Verbesserung des Effektes von Gesundheitskampagnen durch Anwendung von modernen Theorien aus der Neurowissenschaft und der Verhaltensforschung


Masterarbeit, 2015

55 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagungen

Abstract

1 Einleitung
1.1 Problemdarstellung und Hintergrund
1.2 Zielsetzung und Forschungsfrage
1.3 Methodik

2 Verhaltensänderung aus der Sicht der Kognitions- und Neurowissenschaften
2.1 Aktueller Stand der Forschung
2.2 Modelle und Theorien der Verhaltensforschung
2.2.1 Gewohnheiten
2.2.2 Theory of Planned Behavior

3 Aktuelle Studienkonzepte zur Änderung des Ernährungsverhaltens
3.1 Implementation Intentions
3.2 Änderung des Ernährungsverhaltens durch Änderung von Gewohnheiten
3.3 Nudging
3.4 Goal Priming
3.5 Zusammenfassung

4 Studienkonzept
4.1 Auswahl der Methoden für die geplante Studie
4.2 Entwicklung eines Konzeptes
4.3 Zusammenfassung

5 Schlussbetrachtung und Ausblick

LITERATURVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Danksagungen

Viele Menschen haben mich darin bestärkt und unterstützt, dieses Studium zu beginnen, nach meinem langen Krankenstand fortzusetzen und abzuschließen. Dafür bedanke ich mich bei allen und ganz besonders bei Frau Andrea Gruber MSc, MBA, die immer Verständnis für meine Situation hatte. Besonderer Dank gilt den Menschen in meinem näheren Umfeld, die mich in dieser Zeit durch Hausarbeiten, Prüfungsvorbereitungen und nicht zuletzt durch die Entstehung dieser Arbeit begleitet haben.

Allen voran gilt dieser Dank meinem Mann Martin, der mir immer mit Rat und Tat zur Seite gestanden hat. Er hat zahlreiche Stunden mit Erklärungen und Unterstützung bei der Formatierung zugebracht. Dem Energieeinsatz meiner Familie ist es zu verdanken, dass es möglich war, diesen Lehrgang neben Familie und Beruf zu bewältigen.

Meinen Kindern Lena und Simon danke ich für die gemeinsamen Lernzeiten, für die motivierenden Worte und für ihre Geduld mit meinen zeitweiligen Stimmungsschwankungen speziell gegen Ende der Arbeit. Auch meinen Eltern und Geschwistern möchte ich danken, dass sie zwischendurch meine Motivation durch gelegentliches Nachfragen, wie es um meine Thesis steht, gefördert haben.

Meiner Familie und meinen Freunden danke ich ganz herzlich für das Verständnis, dass ich in diesem Jahr sehr wenig Zeit für sie hatte.

Mein ganz besonderer Dank gilt meinem Betreuer Magister Manuel Nagl, der viel Zeit und Energie dafür aufgewendet hat, mich durch diese Arbeit zu begleiten und mir die Neurowissenschaften näher zu bringen.

Meiner Studiengangsleiterin Frau Doktor Geja Oostingh möchte ich meinen ganz herzlichen Dank aussprechen. Sie hatte immer ein offenes Ohr, großes Interesse, Mitleid und konstruktive Kritik für meine Arbeit, auch in einer Zeit, in der sie selbst viele andere Probleme hatte.

Meinen Kolleginnen danke ich ganz herzlich für das Verständnis und die Rücksichtnahmen, die sie mir in dieser für mich sehr anstrengenden Zeit entgegengebracht haben.

Abstract

Weltweit kommt es zu einem Anstieg der sogenannten „Non Communicable Diseases“, wobei die Ernährung einen wesentlichen Einflussfaktor darstellt. Diese Gesundheitsprobleme sind weitgehend vermeidbar und weisen gemeinsame Risikofaktoren und Handlungsmöglichkeiten auf.

