Das Judentum in Bamberg. Darstellung der Erinnerungsorte im Kontext der jüdischen Geschichte mit Schwerpunkt auf die Opfer des Nationalsozialismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
35 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bamberg und das Judentum
2.1. Juden im mittelalterlichen Bamberg
2.2. Die Juden in der Bamberger Neuzeit
2.3. Jüdisches Leben im Bamberg des 20. Jahrhunderts
2.4. Der Wiederaufbau einer Gemeinde

3. Bamberger Erinnerungsorte an die jüdische Geschichte der Stadt
3.1. Definition von Erinnerungsorten
3.2. Gedenkstätten für die jüdischen Opfer des NS-Regimes
3.2.1. Allgemeine Erinnerungsorte
3.2.1.1. Der jüdische Friedhof
3.2.1.2. Die Synagogen und Wohnviertel
3.2.1.3. Die Stolpersteine in Bamberg
3.2.2. Institutionen und Vereine
3.2.2.1. Die Willy-Aron-Gesellschaft
3.2.2.2. Die Israelitische Kultusgemeinde

4. Die Erinnerungsarbeit der Stadt Bamberg - Eine Kritik
4.1. Fehlende Unterstützung und überflüssige Bürokratie
4.2. Große Entfernung, geringe Bekanntheit oder fehlende Existenz
4.3. Fehlende Präsenz der jüdischen Gemeinde

5. Fazit und Anmerkungen

6. Quellen und Literatur
6.1. Quellenangaben
6.2. Weiterführende Literatur
6.3. Abbildungen

1. Einleitung

Wie wenig darf man von der Vergangenheit vergessen, um sorglos in die Zukunft schauen zu können? In Hinblick auf die deutsche Geschichte ist dies eine Frage, die sich wohl viele Geschichtsstudenten stellen, wenn Sie den Themenkomplex des NS-Regimes betrachten. Es ist für keinen Menschen angenehm, ständig an seine Fehler erinnert zu werden, aber für ein ganzes Volk stellen sich ganz neue Probleme: Trägt man 70 Jahre nach dem Ende eines Krieges noch Schuld an diesem und dessen Verbrechen? Darf man stolz auf sein Land sein, wenn es für den Tod von Millionen von Menschen verantwortlich ist? Was kann man tun, damit Völkermorde und Kriege nie wieder statt finden?

Die Antworten auf diese Fragen sind schwierig zu finden, interdisziplinärer Natur und zu

Umfangreich für eine Hausarbeit. Dies aber nicht zuletzt, weil sie in den letzten Jahrzehnten immer wieder aufgeworfen werden, ohne dass eine allgemein gültige Antwort darauf gefunden werden kann. Dennoch ist es wichtig, diese im Hinterkopf zu behalten, wenn man sich mit Erinnerungsorten und Gedenkstätten beschäftigt, die den zweiten Weltkrieg und das NS-Regime thematisieren. Bei Erinnerungsorten dieser Art wagen viele Künstler, Initiatoren, Stiftungen und öffentliche Träger schmale Gradwanderungen zwischen Unauffälligkeit und Penetranz; Ästhetik und Ekel.

Ist ein Erinnerungsort zu unbekannt oder unauffällig, wird er schlichtweg nicht bemerkt. Zu groß, modern oder künstlerisch bewirkt er das Gegenteil: Abschreckung und Verstörung beim Besucher.

Je sensibler das Thema ist, desto hitziger wird die Diskussion um den Erinnerungsort, dessen Gestaltung und dessen Sinn geführt. Kein Thema der deutschen Geschichte ist so sensibel, wie der Holocaust im zweiten Weltkrieg und auch die Erinnerungsorte an die Judenverfolgung sind ein heikles Thema. Viele Städte und Kommunen scheuen sich vor der Aufarbeitung dieser Epoche, denn niemand möchte gerne zugeben, dass man sich die Finger schmutzig gemacht hat. Eine Stadt die sich aber schon auf Grund des historischen Kontextes verpflichtet fühlte einen zentralen Erinnerungsort zu schaffen, war Berlin mit dem Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor. Doch von den anfänglichen Diskussionen um dessen enorme Kosten, über die Gestaltung und Aussage und den Disput über den Anti-Graffiti-Schutz der Firma Degussa,1 bis hin zu den neuesten Erkenntnissen über den Maroden Zustand der Stehlen,2 taucht dieser Erinnerungsort immer wieder in Medien und politischen Diskussionen auf.

