vorab sei darauf hingewiesen, dass eine exakte und abschließend gültige Begriffsdefinie- rung nicht möglich ist, da dieses Phänomen an sich viel zu komplex ist.

Extremismus an sich, bedeutet soviel wie äußerst, aus dem lat.: extremus, bzw. der äu­ßerste Rand, lat.: extremitas.[1] Jene äußerste Rechte, ist im Kontext der politischen Katego­rie zu betrachten. Die, wie ich finde, beste Definition für Rechtsextremismus ist die Jasch- ke's, welcher unter Rechtsextremismus „...die Gesamtheit von Einstellungen, Verhaltens­weisen und Aktionen, organisiert oder nicht, die von der rassisch oder ethnisch bedingten sozialen Ungleichheit der Menschen ausgehen, nach ethnischer Homogenität von Völkern verlangen und das Gleichheitsgebot der Menschenrechts-Deklaration ablehnen, die den Vorrang der Gemeinschaft vor dem Individuum betonen, von der Unterordnung des Bürgers unter die Staatsräson ausgehen und die den Wertepluralismus einer liberalen Demokratie ablehnen und Demokratisierung rückgängig machen wollen.“[2] versteht und dessen Formu­lierung auf die Mehrdimensionalst dieses Phänomens verweist. Ganz im Gegensatz zur Definition des Verfassungsschutzes, welche primär auf den Schutz der inneren Sicherheit ausgerichtet ist und daher explizit auf die Ablehnung der freiheitlich demokratischen Grund­ordnung als prägendes Merkmal von Rechtsextremisten[3] verweist sowie als weitere Merk­male die Ablehnung der Menschenrechte, autoritäres Staatsverständnis, Fremdenfeindlich­keit inkl. Überhöhung der eigenen Ethnie und Antipluralismus aufführt.[4] Außerdem sei darauf hingewiesen, dass der Begriff Rechtsextremismus niemals einseitig, sondern stets unter folgenden 6 Dimensionen betrachtet werden sollte: Autoritarismus, also eine Diktatur anstrebend; Chauvinismus i.F., dass die Durchsetzung deutscher Interessen aufgrund von Überlegenheit, Vorrang hätten; Xenophobie, ausgeprägt durch Fremdenfeind­lichkeit; Sozialdarwinismus bzw. Ethnozentrismus, also die Überzeugung, dass sich in der Natur stets der Stärkere durchsetzt; Antisemitismus i.V. mit Revisionismus, sprich eine Ver­harmlosung des Nationalsozialismus und als 6. Dimension die Islamophobie[5]. Demnach lässt sich Rechtsextremismus, als ein mehrdimensionales, politisches Einstellungs- und Handlungsmuster verorten.

2.2 Gewalt als Erscheinung sozialen Zusammenlebens

Gewalt, aus dem althochdeutschen von waltan - stark sein; beherrschen, impliziert primär die Anwendung sowohl psychischen als auch physischen Zwangs gegenüber Menschen und umfasst rohe, gegen Sitte und Recht verstoßende Einwirkungen auf Personen. Als Tat­bestandsgefüge des Strafrechts, bedeutet Gewalt jedes Mittel, um auf den Willen oder das Verhalten eines anderen, über Ausübung von Zwangseinwirkungen, den tatsächlichen oder erwarteten Widerstand zu brechen. Der Erfolg hängt von der Erzeugung von Angst ab. Ge­walt zerstört die Bedingungen friedlichen, menschlichen Zusammenlebens.[6] An dieser Stelle sei zumindest kurz auf - wie ich finde - recht interessante Forschungser­gebnisse hinzuweisen. Demnach existiert eine Kausalität zwischen Gehirn und Gewalt. Diesbezüglich weisen sog. Schreibabies; ADHS Kinder und schwere Gewalttäter, allesamt, eine komplexe Störung ihres Serotonin- und Dopaminhaushaltes auf, aus denen mangeln­de Motiviertheit und eine niedrige Frustrationstoleranz resultieren. Daher kommt man zu dem Ergebnis, dass ca. 50% aller ADHS Kinder, zwangsläufig zu gewaltbereiten Personen werden.[7]