Die negativen Auswirkungen auf die Lebensqualität jedes einzelnen, aber auch für die Gesellschaft sind enorm. Gleichzeitig steigen die Belastungen für Gesundheitssysteme und die Volkswirtschaft. Es ist daher notwendig, integrative Maßnahmen im Bereich der ernährungsbezogenen Prävention zu setzen. Auf Grund des globalen Problems von Adipositas, Bewegungsmangel und den damit verbundenen nicht übertragbaren Krankheiten wird es immer wichtiger, effektive Methoden beziehungsweise Studiendesigns zu entwickeln. Diese sollen erreichen, dass Menschen zu einer nachhaltigen Verhaltensänderung motiviert werden. Die Ergebnisse bisheriger Projekte beruhen in vielen Fällen auf Wissensvermittlung. Ihnen gemeinsam ist, dass sie nur sehr kurzfristig positiv sind, oder sie nur sehr wenig relevante Ergebnisse bringen. Aus diesem Grund sind Projekte mit anderen Ansätzen notwendig, um Menschen zu einer positiven Veränderung ihres Ernährungsverhaltens zu bewegen.

Es ist daher Ziel dieser Arbeit, die verschiedenen modernen Theorien/ Modelle der Kognitions- und Neurowissenschaften zu betrachten. Abgeleitet aus diesen Erkenntnissen soll ein Konzept zur Änderung des Ernährungsverhaltens entwickelt werden. Dieses Konzept soll zu einem späteren Zeitpunkt als konkretes Projekt des Studiengangs Biomedizinische Analytik der Fachhochschule Salzburg an Schulen verwirklicht werden.

Stichworte:

„Non Communicable Diseases“, Prävention, Ernährung, Adipositas, Verhaltensänderung, Kognitions- und Neurowissenschaften

Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsspezifische Differenzierung, wie z.B. Mitarbeiter/Innen, verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung für beide Geschlechter.

1 Einleitung

Gesundheit des Menschen ist laut Weltgesundheitsorganisation ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen (WHO 1946: 100). Ein wesentlicher Grundpfeiler für einen gesundheitsförderlichen Lebensstil ist eine ausgewogene Ernährung. International durchgeführte Studien zeigen, dass sieben der fünfzehn Hauptrisikofaktoren für Krankheit und Tod durch einen unausgewogenen Lebensstil und falsche Ernährung verursacht werden. Sie liefern daher wesentliche Ansatzpunkte für Programme zur Gesundheitsförderung und Primärprävention (Lehner/Sgarabottolo/Zilberszac 2013: 3). Weltweit steigt die Zahl der sogenannten „Non Communicable Diseases“ stetig an. Es handelt sich dabei um nichtübertragbare Krankheiten, wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Adipositas mit all ihren Folgen. Diese sind für 86% aller Todesfälle und 77% der Krankheitslast in der Europäischen Region der WHO verantwortlich (WHO Fact Sheet, Stand vom März 2013). Diese Gesundheitsprobleme sind weitgehend vermeidbar und weisen gemeinsame Risikofaktoren und Determinanten, aber auch gemeinsame Handlungsmöglichkeiten auf. Um das Ausmaß dieses Problems zu untermauern, unterschrieb Alois Stöger am 05. Juli 2013 im Namen aller Gesundheitsminister der WHO-Europaregion die "Wiener Erklärung" für gesunde Ernährung. Dabei handelt es sich um die erste gemeinsame Ernährungs-Strategie in der europäischen Region der WHO im Kampf für gesunde Ernährung und gegen Übergewicht und nichtübertragbare Krankheiten. Diese Deklaration der WHO-Europaregion soll die Basis für einen umfassenden Aktionsplan für Ernährung und Bewegung bilden. Ein sehr wichtiger der achtzehn beschlossenen Punkte zielt darauf ab, zu verhindern, dass Adipositas bei Kindern zur Norm wird (WHO 2013:1ff.). Nicht nur Kinder und Jugendliche benötigen Unterstützung zum Thema gesunde Ernährung und Bewegung. Menschen in den unterschiedlichsten Lebensphasen sollen Hilfe dabei bekommen, sich für einen gesunden Lebensstil zu entscheiden. Die negativen Auswirkungen auf die Lebensqualität jedes einzelnen, aber auch für die Gesellschaft insgesamt sind enorm. Gleichermaßen entstehen auch sehr hohe Belastungen für die Gesundheitssysteme und die Volkswirtschaft. Schätzungen beziffern den volkswirtschaftlichen Schaden in der EU auf beinahe 200 Milliarden Euro (WHO 2013: 1ff.).