Man sieht also, dass es nicht einfach ist, den idealen Erinnerungsort zum Gedenken an die jüdischen Opfer des dritten Reiches einzurichten. Doch nicht nur in Berlin spielt dieses Thema eine politische Rolle. Wie diese Arbeit aufzeigen wird, ist dies auch in Bamberg ein immer wiederkehrender Disput in der städtischen Politik und bei der Bevölkerung. Des weiteren möchte ich darstellen, auf Welche Art und Weise die Stadt Bamberg an die Opfer des NS-Regimes und des zweiten Weltkrieges erinnert. Der Schwerpunkt wird hierbei bei den Opfern in der jüdischen Bevölkerung liegen, denn gerade die Frage hier nach hat mich besonders beschäftigt.

2. Bamberg und das Judentum

Im Jahr 1002 Heinrich II. zum deutschen König gewählt. Dies war der Ausgangspunkt für die Erfolgsgeschichte der Stadt Bamberg, denn Heinrich hatte die Burg Babenberg fünf Jahre zuvor von seinem Vater geerbt. Sie war einer der Lieblingsplätze von Heinrich und seiner Gemahlin Kunigunde und so stieg sie zur Kaiserpfalz auf; nur wenige Jahre später dann zu einem einflussreichen Bistum.3 Die kulturelle, regionale und internationale Rolle Bambergs wuchs mit der Zeit ebenso wie die im Handel: „Im 12. Jahrhundert […] [gewährte] Kaiser Friedrich Barbarossa I. […] den Bamberger Kaufleuten Schutz und Zollfreiheit im ganzen Reich. […] Das Bamberger Stadtrecht ist uns aus dem 14. Jahrhundert überliefert; zu dieser Zeit erlebte das Bürgertum den Höhepunkt seiner mittelalterlichen Entwicklung“4

2.1. Juden im mittelalterlichen Bamberg

Schon zu dieser Zeit gab es jüdische Gemeinden in Bamberg und anderen oberfränkischen Städten: Da den Juden sowohl der Landbesitz als auch die Arbeit in Zünften verboten war, konnte die jüdische Bevölkerung weder im Handwerk noch in der Landwirtschaft Fuß fassen. Als Händler und Geldverleiher fanden sie deshalb gerade in den Städten ihr Einkommen: Den Christen war das Zinsgeschäft untersagt und somit war es ein profitables Einkommen für die finanziell ausgebeuteten Juden. Bald schon galt aber die Verzinsung von Darlehen aber als unsittlich, weswegen die jüdische Bevölkerung noch mehr in Verruf geriet.5 Das gemeine Bürgertum stand den jüdischen Gemeinden schon seit den Anfängen des Mittelalters argwöhnisch und abweisend gegenüber: Brunnenvergiftungen, Ritualmorde und Hostienschändung wurden den Juden immer wieder vorgeworfen, da diese nicht nur geduldige Sündenböcke sondern auch ein ständige Dornen in den Augen der Päpste waren.6 Die Juden selbst hatten „seit dem 13. Jahrhundert [den Status] als schutzbedürftige ‚Kammerknechte’ des Königs […] [inne, was] ein eigentümlicher Rechtsstatus zwischen Freiheit und Knechtschaft [war]. […] Der König ließ sich seinen Schutz teuer bezahlen, obwohl er ihn nicht allzu oft ausübte, wie die Pogrome des 14. und 15. Jahrhunderts belegen.“7 Eines der Ersten, in Franken überlieferten, fand 1298 statt:

