Revolution als Folge von Demokratisierung oder als Widerstand gegen ein repressives Regime?

Wie lassen sich Ausbruch und Zeitpunkt der Islamischen Revolution im Iran verstehen?


Hausarbeit, 2014
31 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theorieerklärungen
2.1. State-centered perspective
2.2. Demokratisierungstheorie

3. Empirisch-analytische Anwendung
3.1. Allgemeine Operationalisierung
3.2. State-centered perspective
3.2.1. Operationalisierung
3.2.2. Anwendung
3.3.Demokratisierungstheorie
3.3.1.Operationalisierung
3.3.2. Anwendung

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ist das Zeitalter der Revolutionen1 vorbei?“, diese Frage wirft Jeff Goodwin in seinem Buch „No Other Way Out“ auf (Goodwin 2001, S. 293). Angesichts der regimekritischen Proteste, die in jüngster Zeit rund um die Welt entstanden wie zum Beispiel der Ereignisse des sogenannten „arabischen Frühlings“ und den aktuellen Vorfällen in der Ukraine, lässt sie sich wohl klar verneinen. Deshalb ist auch noch heute besonders interessant, welche Erklärungsmuster die Wissenschaft für die Entstehung von Revolutionen bietet. Da uns aufgefallen ist, dass im von uns wahrgenommenen medialen Diskurs vor allem Konflikthandlungen dokumentiert werden, die Ursachen dabei jedoch oft auf einen „trigger factor“ reduziert werden, halten wir es für notwendig, die tiefer liegenden Gründe für das Entstehen einer Revolution zu analysieren.

In dieser Arbeit wollen wir uns dafür auf die Islamische Revolution2 im Iran 1978/79 konzentrieren und anhand zweier Theorien analysieren, welche Ansätze den Ausbruch dieser Revolution erklären können. Auch wenn diese Revolution, die zur Absetzung von Schah Mohammad Reza Pahlavi und zur Errichtung einer Islamischen Republik unter der Führung des Ajatollahs Ruhollah Chomeini führte, über 30 Jahre zurückliegt, ist eine tiefgehende Analyse der Ursachen noch immer relevant. Denn so überraschend die Massenprotestbewegung damals für den Schah selbst und für den ihn unterstützenden amerikanischen Geheimdienst CIA kam (Kurzman 2004, S. 1; Abrahamian 1982, S. 496), so rätselhaft scheint ihr Entstehen auf einen ersten Blick auch heute noch: Kurzman fasst die Bedingungen, die es so unerklärlich scheinen lassen, dass die regimekritischen Proteste von Geistlichen, Studenten, Sozialisten und anderen Teilen der Zivilbevölkerung tatsächlich zum Sturz des Schah-Regimes führten, folgendermaßen zusammen:

„A seemingly stable regime, led by a monarch with decades of experience, buoyed by billions of dollars in oil export, girded with a fearsome security apparatus and the largest military in the region, and favored by the support of the world's most powerful countries - how could such a regime fall?“ (Kurzman 2004, S. 1)

Auch aus dem Muster der sogenannten Stellvertreterkonflikte während des Kalten Krieges fällt die Islamische Revolution raus, denn obwohl das Schah-Regime offensichtlich durch Amerika gestützt wurde und sich aktiv gegen den Kommunismus innerhalb und außerhalb des Iran einsetzte, bemühte sich Mohammad Reza Schah doch um partnerschaftliche Verhältnisse zur Sowjetunion. Zwar schlossen sich auch Mitglieder der seit 1949 verbotenen iranisch marxistischen Tudeh-Partei den Protesten von 78/79 an, sie waren jedoch keine tragenden Kräfte der Revolution. Noch paradoxer scheint der Umsturz des Schah-Regimes bei oberflächlicher Betrachtung angesichts der Tatsache, dass sie auftraten, obwohl 1963 mit der „Weißen Revolution“ ein umfassendes Reformprogramm3 eingeführt wurde, das nach Angaben des Schahs selbst

„political, economic, and social 'democracy' […] for social justice, self-sufficiency, and 'true' or 'complete' political and economic independence“ (Saikal 1980, S. 80) erzielen sollte.Warum fand gegen Ende dieses Reformprogramms trotzdem eine Revolution statt? Entstand dieIslamische Revolution gar wegen der Reformen, wegen der sogenannten Öffnung des Politischen Raums, die in der letzten Phase der Reformen auf wirtschaftliche und soziale Reformen politische Veränderungen folgen ließ? Oder waren die Proteste Produkt der repressiven Herrschaft in den Jahren davor? Dieser Frage wollen wir uns in unserer Hausarbeit widmen. Wir wollen wissen, warum der innerpolitische Widerstand gegen der Schah in dieser Form zu diesem Zeitpunkt eskalierte. Unsere Forschungsfrage lautet deshalb: Revolution als Folge von Demokratisierung oder Widerstand gegen ein repressives Regime - Wie lassen sich Ausbruch und Zeitpunkt der sogenannten Islamischen Revolution verstehen?

