Die Rolle der Musik im Tristan Gottfrieds von Straßburg


Seminararbeit, 2003

18 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Tristans Verhältnis zur Musik
2.1. Ausbildung und Raub durch die Kaufleute
2.2. Jagd und Harfnerszene am Hof Markes
2.3. Erste Irlandfahrt

3. Isoldes Ausbildung durch Tristan

4. Die Gandin-Episode

5. In der Minnegrotte

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Musik spielt im Tristan Gottfrieds von Straßburg, der etwa 1210 entstanden ist, eine herausragende Rolle. Sie ist das Bildungsgebiet, auf dem sowohl Tristan als auch Isolde besondere Begabung an den Tag legen und ist neben Minne und Rittertum das dritte Strukturelement des Romans.

In dieser Arbeit soll die Rolle der Musik und ihre verschiedenen Funktionen innerhalb der Handlung näher beleuchtet werden. Dabei möchte ich beweisen, dass Gottfried die Musik bewusst zu verschiedenen Zwecken einsetzt.

Die Schilderungen musikalischer Vorträge sind außergewöhnlich ausführlich und sind vor allem deshalb bemerkenswert, weil Gottfried die Musik nicht nur in situationsbezogenen Zusammenhängen, z.B. bei der Jagd oder bei Festen als schmückendes Beiwerk beschreibt, sondern sie wird neben den verschiedenen Funktionen, die sie innerhalb der Handlung hat, als regelrechte Kunst betrachtet, die durchaus um ihrer selbst Willen ausgeübt wird und bei den Zuhörern bestimmte Gefühle hervorruft.

Ich werde damit beginnen, Tristans Verhältnis zur Musik näher zu betrachten und dabei die verschiedenen musikalischen Funktionen untersuchen, welche im Zusammenhang mit der Einführung dieses Protagonisten eine Rolle spielen.

Danach werde ich mich mit Isoldes Ausbildung durch Tristan auseinandersetzen und in diesem Zuge auch mit ihrem Verhältnis zur Musik.

Am Verhältnis der beiden Protagonisten zur Musik soll unter anderem aufgezeigt werden, dass diese in Gottfrieds Werk nicht wie in den septem artes liberales, wo sie zu den mathematischen Fächern zählt, theoretisch gelehrt wird, sondern dass Tristan und Isolde eine umfassende praktische Ausbildung genießen, die sie dazu befähigt, mit dem vollendeten Spielen der verschiedensten Musikinstrumente ein Publikum oder auch eine einzelne Person zu verzaubern und für sich einzunehmen.

Zwei weitere Funktionen von Musik sollen in den beiden letzten Kapiteln, die sich mit der Gandin-Episode und dem Rückzug der Liebenden in die Minnegrotte beschäftigen, untersucht werden.

2. Tristan Verhältnis zur Musik

2.1 Ausbildung und Raub durch die Kaufleute

Interessant ist an der Ausbildung Tristans vor allem, dass der Schwerpunkt eindeutig auf dem Erlernen und Können der „intellektuellen und musischen Potenzen“[1] liegt anstatt sich auf die ritterlichen Fächer zu konzentrieren. Ausdrücklich wird in diesem Zusammenhang nur die Kunst des Saitenspiels benannt, die er erlernt, bis er sie vorzüglich beherrscht:

Under diesen zwein lernungen

der buoche unde der zungen

sô vertete er sîner stunde vil

an iegelîchem seitspil.

dâ kêrte er spâte unde vruo

sîn emezekeit sô sêre zuo,

biz er es wunder kunde.

(v. 2093-2293)[2]

Allerdings wird hier die Musik als Kunstform von Gottfried noch nicht außergewöhnlich stark betont, sondern scheint nur ein Teilgebiet der umfangreichen Ausbildung Tristans zu sein. Interessant ist die Feststellung Langers, dass „diese bestimmte Erziehung eine Lebensform intiiert, in der kunst im weitesten Sinne zum Instrument der Selbstverwirklichung“[3] wird. Die Person Tristan definiert sich demnach nicht oder nicht nur über heldenhaftes Verhalten à la Erec, sondern auch über ihre musischen und intellektuellen Fähigkeiten.