„Ein fränkischer Adeliger namens Rindfleisch sammelte damals eine Schar von Gleichgesinnten um sich, mit der er unter dem Vorwand, die Schändung einer Hostie durch Juden rächen zu wollen, in Franken und Umgebung die Judenschaften von nicht weniger als 146 Dörfern und Städten dezimierte oder ausrottete. In Bamberg kostete die barbarische Tat mehr als 130 Juden beiderlei Geschlechts und jeden Alters das Leben.“8

Trotz dieses Ereignisses erholte sich die jüdische Bevölkerung in Oberfranken aber wieder, nicht zuletzt weil der Kaiser in ihnen eine wichtige finanzielle Kraft seines Reiches sah. Auf Grund dessen scheiterte auch eine Abmachung im Jahr 1422 zwischen den fränkischen Bischöfen von Bamberg und Würzburg, die gemeinsam mit den Marktgrafen alle Juden in ihren Einzugsgebieten gefangen nehmen und vertreiben wollten. 1473 schlug die Reichsstadt Nürnberg vor, ganz allgemein gegen die Juden vorzugehen, mit dem Ziel sie aus Franken zu vertreiben. 1475 erließt die Diözese Würzburg ein Verbot gegen die Zinsnahme.9 „Dieser Schritt veranlasste den Bischoff von Bamberg, Philipp von Henneberg, zu dem Vorschlag, das Verbot auch in Bamberg, dem Gebiet der Reichsstadt Nürnberg und in den brandenburgischen

Territorien [Ansbach und Kulmbach] zu erlassen. Dies war angesichts des Wiederstands des Kurfürsten Albrechts Achilles nicht durchführbar.“10 Auch ist keinerlei andere Rechts-Quelle bekannt, die eine offizielle Vertreibung der Juden aus Bamberg belegt. Im Jahre 1487 hatte Bamberg allerdings keine jüdische Gemeinde mehr: „In der Grabinschrift des in diesem Jahr verstorbenen Philipp von

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Abb. 1: Die „Rindfleisch-Pogrome“ vernichteten 1298 Henneberg wurde diesem Bischoff die fränkische Judengemeinden. Darstellung in der Weltchronik des Nürnberger Arztes Hartmann Schedel von Vertreibung der Juden zugeschrieben. Zwar 1439 (Quelle: Information zur politischen Bildung 307)

werden auch weiterhin in den Quellen vereinzelt Juden genannt, die Forderungen aufbringen oder ihr Haus verkaufen, […] aber dies waren nur die traurigen Reste einer ehedem angesehenen Gemeinde, die es nun nicht mehr gab.“11

2.2. Die Juden in der Bamberger Neuzeit

Um 1565 ist eine Neuansiedlung der Juden in Bamberg dokumentiert, so ist unter anderem die Anmietung von Räumlichkeiten für eine Synagoge in der Generalsgasse überliefert, die 1560 angemietet wurde.12 Doch die Gemeinde durfte sich nicht überall niederlassen: Oft mussten sie ihre Häuser an den vormaligen Besitzer zurück verkaufen und „selbst Lothar Franz von Schönborn achtete darauf, dass sich die Juden nicht ‚die besten und saubersten Straßen‘ aneigneten. Dennoch gab es 1737 bereits 25 jüdische Wohnhäuser mit 60 Haushalten und 380 Einwohnern.“13 „1811 waren es […] 50 männliche Haushaltsvorstände bei einer Gesamtzahl von 278 jüdischen Einwohnern.“14 Durch das bayerische Judenedikt von 1813 erlangten die Juden in Bamberg zumindest eine annähernde Gleichstellung, auch wenn die freie Wahl des Wohnortes immer gegeben war: Auch bekannt als Matrikelgesetz, regelte das Edikt die maximale Anzahl an jüdischen Familien in einer Gemeinde. Wohnte also in einer Gemeinde oder einem Bezirk zu viele Juden, konnten diese zum Umzug gezwungen werden. „Nur 69 Familien waren danach die Ansiedlung in Bamberg erlaubt. […] 1832 war die erlaubte Familienanzahl mit 72 schon leicht überschritten. Immerhin ermöglichte das Gesetz die Ausübung von Berufen, die jüdischen Einwohnern bis dahin verschlossen waren, einschließlich Handwerk und Landwirtschaft, beides war allerdings mangels struktureller Voraussetzungen wenig erfolgreich.“15 Trotz einem enormen Verwaltungsaufwand, denn das Edikt während der Industrialisierung mit sich brachte, gab es also keinerlei Bestreben die staatliche Diskriminierung abzuschaffen und die wirtschaftlich wichtigen jüdischen Mitbürger gleichzustellen.

