Anlagemotivationen auf dem nachhaltigen Finanzmarkt. Zwischen Markt und Moral


Essay, 2015

9 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Zwischen Markt und Moral: Anlagemotivationen auf dem nachhaltigen Finanzmarkt

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit hat zweifelsfrei in nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche Einzug gehalten. Dies zeigt sich nicht nur beispielhaft durch die große Auswahl an ökologischen und fair gehandelten Konsumgütern, sondern auch auf dem Finanzmarkt nimmt die Popularität von nachhaltigen Produkten stetig zu (vgl. Bergius 2011). Der Markt für Social Responsible Investment (SRI) bildet im Sinne einer soziologischen Betrachtung dieser Thematik dabei einen interessanten Sonderfall. Diese Behauptung erklärt sich dadurch, dass anders als beispielsweise beim Einzelhandel oder der Wahl des Stromanbieters, nicht nur die Anbieter diejenigen sind, die mit einer Renditeorientierung am Markt agieren, sondern auch die Anleger, also bildlich die Konsumenten der nachhaltigen Produkte, mit einer Chance auf Rendite ausgestattet sind. Aus diesem Grund ist es interessant zu beleuchten, welche Motivationen die Akteure am nachhaltigen Finanzmarkt verfolgen, wenn sie SRI- Produkte anbieten oder in diese Art von Kapitalanlagen investieren. Dazu soll im Folgenden zunächst veranschaulicht werden, welche verschiedenen Interessenlagen die Anbieter von nachhaltigen Finanzprodukten innehaben um anschließend eine Systematisierung der Anlegermotivationen am SRI- Markt vorzunehmen. Ziel dieser soll es sein, einen Überblick der Handlungsimpulse der Akteure am nachhaltigen Finanzmarkt zu geben und dabei die verschiedenen Auslegungsweisen des Begriffs der Nachhaltigkeit in diesem Sektor offenzulegen.

Die Problematisierung von Nachhaltigkeit hat sich zu einer gesellschaftlich institutionalisierten Regel entwickelt[1]. Sie fungiert im Sinne der Neo- Institutionalistischen Denkschule als gesellschaftlicher Mythos und stellt damit rationalisierte und personenunabhängige Vorschriften für die Gesellschaft dar. Nachhaltigkeit ist gesellschaftlich hochgradig institutionalisiert und wird daher von Individuen und Organisationen als legitim erachtet und nicht hinterfragt (vgl. Meyer/ Rowan 2009: 32). Die gestiegene Bedeutung von Nachhaltigkeit am Finanzmarkt geht damit einher dass sich sowohl die Bedürfnisse der Anleger, als auch organisationalen Strukturen der Banken, Fonds und weiterer Anbieter von Produkten am Finanzmarkt gewandelt haben. Dies erklärt sich daraus, dass diese Organisationen die Relevanz der Nachhaltigkeit als gesellschaftlichen Druck wahrnehmen und auch diese Entwicklung reagieren um Legitimität, Ressourcen, Stabilität und erhöhte Lebensaussichten am Markt zu erlangen (vgl. ebd.: 28).

Als Reaktion auf die Wahrnehmung dieser neuen Konsumentenbedürfnisse haben nahezu alle Anbieter auf dem Finanzmarkt SRI- Produkte in ihr Portfolio aufgenommen (vgl. Weber, V. 2008: 254). Es ist demnach ein Prozess der strukturellen Homogenisierung aufgetreten, welcher auch institutioneller Isomorphismus genannt wird. Mit diesem Begriff wird ein Vorgang beschrieben, bei dem verschiedene Akteure im selben Kontext ähnliche Entscheidungen treffen und Handlungsweisen aufzeigen (vgl. Powell/DiMaggio 1983: 149f.). Organisationen gleichen sich daher unter dem Druck der tatsächlichen oder vermeintlichen Anforderungen nach Nachhaltigkeit seitens der Anleger zunehmend an. Dieser Prozess verläuft mehr oder minder unbeabsichtigt, da sich verschieden strukturierte Organisationen aus ähnlichen Umweltbedingungen den gleichen Anforderungen stellen müssen. Deshalb sind bei den meisten Unternehmen mittlerweile Produkte zu erwerben, die in irgendeiner Weise mit dem Wort Nachhaltigkeit in Verbindung gebracht werden.

Die Motivation der Anbieter diese Produkte zur Verfügung zu stellen hängt neben der Erwartungsstruktur der institutionellen Umwelt (vgl. Kunzlmann 2012: 20f.) auch davon ab, wie das Unternehmen aufgestellt ist und im Zuge dessen welche Unternehmensethik verfolgt wird. Ist ein Unternehmen beispielsweise in Besitz von einem Hedgefonds mit einer Orientierung an kurzfristigen Finanzanlagen, so ist es durch die Stakeholder am Kapital- Arbeits- und Gütermarkt unter Druck gesetzt, ebendiese kurzfristigen Finanzgeschäfte durchzuführen. Eine Implementierung von Maßnahmen hinsichtlich eines nachhaltigen Finanzmarktes müssen sich daher betriebswirtschaftlich, im Sinne der kurzfristigen Orientierung der Finanzanlage lohnen. Ist ein Unternehmen hingegen z.B. von einer Privatperson betrieben, so hat dieser als Entscheidungsträger auch mehr Möglichkeiten persönliche Moralvorstellungen in die Unternehmensethik einfließen zu lassen (vgl. Aguilera et al. 2006: 153). Weiterhin treten auch Fonds und Banken am Finanzmarkt auf, die aus augenscheinlich intrinsisch motivierten Antrieben gegründet wurden, um eine nachhaltige Anlagepolitik verfolgen. Als Beispiel hierfür lässt sich exemplarisch die GLS Bank nennen, die als ihr zentrales Geschäftsprinzip die Förderung nachhaltiger Projekte nennt (vgl. GLS Anlage- und Finanzierungsgrundsätze). Jedoch bieten mittlerweile nahezu auch alle konventionellen Banken sogenannte Ethikfonds an, um sich den gesellschaftlichen Wertvorstellungen anzupassen und diese letztlich zu kommodifizieren (vgl. Kraemer/ Nessel 2012: 289).