1.1 Problemdarstellung und Hintergrund

Es ist eine Tatsache, dass die Menschheit in der westlichen Welt heute doppelt solange lebt wie noch vor hundert Jahren - laut Statistik Austria 2012, Daten & Fakten zur demographischen Entwicklung. Die Gründe dafür sind vielfältig. Wesentlich dazu beigetragen haben der medizinische Fortschritt sowie die verbesserten Hygienestandards. Gleichzeitig zu einer verlängerten Lebenszeit mit einer verbesserten Lebensqualität hat sich auch der Lebensstil verändert. Besonders in den hochindustrialisierten Regionen der Welt, wie Europa oder Nordamerika gibt es ein Überangebot an ständig neuen schmackhaften, allerdings meist auch fettreichen Nahrungs- und Genussmitteln. Die modernen Lebensbedingungen, die mit einer ständigen Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln einhergehen, bringen hohe Anreize für eine erhöhte Energieaufnahme der hauptsächlich durch die mediale Welt animierten Verbraucher. Parallel dazu nimmt die körperliche Aktivität in allen Bevölkerungsgruppen ab. Laut Eurobarometerumfrage 2010 sind nur 5% der Österreicher ab 15 Jahren regelmäßig körperlich aktiv. Rund 30% jedoch gehen nie körperlichen Aktivitäten nach. Kinder und Jugendliche verbringen einen Großteil ihrer Freizeit sitzend. Dies zeigt sich einerseits im Bewegungsverhalten, andererseits in der Zeit, die vor dem Fernseher oder Computer verbracht wird. Dem WHO-HBSC-Survey des Jahres 2010 zufolge verbringen Schüler in Österreich im Alter zwischen 11 und 17 Jahren durchschnittlich bis zu sieben Stunden täglich mit sitzendem Freizeitverhalten (Lehner/Sgarabottolo/Zilberszac 2013: 6). Ein Indiz dafür ist der weltweit steigende Body-Maß-Index. Der Anteil von männlichen Erwachsenen mit einem Body-Maß-Index von 25 und mehr stieg zwischen 1980 und 2013 von 28,8% auf 36,9%. Gleichzeitig erhöhte sich der Anteil der weiblichen Erwachsenen mit einem Body-Maß-Index von über 25 von 29,8% auf 38,0%. In gleicher Weise betroffen sind auch Kinder und Jugendliche. Der Anteil an übergewichtigen beziehungsweise adipösen männlichen Kindern und Jugendlichen betrug 2013 23,8% und bei den weiblichen Kindern und Jugendlichen 22,6%. Dieser hohe Anteil an Übergewichtigen ist nicht nur in den Industrienationen, sondern auch in den sogenannten Entwicklungsländern zu beobachten (Ng 2014: 1).