Für die Entstehung innerstaatlicher Gewalt4 und Revolutionen werden verschiedene Erklärungsmuster verwendet. Diese Ansätze lassen sich grob in drei Kategorien unterteilen (vgl. Bussmann et al. 2009): Zum ersten gibt es sogenannte identitäre Ansätze, die zum Beispiel ethnische oder religiöse Ursachen, in den Fokus der Betrachtung rücken. Des Weiteren existieren ökonomische Ansätze, die Gewalt als Mittel zur Profitmaximierung für ursächlich halten. Einige Ansätze lassen sich auch in der institutionellen Erklärungsrichtung verorten. Dazu gehören zum Beispiel die state-centered perspective, die den Staat in den Mittelpunkt der Analyse rückt und davon ausgeht, dass Repression Ursache für gewaltsame Auseinandersetzung zwischen staatlichen Akteuren und der Zivilgesellschaft ist. Des weiteren gibt es die Transitionsansätze, die davon ausgehen, dass das Risiko gewaltsamer innerstaatlicher Eskalation zu Zeiten eines unvollständigen politischen Systemwechsels besonders hoch ist.

Darüber hinaus gibt es Theorien, die sich nur bedingt einer der drei Kategorien zuordnen lassen. Dazu gehören beispielsweise marxistische Ansätze, die über den ökonomischen Teil hinaus auch Faktoren wie Klassenidentität berücksichtigen. Manche Autoren befassen sich auch mit den eher sozialpsychologischen Gründen für Revolutionen. Hierzu gehört auch das häufig zitierte Werk „Why men rebel“ von Ted Robert Gurr, welches sich in einer modernisierungstheoretischen Ecke verorten lässt. Gurr behauptet darin: „Die Ursache innerstaatlicher Gewalt ist eine Lücke zwischen den Erwartungen der Handelnden an ihre Lebensbedingungen und ihren tatsächlichen Lebensbedingungen.“ (Ted Robert Gurr 1970, S. 24) Zum Iran und zu islamischen Revolution gibt es auf Grund der politikwissenschaftlichen Relevanz und dem ausreichend großen zeitlichen Abstand zu den Ereignissen eine große Menge an Analysen, Berichten und Interpretationen. So exisitieren zum Beispiel eine sehr detaillierte marxistische Analyse der Revolution von Dawud Gholamasad (Gholamasad 1985). Auch zu den einzelnen Teilaspekten der Entwicklungen gibt es vielfältige Literatur. So befasst sich z.B. H.E. Chehabi besonders mit der Rolle der liberalen Strömungen in Politik und Religion (Chehabi 1990) wohingegen Eric J. Hooglund aus einer polit-ökonomischen Perspektive versucht, die Ereignisse einordnen und erklären zu können (Hooglund 1982). Viele Texte können jedoch auf Grund ihrer zeitlichen Nähe zu den Ereignissen sowie dem emotionalen Bezug der Autoren zu der Thematik für wissenschaftliche Zwecke nur mit Vorsicht genutzt werden.5 Einen besonders umfassenden Überblick über die historischen Begebenheiten und Entwicklungen, die für die hier verwendete Theorien relevant sind, bieten z.B. die Bücher von Amin Saikal (Saikal 1980), Charles Kurzman (Kurzman 2004) und Ervand Abrahamian (Abrahamian 1982)

Alles in allem gibt es also einen großen Bestand an Literatur zum Iran und der islamischen Revolution, der diese aus zahlreichen analytischen Perspektiven beleuchtet.

Um den Ausbruch der islamischen Revolution zu erklären, konzentrieren wir uns auf zwei konträre Theorien: Zum einen auf die state-centered perspective mit besonderem Fokus auf Jeff Goodwins Werk, zum anderen befassen wir uns mit der von Jack Snyder entwickelten Transitionstheorie, die einen Zusammenhang zwischen Phasen eines Systemwandels eines Staates und dem Risiko der Konflikteskalation behauptet.6 Sicherlich gibt es viele theoretische Perspektiven, aus denen man diesen Konflikt betrachten könnte. Wir haben jedoch diese ausgewählt, da wir uns gezielt mit der Rolle des Staates und der Konfiguration des politischen Systems beschäftigen wollen. Uns interessiert hierbei, welchen Einfluss bestimmte staatliche Strukturen, beziehungsweise Veränderungen des Systems auf die Entstehung einer Revolution haben.

