Keller als phantastischer Realist - Die Märchensymbolik in Gottfried Kellers Novelle "Pankraz der Schmoller"


Hausarbeit, 2003
24 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2. Vorbetrachtung

3. Annäherung an das Werk: Der phantastische Realist

4. Inhaltsbeschreibung

5. Das Märchen
a) Ort, Personen, Zeitangaben
b) Pankraz
c) Esther

6. Die Zahlensymbolik

7. Vergleich mit dem „Märchen von einem der auszog das Fürchten zu lernen“

8. Vergleich mit Kellers Novelle „Spiegel, das Kätzchen“

9. Schlussbetrachtung

10. Literaturverzeichnis

2) Vorbetrachtung

Die Novelle „Pankraz der Schmoller“[1] von Gottfried Keller, als erste Geschichte des Novellen – Zyklus „Die Leute von Seldwyla“ 1856 erschienen, lässt sich in ihrer Intension und Bedeutung schwer fassen:

„Wurde die Novelle vormals als ein allzu eindimensional – autobiographischer und didaktischer Text angesehen, so hat man inzwischen ihre Differenziertheit und anspruchsvolle Mehrschichtigkeit erkannt.“[2]

Von diesen vielfältigen Möglichkeiten sich der Novelle zu nähern und sie für sich zu begreifen wird hier versucht, die Märchensymbolik der Novelle zu erkennen und auch zu entschlüsseln: die auffälligen Verweise und Verwandtschaften der Novelle zu der Märchengattung sind sicher nicht unbeabsichtigt. Sowohl der Erzählstil als auch die Verwendung der Zahlen - die sich jedoch vor allem auf den Beginn der Geschichte konzentrieren - sind Indizien für einen dem Autor nicht nur bekannte, sondern möglicherweise auch bewusste Verwendung von Märchenelementen, die eine bewusste oder unbewusste Verbindung schaffen, deren Ursache herausgefunden werden soll.

Hierbei bietet sich ein Vergleich mit den „Kinder- und Hausmärchen“[3] der Brüder Grimm – die durch ihre Sammlung den Begriff „Märchen“ in ihrer gewohnten Form erstmalig definierten und prägten - sowie mit der ebenfalls dem „Seldwyla – Zyklus“ entstammenden Novelle „Spiegel das Kätzchen“[4] an, da diese Novelle ein von Keller geschriebenes Märchen ist. Gerade im Vergleich mit diesem Märchen lässt sich deutlich nachvollziehen, inwieweit „Pankraz der Schmoller“ von Märchenelementen durchdrungen ist.

Die Problematik, sich Kellers Werk durch die Parallelen zur Märchenstruktur zu nähern, ist bekannt:

„Häufig tauchen Topoi aus dem Märchen, aus volkstümlicher Literatur, aus Romanzen und Heftchenromanen auf: es bleibt unsicher, ob dieser bunte Lesestoff parodiert wird, oder ob er als anbiedernder, verharmlosender Erwartungshorizont weiterwirkt. Keller wird somit zu einem erstaunlich vielschichtigen Erzähler. Er liebt Anspielungen, er bewegt sich mit seiner Auffassung der „Dialektik der Kulturbewegung“ durchaus im selbstreflexiven Bereich der Intertextualität, aber er kann auch sehr selbstsicher und naiv wirken. Immer wieder ergötzt er sich zum Beispiel an Detailbeschreibungen.“[5]

Dennoch ist diese Methode wirksam, da gerade durch die Präsenz oder auch Nicht – Präsenz von bestimmten Elementen der Stoff an sich fassbarer wird. „Pankraz der Schmoller“ wurde noch nicht unter dem Aspekt der Märchenhaftigkeit untersucht. Sicherlich wird somit ein neuer Blickpunkt auf dieses Werk gegeben.

3) Annäherung an das Werk: Der phantastische Realist

Gottfried Keller kann als ein Hauptvertreter des „poetischen Realismus“[6] gesehen werden. Sein Hang zu phantastischen Träumereien ist bereits in seiner Kindheit zu finden. Diese Anlage hat er laut Keller selbst von seinem Vater geerbt, einem „merkbar phantastischen Drechslermeister“, dessen Augen „glühten wie von einem anhaltenden Glanze innerer Wärme und Begeisterung.“[7] Kellers Begegnung mit dem Trödlerehepaar Hotz, „dessen phantastische Welt und Lebensweise die Einbildungskraft des frühreifen Gottfried Kellers aufs heftigste erregte und zu rascher Entfaltung brachte“[8] ist eine weiterer Indikator für seine spätere Prosaschreibung. Kellers erste Kontakte mit der Außenwelt, vor allem dem Bildungswesen, haben ein - gerade für die Novelle „Pankraz der Schmoller“ wichtiges – „Sich verschließen“ Kellers zur Folge. „Ein Trotzwesen macht sich bemerkbar, das nichts anderes ist als „das Zurückziehen in den absichtslosen Traum, in die (...) Welten passiv erlebter Bilderfolgen.“.[9]

