„Wittgenstein hat in der Philosophie einen neuen Anfang gewagt.“1 Er hat seinen bohrenden
Scharfblick von den systematischen Denkgebäuden, in denen die Philosophen seit jeher versuchten
die Welt zu erfassen, abgelenkt und sich wie kein anderer Philosoph vor ihm dem
menschlichen Sprachgebrauch zugewandt, wodurch er der Sprachphilosophie als philosophischer
Fundamentaldisziplin des 20. Jahrhunderts zum Durchbruch verhalf. Die formale Logik,
von Frege und Russell entwickelt, schien Wittgenstein in seinem Frühwerk die neue und geeignete
Methode zu sein, um Ordnung in die philosophischen Verwirrungen seiner Zeit zu
bringen. Die Ursache der philosophischen Probleme lag für Wittgenstein im falschen
Gebrauch unserer Sprache, „er hatte den Verdacht, dass viele Probleme der Philosophie im
Grunde Verknotungen des Denkens seien, Selbstfesselungen, Verschlingungen und gordische
Knoten der Sprache, nicht aber der Welt“2. In seinem einzigen zu Lebzeiten veröffentlichten
philosophischen Werk, dem Tractatus logico-philosohicus, untersucht und beschreibt Wittgenstein,
wie „Sprache und Wirklichkeit ineinandergreifen“3 und versucht eine Zeichensprache
zu entwerfen, die durch ihre Klarheit alle philosophischen Probleme beseitigen sollte.
Von diesem Vorhaben distanziert sich Wittgenstein jedoch in seinem Spätwerk und stellt nun
die Alltagssprache in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Sein 1953 posthum veröffentlichtes
Hauptwerk trägt den Namen Philosophische Untersuchungen. In ihm führt Wittgenstein
den Begriff des „Sprachspiels“ ein, der fortan sein gesamtes Denken prägt. Ich möchte in der folgenden Arbeit darstellen, was unter diesem Begriff zu verstehen ist und welche Wichtigkeit Wittgenstein diesem beimisst. Dazu ist es unerlässlich einen Überblick
über Wittgensteins Vorstellungen von sprachlicher Bedeutung zu geben. Ich werde dies in
Abgrenzung zur repräsentativen Zeichentheorie tun. Zum Schluss meiner Arbeit möchte ich
beschreiben, wie Wittgensteins sprachphilosophische Einsichten seinen Blick auf die Philosophie
beeinflussten. 1 Vossenkuhl, Wilhelm: Ludwig Wittgenstein, 2. Aufl., München 2003, S. 11. 2 Lem, Stanislaw: Also sprach GOLEM, Frankfurt am Main 1986, S.80. 3 Lutz, Bernd (Hg.): Metzler-Philosophen-Lexikon, 2.Aufl., Stuttgart 1995.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
1 „DAS SPRACHSPIEL“ - ALLGEMEINE BEGRIFFSBESTIMMUNG
2 BEDEUTUNG VON WÖRTERN UND SÄTZEN IM SPRACHSPIEL
2.1 Die traditionelle Bedeutungstheorie
2.2 Das „hinweisende Lehren“
2.3 Wittgensteins Kritik an der traditionellen Bedeutungstheorie
2.4 Wittgensteins Auffassung von sprachlicher Bedeutung
3 SPRACHE ALS LEBENSFORM
SCHLUSS: PHILOSOPHISCHE KONSEQUENZEN AUS WITTGENSTEINS SPRACHSPIELDENKEN
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das von Ludwig Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen eingeführte Konzept des „Sprachspiels“. Ziel ist es, Wittgensteins relativistisches Verständnis sprachlicher Bedeutung darzulegen und dieses von der klassischen repräsentativen Zeichentheorie abzugrenzen, um aufzuzeigen, wie Sprachkritik die philosophische Praxis beeinflusst.
- Grundlagen des Sprachspiel-Begriffs und die Analogie zum Spiel.
- Kritik an der traditionellen Bedeutungstheorie und dem „hinweisenden Lehren“.
- Die Einbettung der Sprache in Lebensformen und menschliche Tätigkeiten.
- Die Funktion der Philosophie als Sprachkritik durch Beschreibung des tatsächlichen Sprachgebrauchs.