Die aus diesen Entwicklungen resultierende Zunahme der nicht übertragbaren Krankheiten, die meist eine lange Krankheitsphase aufweisen, könnten durch einen gesunden Lebensstil um die Hälfte reduziert werden (Ng 2014: 1ff.). Die Gesundheitssysteme weltweit stehen vor großen Herausforderungen auf finanzieller, personeller und auch auf struktureller Ebene. Von nicht übertragbaren Krankheiten verursachte Kosten machen integrative Maßnahmen im Bereich der ernährungsbezogenen Prävention notwendig (Lehner/Sgarabottolo/Zilberszac 2013: 3). Zum Thema Gesundheit beziehungsweise Änderung des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens gibt es eine Vielzahl von Studien und Projekten (McPherson 2014: 1). All diesen gemeinsam ist die Erkenntnis, dass sich besonders Ernährungsgewohnheiten nur sehr schwer ändern lassen. Die Ergebnisse solcher Projekte sind entweder nur kurzfristig positiv oder sie bringen wenig relevante Ergebnisse. Viele der verwendeten Strategien empfehlen nur, was an der Ernährung geändert werden soll. Jedoch geben sie keine Hinweise darauf, wie diese Veränderung möglich gemacht werden kann. Information ist ein wichtiger Aspekt positive Absichten zu erzeugen oder auch zu verstärken. Allerdings führen Interventionen, die lediglich darauf abzielen Wissen zu vermitteln, nur zu schwachen bis moderaten Effekten bei der tatsächlichen Verhaltensänderung (Webb/Sheeran 2006: 249). Welche Nahrung Menschen ein- oder zweimal zu Mittag essen, hat einen relativ geringen Einfluss auf ihren generellen Gesundheitszustand. Bei täglicher Wiederholung stellt dies jedoch einen wesentlichen Einflussfaktor dar. Verplanken und Wood stellen in ihrer Arbeit fest, dass Gewichtszunahme und Adipositas bei einem Großteil der Menschen vermindert werden könnten, wenn diese Personen täglich pro Mahlzeit einige Bissen weniger essen würden (Verplanken/Wood 2006: 90). Auch sie halten wie Webb und Sheeran fest, dass bisherige Gesundheitskampagnen primär auf Wissensvermittlung durch Werbeeinschaltungen, mediale Kampagnen oder auf Ausbildungsprogrammen (teilweise mit Selbsthilfefocus) an Schulen beruhen. Auch wenn diese Informationsvermittlung es schafft, das Wissen der einzelnen über einen gesunden Lebensstil zu erhöhen sowie deren Einstellung zu verändern, bedeutet das noch nicht, dass die Menschen auch ihr gewohntes Verhalten ändern. Tägliche Lebensgewohnheiten der Konsumenten limitieren die Effektivität von Interventionen, welche nicht auf den Entstehungskontext und die begünstigenden Rahmenbedingungen Gewohnheiten aufrechtzuerhalten, berücksichtigen. (Verplanken/Wood 2006: 91). Der Zusammenhang zwischen Umweltreizen und Gewohnheiten ist ein wichtiger Punkt, warum sich alte Muster so schwer verändern lassen. Damit Interventionen, die zum Beispiel eine Veränderung des Lebensstils bewirken sollen, erfolgreich sein können, darf es nicht nur Ziel sein, alte Gewohnheiten zu ändern. Vielmehr gilt es auch neue, wünschenswertere Gewohnheiten zu unterstützen (Verplanken/Wood 2006: 100). Daher lässt sich zusammenfassend sagen, dass Gewohnheiten ein wesentlicher Bestandteil des Ernährungsverhaltens sind. Auf Grund des globalen Problems von Adipositas, Bewegungsmangel und den damit verbundenen nicht übertragbaren Krankheiten ist es von großer Bedeutung, Interventionsmaßnahmen mit nachhaltigen Effekten zu entwickeln.

1.2 Zielsetzung und Forschungsfrage

Vor dem Hintergrund der immer höher werdenden Krankheitslast, die durch ungesunde Lebens- und Ernährungsgewohnheiten entsteht sowie der Tatsache, dass viele der bestehenden Verhaltensveränderungsstrategien ein Nachhaltigkeitsproblem haben, ist es das Ziel dieser Arbeit, einen integrativen Zugang zu nachhaltiger Verhaltensänderung unter Zuhilfenahme aktueller Modelle aus dem Bereich der Verhaltensforschung, der Psychologie und der Neurowissenschaften zu legen. Bisher in traditionellen Verhaltensmodellen vernachlässigte Faktoren aus dem Bereich der unbewussten, automatisierten Wahrnehmung, Informationsverarbeitung sowie Verhaltenssteuerung werden beleuchtet und diskutiert. Auf Basis dieser Faktoren wird ein in der Praxis anwendbares Konzept zur Verhaltensänderung entwickelt und vorgestellt, dessen Ziel es ist, nachhaltige Veränderung des Ess- und Bewegungsverhaltens von Personen zu bewirken.