In einem ersten Schritt werden wir grundlegenden Annahmen und Argumentationsweisen der Theorien darlegen sowie die zentralen Kritikpunkte aufzeigen. Wie oben angedeutet, wird unser Fokus dabei auf den theoretischen Konzepten von Snyder auf der einen und Goodwin auf der anderen Seite liegen. Anschließend werden wir in einem zweiten Schritt die Theorien empirisch auf die spezifischen strukturellen und soziologischen Bedingungen und Entwicklungen im prärevolutionären Iran anwenden. Mit den gewonnen Erkenntnissen werden wir unsere Fragestellung beantworten und die Eignung der beiden Theorien zur Erklärung unseres Falls bewerten. Dadurch hoffen wir auch Rückschlüsse darüber ziehen zu können ob und wenn ja unter welchen Bedingungen sich die gewonnen Informationen auf andere Fälle übertragen lassen.

2. Theorieerkl ä rungen

2.1. State-centered perspective

Für Jeff Goodwin gibt es keine Revolution ohne Staat7 - aus zwei Gründen: Erstens umfasse eine Revolution auch den Zusammenbruch oder die Handlungsunfähigkeit eines Staates; eine Situation, die entweder von den Revolutionären selbst herbeigeführt oder von ihnen genutzt wird (Goodwin 2001, 24 f). Die Notwendigkeit einer solchen Staatslähmung ergibt sich laut Goodwin aus seiner Definition einer Revolution selbst. Er definiert Revolution als „[...] any and all instances in which a state or political regime is overthrown and thereby transformed by popular movement in an irregular, extraconstitutionel, and/or violant fashion“ (Goodwin 2001, S. 9). Zweitens entstehen Revolutionen Goodwin zufolge immer in Opposition zu Staaten, die bestimmte Strukturen und Handlungsmuster aufweisen (Goodwin 2001, S. 25). Aus diesen beiden Gründen rückt Jeff Goodwin den Staat und dessen Beziehung zur Zivilbevölkerung8 in den Mittelpunkt der Analyse. Dieser politische Kontext9 ist Goodwins Meinung nach essentiell für das Verständnis von Revolutionen und ihren Erfolg.

Jeff Goodwin bezieht in seine Analyse nicht nur erfolgreiche Revolutionen, sondern auch gescheiterte revolutionäre Bewegungen mit ein. Somit lässt sich mit der state-centered perspective auch erklären, warum ähnlich beschaffene revolutionäre Bewegungen in manchen Fällen erfolgreich sind und in anderen nicht (Goodwin 2001, S. 7). Gerade marxistische und modernisierungstheorethische Ansätze könnten dieses Rätsel laut Goodwin nur sehr vage und unzureichend erklären (Goodwin 2001, S. 18-20). Auch die Frage des Zulaufs einer revolutionären Bewegung ist nach Goodwin direkt abhängig von der Beschaffenheit eines Staates und seinen Vorgehensweisen. So argumentiert er, dass sich die Mehrheit einer Bevölkerung - so schlecht es ihr auch gehen mag - einer revolutionären Bewegung nur anschließe, wenn sie den Staat für ihr Leid verantwortlich macht. Außerdem finde eine Revolution nur statt, wenn sie von den meisten Menschen als einzige verbleibende Handlungsalternative gesehen wird. Gebe es noch eine Möglichkeit, die gleichen Ziele mit weniger riskanten Mitteln als einer Revolution durchzusetzen, würde ein Großteil der Bevölkerung diese präferieren (Goodwin 2001, S. 25 f.).

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass nach Goodwin die Beschaffenheit eines Staates, das Bild, welches die Zivilbevölkerung von ihm hat sowie sein Verhalten ihr gegenüber ausschlaggebend für die Entstehung und Entwicklung einer revolutionären Bewegung ist.

