Im Folgenden wird zunächst genauer auf die Problematik der Bildungssprache eingegangen werden. In diesem Zusammenhang ist es erforderlich, Charakteristika und Implikationen der Bildungssprache zu bestimmen, um anschließend ihren Beitrag zur Bildungsungerechtigkeit anhand der Theorie Bourdieus zu analysieren.
Nachdem ein kurzer Überblick über den aktuellen Forschungsstand gegeben wurde, sollen Prinzipen sowie Programmatik des sprachsensiblen Fachunterrichts verdeutlicht werden, um abschließend herausstellen zu können, inwiefern der sprachsensible Fachunterricht der Reproduktion sozialer Ungleichheit kann.
Gliederung
1) Einleitung
2) Die Problematik der Bildungssprache
2.1) Begriffsbestimmung
2.2) Bildungssprache und die Reproduktion sozialer Ungleichheit im Anschluss an die Theorie Bourdieus
3) Forschungsstand
4) Sprachförderung mittels sprachsensiblen Fachunterrichts
4.1) Prinzipien und Programmatik des sprachsensiblen Fachunterrichts
4.2) Der Beitrag des sprachsensiblen Fachunterrichts zur Bildungsgerechtigkeit
5) Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit sprachsensibler Fachunterricht als Instrument eingesetzt werden kann, um der Reproduktion sozialer Ungleichheit in der Institution Schule entgegenzuwirken, wobei der Fokus insbesondere auf der Bedeutung der Bildungssprache und der soziologischen Theorie Bourdieus liegt.
- Die Rolle der Bildungssprache für den schulischen Bildungserfolg.
- Analyse der Bildungsungleichheit auf Basis der Kapitaltheorie und des Habituskonzepts nach Bourdieu.
- Konzept und Programmatik des sprachsensiblen Fachunterrichts.
- Potenziale von Scaffolding und expliziter Sprachförderung zur Herstellung von Startchancengleichheit.
- Reflexion des Forschungsstandes zu sprachlichen Barrieren und Interventionsmöglichkeiten.
Auszug aus dem Buch
2.1) Begriffsbestimmung
Bildungssprache bezeichnet ein formelles Sprachregister (vgl. Gogolin; Lange 2011, 111), dass vor allem im Kommunikationsfeld der Schule und Bildung, aber auch im Alltag verwendet wird (vgl. Feilke 2012, 5f). Dass Bildungssprache auch im Alltag Verwendung findet, obwohl sie sich von der Alltagssprache unterscheidet, liegt darin begründet, dass sie eine historisch herausgebildete Sprachform darstellt und somit integrativer Bestandteil des Sprachsystems ist (vgl. a.a.O., 6). Eine eindeutige und allgemeingültige Abgrenzung der Bildungs- von der Alltagssprache ist daher und auch aufgrund der derzeitigen, geringen empirischen Befundlage (vgl. Eckhardt 2008, 73) nicht möglich (vgl. Berendes et.al 2013, 24). Im Folgenden soll aber dennoch versucht werden das bildungssprachliche Register anhand verschiedener sprachlicher Ebenen zu charakterisieren und von der Alltagssprache abzugrenzen.
Auf lexikalisch-semantischer Ebene zeichnet sich die Bildungssprache durch differenzierte und abstrahierende Ausdrücke, Nominalisierungen und Komposita, sowie die Verwendung von Fachbegriffen aus (vgl. Gogolin; Lange 2011, 113). Zudem weist sie komplexere syntaktische Strukturen als die Alltagssprache auf (vgl. Berendes et. al. 2013, 25), indem unter anderem Passivkonstruktionen und Partizipalattribute (vgl. Feilke 2012, 5), sowie sub- und koordinierende Konjunktionen eingesetzt werden (vgl. Berendes et. al. 2013, 24). Auf diese Weise kann Bildungssprache Inhalte, die weitgehend aus dem Kontext herausgelöst sind darstellen, während die Alltagssprache kontextgebunden verwendet wird (vgl.Feilke 2012, 6). Aufgrund dieser Merkmale wird sie zwar dem schriftsprachlichen Gebrauch zugeordnet, medial aber ebenso mündlich eingesetzt (vgl. Gogolin; Lange 2011, 111), wobei es sich vornehmlich um monologische statt dialogische Sprechakte handelt (vgl. Berendes et. al. 2013, 25). Cummins (1984, 139f) prägte in diesem Zusammenhang den Terminus cognitive academic language proficiency (CALP) und setzte die Reduktion der Kontextgebundenheit mit dem kognitiven Anspruch der sprachlichen Äußerungen in Beziehung.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Die Einleitung thematisiert die Diskrepanz zwischen dem Anspruch auf Chancengleichheit und der empirisch belegten sozialen Ungleichheit im Bildungssystem, wobei die Bedeutung sprachlicher Kompetenzen hervorgehoben wird.