Daraus leitet sich die folgende Forschungsfrage dieser Arbeit ab:

Wie lässt sich der Outcome von Gesundheitskampagnen unter Einbeziehung moderner Theorien/Modelle der Kognitions- und Neurowissenschaften erhöhen, beziehungsweise der nachhaltige Erfolg von Interventionsstudien verbessern?

1.3 Methodik

In der Erarbeitung dieses Themas wird im ersten Schritt der aktuelle Stand der Forschung dazu eruiert. Eine Literaturrecherche, welche wissenschaftliche Publikationen sowie aktuelle Studien umfasst, wird dazu die Basis bilden. Durch diese theoretische Arbeit werden die verschiedenen modernen Theorien und Modelle unbewusster Verarbeitung als auch Ansätze aus der Verhaltensforschung betrachtet. Die daraus abgeleiteten Ergebnisse werden im Anschluss an die theoretische Aufarbeitung verwendet, um daraus ein Studiendesign beziehungsweise ein konkretes Verhaltensveränderungskonzept zu entwickeln. Dieses wird zu einem späteren Zeitpunkt in einem Forschungsprojekt vom Studiengang Biomedizinische Analytik der Fachhochschule Salzburg in Schulen im Land Salzburg zur Anwendung kommen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Darstellung der Vorgehensweise (Quelle: eigene Abbildung)

2 Verhaltensänderung aus der Sicht der Kognitions- und Neurowissenschaften

Kognitionswissenschaft hat zum Ziel, die geistigen Leistungen des Menschen, die ihnen zugrunde liegenden Vorgänge und Voraussetzungen zu untersuchen. Vereinfacht gesagt, handelt es sich bei Kognition um das, was im „Geist“ des menschlichen Gehirns abläuft. Die Sinnesorgane nehmen Umweltreize wahr und wandeln diese in elektrische Impulse um. Diese Signale werden in unserem Gehirn verarbeitet und mit Erfahrungen und persönlichen Ansichten verknüpft. Dadurch werden mentale Prozesse wie Lernen, Planen und Kreativität möglich. Den Vorgang dieser mentalen Prozesse nennt man Kognition. Die Kognitionswissenschaft ist keine eigene Wissenschaft, sondern ein Teilgebiet verschiedener Wissenschaften. Macht sich jemand in der Psychologie die Neurowissenschaft zu Nutze, versucht er häufig auf höherer Ebene zu verstehen, wie Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten in einem Menschen entstehen. Aus diesem Grund ist auch das Ernährungsverhalten in den Focus der Kognitions- und Neurowissenschaften gelangt. Durch das Verständnis, wie Gewohnheiten oder Absichten entstehen, erlangt man auch die Fähigkeit Ansätze zu erarbeiten, wie diese verändert werden können.

Ein sehr großer Teil der aktuellen Literatur zum Thema „Änderung der Lifestyle-Gewohnheiten“ basiert auf Erkenntnissen der Neurowissenschaften und Kognitionswissenschaften. Im Hinblick auf die Aufgabenstellung dieser Arbeit werden im Folgenden die Forschungsergebnisse dieser beiden Wissenschaften in der aktuellen Literatur genauer betrachtet.