Gewalt bezieht sich zudem „...auf menschliche Handlungen oder deren Unterlassungen [und bedarf] immer ein[em] Objekt [und zwar dem] Opfer [...] Gewalt hat [...] immer einen zweckgebundenen Kontext und dieser ist notwendig mit den Fragen von Macht und Verfü­gung auf der einen Seite und Ohnmacht, aber auch Widerstand, auf der anderen Seite ver­knüpft.“[8] Die Machtbeziehung zwischen Täter und Opfer, ist ein wichtiger Bestandteil zur Begriffsbestimmung. "Erfolgreiche" Gewaltanwendung ist stets mit der Unterwerfung eines anderen Willens verknüpft. Zudem ist Gewalt stets eingebettet, in einen spezifischen Be­gründungszusammenhang. Jede Gewalttat besteht aus mehreren Dimensionen, da sie ein komplexes Phänomen ist, welche sich aus einer Menge objektiver und subjektiver Naturen aneinander fügt.[9] Sämtlich folgende Ausführungen, sind stets unter dem durch die Definiti­on von Rechtsextremismus und Gewalt erzeugten, thematischen Rahmen zu betrachten und zu verstehen.

3. Rechtsextreme Gewalt

Rex. Gruppen und rex. Einzelpersonen sind bereit, zur Durchsetzung ihrer Vorstellungen insb. zur Ausgrenzung von Fremden und zur Konstellation von Feindbildern, Gewalt anzu­wenden. Aber wie entsteht rex. Gewalt?

3.1 Drei Erklärungsansätze zur Genese

Im folgenden werden 3 voneinander divergierende Erklärungsansätze, bezüglich der Gene­se rex. Gewalt dargestellt, um unterschiedliche Perspektiven aufzuzeigen.

1. Erklärungsansatz: Die Verbindung von ökonomischen mit sozialen, kulturellen und psy­chischen Aspekten von Klaus Wahl. Demnach weisen xénophobe und xenoaggressive Ju­gendliche beim Umgang mit ethnisch Fremden, eine allg. höhere Ängstlichkeit oder man­gelnde Sozialkompetenz auf und parallel dazu, ein durch Autonomie und Selbstbewusst­sein geprägtes Selbstbild. Eine Korrelation zwischen ängstlichen und selbstbewussten Auf­treten, erklärt Wahl durch die Kausalität zwischen Beziehungen zu Eltern und Fremden während der Kindheit. Demzufolge haben fremdenängstliche und fremdenfeindliche Ju­gendliche das Gefühl, ihre Familie biete ihnen in Notfallsituationen eher ungenügenden Schutz, weshalb deren Erinnerungen, bezüglich Fremden, zumeist primär negativ besetzt sind. Daher nimmt Wahl an, dass die Verarbeitung individueller sozio-ökonomischer Situa­tionen, durch die Sozialisation in der Familie erfolgt und Geschehnisse, wie die Wiederver­einigung - bezogen auf die neuen Bundesländer - eher sekundär zur Ausbildung von Fremdenfeindlichkeit beigetragen haben.[10]

2. Erklärungsansatz: Annette Streeck-Fischer's Ansatz beruht indes auf klinischer Psycho­analytik. Hiernach resultiere die Hinwendung zu rex. Einstellungen aus kindlichen und ju­gendlichen psychosozialen Entwicklungsprozessen. Entscheidend zur Entwicklung einer Fähigkeit zur Rollendistanz, sind ihrer Meinung nach die Kommunikationsprozesse inner­halb der Familie, insb. während der Adoleszenz. Jugendliche mit einem labilen Selbst, sind demnach einerseits, Resultat frühkindlicher Entwicklungsstörungen und andererseits, Er­gebnis permanenten Sozialisations-Versagens in Schule und Familie. Die daraus resultie­renden Anerkennungsdefizite und die damit einhergehenden Ausgrenzungserfahrungen be­günstigen, dass z.B. rex. Jugendszenen den Stellenwert einer Art Ersatzfamilie einnehmen können. In der Adoleszenz entwickeln diese traumatisierten Jugendlichen demzufolge über­triebene Feindprojektionen und zugleich haben die eigenen Ausgrenzungserfahrungen und Anerkennungsdefizite, Wunschvorstellungen von Rache und Gewalt zur Folge. Rex. Grup­pierungen bieten diesen Jugendlichen, z.B. i.F. des massiv ausgeprägten Zusammengehö­rigkeitsgefühl, individuelle Orientierungskrisen durch gewalttätige Bewältigungsstrategien zu kompensieren. Ängste mittels Gewalt zu bewältigen, ist hierbei Ausdruck der Bedrohung des Selbstwertgefühls. Zur Stabilisierung dieses Selbstwertgefühls und zugleich das der Gruppe, bedarf es eines Außenfeindes.[11]