Die analytischen Perspektiven dafür teilt er in vier verschiedene Gruppen von state-centered perspectives ein (Goodwin 2001, S.37 ff.):

Die state-autonomy perspective geht davon aus, das staatliche Eliten in Autonomie zu wirtschaftlichen Eliten, sozialen Gruppen und der Zivilbevölkerung agieren. Diese staatlichen Eliten würden also weitestgehend unabhängig von anderen Staaten und der Zivilbevölkerung eigene Ziele, Identitäten, Interessen und Handlungsweisen entwickeln. Stehen diese nicht im Einklang mit den Interessen und Ansichten starker, organisierter Interessengruppen wie z.B Religionsgemeinschaften, Wirtschaftsverbände oder Gewerkschaften, so entstünden an dieser

Stelle innerstaatliche Konfliktlinien, die wiederum ursächlich für eine Revolution sein können. Eine Revolution entstehe also dadurch, dass eine Divergenz zwischen den Interessen der autonomen staatlichen Eliten auf der einen Seite und den nicht-staatlichen Akteuren auf der anderen Seite besteht. Diese Version einer state-centered Analyse, die zum Teil aus Max Webers politischer Sozialforschung hervorgeht ist häufig Grundlage (entweder durch Ablehnung oder Zustimmung zur Grundannahme staatliche Eliten könnten theoretisch autonom agieren) weiterer state-centered Analysen.

Auch der state-capacity approach lässt sich in ihrer Entstehung an Max Weber anlehnen. Diese analytische Perspektive rückt im Gegensatz zur state-autonomy perspective nicht den Interessengegensatz zwischen Staat und Zivilbevölkerung in den Mittelpunkt, sondern die materiellen und organisatorischen Kapazitäten, auf die die staatlichen Eliten zurückgreifen können, um ihre politische Agenda durchzusetzen. Relevante Analyseeinheiten sind hier die finanziellen Ressourcen der staatlichen Eliten, ihre militärische Stärke, sowie die organisatorische Reichweite in die Zivilbevölkerung hinein. Die Theorie behauptet, Staaten seien anfällig für Revolutionen wenn diese, in Anlehnung an Michael Mann „infrastrukturelle Macht“ genannten Fähigkeiten in einem zu geringen Maß vorliegen, wenn die staatlichen Eliten also nicht die Kapazitäten haben, ihre eigenen Interessen durchzusetzen und somit eine Revolution erst möglich machen.

Auch wenn der state-capacity approach häufig gemeinsam mit der state-autonomy perspective verwendet wird, sind beide analytisch voneinander zu trennen. So können staatliche Eliten autonom agieren, aber nicht die nötigen Kapazitäten zur Durchsetzung ihrer Interessen haben. Im Gegenzug hat eine infrastrukturell machtvolle Elite nicht zwangsweise von der Zivilbevölkerung unabhängige Interessen und Handlungsweisen.

Ein dritter Ansatz konzentriert sich auf die Möglichkeit von zivilgesellschaftlichen Gruppierungen, sich kollektiv zu organisieren und durch koordiniertes Handeln politische Prozesse zu beeinflussen. Diese sogenannte political-opportunity perspective legt somit den Fokus darauf, wie der Staat sich solchen „mobilisierten sozialen Gruppen“ (Goodwin 2001, S. 38) gegenüber verhält; wie tolerant, durchlässig und entgegenkommend er ist, kurz gesagt: wie viel Spielraum er ihnen bietet. Eben diese Gelegenheiten, Kollektive zu mobilisieren, werden als notwendige Voraussetzung für kollektives Handeln oder die Einflussnahme auf „polities“ (Goodwin 2001, S. 38) gesehen. Sidney Tarrow zufolge sind diese Gelegenheiten „konsistente - aber nicht notwendigerweise formale oder permanente - Dimensionen der politischen Umwelt, die Anreize bieten, kollektiv zu handeln, indem sie die Erwartungen auf Erfolg oder Misserfolg beeinflussen.“

(Sidney Tarrow 1994, S. 85) Werden solche kollektiven Handlungen nicht unterdrückt, mangele es dem Staat entweder an den nötigen Kapazitäten oder er ließe ihnen bewusst Möglichkeiten der Einflussnahme.

