Gesellschaftskritik in Science-Fiction. "The Matrix" als Chiffre der Kulturindustrie


Hausarbeit, 2015

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Typologien des Science Fiction Genres

Kritische Elemente der Science Fiction

Zur Kulturindustrie

Literatur

There are these two young fish swimming along, and they happen to meet an older fish swimming the other way, who nods at them and says, “Morning, boys, how's the water?” And the two young fish swim on for a bit, and then eventually one of them looks over at the other and goes,

“What the hell is water?”

(Aus ‚This is Water’ von David Foster Wallace)

Mit The Matrix erschien im Jahr 1999 ein Film der nicht nur beim Kinopublikum für weltweite Begeisterung gesorgt hatte sondern auch Wertschätzung von namhaften Vertretern aus Kulturwissenschaft und Philosophie erhielt. Den Reiz des Blockbusters machten dabei nicht nur die für die Zeit revolutionären Spezialeffekte aus, sondern auch die erkenntnistheoretische Verunsicherung die der Film bei vielen Zuschauern ausgelöst hat. Ähnlich wie in dem obenstehenden Zitat, warf er bei vielen Zuschauern die Frage auf, ob die sie umgebende Welt wirklich real ist - ‚Bin ich in der Realität, oder in einer Matrix?’ (vgl. Wolf 2002: 42).

Im Rahmen des Symposiums »Inside The Matrix. Zur Kritik der zynischen Virtualität« das ebenfalls 1999 im Zentrum für Medientechnologie in Karlsruhe stattfand, nannte der Leipziger Theaterwissenschaftler Carl Hegemann den Film einen „frühen Beitrag zur Philosophie- und Sozialgeschichte des nächsten Jahrhunderts“. Der russische Philosoph und Medienkritiker Boris Groys sah in ihm sogar als „eine adäquate Verfilmung der Frankfurter Schule und ihrer kritischen Theorie“ (vgl. Kormann et al. 2006: 199). Durch die Fähigkeit, dem Zuschauer einen kritischen Blickwinkel auf ihr eigenes Umfeld zu geben, ähneln Science Fiction- Filme wie The Matrix tatsächlich der Gesellschaftskritik aus dem Blickwinkel der Frankfurter Schule.

Doch ergibt sich hier eine Paradoxie: In kulturindustriellen Erzeugnissen wie Hollywoodfilmen, sieht die klassische Kritische Theorie einen der wichtigsten Mechanismen der Ablenkung der Gesellschaft von sich selbst (vgl. Fuhse 2003: 223). Wie können Hollywood- Produktionen, die mehr oder minder als Aushängeschild dieses Gewerbes dienen Gesellschaftskritik ausüben, wenn sie laut den Vertretern der Frankfurter Schule einer der zentralen Mechanismen der Vernebelung von Herrschaftsverhältnissen sind? In dieser Arbeit soll daher die These von Boris Groys eingehend geprüft werden, um aufzuzeigen, wie viel kritisches Potenzial in Science Fiction und im Speziellen in The Matrix zu finden ist.

Typologien des Science Fiction Genres

Um über das kritische Potenzial von The Matrix sprechen zu können, muss zunächst abgegrenzt werden was im Rahmen dieser Arbeit unter dem Begriff Science Fiction zu verstehen ist. Diese Genre- Typologisierung soll hierbei dazu dienen, die verschiedenen Motivkomplexe von angrenzenden Stilrichtungen wie Fantasy oder Actionfilm gegeneinander abzugrenzen. Die Genres, und im Speziellen das Science Fiction Genre sind dabei nicht an ein spezifisches Medium gebunden sondern gelten hier als medienübergreifend. Daher sollen, für die weitere Betrachtung des Genres, die literarischen Science Fiction- Werke bedeutungsgleich mit den Filmen aus dieser Kategorie angesehen werden (vgl. Wolf 2002: 27).

In der Kategorie Science Fiction werden in der Literatur oder im Film Produktionen verschiedenster Couleur vertrieben, bei denen oft fantastische Zukunftswelten den Rahmen vorgeben und die Hauptfiguren als Helden zumeist gegen eine finstere Macht ankämpfen. Was sich nach dieser stark verkürzten Definition bereits jetzt über das Science Fiction Genre sagen lässt, ist dass die Grenze zum benachbarten Fantasy- Genre oft verschwimmt oder gar kaum mehr auszumachen ist. Um dennoch eine Abgrenzung der beiden Gattungen vornehmen zu können, hat der Mannheimer Soziologie Christof Wolf (2002) eine Unterscheidung zwischen einem engen- und einem weiten Science Fiction- Begriff eingeführt.

Bei Science Fiction im engeren Sinne ereignen sich Dinge die nach unserem heutigen naturwissenschaftlichen Wissen zwar möglich, jedoch technisch noch nicht realisiert worden sind. So ist beispielsweise eine Welt, in der Luftkissenbote ein übliches Fortbewegungsmittel sind tendenziell möglich, aber bisher noch nicht realisiert.