2.1 Aktueller Stand der Forschung

Ungesunde Ernährung und mangelnde Bewegung haben sich zu einem globalen Thema entwickelt. „Ein Teil der Welt isst sich im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode“, warnte Magret Chan, die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation im Mai 2014. Der UNO Sonderbeauftragte für das Recht auf Nahrung Olivier De Schutter stellte fest, dass ungesunde Ernährung eine mittlerweile noch größere Bedrohung als das Rauchen für die Menschheit darstellt. Des Weiteren plädiert er für eine globale Konvention zum Schutz und zur Förderung einer gesunden Ernährung. Das Österreichische Akademische Institut für Ernährungsmedizin hat festgestellt, dass singuläre Maßnahmen wie Informationsbroschüren oder Vorträge zur gesunden Ernährung keine nachhaltigen Veränderungen des Lebensstils bewirken. Die Studie - „Evaluation of a School-based Multicomponent Nutrition Education Program to Improve Young Children´s Fruit and Vegetable Consumption“ - versuchte mit Wissensvermittlung bei Lehrern, Eltern und Schülern sowie speziellen Schulungen zu Ernährungsthemen den Konsum von Obst und Gemüse zu erhöhen (Prelip 2012: 312). Das Resultat dieser Studie zeigt keinen signifikanten Effekt beim Konsum dieser Nahrungsmittel durch Wissensvermittlung und Schulungen zu gesunder Ernährung. Eine dänische Studie aus dem Jahr 2008 untersuchte den langfristigen Einfluss persönlicher Beratung auf den Lebensstil. Das Resultat der Studie zeigt einen positiven Effekt nach einem und nach drei Jahren, aber langfristig (fünf Jahre) war kein positiver Effekt mehr bei den Ernährungsgewohnheiten nachweisbar (Toft 2008: 382).

Sehr vielen Menschen fällt es schwer, trotz hohem Leidensdruck ihre Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten zu ändern. Es stellt sich die Frage, warum die Änderung dieser Gewohnheiten so schwer fällt, wenn doch eigentlich alle wissen, wie wichtig sie wäre. Allein der Wille zur Veränderung scheint nicht auszureichen, um das Verhalten tatsächlich nachhaltig zu verändern. Daher ist es von Interesse, Wirkungsmechanismen zu identifizieren, welche Menschen befähigen, sich zu überwinden und alte Muster durch neue gesundheitsförderliche Verhaltensweisen zu ersetzen. Dazu ist es notwendig, dass Personen Absichten zur Veränderung des Ernährungsverhaltens formulieren. Nachfolgend müssen sie es auch schaffen, diese Absicht umzusetzen. Damit beschäftigen sich auch Webb und Sheeran in ihrer Arbeit. Das Ergebnis dieser Studie belegt, dass eine mittlere bis große Veränderung der Verhaltensabsicht nur zu einer kleinen bis mittleren Veränderung des Verhaltens führt (Webb/Sheeran 2006: 255).

Meist ist die Entstehung der nichtübertragbaren Krankheiten mit der Ausbildung von Verhaltensmustern verbunden, die völlig automatisiert ablaufen. Marteau beschreibt in ihrer Arbeit „The Importance of Targeting Automatic Processes“ den Zusammenhang von nicht übertragbaren Erkrankungen mit gesundheitsschädlichem Verhalten. Die meisten Konzepte zur Forcierung von gesundheitsförderlichem Verhalten haben zum Ziel, Verhaltensweisen zu ändern und zu Verhaltensreflexion zu ermutigen. Dabei ist es nicht von Relevanz, ob solche Konzepte auf das unbewusste oder das bewusste System abzielen. Diese Interventionen sind in ihren Erfolgsaussichten oft deshalb limitiert, weil menschliches Verhalten sowohl bewusst, als auch unbewusst abläuft, wobei bisherige Konzepte viel zu stark auf bewusstes Verhalten fokussiert waren und die unbewusste Komponente vernachlässigten. Unbewusstes Verhalten wird durch bestimmte Umweltreize ausgelöst. Dies führt zu Handlungen, die zum Großteil nicht bewusst reflektiert werden.

2.2 Modelle und Theorien der Verhaltensforschung

Schon in der Antike hat sich die Philosophie mit der Frage befasst, warum Menschen zeitweiligen Verlockungen nachgeben und dabei wichtige langfristige Ziele aus den Augen verlieren. Aktuelle Arbeiten beschäftigen sich mit dem Problem der Selbstkontrolle. Dazu gibt es auch zahlreiche unterschiedliche Modelle mit verschiedenen Herangehensweisen. Um die Hintergründe der im nächsten Kapitel erklärten Konzepte besser verstehen zu können, sollen an dieser Stelle grundlegende Modelle der Kognitions- beziehungsweise Neurowissenschaften erklärt werden. Diese stellen sozusagen das Grundgerüst für später entwickelte Konzepte und Strategien dar. Dabei kommt es des Öfteren zu Wiederholungen von bereits beschriebenen Verhaltensprozessen und Einblicken in die Kognitions- und Neurowissenschaften. Der Grund dafür liegt darin, dass bestimmte Modelle und Theorien von unterschiedlichen Wissenschaftlern ähnlich beschrieben werden.