3. Erklärungsansatz: Bernd Wagner verweist hingegen darauf, dass bezüglich fremden­feindlicher Gewalt, subkulturelle und individuelle Gewalt- und Einstellungsmuster nebenein­ander existieren. Bezogen auf gewalttätiges Handeln unterscheidet er 3 Ausprägungen: I. spontan entstandene Gewalt, meist i.V.m. Alkoholkonsum; II. arbeitsteilig vorbereitete und geplante Gewalt und III. Gewalt zur Erfahrung von Macht und Selbsterfahrung. Bei all die­sen Ausprägungen, findet eine permanente Produktion und Reproduktion von Feindbildern statt, quasi als Existenzbedingung der rex. Gruppe, welche korrespondiert mit rex. Musik und Bildern und so zur Schaffung eines Gruppengefühls immanent beiträgt. Des Weiteren wird über rex. Gruppen, wie z.B. durch „Blood&Honour“, auf Jugendliche eine gewisse At­traktivität ausgestrahlt, da sie meinen, sich in ihren eigenen Gefühlen repräsentiert zu se­hen, wodurch - verbunden mit einer allgemein weitverbreiteten Fremdenfeindlichkeit inner­halb der Gesellschaft - eine Art Normalisierung rex. Orientierungen von statten geht. Wag­ner betont zudem die besondere Bedeutung von rex. Musik, welche das Lebensgefühl und die Gruppenidentität fördere und Gewalt kultiviere. Außerdem wäre seiner Ansicht nach die Ursache ausgeprägter Ausländerfeindlichkeit in den neuen Bundesländern, primär eine Re­aktion auf die mannigfachen kulturellen, sozialen und ökonomischen Umstrukturierungspro­zesse nach der Wiedervereinigung, welche sich mit ideologisch-politischen Versatzstücken rex. Ideologien verbunden haben.[12]

Abschließend lässt sich damit zusammenfassen, dass alle Ansätze im Kern aufführen, dass bei rex. Gewaltausübung, z.B. gegenüber anderen Ethnien, diese nicht mehr als Menschen wahrnehmen bzw. diese nicht als Menschen anerkennen und eigentlich ansozialisierte Ver­haltensmuster, durch rassistische ersetzt werden.

Insgesamt lässt sich jedoch konstatieren, dass das Phänomen der Genese rex. Gewalt, als soziales Phänomen ein viel zu komplexes Problem ist und damit keiner der (es gibt noch zigfach weitere) Erklärungsansätze alleinigen Wahrheitsanspruch für sich beanspruchen kann. Denn es existiert ein Potpourri an Faktoren, welche latente Gewaltfaszination und Gewaltbereitschaft in tatsächliche Gewalt verkehren können.[13]

Bei der Vielzahl von rex. Gewalt, handelt es sich zudem um situative Konstellationen - meist in Verbindung mit Alkohol - bei denen jedoch die Auswahl der Opfer nicht willkürlich, sondern anhand des Feindbildes erfolgt. Aber bei einem nicht weniger geringen Prozent­satz kann man davon ausgehen, dass die Gewalttaten durchaus geplant, organisiert und zielgerichtet sind.[14]

3.2 Eine grobe Skizze rechtsextremer Gewalt in Deutschland seit 1990

Die Darstellung rex. Gewalt seit 1990, kann leider nur grob - mit den, meines Erachtens nach, einschlägigsten Taten - nachskizziert werden, da eine detaillierte Darstellung, auf­grund derVielzahl von Taten, in dieser Seminararbeit nicht möglich ist.