Die Tatsache, dass Keller, bevor er Dichter wurde, Maler werden wollte – dies jedoch aufgrund seiner Tagträumereien und seiner Unfähigkeit seine Phantasie in „realer“, wirklichkeitsnaher Malerei auszudrücken aufgab – bezeugen ebenfalls seinen Hang zur Irrealität, zur Phantasie und im Schluss zu den daraus folgenden Märchenelementen, die in vielen seiner Novellen zu finden sind. Auch wenn der Begriff phantastisch in erster Linie so gar nicht auf den Realisten Keller zutreffen mag, kann doch durch die Analyse und Betrachtung der Novelle „Pankraz der Schmoller“ wenigstens in Teilen das Gegenteil bewiesen werden. Dabei ist diese Novelle nicht einmal die phantastischste oder märchenhafteste. „Der grüne Heinrich“[10] und „Die drei gerechten Kammacher“[11] und auch „Spiegel das Kätzchen“ sind durchaus eindeutiger in ihrer Märchen- oder Phantasiesymbolik. Deshalb soll hier gezeigt werden, dass gerade in den „realistischeren“ Werken Kellers ebenfalls phantastische Elemente zu finden sind, die dann eine Klassifizierung Kellers als „poetischen Realisten“ eindeutiger rechtfertigen.

Eine Klassifizierung der Phantastik in Kellers Gesamtwerk fällt nicht leicht, da viele Umschreibungen dafür bestehen: „grotesk, bizarr, skurril, sonderbar, rätselhaft, ungewohnt“[12], sind nur einige der verwendeten Adjektive, die dann auch noch von den verschiedenen Forschungen unterschiedlich benutzt werden. Im Hinblick auf „Pankraz der Schmoller“ ist jedoch eine weitere Komponente viel wichtiger als die eben genannten Umschreibungen: die Verbindung von Kunst und Traum. Die Künstler Callot, Piranesi und vor allem Goya, die durchaus Einfluss auf die Literatur hatten, nannten den traumähnlichen Zustand des Phantasierens Capriccio oder Invention. Und diese gestalteten Traumwelten, die sich bei Keller vor allem in Tagträumen wiederspiegeln, finden sich stark ausgeprägt im Pankraz: Bei seiner Rückkunft in Seldwyla scheint er „wie aus einen schweren Träume“[13] zu erwachen. Ihm erscheint ein halbes Jahr in der Erinnerung „wie ein schwüler, von Träumen durchzogener Sommertag“[14]. Und von sich selbst sagt er: „So ging ich wohl ein halbes Jahr herum wie ein Nachtwandler, von Träumen voll hängend wie ein Baum voll Äpfel, alles, ohne mit Lydia um einen Schritt weiterzukommen.“[15] Und am eindeutigsten von allen erscheint dieses Zitat Pankraziens Lebenssituation zu beschreiben:

„Ja, ich phantasiere mich wieder so hinein, dass mir ihre Fehler, selbst ihre teilweise Dummheit, zum wünschbarsten aller irdischen Güter wurden, und in tausend erfundenen Variationen wandte ich dieselben hin und her und malte mir ein Leben aus, wo ein kluger Mann die Verkehrtheiten und Mängel einer liebenswürdigen Frau täglich und stündlich in ebensoviel artige und erfreuliche Abenteuer zu verwandeln und ihren Dummheiten mittelst einer von Liebe und Treue getragenen Einbildungskraft einen goldenen Wert zu verleihen wisse, so dass sie lachend auf dieselben sich noch etwas zu gut tun könne.“[16]

4) Inhaltsbeschreibung

Die Novelle „Pankraz der Schmoller“ von Gottfried Keller handelt von dem Sohn und Bruder Pankraz, der sich nach einer ihn verletzenden Situation mit seiner Schwester von zuhause auszieht, einige Abenteuer erlebt und schließlich wieder heimkehrt und all seine Abenteuer seiner Mutter und Schwester erzählt. Pankraz wird als ein eigenwilliger, zum Schmollen geneigter Junge beschrieben, der faul und egoistisch seine Mutter und seine Schwester für sich arbeiten lässt, nichts lernt und nicht arbeitet. Als dann an einem Tag seine Schwester Esther sein Essen isst und ihm nur einige Reste übrig lässt, beschließt er in der Nacht das Elternhaus zu verlassen. Nach 30 Jahren kommt er wieder und hat sich in seinen Einstellungen geändert. Die Erfahrungen in der Ferne, in der er sich zum ersten Mal sein Essen selbst verdienen musste, in der er sich unglücklich verliebte und in der er einem Löwen in einer gefährlichen Situation mehrere Stunden gegenüberstehen musste, haben ihn von seiner Schmollerei kuriert, so dass er dann ein normales, anständiges und ehrenwertes Leben führen kann.[17]