In der Psychologie hat sich in den letzten Jahren die Ansicht durchgesetzt, dass es einen Unterschied zwischen den automatischen, unbewussten und den bewussten, kontrollierten Prozessen gibt (Strack/Deutsch: 2004: 220). Dies äußert sich darin, dass Menschen manchmal Dinge tun, die nicht ihren Intentionen entsprechen. Es lässt sich daher davon ausgehen, dass es zwei unterschiedliche Prozesse gibt. Nämlich einen nicht gut kontrollierbaren, schlecht gesteuerten und einen rationalen Prozess, der auf bewusstem Entscheiden und Denken beruht. Zwischenzeitlich belegen zahlreiche wissenschaftliche Studien, dass ein Großteil unseres Handels auf unbewussten Prozessen beruht. Entscheidungen, welche die Menschen treffen, basieren entweder auf Intuition oder wohlabgewogenem Denken. Die Durchsetzung der „vernünftigen“ Handlung braucht ein hohes Maß an Selbstkontrolle. Damit diese Selbstkontrolle ausgeübt werden kann, bedarf es einiger Anstrengung. Das bedeutet, dass durch diesen Verhaltenskonflikt Ressourcen verbraucht werden, die bei anschließenden Aufgabenstellungen nicht mehr zur Verfügung stehen. Das legt die Vermutung nahe, dass diese Ressourcen domänenunabhängig, begrenzt und limitiert sind. Im Rahmen der modernen Selbstkontrollforschung wurden situationale Rahmenbedingungen identifiziert, die einen Einfluss auf die Selbstkontrolle haben. Das „Zwei System Modell“ menschlicher Informationsverarbeitung von Strack und Deutsch geht von einem reflektiven und einem impulsiven System der Informationsdatenverarbeitung aus (Strack/ Deutsch 2004: 220). Dabei arbeitet das reflektive System mit geordneten Gedankeninhalten. Diese versprechen Schlussfolgerungs- und Planungsprozesse. Diese Prozesse unterscheiden sich von den impulsiven Prozessen dadurch, dass sie mehr Arbeitsgedächtniskapazität und mehr Zeit benötigen. Reflektive Prozesse lassen zudem auch mehr flexible Handlungskontrolle zu. Im Unterschied dazu besteht das impulsive System aus assoziativen Verknüpfungen. Daher handelt es sich hierbei um eine automatische und deshalb Ressourcen schonende Verarbeitung von Informationen. Diese impulsiven Prozesse sind auf bereits vorhandene Bahnen angewiesen und aus diesem Grund relativ unflexibel. Strack und Deutsch erstellten eine graphische Darstellung des von ihnen beschriebenen „Reflektiv-Impulsiv Modells“ (siehe Abbildung 2). Sie beschreiben soziales Verhalten als ein Resultat mehrerer Faktoren, die entweder miteinander in Einklang oder in Konflikt wirken. Sie haben zur genaueren Erklärung zehn verschieden Thesen aufgestellt, die sie in ihrer Arbeit näher erläutern. Dazu zählt die Feststellung, dass soziales Verhalten der Effekt von zwei unterschiedlichen Systemen ist, welche gleichzeitig ablaufen können. Daneben konstatieren sie, dass das reflektive System ein hohes Maß an kognitiven Ressourcen benötigt und es Beziehungen zwischen den einzelnen Faktoren gibt. Die Umsetzung von Verhalten zählt ebenso zu den Thesen wie die Vorläufer von Verhalten. Es gibt eine Komponente des Verhaltens, die von Motivation beeinflusst wird. Gleichzeitig kann Verhalten beabsichtigt und vereinbar mit anderen Motiven sein. Der letzte Punkt ihrer zehn Thesen besagt, dass der Mangel an Grundbedürfnissen zu einer Dysfunktion der beiden Systeme führt (Strack/Deutsch 2004: 222ff.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 : Übersicht über das Reflektiv- Impulsive Modell (Quelle: Strack/Deutsch 2004: 222)

