Als im Januar 1872 Nietzsches Erstlingswerks Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik erscheint, ist dieser Inhaber eines Lehrstuhls für klassische Philologie an der Universität Basel. Auch der Titel lässt vermuten, dass es sich hier um eine philologische Schrift handelt. Dies ist die Geburt der Tragödie mit i hren kunst- und literaturtheoretischen Reflexionen in weiten Teilen auch. Darüber hinaus jedoch finden wir in ihr die grundlegenden und zentralen Gedanken von Nietzsches philosophischem Werk. Nietzsche begnügt sich in der Geburt der Tragödie nicht mit eine r Beschreibung der Entstehungsgeschichte der Tragödie als Kunstgattung, sondern richtet seinen Blick auf das gesamte Griechentum und die moderne Kultur, die für ihn nur „die in den Zustand der Verwesung übergangenen Reste der (...) griechischen Kultur repräsentieren“ 1 . Die Grundfrage, die Nietzsche in seinem Werk umkreist, ist von existenzielle Natur: Wie kann man trotz der Einsicht in die Grausamkeit und der offensichtlichen Sinnlosigkeit des Daseins das Leben bejahen? Diese Frage sieht Nietzsche im Griechentum beantwortet. Die Griechen schufen in einem künstlerischen Prozess die Welt der olympischen Religion und des Mythos, in der sie die entsetzliche und lebensfeindliche Wahrheit des Daseins im apollinischen Glanz „verklärten“. „So rechtfertigen die Götter das Menschenleben, indem sie es selbst leben“ 2 Die beiden Kunsttriebe, die diese Schöpfung der Griechen ermöglichten, sind in den Gottheiten Apollon und Dionysos versinnbildlicht. Diese miteinander in Konkurrenz tretenden Triebkräfte sind für Nietzsche a uch für die Entstehung der griechischen Tragödie verantwortlich und bilden in der Geburt der Tragödie das zentrale Begriffspaar. Diese beiden Kunsttriebe und ihre illusionären Schöpfungen möchte ich in der folgenden Arbeit beschreiben und deren Bedeutung für die Kunst, die Kultur und Nietzsches Sichtweise auf das Dasein erklären. Im zweiten Teil dieser Arbeit möchte ich Nietzsches Stellung zu Sokrates, den er für das Ende der griechischen Tragödie verantwortlich macht, und die damit eng verbundene Kulturkritik an der Moderne analysieren. Einige philologische Elemente der Geburt der Tragödie und die Überlegungen zur Erneuerung der Kultur durch die Musik Richard Wagners werde ich bewusst vernachlässigen, da sie den Rahmen meiner Arbeit überschreiten würden.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1.1.1. Apollon und das Apollinische
1.1.2. Dionysos und das Dionysische
1.2. Die notwendige Duplizität des Apollinischen und Dionysischen
1.3 Die tragische Kunst
2.1. Der Untergang der klassischen griechischen Tragödie
2.2. Sokrates und der Typus des theoretischen Menschen
2.3 Wissenschaft und tragische Erkenntnis
III. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Nietzsches philosophisches Erstlingswerk "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik". Ziel ist es, die dialektische Beziehung zwischen den apollinischen und dionysischen Triebkräften aufzuzeigen und zu analysieren, inwiefern Nietzsche die griechische Tragödie als notwendiges Korrektiv zur rationalistischen Weltsicht und als Schutz vor einem lebensverneinenden Pessimismus begreift.
- Die philosophische Bedeutung der Kunst als rettende Illusion im Angesicht der Daseinsgrausamkeit.
- Die Charakterisierung von Apollon und Dionysos als zentrale Begriffspaare der griechischen Kultur.
- Die Analyse der sokratischen Aufklärung als Ursprung des kulturellen Verfallsprozesses.
- Die kritische Auseinandersetzung mit dem theoretischen Menschen und dem wissenschaftlichen Optimismus.