Auszug aus dem Buch
2.4 Wittgensteins Auffassung von sprachlicher Bedeutung
Wittgensteins Verständnis von sprachlicher Bedeutung ist ein fundamental anderes. Für ihn gibt es keine feste Verknüpfung von Wort und damit bezeichneten Gegenstand. Der allgemeine Begriff der Bedeutung der Worte umgibt „das Funktionieren der Sprache mit einem Dunst (...), der das klare Sehen unmöglich macht“(5), d.h. der allgemeine Begriff der Bedeutung suggeriert uns, dass jedem Wort seine Bedeutung in magischer Weise anhaftet und von diesem nicht zu trennen ist. Die Bedeutung, die ein Wort besitzt, ist jedoch nicht fest zementiert, sie ist dem Wort nicht in immer gleich bleibender Weise zugeordnet. „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“(43) Dies ist Wittgensteins zentrale Aussage zur Wortbedeutung. Sie macht die Relativität von sprachlicher Bedeutung in seinem Sprachverständnis deutlich. „Die Bedeutung eines Wortes oder Satzes kommt also erst durch das Wie seiner wirklichen Verwendung im sozialen Kontext zustande.“ Der alltägliche Gebrauch eines Wortes schafft seine Bedeutung. Dies ist der Grund, weshalb man die Bedeutung eines Wortes nur erklären kann, indem man den Gebrauch des Wortes erklärt.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Die Einleitung skizziert Wittgensteins philosophischen Werdegang und die Abkehr von der formalen Logik hin zur Untersuchung der Alltagssprache.
1 „DAS SPRACHSPIEL“ - ALLGEMEINE BEGRIFFSBESTIMMUNG: Dieses Kapitel erläutert den zentralen Begriff des Sprachspiels mittels der Analogie zum Spielbegriff und der Familienähnlichkeiten.
2 BEDEUTUNG VON WÖRTERN UND SÄTZEN IM SPRACHSPIEL: Hier wird der Prozess der Bedeutungszuschreibung analysiert, beginnend bei der traditionellen Theorie bis hin zu Wittgensteins eigener Auffassung.
3 SPRACHE ALS LEBENSFORM: Der Fokus liegt auf der Verwebung von Sprache mit menschlichen Tätigkeiten und dem Einfluss unterschiedlicher kultureller Lebenswelten auf das Sprachspiel.
SCHLUSS: PHILOSOPHISCHE KONSEQUENZEN AUS WITTGENSTEINS SPRACHSPIELDENKEN: Das Fazit beschreibt die Rolle der Philosophie als Sprachkritik, die durch reine Beschreibung von Scheinproblemen befreit.
Schlüsselwörter
Ludwig Wittgenstein, Sprachspiel, Philosophische Untersuchungen, Bedeutungstheorie, Sprachgebrauch, Familienähnlichkeiten, Sprachkritik, Lebensform, Gebrauchstheorie, Zeichentheorie, Sprachphilosophie, Alltagssprache, Sprachmissbrauch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt Wittgensteins Wende von einer repräsentativen zu einer gebrauchsbasierten Bedeutungstheorie der Sprache anhand des Konzepts der „Sprachspiele“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Kritik an der philosophischen Tradition der Namensgebung, die Relativität von Bedeutung durch Gebrauch und die Verankerung von Sprache in menschlichen Lebensformen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu erläutern, wie Wittgenstein durch die Einführung des Sprachspiel-Begriffs philosophische Probleme als Scheinprobleme entlarvt, die aus einem falschen Verständnis des Sprachgebrauchs resultieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine exegese-basierte Analyse von Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen durchgeführt, unter Einbeziehung von Sekundärliteratur zur Einordnung in den philosophischen Kontext.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit dem Vergleich zwischen der traditionellen Bedeutungstheorie und Wittgensteins Sprachspiel, der Funktion von Sprache in verschiedenen Kontexten und der philosophischen Konsequenz, dass Philosophie lediglich deskriptiv sein sollte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Sprachspiel, Familienähnlichkeiten, Sprachkritik, Lebensform und Bedeutung als Gebrauch.
Warum reicht „hinweisendes Lehren“ laut Wittgenstein nicht aus, um Sprache zu erlernen?
Wittgenstein argumentiert, dass das bloße Zeigen auf Objekte und Benennen nicht den Gebrauch lehrt. Ohne ein Vorwissen darüber, was eine Sprache ist und welche Rolle ein Wort in einem spezifischen Sprachspiel einnimmt, bleibt die Verknüpfung zwischen Laut und Objekt für den Lernenden unklar.
Inwiefern beeinflusst die „Lebensform“ die Sprache?
Die Lebensform bildet den sozialen und kulturellen Kontext, in dem Sprachspiele stattfinden. Unterschiedliche Lebensweisen erfordern unterschiedliche Begriffswelten, da die Sprache untrennbar mit den darin eingebetteten Handlungen verwoben ist.
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- Andre Fischer (Author), 2003, Das Sprachspiel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30497