Strack und Deutsch gelangen zu der Erkenntnis, dass kontextbezogene externe (Priming) oder interne (körperliche Bedürfniszustände) Faktoren leicht reversible Veränderungen des Funktionsablaufes herbeiführen können. Unter dem Begriff „Priming“ versteht die Psychologie die Beeinflussung der Kognition eines Reizes durch Aktivierung impliziter Gedächtnisinhalte durch einen vorangegangenen Reiz. Diese Reize können Wörter, Gerüche, Gesten oder Ähnliches sein. Impulse - also Anstöße - die zu einer spontanen Reaktion führen, können so ins Gedächtnis gelangen. Dadurch wird Arbeitsgedächtniskapazität verbraucht, die dann für die langfristige Zielverfolgung fehlt. Dabei kann ein Konflikt zwischen Verlangen als repräsentiertem Bewusstseinsinhalt und damit inkompatiblen Zielen entstehen. Die daraus resultierenden Folgen sind schlimmstenfalls ein Verdrängen der guten Vorsätze aus dem Arbeitsgedächtnis. Das Ganze kann so weit gehen, dass reflektive Planungsprozesse dazu „missbraucht“ werden, akutes Verlangen in die Tat umzusetzen. Basierend auf diesem Konzept lassen sich Selbstkontrollkonflikte als Unverträglichkeiten zwischen den Verhaltensimplikationen des reflektiven und des impulsiven Systems erklären. Strack und Deutsch gehen bei diesem Ansatz von einem gemeinsamen Zugang beider Systeme zur Verhaltenssteuerung aus. Die residuale Aktivierungsstärke bestimmt, welches der beiden Systeme das letztendliche Verhalten steuert. Die Handlungssteuerung wird in diesem Fall durch situationale und dispositionale Rahmenbedingungen beeinflusst. Situationale Faktoren, die die Verfügbarkeit von Kontrollmechanismen beeinflussen, führen zu einer geringeren Effektivität des reflektiven Systems und stärken somit die Verhaltenswirksamkeit impulsiver Einflüsse. Das bedeutet auch, dass eine niedrige Kontrollfähigkeit verstärkt zu impulsivem Verhalten führt. Dieses hier erklärte „Zwei-Prozess-Modell“ von Strack und Deutsch lässt sich in unterschiedlichen Ansätzen zur Erhöhung von Selbstkontroll- Erfolgen und durch Stärkung des reflektiven Systems zu einer verbesserten Zielerreichung verwenden (Strack/Deutsch 2004: 221ff.). In Abbildung 3 ist dargestellt, wie die beiden Systeme miteinander konkurrieren können. Das reflektive System verhindert die Ausführung des Verhaltens, das impulsiv aktiviert wurde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Aktivierung des impulsiven und des reaktiven Systems als konkurrierende Verhaltensweisen (Quelle: Strack/Deutsch 2004: 231)

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Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Verbesserung des Effektes von Gesundheitskampagnen durch Anwendung von modernen Theorien aus der Neurowissenschaft und der Verhaltensforschung
Hochschule
Donau-Universität Krems - Universität für Weiterbildung  (Zentrum für Management im Gesundheitswesen)
Veranstaltung
Universitätslehrgang Patientensicherheit durch Risiko- und Qualitätsmanagement
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
55
Katalognummer
V304680
ISBN (eBook)
9783668031418
ISBN (Buch)
9783668031425
Dateigröße
1290 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
„Non Communicable Diseases“, Prävention, Ernährung, Adipositas, Verhaltensänderung, Kognitions- und Neurowissenschaften
Arbeit zitieren
Karin Schwenoha (Autor), 2015, Verbesserung des Effektes von Gesundheitskampagnen durch Anwendung von modernen Theorien aus der Neurowissenschaft und der Verhaltensforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304680

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