Im Gegensatz zur political-opportunity perspective, die sich mit den Handlungsmöglichkeiten und Anreizen für bereits bestehende Gruppierungen befasst, konzentriert sich der von Jeff Goodwin als state-constructionist perspective bezeichnete Ansatz mit der Rolle, die der Staat bei der Entstehung solcher Netzwerke spielt. Goodwin konstruiert diese Perspektive in Anlehnung an die bestehenden Konzepte von kulturellem Konstruktivismus und geht davon aus, dass bestimmte staatliche Strukturen oder Vorgehensweisen aktiv revolutionäre Bewegungen formen (Goodwin 2001, S. 25)10. Diese „Konstruktion“ von Revolutionen sei vom Staat zwar nicht beabsichtigt, unbewusst würde ein auf eine bestimmte Weise konfigurierter Staat jedoch einen „politischen Kontext“ schaffen, in dem allein Revolutionen entstehen könnten. Hier paraphrasiert Goodwin Marx und schreibt: „(…) people do not make revolutions under circumstances chosen by themselves, but within specific political contexts directly encountered, given, and transmitted from the past” (Goodwin 2001, S. 25). So betont Goodwin, wie der Staat durch seine Beschaffenheit kollektives Leid, geteilte Emotionen, Identitäten und Ideologien und somit eine Grundlage für die Entstehung revolutionärer Bewegungen schaffe.

Alles in allem, so Goodwin, sei die Entstehung von Revolutionen in exklusiven, willkürlich repressiven und infrastrukturell schwachen Staaten besonders wahrscheinlich. Entscheidend ist außerdem, inwiefern der Staat für die Konstruktion oppositioneller Kollektive mitverantwortlich ist und wie gut er in der Lage ist, diese einzubinden. Ob eine Revolution erfolgreich ist, hängt Goodwin zufolge davon ab, wie stark klientelistisch der Staat ist (vgl. Goodwin 2001, S. 37ff.).

Problematisch an allen state-centered Ansätzen ist jedoch, dass sie keine Begebenheiten analysieren, die außerhalb des politisch-staatlichen Rahmens liegen. Berücksichtigt wird zum Beispiel nicht der Inhalt kollektiver Überzeugungen, sondern lediglich ihr auf den Staat bezogener Entstehungszusammenhang. Soziale Bewegungen werden ausschließlich auf ihr Verhältnis zum Staat analysiert, ihre innere Beschaffenheit, Wechselbeziehungen zu anderen nicht-staatlichen Akteuren und ihre integrativen Fähigkeiten werden nicht berücksichtigt.11

2.2. Demokratisierungstheorie

Der - von der Politik häufig missbräuchlich genutzten - Annahme, man brauche die Welt nur demokratisieren, um Frieden zu schaffen, setzen Jack Snyder und Edward D. Mansfield ihre Transitionstheorie entgegen. Mit dieser begründen sie die höhere Konfliktanfälligkeit von Ländern, die einen politischen Systemwechsel durchleben- dies bezieht sich sowohl auf die Konfliktanfälligkeit von Staaten, die sich in einer Phase der Autokratisierung befinden als auch auf solche, bei denen es sich um eine Transition hin zur Demokratie handelt. Die zentrale Aussage der Theorie lautet: Eine gewaltsame Eskalation eines Konflikts ist in Staaten, deren politisches System sich im Wandel befindet, deutlich wahrscheinlicher als in solchen, die über längere Zeit politisch stabil geblieben sind. Dabei wird sowohl die Eskalation zwischenstaatlicher als auch die innerstaatlicher Konflikte berücksichtigt (Mansfield, Snyder 1995, S. 8).

Snyders und Mansfields Theorie basiert auf einer empirische Untersuchung, in welcher sie die Konfliktanfälligkeit verschiedener Staaten miteinander vergleichen. Aus dieser ziehen sie die Erkenntnis, dass allgemein Staaten, die einen Systemwandel durchlaufen, besonders aber demokratisierende Staate häufiger in gewaltsame Konflikte verwickelt sind als Demokratien und Autokratien, die über einen längeren Zeitraum hinweg stabil geblieben sind.

Für die empirische Untersuchung verwenden sie Ted Robert Gurrs Datenbank Polity II und die von ihm benutzte Differenzierung zur Messung des Demokratie-Grades. Gurr misst Demokratie durch das Ausmaßes des Wettbewerbs um politische Partizipation; die Verbindlichkeit der Regulierungen dieses politischen Konkurrenzkampfes; die Offenheit des Wettbewerbs um die Vergabe von staatlichen Führungsämtern; und der Grad der Machtbeschränkung staatlicher Eliten (Mansfield, Snyder 1995, S. 9). Basierend auf diesem Konzept teilt Bruce Russett Staaten in drei Kategorien ein (Russett 1995): Autokratien, Demokratien und Anokratien, welche eine Art „Mischform“ darstellen und sowohl demokratische als auch autokratische Elemente aufweisen. Snyder und Mansfield nutzen diese Unterscheidung und bezeichnen Transition als Übergang von einer Staatsform in die andere, wobei Transition selbst als länger andauernder, schrittweise vollzogener Prozess betrachtet wird.12 Snyder führt verschiedene Erklärungsansätze13 für die erhöhte Konfliktanfälligkeit von demokratisierenden Staaten14 an:

[...]