Dies zeigt sich bereits in der nächsten Szene, der Entführung Tristans durch die norwegischen Kaufleute (v. 2291 - 2295), in der die Musik das erste Mal eine größere Rolle spielt. Zu diesem Zeitpunkt ist die Ausbildung Tristans sozusagen abgeschlossen und das Vorführen seiner Kenntnisse vor den Kaufleuten wirkt wie die praktische Umsetzung dessen, was er, theoretisch durch Gottfried in den vorangegangen Versen beschrieben, gelernt hatte.

An dieser Stelle wird der Rezipient das erste Mal mit der ans Überirdische grenzenden Perfektheit Tristans konfrontiert, welche den Kaufleuten schließlich Anlass dazu gibt, ihn zu entführen, wodurch „sein ganzes weiteres Schicksal“[4] bestimmt wird. Seine Fähigkeiten beeindrucken die Kaufleute so sehr, dass sie glauben, durch ihn Geld und Ansehen erwerben zu können.

ouch sang er wol ze prîse

schanzûne und spaehe wîse,

refloit und stampenîe.

(v. 2291 – 2293)

Tristans Wissen und Können, speziell seine musikalische Geschicklichkeit, treibt hier zum ersten Mal das romanhafte Geschehen voran und wird zum „schicksalswendenden Faktor“[5].

Die Musik dient hier vor allem dazu, die vollendeten Fähigkeiten des Protagonisten das erste Mal in exponierter Weise vor einem Publikum darzustellen.

2.2 Jagd und Harfnerszene am Hof Markes

Bei der ersten Begegnung mit den Jägern Markes beeindruckt Tristan nicht nur durch seine exzellenten Jagdkenntnisse, sondern kann auch in vollendeter Art und Weise auf dem Jagdhorn spielen, was wiederum nahe legt, dass Tristan nicht nur in der Kunst des Saitenspiels unterwiesen wurde, sondern auch in der der Blasinstrumente.

Tristan sîn hornelîn dô nam

und hürnete alsô rîche

und alsô wunneclîche,

jene alle, die da mit im riten,

daz dfie vor vröuden kûme erbiten,

daz s’ime ze helfe kâmen

[…]

er vuor in vor ze prîse,

si nâch in sîner wîse

bescheidenlîchen unde wol.

(v. 3210 – 3221)

Bereits hier wird deutlich, welch enorme Wirkung Tristans Musik auf seine Umwelt hat. Er versteht es nicht nur riche, d.h. kräftig, volltönend und laut, zu spielen, sondern ist dabei auch noch wunneclich, also anmutig und herrlich. Die Beschreibung seines Hornspiels, welches sowohl Kraft als auch Anmut miteinander verbindet, könnte hier metaphorisch für den Charakter Tristans stehen. In diesem Falle hätte die Musik eine fast personifizierende Wirkung, sie steht, im Moment des Vorspiels, für den Charakter des Protagonisten.

[...]


[1] Langer, Otto: Der Künstlerroman Gottfrieds – Protest bürgerlicher Empfindsamkeit gegen höfisches Tugendsystem ? In: Euphorion Band 68. Heidelberg, 1974. S. 7.

[2] Gottfried von Straßburg: Tristan. Nach dem Text von Friedrich Ranke. Neu herausgegeben, ins Neuhochdeutsche übersetzt mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Rüdiger Krohn. Band 1: Text Mittelhochdeutsch / Neuhochdeustch, Verse 1 – 9982. 9. Aufl., Stuttgart, 1998.

[3] Langer, Otto: Der Künstlerroman Gottfrieds – Protest bürgerlicher Empfindsamkeit gegen höfisches Tugendsystem ? In: Euphorion Band 68. Heidelberg, 1974. S. 7.

[4] Gnaedinger, Louise: Musik und Minne im Tristan Gottfrids von Strassburg. Düsseldorf, 1967. S. 20

[5] ebd.

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Details

Titel
Die Rolle der Musik im Tristan Gottfrieds von Straßburg
Hochschule
Technische Universität Berlin
Veranstaltung
PS Gottfried von Straßburg: Tristan
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V30429
ISBN (eBook)
9783638316903
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Doppelter Zeilenabstand
Schlagworte
Rolle, Musik, Tristan, Gottfrieds, Straßburg, Gottfried, Straßburg, Tristan
Arbeit zitieren
Michaela Hartmann (Autor), 2003, Die Rolle der Musik im Tristan Gottfrieds von Straßburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30429

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