Bei dieser Betrachtung, sollten stets zwei Grundsätze unserer Verfassung im Hinterkopf bleiben. Gern. Art. 1 Abs. 1 S. 1 GG ist die „Die Würde des Menschen [...] unantastbar.“ und gern. Art. 3 Abs. 3 S. 1 GG darf „Niemand [...] wegen seines Geschlechtes, seiner Ab­stammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“

Nach der Herstellung der Einheit Deutschlands (juristisch korrekte Bezeichnung) am 3. Ok­tober 1990, kam es zu einem deutlichen Anstieg rex. Gewalt. Besonders Asylsuchende wa­ren zu dieser Zeit die Opfer rex. Übergriffe. Die exemplarischen Marksteine rex. Gewalt, welche durch die Massenmedien eigentlich jedem Bundesbürger ein Begriff sein müssten, sind die pogromartigen Ausschreitungen von Hoyerswerda 1991 und Rostock-Lichtenhagen 1992, welche quasi den Auftakt rex. Gewaltwellen bildeten, gefolgt von den Mordanschlä­gen in Mölln 1992 (3 Tote); Solingen 1993 (5 Tote) und dem Brandanschlag von Lübeck 1996 (10 Tote, darunter 7 Kinder).[15] Hinzu kommen zwischen 1990 bis Juni 2012 eine Vielzahl von rex. gewalttätigen Übergriffen sowohl physischer als auch psychischer Natur auf Aus­länder, Homosexuelle, Obdachlose, Punks, und zahlreiche andere Minderheiten bzw. an­ders denkender oder anders lebender Menschen, welche allesamt in das ideologische Feindbild rex. Gewalttäter passten. Insb. sei auf die inoffizielle Statistik der Amadeu Anto­nio Stiftung, mit mittlerweile 182 Todesopfern rex. Gewalt in Deutschland seit 1990 verwie­sen.[16]

„Das Jahr 1991 markiert die maßgebliche Zäsur in der Entwicklung der rechtsextremisti­schen Gewalt im vereinten Deutschland.“[17] Wie man der folgenden Statistik entnehmen kann, ist ab 1991 eine signifikante Zunahme rex. Gewalt ersichtlich:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Sitzer/Heitmeyer, S. 4.

Um die menschenverachtende Vorgehensweise rex. Gewalttäter zu demonstrieren, werde ich die Ausschreitungen von Hoyerswerda - quasi als Auslöser einer Welle rex. Gewalt seit der Wiedervereinigung Deutschlands - und den Brandanschlag von Lübeck nachzeichnen. Am 17.9.1991 wurden in Hoyerswerda vietnamesische Händler von 8 rex. Gewalttätern an­gegriffen, woraufhin die Opfer in ein Vertragsarbeiterwohnheim flüchteten, welches zu die­ser Zeit von ca. 120 Vertragsarbeitern aus Mosambik und Vietnam bewohnt wurde. Nach nur einigen Stunden versammelten sich ca. 50 Neonazis vor dem Gebäude und riefen aus­länderfeindliche Parolen und begannen Steine zu werfen. Erst 2 Stunden später trafen ers­te Polizisten ein, um das Wohnheim abzuriegeln. In den Abendstunden des 18.9. wurde das Wohnheim durch Steine und Molotows werfende Neonazis, unter dem Beifall der Anwohner angegriffen. Daraufhin wurden die Vertragsarbeiter evakuiert, nach Frankfurt am Main und Berlin transportiert und fast allesamt abgeschoben. Am Abend des 20.9. griffen die Neona­zis -wieder unter Applaus der Anwohner- ein von ca. 240 Flüchtlingen bewohntes Wohn­heim mit Steinen und Molotows an. Die Situation eskalierte und es kam zu körperlichen An­griffen. Die Ausländer wurden mit Flaschen, Ketten und Baseballschlägern attackiert. 32 Verletzte war das Resultat dieser Ausschreitungen. Dem, bis zu 600 Menschen umfassen­den wütenden Mob, stand die Polizei von Anfang an hilflos gegenüber. Erst am Morgen des 21.9. wurden mit Hilfe des SEK, die asylsuchenden Flüchtlinge in umliegende Unterkünfte evakuiert. Die sächsische Landesregierung bezeichnete es als eine Evakuierung zu ihrem eigenen Schutz. Trotz 82 vorläufiger Festnahmen, wurden später lediglich 4 Personen ver­urteilt.[18] Diese pogromartigen Übergriffe auf Mitmenschen, mit denen man zum Teil über Jahre zusammen in einer Nachbarschaft wohnte und teils sogar zusammen arbeitete, bilde­ten den Auftakt einer Welle rex. Gewalt in den 1990er Jahren gegenüber Ausländern und Asylsuchenden in Deutschland.