Innerhalb eines weiten Verständnisses von Science Fiction ereignen sich hingegen auch Dinge, die mit dem heutigen naturwissenschaftlichen Verständnis unvereinbar sind. Man denke hier nur an Zeitreisen, Fabelwesen, übermenschliche Kräfte durch Spinnenbisse oder ähnliche Elemente. Bei Werken innerhalb dieser Kategorie verschwimmt die Grenze zum Genre des Fantasy, da wenig bis gar kein Wert auf einen Bezug zur Realität gelegt wird (vgl. Wolf 2002: 16f.).

Die Thematiken, mit denen sich bei Science Fiction im engeren Sinne auseinandergesetzt wird, bilden zumeist die folgenden Bereiche ab: Die Angst vor dem Bevorstehenden, die Bedrohung der Menschheit, der Widerpart zum Bösen, das ‚rein Positive’, die Hoffnung auf eine bessere Welt, die Rettung aus der Gefahr und die Darstellung eines möglichen Zukunftsscenarios (vgl. ebd.: 33). Science Fiction im engeren Sinne ist also weit mehr als „Unterhaltung und magische Weltsicht“ (Fuhse 2003: 223), denn es kreiert üppige und komplexe, aber nicht komplett unrealistische Welten und Zukunftsvisionen (vgl. Freedman 2000: 15).

Als weitere definierende Einschränkung neben der Verbindung zur Realität, hat laut dem Science Fiction Theoretiker Darko Suvin (1979) das Science Fiction Genre die Besonderheit, durch „the dialectic of estrangement and cognition “ (Freedman 2000: 15) bestimmt zu sein. Das hier verwandte Wort estrangement bedarf jedoch einer Erläuterung: Der von Suvin gebrauchte Begriff wird üblicherweise mit dem deutschen Wort Entfremdung übersetzt. In Suvins Definition ist jedoch nicht etwa die vierfache Entfremdung in einer marxistischen Denktradition gemeint, sondern muss in Verbindung mit dem Wort Ver fremdung aus dem epischen Theater von Bertolt Brecht gesehen werden. Hierbei verweist Suvin implizit auf das folgende Element des Brecht’schen Schauspiels:

„[Der Verfremdungseffekt ist ein] Darstellungsstil der kritischen Distanzierung, in dem es nicht um eine möglichst dichte Illusionierung des Zuschauers geht, sondern darum, die Aufmerksamkeit der Zuschauer vom Ablauf des Geschehens auf die Sinngebung des Geschehens, die Konventionen der Darstellung und die oft nur impliziten ideologischen Determinanten des Spiels zu lenken. Der Zuschauer soll das Verhalten der einzelnen Figuren mit einem gewissen Abstand kritisch beobachten und bewerten.“

(Filmlexikon der Universität Kiel)

Mithilfe des Verfremdungseffekts wird der Zuschauer demnach in eine kritische Distanz zum Stück versetzt. Bei Science Fiction nach Suvins Definition findet dementsprechend auch immer eine kritische Betrachtung der gesellschaftlichen Umstände statt. Das wichtigste formelle Element für die Verfremdung ist dabei ein imaginäres Rahmenkonzept, wie es in vielen Science Fiction Filmen auftritt. Mithilfe der Verfremdung von alltäglichen Gegebenheiten durch die Brille der imaginären Welt, erlangt der Zuschauer Abstand zu seinem gewohnten Bezugsrahmen und erlaubt dadurch deren kritische Beleuchtung. (vgl. Freedman 2000: 16).

Dies erklärt sich daraus, dass der Zuschauer durch die Verfremdung in die Lage versetzt wird seine Annahmen über das, was ihm in seiner Alltagswelt begegnet auszublenden. Dadurch ist er richtiggehend gezwungen, seine Alltagswelt zu hinterfragen (vgl. Nodelman 1981: 24). Damit erklärt sich auch, weshalb Suvin die Dialektik von Verfremdung und Wahrnehmung als den zentralen Aspekt des Genres ansieht: Durch das Mittel der kognitiven Verfremdung wird in Suvins Science Fiction Definition ein kritischer Blickwinkel auf die wahrgenommene Realität der Alltagswelt ermöglicht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Gesellschaftskritik in Science-Fiction. "The Matrix" als Chiffre der Kulturindustrie
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Allgemeine- und Theoretische Soziologie)
Veranstaltung
Down and Out the Rabbithole
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V304615
ISBN (eBook)
9783668029002
ISBN (Buch)
9783668029019
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gesellschaftskritik, science-fiction, matrix, chiffre, kulturindustrie
Arbeit zitieren
Erik Enge (Autor), 2015, Gesellschaftskritik in Science-Fiction. "The Matrix" als Chiffre der Kulturindustrie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304615

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