Auszug aus dem Buch
1.2. Die notwendige Duplizität des Apollinischen und Dionysischen:
Nietzsche begründet die Einzigartigkeit des Griechentums und seiner Kunst damit, dass das Zusammentreffen der apollinischen und dionysischen Kräfte, trotz der eigentlichen Gegensatzstruktur, bei den Griechen einer „Versöhnung“ glich, und das die Dynamik ihres Zusammenspiels eine Ausgewogenheit und Balance erreichte, die es keiner Kraft ermöglichte, dauerhaft zu dominieren. Wie die alleinige Vorherrschaft des Dionysischen sich äußert, beschreibt Nietzsche mit Blick auf die Orgien der Barbaren: „Fast überall lag das Centrum dieser [dionysischen] Feste in einer überschwänglichen geschlechtlichen Zuchtlosigkeit, (...) [und] gerade die wildesten Bestien der Natur wurden hier entfesselt, bis zu jener abscheulichen Mischung aus Wollust und Grausamkeit (...)“10 Diese „tragische Einsicht“ in die dionysische Wirklichkeit, in den triebhaft-titanischen und grausamen Untergrund der Welt ruft im Individuum Grauen und einen lebensverneinenden Pessimismus hervor.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in Nietzsches Grundfrage nach der Lebensbejahung inmitten eines sinnlosen Daseins ein und erläutert die Bedeutung der griechischen Mythologie als verklärte Weltdeutung.
II. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert die Definitionen des Apollinischen und Dionysischen, deren notwendige Versöhnung in der Kunst sowie die anschließende kulturkritische Dekonstruktion durch Sokrates und Euripides.
III. Fazit: Das Fazit resümiert die Bedeutung der Tragödie als Bollwerk gegen die Entzauberung der Welt durch die Wissenschaft und ordnet Nietzsches Kulturkritik historisch sowie philosophisch ein.
Schlüsselwörter
Friedrich Nietzsche, Die Geburt der Tragödie, Apollinisch, Dionysisch, Sokrates, Euripides, Kunst, Griechentum, Pessimismus, theoretischer Mensch, ästhetisches Phänomen, Illusion, Kulturkritik, Rationalismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit Nietzsches Analyse der griechischen Kultur und der Entstehung der Tragödie als Ausdruck eines dynamischen Gleichgewichts zwischen zwei gegensätzlichen Triebkräften.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Metaphysik der Kunst, der griechischen Götterwelt, dem Untergang der klassischen Tragödie sowie Nietzsches Kritik am aufklärerischen Rationalismus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Kunst bei Nietzsche als notwendiges Schutz- und Heilmittel dient, um die grausame Realität des Daseins zu ertragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine geisteswissenschaftliche, philosophische Textanalyse von Nietzsches "Geburt der Tragödie" unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Begriffe Apollon und Dionysos definiert, gefolgt von der Analyse ihrer notwendigen Koexistenz in der Tragödie und der darauffolgenden Zerstörung dieses Systems durch den sokratischen Rationalismus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Apollinisch, Dionysisch, Tragödie, Sokrates, Pessimismus, Lebensbejahung und Illusionsbildung.
Warum sieht Nietzsche im Sokrates einen "Dämon"?
Nietzsche betrachtet Sokrates als Antikünstler, da dessen radikaler Glaube an die logische Durchdringbarkeit der Welt den instinktiven, mythischen Zugang zur Wirklichkeit zerstört und damit den Verfall der tragischen Kultur einleitet.
Inwiefern ist die Kunst ein "Heilmittel"?
Die Kunst verhüllt laut Nietzsche das absurde und grausame "Urwesen" der Welt mit einem "Schönheitsschleier", der es dem Menschen erst ermöglicht, das Leben trotz seiner Schmerzhaftigkeit zu bejahen.
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- Andre Fischer (Author), 2002, Sokrates kontra Dionysos oder: Die Notwendigkeit der Illusion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30499