An dieser Stelle wird deutlich, dass für die Akteure am nachhaltigen Finanzmarkt stets die Abwägung zwischen Markt und Moral zu treffen ist. Agiert das Unternehmen zu stark im Sinne der ökonomischen Rationalität so geht dies zu Lasten ihrer institutionellen Legitimität. Agieren sie rein moralisch, so sind sie im Sinne der ökonomischen Logik höchstwahrscheinlich nicht Effizient. Welche Politik die Anbieter aber letztlich verfolgen, ist derweil aber auch in großem Umfang bedingt dadurch, welche Anleger sie erreichen wollen . Ganz nach dem grundlegenden ökonomischen Prinzip von Angebot und Nachfrage stellen die Anbieter auf dem nachhaltigen Finanzmarkt ihre Portfolios für ihren angestrebten Kundenkreis bereit.

Hier stellt sich nun die zweite Frage dieser Arbeit: Welche Motive verfolgen die Anleger auf dem nachhaltigen Finanzmarkt? Was zunächst alle Anleger am nachhaltigen Finanzmarkt gemein haben, ist dass sie ihre Investitionsentscheidung im Gegensatz zur klassischen konventionellen Anlegerlogik nicht aus einer rein ökonomischen Rationalität heraus begründen, sondern auch nicht- finanzielle Anlagemotive in ihre Investitionsentscheidung mit einbeziehen (vgl. Kraemer/ Nessel 2012: 281). Diese Motive sind am nachhaltigen Finanzmarkt unter dem Namen Environmental- Social and Governmental Criteria (ESG) zusammengefasst: Je nach persönlicher Präferenz des Anlegers legt er Wert auf Themen, die sich mit dem Umgang des Unternehmens bezüglich nachhaltigem Wirtschaften, dessen Einbettung in den sozialen Kontext oder dem Umgang mit Mitarbeiten und Zulieferern auseinandersetzen (vgl. Kunzlmann 2008: 72).

Wenn man hingegen von einer konventionellen Anlegerlogik spricht, so ist damit gemeint, dass lediglich das Optimum an maximaler Rendite bei Minimierung des Risikos angestrebt wird und alle weiteren Faktoren ausgeblendet werden. Mit dem Ziel einer hohen Rendite wird Geld bildlich in eine Blackbox angelegt und später wieder ausgezahlt. Bei jenen Anlegern, die nicht- finanzielle Anlagemotive in ihre Entscheidung miteinbeziehen, ist jedoch das Verlangen aufgekommen, einen Blick in diese Blackbox zu werfen (vgl. ebd.: 252f.).

Um zu klären, aus welchem ‚Winkel’ sie dies tun, soll im Folgenden zwischen den von Kunzlmann (2012) eingeführten moralischen, instrumentellen und letztlich strukturell bedingten Anlagemotiven unterschieden werden (vgl. Kunzlmann 2012: 70). Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass bei dieser Einordnung nur von Idealtypen sozialen Handelns die Rede sein kann. Dieser Umstand ergibt sich daraus, dass individuelle und strukturelle Einflussfaktoren aus der Umwelt der Akteure dazu führen, dass sie eher instrumentell, moralisch oder strukturell motiviert sind. Es hängt also auch stets von den institutionellen Rahmenbedingungen des Anlegers ab, mit welcher Motivation sie letztlich am nachhaltigen Finanzmarkt aktiv sind (vgl. Kraemer/ Nessel 2012: 290)

[...]


[1] Oft dieser Prozess mit Schlüsselereignissen wie der Atomkatastrophe in Fukushima, dem Klimawandel oder der seit 2008 andauernden internationalen Finanzkrise (vgl. Weber, V. 2008: 253) oder der verstärkten Relevanz von grünen Parteien und NGOs (vgl. Ihme 2010: 7) begründet.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Anlagemotivationen auf dem nachhaltigen Finanzmarkt. Zwischen Markt und Moral
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Soziologie mit dem Schwerpunkt Märkte, Organisationen und Governance)
Veranstaltung
Nachhaltigkeit und Finanzmarkt – Ein internationaler Vergleich
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
9
Katalognummer
V304617
ISBN (eBook)
9783668029187
ISBN (Buch)
9783668029194
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
anlagemotivationen, finanzmarkt, zwischen, markt, moral
Arbeit zitieren
Erik Enge (Autor), 2015, Anlagemotivationen auf dem nachhaltigen Finanzmarkt. Zwischen Markt und Moral, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304617

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