„Nur vereinzelt gab es in der christlichen Mehrheitsgesellschaft […] Stimmen, die sich für eine vollständige Gleichstellung der Juden aussprachen, so […] [waren es] vor allem Juden, etwa die Dichter Heinrich Heine und Ludwig Börne, die energisch für die Gleichstellung kämpften und die Emanzipation der Juden als ein Teil der Gesamtemanzipation im immer noch feudalistisch geprägten deutschen Staat verstanden.“16

2.3. Jüdisches Leben im Bamberg des 20. Jahrhunderts

In Bamberg konnten die jüdischen Bürger vom städtischen Wachstum profitieren und schon bald gab es einige wohlhabende, jüdische Fabrikanten die vor allem das Stadtbild in Richtung Bahnhof und Haingebiet prägten. „[Ein] Nunmehr weithin sichtbares Zeichen der Integration der jüdischen Bevölkerung in den Stadtraum [Bambergs] war die vierte Synagoge (1910) von Johannes Kronfuß […], die nicht mehr im Hinterhof versteckt war, sondern eindrucksvolle städtebauliche Wirkung […] erzielte.“17 Die größere Synagoge war auch zwingend notwendig, hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Zahl der jüdischen Einwohner Bambergs die 1.000 überschritten. Die Signale der Stadt Bamberg waren beim Bau der Synagoge durchwegs liberal und zuvorkommend: So überließ die Stadtverwaltung das ursprünglich 80.000 Markt teure Grundstück der jüdischen Gemeinde für 15.000 Mark.18 Die Zeitschrift Im deutschen Reich schrieb im Oktober 1910: "Bamberg, 20. September (1910). Am 11. September wurde hier die neu erbaute prächtige Synagoge mit einer Feier eingeweiht, die zu erkennen gibt, dass in Bamberg das Verhältnis der Anhänger der verschiedenen Religionen zueinander durchaus ungetrübt und vortrefflich ist. Die Beteiligung von geistlichen und weltlichen Behörden ließ erkennen, dass die Drachensaat des Antisemitismus hier glücklicherweise wenig

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Die vierte Synagoge (rechts) am Wilhelmsplatz fügte sich in das Bamberger Stadtbild ein (Quelle: Wurzel geschlagen hat.“19 Die Rede ist vom www.alemannia-judaica.de/bamberg_synagoge.htm Stand: 08.11.2014)

modernen Antisemitismus der Kaiserzeit, der seine Begründung nicht mehr in religiösen Motiven sucht, sondern sich in modernen, angeblich wissenschaftlichen Anschauungen begründet.20

„Als einer der Ersten vertrat Wilhelm Marr […] 1879 die These, dass es sich bei der ‚Judenfrage‘ um eine ‚Rassenfrage‘ handele und der Unterschied der ‚Rassen‘ im ‚Blut‘ liege. […] Ausgrenzungen der Juden aufgrund ihres angeblich ‚anderen Blutes‘ und der dadurch vermeintlich bedingten jüdischen Eigenschaften, die sowohl positiv als auch negativ gedeutet wurden, hatte es sei dem beginnenden 19. Jahrhundert gegeben. […] Einen Schritt weiter gingen die rassistischen Antisemiten, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Theorien entwickelten. Sie fußten auf den Ausführungen des französischen Diplomaten Joseph Arthur Comte de Gobineau, der […] um 1850 die Menschheit in drei Rassen: Weiße, Schwarze, Gelbe unterteilte und nur den Weißen, den ‚Ariern‘, kulturschöpferische Fähigkeiten zusprach.“21