5) Das Märchen „Pankraz der Schmoller“

In Märchen ist der Ort im allgemeinen unbestimmt, es werden weder Orts- noch Ländernamen genannt. Zwar wird die Umgebung beschrieben, als Wald, See, Meer, auf einer fernen Insel, dem kaum erreichbaren Gipfel eines Berges, innerhalb eines Berges, am Ende der Welt, im Toten- oder Geisterreich oder im Paradies, jedoch werden die realen, der wirklichen Welt entstammenden, Orte nie genauer beschrieben. In die zauberhafte, irreale Welt gelangt man im Märchen durch ein hilfreiches Zauberwesen, durch einen Vogel oder ein Ungeheuer, das einen dahin befördert oder durch eine endlose, oft verirrte, Wanderung[18].

In der Novelle „Pankraz der Schmoller“ nun ist die Umgebung definiert: einerseits durch die Beschreibungen innerhalb des Werkes selber, aber auch durch die Einordnung des Werkes in den Seldwyla – Zyklus, der sich in einem kleinen Dorf in der Schweiz abspielt, nämlich in eben diesen Seldwyla. Dennoch unternimmt Pankraz, genau wie ein Märchenheld, eine weite Reise, die er zwar durch einige bekannte Orte nachvollziehbar macht, jedoch immer noch recht unbestimmt bleibt. So sagt er, dass er beschloss „nordwärts durch ganz Deutschland zu laufen, bis er das Meer erreichte“[19]. Obgleich uns Pankraz hier sagt, wie seine ungefähre Route verläuft, erwähnt er keine Städte, Landschaften oder Gebirge, die den genauen Weg erkennen lassen. Als er dann den Rhein erreicht und mit einem Schiff weiterreist, tut er dies nicht in einer Stadt oder einem Hafen, sondern er findet eine „wilde und entlegene Stelle“[20], die ähnlich einem Märchen unbestimmt und in weitestem Sinne phantastisch und wunderlich ist. Auf seinem Weg nach Hamburg schlief er dann in „einem großen Bergwald“[21] und meidete die Städte: „im freien Felde, auf Bergen und im Wäldern“[22] arbeitete er. Später dann siedelt er als Soldat nach Indien wieder, wobei er auch keine Kolonie, keine Stadt, keinen Ort benennt, sondern dieses ferne, in vielen Werken als Symbol traumhaften, märchenhaften Lebens[23] verstandene orientalische Land in seiner Funktion als eben dieses belässt.

[...]


[1] Keller, Gottfried: Pankraz der Schmoller. 2000.

[2] Neumann, Bernd: Nachwort zu „Pankraz der Schmoller. S. 68.

[3] Grimm, Jacob und Wilhelm: Kinder- und Hausmärchen. 1999.

[4] Keller, Gottfried: Spiegel, das Kätzchen. 1978.

[5] Loosli, Theo: Fabulierkunst und Defiguration. S. 378.

[6] Loosli, S. 13.

[7] Loosli: S. 15.

[8] Loosli. S. 15.

[9] Loosli. S. 15.

[10] Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. 1978.

[11] Keller, Gottfried: Die drei gerechten Kammacher. 1978.

[12] Loosli. S. 38.

[13] Pankraz. S. 11.

[14] Pankraz. S. 28.

[15] Pankraz. S. 35.

[16] Pankraz. S. 48.

[17] Vgl. Pankraz der Schmoller.

[18] Vgl. Beit, Hedwig von: Das Märchen. S. 9 – 12.

[19] Pankraz . S. 17.

[20] Pankraz. S. 17.

[21] Pankraz. S. 18.

[22] Pankraz. S. 18.

[23] Vgl. die „Märchen aus 1001 Nacht“.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Keller als phantastischer Realist - Die Märchensymbolik in Gottfried Kellers Novelle "Pankraz der Schmoller"
Hochschule
Universität Trier
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
24
Katalognummer
V30473
ISBN (eBook)
9783638317283
ISBN (Buch)
9783638703307
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Analyse der Märchenelemente in Kellers Novelle - eine Betrachtung des Löwens hat gefehlt.
Schlagworte
Keller, Realist, Märchensymbolik, Gottfried, Kellers, Novelle, Pankraz, Schmoller
Arbeit zitieren
Franziska Irsigler (Autor), 2003, Keller als phantastischer Realist - Die Märchensymbolik in Gottfried Kellers Novelle "Pankraz der Schmoller", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30473

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