2) Die Problematik der Bildungssprache: Dieses Kapitel definiert Bildungssprache als formelles Register und analysiert mittels Bourdieus Theorie des kulturellen Kapitals und Habitus, wie sprachliche Barrieren zur Reproduktion sozialer Ungleichheit beitragen.
3) Forschungsstand: Hier wird aufgezeigt, dass die empirische Forschungslage zur Bildungssprache im deutschsprachigen Raum noch rudimentär ist, wobei jedoch bereits Zusammenhänge zwischen Sprachbeherrschung und Leistungshierarchien identifiziert wurden.
4) Sprachförderung mittels sprachsensiblen Fachunterrichts: Das Kapitel erläutert das Konzept des sprachsensiblen Fachunterrichts, insbesondere durch Methoden wie Scaffolding, und bewertet dessen Beitrag zur Herstellung von Startchancengleichheit.
5) Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass sprachsensibler Fachunterricht ein wirksames Mittel zur Förderung der Bildungssprache darstellt, jedoch die Einbeziehung außerschulischer Faktoren zur nachhaltigen Verringerung sozialer Ungleichheit notwendig bleibt.
Schlüsselwörter
Bildungssprache, sprachsensibler Fachunterricht, soziale Ungleichheit, Pierre Bourdieu, Habitus, kulturelles Kapital, Chancengleichheit, Bildungsungerechtigkeit, Scaffolding, Sprachförderung, Schulleistung, Bildungssoziologie, kognitive Anforderungen, Sprachregister, Integration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Sprache und Schulerfolg und analysiert, inwieweit der sprachsensible Fachunterricht dazu beitragen kann, die durch das Bildungssystem reproduzierte soziale Ungleichheit abzumildern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Themen gehören die soziologische Theorie nach Pierre Bourdieu, die Charakteristika der Bildungssprache im Vergleich zur Alltagssprache, die Hürden des schulischen Sprachgebrauchs sowie didaktische Konzepte zur Sprachförderung.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: Inwieweit kann sprachsensibler Fachunterricht der Reproduktion sozialer Ungleichheit durch die Institution Schule entgegenwirken?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse und Diskussion vorhandener wissenschaftlicher Fachliteratur, Schulleistungsstudien und Interventionsstudien zur Wirksamkeit sprachsensibler Didaktik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung durch Bourdieus Begriffe Habitus und Kapital, die Darstellung des aktuellen Forschungsstandes sowie die detaillierte Vorstellung und Evaluation des Konzepts sprachsensibler Fachunterricht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Bildungssprache, soziale Ungleichheit, Habitus, kulturelles Kapital, sprachsensibler Fachunterricht und Chancengleichheit maßgeblich charakterisiert.
Warum ist die Beherrschung der Bildungssprache in der Schule so entscheidend?
Da die Schule die Bildungssprache als Medium für Wissensvermittlung und Leistungsnachweis voraussetzt, führt deren Nichtbeherrschung zu einer Benachteiligung, die oft fälschlicherweise als mangelnde kognitive Fähigkeit gewertet wird.
Was genau versteht man in diesem Kontext unter Scaffolding?
Scaffolding bezeichnet das Bereitstellen von zeitlich befristeten sprachlichen Hilfen oder „Gerüsten“ durch die Lehrkraft, um Lernenden die Bewältigung komplexer fachlicher Aufgaben zu ermöglichen, die über ihr aktuelles Kompetenzniveau hinausgehen.
Kann sprachsensibler Unterricht soziale Ungleichheit komplett beseitigen?
Nein, die Arbeit stellt fest, dass sprachsensibler Unterricht zwar zur Startchancengleichheit beiträgt, aber die prägenden Einflüsse des familiären und sozialen Umfelds, wie sie durch den Habitus beschrieben werden, nicht allein durch die Schule aufgefangen werden können.
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- Janike Kyritz (Autor), 2015, Bildungssprache als Voraussetzung für Bildungserfolg. Problematik und Sprachförderung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304261