Dieser neue Antisemitismus fand erst eine Ruhepause im ersten Weltkrieg. Angespornt von Kaiser Wilhelm II Ausspruch „Ich kenne nur Deutsche!“ und der Chance, im Dienst für das deutsche Vaterland Vorurteile aus dem Weg räumen zu können, zogen ca. 100.000 deutschen Juden in den Krieg, worauf die Hetze gegen Juden anfänglich zurück ging. Die antisemitische Propaganda machte die Bevölkerung glauben, dass viele Juden sich vor dem Wehrdienst drückten. Auf Grund dieses Gerüchtes, ordnete das deutsche Verteidigungsministerium 1916 eine statistische Erhebung an, die als die „Judenzählung“ bekannt wurde. Auch wenn die Ergebnisse der Auszählung nicht veröffentlicht wurden, war der Schaden bereits geschehen: Es etablierte sich der Vorwurf der Drückebergerei, der bald von den Ansichten begleitet wurde, dass die jüdische Bevölkerung vom Krieg profitierte. So hatte die deutsche militärische und politische Elite schnell einen Sündenbock gefunden, als es darum ging die Schuldfrage an der Niederlage des ersten Weltkrieges zu klären: So behauptete Paul von Hindenburg, das deutsche Heer sei im Felde von hinten erdolcht worden. Zu den General — Schuldigen wurden linke Politiker und deutsche Juden.22 Zu dieser Zeit wohnten bereits viele, sogenannte Ostjuden in Bamberg, die aufgrund von Pogromen aus osteuropäischen Staaten nach Deutschland ausgewandert waren und deren Anwesenheit in ganz Deutschland schon seit einigen Jahren Vorurteile und Gerüchteküche nährten. Trotzdem konnte man weder den Klerikern noch Regionalpolitikern der Region Bambergs Vorwürfe machen: Alle Seiten bemühten sich sehr um einen rationalen und friedlichen Umgang miteinander, der auch im Kontext der Dolchstoßlegende nach 1918 nicht einbüßt:

„Bezeichnend sind die Ausführungen des Staatsanwaltes bei einem Prozess gegen zwei Bamberger Schüler des Neuen Gymnasiums im Januar 1920. Die beiden hatten mit Kreide antijüdische Parolen an die Hauswände geschrieben. Der Staatsanwalt führte dazu aus: ‚Wenn die Bevölkerung immer derlei Anschläge lese, so werde die Stimmung, die onehin gegen die Juden eine gereizte sei, eine immer erregtere. Dazu komme noch, dass wir in einer unruhigen Zeit leben, wo Gefahr für eine Hungersnot bestehe und Lebensmittelkrawalle zu befürchten seien. Dass sich dann die Bevölkerung einen Sündenbock suche und gegen einen Teil der jüdischen Bevölkerung vorgehe, die schon von alters her im Geruche des Wuchers stehe, wenn dies jetzt auch gegenwärtig, wo alles wuchert, unbegründet sei, sei nur zu leicht anzunehmen.‘“23

So überstand die jüdische Gemeinde Bambergs die unruhigen Anfänge der Weimarer Republik, die einen neuen völkischen Antisemitismus mit sich brachten, doch gruppierten sich in Anfang der 30er Jahre immer mehr politische Verbände wie der Schutz- und Trutzbund, dem V ö lkischen Block oder der Bund Oberland: Mit Parolen wie „Deutschland den Deutschen!“ betrieben viele politischen Vereine verstärkt antisemitische Propaganda. Ab „1926 hetzte die Bamberger NSDAP mit einem Blatt namens ‚Die Flamme‘ […] gegen die Juden. […] Mit bis dahin nicht bekannter Brutalität wurden die Bamberger Juden persönlich angegriffen und in schlimmster Art und Weise entwürdigt, ohne dass sich die Bamberger