Die qualitative Zäsur von 1991, liegt vor allem in den massiven Zunahmen rex. Gewalt, insb. in den Sektoren der Körperverletzungs- und Brandstiftungsdelikte.[19] „Die Welle der Gewalt erreichte] ihren ersten Kumulationspunkt unmittelbar nach den [Ausschreitungen von Hoyerswerda] und der Abtransport aller Ausländer aus den betreffenden Unterkünften...“[20] stellte i.F. eines "Erfolges" der rex. Gewalttäter, für die Weiterentwicklung „der Gewalt- und Straftaten einen zentralen Mobilisierungsfaktor dar...“[21] Als problematisch erachte ich vor allem, die Reaktion der damals etablierten Politik. Welche „eher das sogenannte .Ausländerproblem' als das Problem fremdenfeindlicher Gewalt ins Visier nahm [und hierdurch einen Nährboden] für ein breites Verständnis rechtsradikaler Tendenzen.“[22] schuf.

In der Nacht zum 18.1.1996 kamen durch Brandstiftung in einem Asylbewerberheim in Lü­beck, 10 Asylbewerber ums Leben, darunter 7 Kinder. 38 weitere Menschen wurden infolge von Brandverletzungen, Rauchgasvergiftungen oder weil sie aus Panik aus den Fenstern sprangen, zum Teil schwer verletzt. Die internationale Presse bezeichnete diese menschen­verachtende Gräueltat, als das folgenschwerste rassistisch motivierte Verbrechen der deut­schen Nachkriegszeit. 4junge Männer aus der rex. Szene aus Grevesmühlen waren tatver­dächtig. Obwohl der Gerichtsmediziner an deren Gesichtern frische Brandspuren, wie Ver­sengungen der Wimpern und Augenbrauen entdeckte und ein Gutachten diese Brandspu­ren als frisch bewertete, konzentrierten sich die weiteren Ermittlungen gegen einen libane­sischen Heimbewohner, welcher allerdings später freigesprochen wurde.

[...]


[1] http://www.bpb.de/politik/extremismus/linksextremismus/33591/definitionen-und-probleme

[2] Jaschke, S. 31.

[3] Schroeder, S. 15.

[4] http://www.bpb.de/politik/extremismus/linksextremismus/33591/definitionen-und-probleme

[5] Decker, S.10.

[6] Brockhaus, S. 489-492.

[7] http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/wir-ueber-uns/

[8] Dierbach, S. 17f.

[9] Dierbach, S.17f.

[10] Wahl,m f.

[11] Streek-Fischer, S. 748-763.

[12] Wagner, S. 80 ff.

[13] Kersten, S. 19.

[14] Dierbach, S.77.

[15] http://www.politische-bildung-brandenburg.de/themen/die-extreme-rechte/lexikon/freie-kameradschaften

[16] http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/newsletter/sondernewsletter-zur-rassistischen-mordserie/#hl43329

[17] Neureiter, S. 79.

[18] http://www.sueddeutsche.de/politik/ausschreitungen-in-hoyerswerda-vom-fremdenhass-zur-offenen- gewalt-1.1144621-2

[19] Neureiter, S.80.

[20] Ebd., S. 82.

[21] Ebd.,

[22] Möller, S. 18.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Musik als Trigger. Bilden Rechtsextremismus und Gewalt eine Symbiose?
Hochschule
Universität Erfurt  (Staatswissenschaftliche Fakultät - Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar Rechtsextremismus in Deutschland; Ideologie – Strukturen – Strategien
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V303975
ISBN (eBook)
9783668025165
ISBN (Buch)
9783668025172
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rechtsextremismus, Gewalt, Extremismus, rechtsextreme Musik, Verhältnis Rechtsextremismus und Gewalt, Verfassungsschutz, Rechtsextremismus auf der Handlungsebene, Genese rechtsextremer Gewalt, Songtextanalyse
Arbeit zitieren
Ronny Hellesch (Autor), 2012, Musik als Trigger. Bilden Rechtsextremismus und Gewalt eine Symbiose?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303975

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Musik als Trigger. Bilden Rechtsextremismus und Gewalt eine Symbiose?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden