Zur Bedeutung der Kaiserwerther Diakonissenanstalt für die Berufstätigkeit der Frau im 19. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Diakonissenanstalt
2.1 Theodor Fliedner
2.2 Gründung 1836
2.3 Struktur und Funktionsweise
2.4 Entwicklung und Wirkung

3. Frauen in der Krankenpflege
3.1 Zur Situation zu Beginn des Jahrhunderts und deren Entwicklung
3.2 Einfluss der Kaiserwerther Diakonissenanstalt als christliche Gemeinschaft

4 Fazit

5. Anlage

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Bibelzitat „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“[1] steht über dem Eingang der Kaiserwerther Diakonissenanstalt geschrieben. Dies lässt unschwer erkennen, dass die Krankenpflege dieser evangelischen Schwestern als Berufsverständnis seit Bestehen ihrer Gemeinschaft unter dem christlichen Glauben stand. Dennoch hatte diese gegründete Diakonissenanstalt in Kaiserwerth auf die Entwicklung der neuzeitlichen Krankenpflege entscheidenden Einfluss. In der vorliegenden Arbeit soll dies in Bezug auf berufliche Tätigkeit der Frau aufgezeigt werden. Es sollen die Auswirkungen der Kaiserwerther Anstalt auf das Berufsverständnis der Frau im 19. Jahrhundert hinterfragt werden. Dabei stehen vor allem bürgerliche christliche Frauen im Mittelpunkt der Untersuchung.

Zunächst wird kurz die Diakonissenanstalt mit ihrem Gründer vorgestellt. Dabei wird die Organisation zusammen mit der Funktionsweise der Einrichtung erläutert. Anschließend werden der Werdegang sowie das weitere Wirken der Diakonissenanstalt dargestellt. Die Situation der Frau in der Krankenpflege zu Beginn und im Verlauf des 19. Jahrhunderts wird im zweiten Teil der Arbeit beschrieben. Folgend wird die Bedeutung der Kaiserwerther Diakonissenanstalt auf die Rolle der Frau in der Krankenpflege dargelegt. Dazu wird für die zeitgenössische Anerkennung eine Quelle herangezogen. Diese besteht aus einem Zeitungsartikel über die Diakonissenanstalt aus der Leipziger Illustrierten Zeitung[2], der zehn Jahre nach der Gründung der Kaiserwerther Einrichtung 1846 veröffentlicht wurde. Daneben soll sich mit der Einflussnahme auf das Berufsverständnis der Frau sowie auf die weitere Entwicklung der Krankenpflege auseinandergesetzt werden. Die gewonnenen Ergebnisse werden in einem Fazit zusammengefasst.

Literaturbasis für die vorliegende Arbeit waren u. a. die Werke von Anna Sticker, insbesondere „Die Entstehung der neuzeitlichen Krankenpflege“ von 1960, welches zahlreiche Quellen zur Problematik enthält. Weitere Forschungsliteratur zum Thema der Frau in der Krankenpflege gab es vor allem Ende der 80er und der 90er Jahre. Hierbei war das Werk von Claudia Bischoff „Frauen in der Krankenpflege“ ergiebig. Auch die Monographie von Anna-Paula Kruse „Krankenpflegeausbildung seit Mitte des 19. Jahrhunderts“ war hilfreich. Einen Überblick gibt „Die geschichtliche Entwicklung der Krankenpflege“ von Ute Möller und Ulrike Hesselbarth. Genderorientierte Literatur zum Thema kam in den letzten Jahren auf. Dabei ist von Silke Köser „Denn eine Diakonisse darf kein Alltagsmensch sein“ zu nennen.

2. Die Diakonissenanstalt

2.1 Theodor Fliedner

Theodor Fliedner gründete 1836 die Pflegerinnenanstalt in Kaiserwerth bei Düsseldorf. Er wurde am 21.01.1800 in Eppstein geboren und verstarb am 04.10.1864 in Kaiserwerth. Mit 22 Jahren trat er das evangelische Pfarramt in Kaiserwerth an. Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage der Gemeinde begab sich Fliedner für 14 Monate auf Kollektenreise nach Wuppertal, an den Niederrhein, in die Niederlande und nach England. Er sammelte Geld und gleichzeitig Erfahrungen, die den Anstoß für seine Idee der christlichen Hilfe für sozial Benachteiligte gaben. Fliedner machte in England mit Elisabeth Fry Bekanntschaft, die 1821 einen Verein für weibliche Gefangene in Newgate gegründet hatte. Als Fliedner wieder zurück in Kaiserwerth war, gründete er 1826 die Rheinisch-Westfälischen Gefängnisverein. Er war der erste Zusammenschluss dieser Art auf deutschem Gebiet. Im Mittelpunkt stand die Verbesserung der Hygiene sowie Beschäftigung und Bildung der Gefangenen. Ab 1833 richtete Fliedner in seinem Gartenhaus für ehemalige Gefangene ein Asyl ein. Zwei Jahre später eröffnete er dort eine Strickschule. Mit der Gründung des Vereins zur Einrichtung von Kleinkinderschulen in Düsseldorf im Jahr 1835 engagierte sich der Pfarrer auch im Erziehungswesen. Fliedners Hauptanliegen war jedoch die Verbesserung der Situation in der Krankenpflege, mit der er sich von 1836 – mit der Gründung der Bildungsanstalt für evangelische Pflegerinnen – bis zum Ende seines Lebens beschäftigte.[3]

Fliedner heiratete Friederike Münster (1800-1842), die die erste Vorsteherin der Diakonissenanstalt wurde. Nach ihrem Tod übernahm Fliedners zweite Frau, Karoline Bertheau (1811-1892), die eine Schülerin Amalie Sievekings war, dieses Amt.[4]

2.2 Gründung 1836

Am 13.10.1836 eröffnete Fliedner die Diakonissenanstalt als Bildungseinrichtung für evangelische Pflegerinnen in Kaiserwerth. Dazu kaufte er das ehemalige Bürgermeisterhaus, welches 20 Zimmer auf drei Etagen bereithielt, und stattete es aus. Mit 33 Kranken und vier Pflegerinnen begann die Diakonissenanstalt ihre Arbeit.[5] Anna Sticker bezeichnet die Gründung der Diakonissenanstalt als „Bahnbrecher der neuzeitlichen Krankenpflege“[6]. Die Einrichtung war von Beginn an nicht als Krankenhaus, sondern als Ausbildungsinstitution für evangelische Krankenpflegerinnen, Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen angelegt. Dies wird in dem Vorbericht, den Fliedner nach achtmonatigem Bestehen der Anstalt herausgab, deutlich:

Seit dem 13. Oktober 1836 besteht eine Pflegerinnen- oder Diakonissenanstalt dahier, die bestimmt ist, evangelische Pflegerinnen zu bilden, die sich vorzugsweise der christlichen Krankenpflege widmen und, als Diakonissen im apostolischen Sinn wirkend, die Kranken, besonders arme Kranke sowohl in Krankenhäusern als in den Wohnungen derselben zu pflegen.[7]

Fliedner brachte keine neuen Gedanken an sich in die Krankenpflege, sondern vereinte bereits Bestehendes zu einem Ganzen. Die weltlichen Krankenwartschulen beeinflussten ihn in Bezug auf den Aufbau einer Bildungsstätte, er benutzte neueste Lehrbücher über die Krankenwartung, z. B. das des Berliner Arztes Prof. Dr. Dieffenbach. Die Idee die Anstalt auf Vereinsbasis zu gründen, stammte von den Vaterländischen Frauenvereinen. Die Krankenpflege im Sinne des altchristlichen Diakonissenamtes zu nutzen, wurde von dem Pfarrer Friedrich Klönne geprägt.[8] Das Mutterhausprinzip[9] wurde von den katholischen Kongregationen der Barmherzigen Schwestern übernommen. Auch die Gestellungsverträge, die zwischen Krankenhausträger und Orden abgeschlossen wurden, hatten für Fliedner Vorbildfunktion.[10]

Die Diakonissenanstalt wurde als Ausbildungsstätte für evangelische Pflegerinnen außerdem mit dem Ziel gegründet, viele Diakonissen ebenso außerhalb von Kaiserwerth in andere Anstalten zu schicken. Im ersten Vorbericht wird dies ersichtlich:

Je mehr Pflegerinnen, besonders Krankenpflegerinnen, sich durch Gottes Gnade finden, desto mehr werden wir die Anstalt in weiteren Kreisen nutzbar machen können durch Aussendung derselben in Privatfamilien, Krankenanstalten und evangelischen Gemeinden, wo solches Bedürfnis sich fühlbar macht.[11]

Es kamen auch Frauen, die nicht dem Diakonissenverein angehörten, nach Kaiserwerth und nahmen an der Ausbildung teil. Eine bekannte Krankenpflegerin war Florence Nightingale, die für drei Monate in der Kaiserwerther Anstalt tätig war.[12]

2.3 Struktur und Funktionsweise

Die Diakonissenanstalt basierte, wie bereits erwähnt, auf Vereinsform. Schon vor Eröffnung der Bildungsanstalt entwarf Fliedner 1833 eine Satzung für den „Christlichen Verein für weibliche Pflege, zur christlichen Pflege weiblicher Gefangener, Kranker, Verbrecherkinder, Waisenkinder und armer Verlassener“. Am 30.05.1836 gründete Fliedner schließlich den „Rheinisch-Westfälischen Diakonissenverein“.[13]

Die Mutterhausorganisation der katholischen Orden wurde zum Vorbild genommen. Es gab eine Vorsteherin, die als Vorgesetzte der Diakonissen fungierte. Sie sowie ältere Diakonissen, leiteten die Probepflegerinnen an und unterstützten die Ausbildung. In der Anstalt gab es eine für jeden gültige und einzuhaltende Hausordnung, die den Mittelpunkt des gemeinsamen Zusammenlebens bildete. Sie wurde von Fliedner 1837 entworfen, über die Jahre immer weiterentwickelt und 1857 schließlich gedruckt. Weiterhin gab es Regeln, Dienstanweisungen und Instruktionen.[14]

Alle Diakonissen und Vorsteherinnen waren ausschließlich weiblichen Geschlechts. Das Direktorium dagegen bestand aus männlichen evangelischen Mitgliedern, genauer aus einem Präsidenten, einem Sekretär, einem Schatzmeister und mehreren Direktoren, die Ärzte waren, aus dem Staatsdienst oder aus dem Unternehmertum stammten.[15]

Aufnahmebedingungen für die Ausbildung zur Diakonisse waren u. a. die Bewerbung von evangelischen Frauen (auch Witwen) ab 21 Jahren durch einen schriftlichen Lebenslauf, das Sittenzeugnis des zuständigen Pfarrers der Gemeinde, ein ärztliches Gesundheitszeugnis, gute Lese- und Schreibkompetenzen, ein wenig Rechenkenntnis sowie der Besitz der christlichen Heilserkenntnis. Die ersten sechs Monate waren Probezeit, in der es möglich war von der Ausbildung zurückzutreten. Auch die Diakonissenanstalt konnte Probediakonissen in dieser Zeit entlassen. Nach gelungener Probezeit erfolgte die Beförderung zur Diakonisse. Dazu mussten sich die angehenden Pflegerinnen auf die Hausordnung verpflichten und ein verbindliches Übereinkommen von mindestens fünf Jahren unterzeichnen. Nach diesen fünf Jahren, wenn beiderseits erwünscht, wurde die Frist um weitere fünf Jahre verlängert. Oft gehörten die Diakonissen der Gemeinschaft zwar lange, aber im Gegensatz zu den katholischen Pflegeorden, nicht ein Leben lang an.[16]

Typisch für Fliedners Bildungsanstalt war, dass es eine praktische Anweisung und eine theoretische Anleitung durch einen Arzt gab. Als Anstaltsarzt wurde der beste Arzt der Umgebung gewählt, der katholische Dr. med. Thoenissen. Dieser gab pro Woche eine Stunde Theorie- und Praxisunterricht für die Pflegerinnen. Der Unterricht bestand aus theoretischen Kenntnissen zum Bau des menschlichen Körpers, den Gegenständen der Krankenpflege selbst sowie ärztlichen Kenntnissen, die für die Pflegerinnen nützlich waren.[17] Fliedner selbst gab desgleichen Unterricht, durch den die Probediakonissen die Seelsorge an Patienten lernen sollten.[18]

Probepflegerinnen wurden – mit Ausbreitung der Diakonissenkrankenpflege – fernerhin in auswärtige Anstalten geschickt, die von Kaiserwerther Diakonissen getragen wurden, um die Ausbildung abwechslungsreicher zu gestalten.[19]

Aus Quellen geht hervor, dass es zudem eine Abschlussprüfung nach der Probezeit gab. Auch für Diakonissen, die schon länger tätig waren, gab es Fragen zum selbstständigen Überprüfen. In der Zeitschrift „Der Armen- und Krankenfreund“, die alle zwei Monate von Fliedner herausgegeben wurde, waren diese Fragen abgedruckt und die Diakonissen waren aufgefordert sie einmal wöchentlich darzubieten.[20]

[...]


[1] Joh 30,3.

[2] Siehe Anlage 3.

[3] Vgl. Sticker, Anna: Theodor und Frederike Fliedner. Von den Anfängen der Frauendiakonie, Berlin 1965, S. 8-17; Möller, Ute/Hesselbarth, Ulrike: Die geschichtliche Entwicklung der Krankenpflege. Hintergründe, Analysen, Perspektiven, Hagen 1994, S. 68-69.

[4] Vgl. Sticker, Anna: Die Entstehung der neuzeitlichen Krankenpflege. Deutsche Quellenstücke aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Stuttgart 1960, S. 31.

[5] Vgl. Sticker: Die Entstehung der neuzeitlichen Krankenpflege, S. 32; Möller/Hesselbarth: Die geschichtliche Entwicklung der Krankenpflege, S. 69.

[6] Sticker: Die Entstehung der neuzeitlichen Krankenpflege, S. 31.

[7] Fliedner, Theodor: Erster Bericht über die Diakonissenanstalt zu Kaiserwerth nebst kurzer Nachricht über das evangelische Asyl und die evangelische Kleinkinderschule daselbst [Vorbericht], S. 1, zit. nach Sticker: Die Entstehung der neuzeitlichen Krankenpflege, S. 189.

[8] Vgl. ebd., S. 30-33; Möller/Hesselbarth: Die geschichtliche Entwicklung der Krankenpflege, S. 68-69.

[9] Zum Begriff des Mutterhauses bzw. Mutterhausprinzips siehe Wolff, Horst-Peter: Zum Problem der Unschärfe des in der deutschsprachigen Pflegegeschichte benutzten Begriffes „Mutterhaus“, in: ders. (Hrsg.): Studien zur deutschsprachigen Pflege, Frankfurt a. M. 2002, S. 10-36.

[10] Vgl. zu den Barmherzigen Schwestern und Gestellungsverträgen Meiwes, Relinde: „Arbeiterinnen des Herrn“. Katholische Frauenkongregationen im 19. Jahrhundert, Frankfurt a. M./New York 2000 S. 156-182; dies.: Katholische Frauenkongregationen und die Krankenpflege im 19. Jahrhundert, in: L' homme: Europäische Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft 19 (2008), S. 39-60.

[11] Fliedner: Erster Bericht über die Diakonissenanstalt zu Kaiserwerth, S. 14, zit. nach Sticker: Die Entstehung der neuzeitlichen Krankenpflege, S. 198.

[12] Vgl. Sticker: Die Entstehung der neuzeitlichen Krankenpflege, S. 33; 349-357.

[13] Vgl. Möller/Hesselbarth: Die geschichtliche Entwicklung der Krankenpflege, S. 69.

[14] Vgl. Kruse, Anna-Paula: Krankenpflegeausbildung seit Mitte des 19. Jahrhunderts, Stuttgart/Berlin/Köln 1987, S. 35-37.

[15] Vgl. Möller/Hesselbarth: Die geschichtliche Entwicklung der Krankenpflege, S. 69.

[16] Vgl. Kruse: Krankenpflegeausbildung seit Mitte des 19. Jahrhunderts, S. 38.

[17] Vgl. Sticker: Die Entstehung der neuzeitlichen Krankenpflege, S. 270-272.

[18] Vgl. Kruse: Krankenpflegeausbildung seit Mitte des 19. Jahrhunderts, S. 35.

[19] Vgl. ebd., S. 36.

[20] Vgl. ebd., S. 38.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Zur Bedeutung der Kaiserwerther Diakonissenanstalt für die Berufstätigkeit der Frau im 19. Jahrhundert
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar Frauenleben im 19. Jahrhundert
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
21
Katalognummer
V304282
ISBN (eBook)
9783668025103
ISBN (Buch)
9783668025110
Dateigröße
1344 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauengeschichte, Krankenpflege, Diakonissen, Kaiserwerth, 19. Jahrhundert
Arbeit zitieren
Sophie Thümmrich (Autor), 2012, Zur Bedeutung der Kaiserwerther Diakonissenanstalt für die Berufstätigkeit der Frau im 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304282

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