Öffentlichkeit vor ihre attackierten Bürger stellte.“24 So erlebten die Bamberger Juden bis zur Machtergreifung 1933 einen ständigen, geduldeten Antisemitismus, der sich nach 1933 schnell ausbreitete und früh seine ersten Opfer forderte. Eines dieser Opfer, war der Rechtsreferendar Willy Aron, der schon im Mai 1933 in Dachau interniert und wenige Tage später ermordet wurde: Dieser war als sozialdemokratischer, jüdischer Politiker und Rechtsgelehrter in Bamberg bekannt und den Nationalsozialisten mehr als nur ein Dorn im Auge.25

In der darauf folgenden Zeit wurde die jüdische Bevölkerung in Bamberg, wie in den restlichen Teilen des dritten Reiches auch, nach und nach entrechtet und enteignet. Es „wird deutlich, dass das NS-Regime die Juden systematisch ausplünderte, ehe es sie vertrieben und ermordet hat. Vor dem physischen Tod standen der ‚Finanztod‘ und der ‚bürgerliche Tod‘, die der Ermordung vorausgingen.“26 Die staatliche Legalisierung des Antisemitismus förderte unabdinglich die systematische Zerstörung der jüdischen Existenzen in der Domstadt: In der Beamtensprache als „Arisierung“ betitelt, verleibte sich das NS-Regime nach und nach das Vermögen, die Betriebe und die Wohnräume der Juden ein.

„Auch die zwangsweise Konfiskation von Radios, Fahrrädern, Winterkleidung und anderem in großen Sammelaktionen ab 1938 kann zur ‚Arisierung‘ gerechnet werden. Ein weiterer großer Bereich war der Raub von Kunst. und Kulturgütern. […] Einen Gipfelpunkt der staatlichen Ausplünderung bildete die 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941, nach der das Vermögen von Juden, die die deutsche Reichsgrenze überschritten, automatisch dem Staat verfiel.“27

Vor den Deportationen nach Dachau, Theresienstadt und Auschwitz, die im Mai 1941 begannen, wurden die Juden großteils im Gasthof „Weiße Taube“ gesammelt, welcher als Ghetto genutzt wurde.28

[...]


1 vgl. Weiland, Severin, Holocaust-Mahnmal in Berlin: „No more jokes“, http://www.spiegel.de/kultur/ gesellschaft/holocaust-mahnmal-in-berlin-no-more-jokes-a-333026.html (Stand 17.10.2014)

2 vgl. Das Holocaust-Mahnmal zerfällt, http://www.sueddeutsche.de/kultur/marode-gedenkstaette-in-berlin- das-holocaust-mahnmal-zerfaellt-1.1971754 (Stand 17.10.2014)

3 vgl. Stadt Bamberg, Stadt Bamberg, Publikationsreihe über Landkreise und kreisfreie Städte in Bayern,Bayerische Verlagsanstalt GmbH, Bamberg 1980, ISBN 3870529008, S. 10 f

4 ebd. S. 15

5 vgl. Herzig, Arno: Jüdisches Leben in Deutschland In: Information zur politischen Bildung 307 (2010), S. 13

6 vgl. Herzig: Jüdisches Leben in Deutschland 2010, S.15

7 Dippold, Günther: Jüdisches Leben in Franken. Ein Überblick. In: Hanemann, Regina (Hrsg.), Jüdisches in Bamberg, Michael Imhof Verlag, Bamberg 2013, S. 14

8 Wunschel, Hans-Jürgen: Die Juden in Bamberg im Mittelalter. In: Hanemann, Regina (Hrsg.), Jüdisches in Bamberg, Michael Imhof Verlag, Bamberg 2013, S. 49