1 Revolution definieren wir hier nach Cohen als „ […] process by which a radical alteration of a particular society occurs over a given time span. Such alteration would include (a) a change in the class composition of the elites, (b) the elimination of previous political institutions and their replacement by others […], or an alteration of the functions of these institutions, and (c) changes in the social structure which would be reflected in the classarragements and/or the redistribution of resources and income“ (Cohan 1975, S. 31)

2 Auch wenn die Zusammensetzung der Anti-Schah-Proteste sehr heterogen war, sprechen wir im Folgenden der Leserlichkeit zuliebe von der Islamischen Revolution, da der politische und spirituelle Führer der Revolution der Ajatolla Ruholla Khomeini war und die Proteste letzten Endes zur Errichtung einer Islamischen Republik führten. Demnach lässt sich sagen, dass die Islamische Opposition einen besonderen Stellenwert innerhalb Revolution einnahm.

3 Für eine detaillierte Beschreibung des Reformplans siehe Saikal 1980, S.79 ff.

4 Mit Gewalt ist ausschließlich physische Gewalt gemeint - entweder als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele oder als spontaner Ausdruck von Verzweiflung und mangelnden wahrgenommenen Handlungsalternativen.

5 Besonders voreingenommen wirkt hier Farughy und Reverier 1979 Dieses Buch setzt sich auf sehr einseitige Weise mit den Verfehlungen des Schah-Regimes auseinander.

6 Im Folgenden ist mit Demokratisierungstheorie gesondert die Konfliktanfälligkeit von Demokratisisierungsprozessen gemeint. Snyders Transistionstheorie bezieht sich auch auf Autokratisierungsprozesse.

7 Nach Goodwin umfasst Staat die "[...] core administrative, policing and military organizations, more or less coordinated by an executive authority, that extract ressources from and administer and rule [...] a territorily defined national society." Goodwin 2001, S. 11

8 Wir definieren Zivilbevölkerunng in Anlehnung an Goodwin als Menschen und soziale Beziehungen innerhalb des Staatsgebietes (vgl Goodwin 2001, S. 14)

9 Goodwin definiert den politischen Kontext als "[…] ways in which a national society, or some component of it, is governed and regulated by, has access to, and otherwise relates to the national state as well as to the larger state system." Goodwin 2001, S.

10 Goodwin beschränkt seine Annahme dabei nicht nur auf die kulturellen und diskursiven Handlungen des Staates sondern bezieht darüber hinaus die grundlegende Struktur und auch nicht-diskursive Handlungsweisen in die Analyse mit ein. Diese hält er für ebenso prägend für die Konstruktion von sozialen Bewegungen. Vgl. dazu Lieberman 1995

11 Mit der Wichtigkeit von sozialen Netzwerken und zwischenmenschlichen Beziehungen haben sich unter Anderem Roger Gould (1995) und Peter Bearman (1993) befasst.

12 Als Untersuchungszeitraum wird von den Autoren die Zeit von 1811 bis 1980 gewählt

13 Wir beschränken uns auf die Gründe, die aus unserer Sicht das Entstehen innerstaatlicher Gewalt erklären sollen und lassen Erklärungsansätze für das erhöhte Risiko zwischenstaatlicher Gewalt auf Grund der Fragestellung außen vor.

14 Wir konzentrieren uns in dieser Arbeit ausschließlich auf den Prozess der Demokratisierung. Die Erklärungsansätze für die Konfliktanfälligkeit von sich autokratisierenden Staaten lassen sich bei Snyder, Mansfield 1995, S. 20 ff.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Revolution als Folge von Demokratisierung oder als Widerstand gegen ein repressives Regime?
Untertitel
Wie lassen sich Ausbruch und Zeitpunkt der Islamischen Revolution im Iran verstehen?
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Autoren
Jahr
2014
Seiten
31
Katalognummer
V304025
ISBN (eBook)
9783668023574
ISBN (Buch)
9783668023581
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
revolution, folge, demokratisierung, widerstand, regime, ausbruch, zeitpunkt, islamischen, iran
Arbeit zitieren
Julian Wolff (Autor)Cecilia Kilimann (Autor), 2014, Revolution als Folge von Demokratisierung oder als Widerstand gegen ein repressives Regime?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304025

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