9 vgl. Wunschel: Die Juden in Bamberg im Mittelalter 2013, S.50

10 Wunschel: Die Juden in Bamberg im Mittelalter 2013, S.55

11 ebd. S.55

12 Gunzelmann, Thomas: Wohnquartiere Bamberger Juden. Eine Topographie im Überblick vom Mittelalter bis zum Holocaust. In: Hanemann, Regina (Hrsg.), Jüdisches in Bamberg, Michael Imhof Verlag, Bamberg 2013, S. 61

13 ebd.

14 ebd.

15 Gunzelmann: Wohnquartiere Bamberger Juden 2013, S.64

16 Herzig: Jüdisches Leben in Deutschland 2010, S. 39

17 Gunzelmann: Wohnquartiere Bamberger Juden 2013, S.66

18 vgl. http://www.alemannia-judaica.de/bamberg_synagoge.htm (Stand 08.11.2014)

19 http://www.alemannia-judaica.de/bamberg_synagoge.htm (Stand 08.11.2014)

20 vgl. Herzig: Jüdisches Leben in Deutschland 2010, S.45

21 ebd.

22 vgl. von Lüpke-Schwarz, Marc: Juden im ersten Weltkrieg. http://www.dw.de/juden-im-ersten-weltkrieg/ a-17808361 (Stand 08.11.2014)

23 Hölscher, Andreas: Jüdische Gemeinde und katholische Kirche. Aspekte der Bamberger Geschichte in bayerischer Zeit. In: Hanemann, Regina (Hrsg.), Jüdisches in Bamberg, Michael Imhof Verlag, Bamberg 2013, S. 152

24 Link, Stephan: Die völkisch-antisemitische Bewegung Bambergs im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. In: Hanemann, Regina (Hrsg.), Jüdisches in Bamberg, Michael Imhof Verlag, Bamberg 2013, S. 165

25 vgl. http://www.willy-aron.de/index.php?option=com_content&task=view&id=241&Itemid=42 (Stand 09.11.2014)

26 Kuller, Christiane: „Ein glänzendes Geschäft“. Bereicherungswettläufe um das Vermögen der deportierten Bamberger Juden im „Dritten Reich“. In: Hanemann, Regina (Hrsg.), Jüdisches in Bamberg, Michael Imhof Verlag, Bamberg 2013, S. 180

27 Kuller: „Ein glänzendes Geschäft“ 2013. S. 179

28 Die „Weiße Taube“, ein bankrott gegangener Gasthof der in den heutigen Theatergassen lag, diente in den Anfängen das Nationalsozialismus als jüdisches Gemeindezentrum. Die jüdischen Mitbürger wurden nach und nach aus allen Bereichen des Soziallebens verdrängt. In der „Weißen Taube“ versuchte man nach der Reichspogromnacht 1938 sowohl Ersatz-Unterricht als auch Veranstaltungen (wie Tanzabende) anzubieten, da die Synagoge zerstört worden war.

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Details

Titel
Das Judentum in Bamberg. Darstellung der Erinnerungsorte im Kontext der jüdischen Geschichte mit Schwerpunkt auf die Opfer des Nationalsozialismus
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Geschichte)
Veranstaltung
Erinnerungsorte in Deutschland
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
35
Katalognummer
V304094
ISBN (eBook)
9783668024588
ISBN (Buch)
9783668024595
Dateigröße
3529 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sehr detailliert und umfangreich. Sehr gut geschrieben und wissenschaftlich fundiert.
Schlagworte
Juden, Bamberg, Erinnerungskultur, Denkmal, Denkmäler, Jüdisch, Oberfranken, Franken, Judentum
Arbeit zitieren
Alexander Fiedler (Autor), 2014, Das Judentum in Bamberg. Darstellung der Erinnerungsorte im Kontext der jüdischen Geschichte mit Schwerpunkt auf die Opfer des Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304094

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