Die "didaktische Wende"- Kurt Gerhard Fischers Ideengut und seine zeitgeschichtliche Einordnung


Seminararbeit, 2002

19 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gesellschaftliche und politische Ausgangsbedingungen zu Beginn der 60er Jahre

3. Entwicklung der politischen Didaktik als Fachdidaktik- Die „Didaktische Wende“

4. Kurt Gerhard Fischer:
4.1. Ziele von Fischers Didaktik
4.1.1. Kenntniserwerb, Erkenntnisfindung, Einsichten
4.1.1.1. Begriffsbestimmungen
4.1.1.2. Didaktische und politische Funktionen
4.1.2.3. Erziehung zur Demokratie
4.2. Methodisch- didaktische Umsetzung dieser Ziele
4.2.1.1. Exemplarisches Lernen- Das „Fall-Prinzip“
4.2.1.2. Begriffsbestimmung
4.2.1.3. Ein Unterrichtsbeispiel

5. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kurt Gerhard Fischer kann wohl heute als einer der bedeutendsten jener Didaktiker angesehen werden, die nach 1945 die Entwicklung und Systematisierung einer Form des sozialkundlichen Unterrichts prägten, die sich nicht in Institutionen- und Staatsbürgerkunde erschöpfte. Seine maßgeblichen Schriften zur Theorie und Didaktik der politischen Bildung verfasste er in den späten 50ern, in den 60ern und 70ern.

Ausgangspunkt waren erste Veröffentlichungen empirischer Studien und Auswertungen dessen, was in der Nachkriegszeit unter Politischer Bildung verstanden wurde. Kurt Gerhard Fischer fasst sie folgendermaßen zusammen:

„Lehrer und Schüler empfanden und empfinden Unbehagen am sozialkundlichen Unterricht, dersich in formaler Kunde erschöpft, die Ergebnisse werden von den Schülern nicht erinnert und verinnerlicht, während die Lehrer zwischen Weg und Ziel, Mittel und Zweck keinen Zusammenhang zu stiften vermochten.“[1]

Aus der Erkenntnis dieser Missstände heraus entwickelt Fischer eine Didaktik der Alternativen, deren Prinzipien hier erläutert werden sollen.

Dabei beginne ich mit einer kurzen Darstellung der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse der Zeit. Ich halte dies für wichtig, da so der Zusammen-hang zwischen diesen Entwicklungen und der „didaktischen Wende“ des Jahres 1960 verdeutlicht wird. Ferner könnten Teilaspekte von Fischers Konzeption aus der Retrospektive missverstanden werden, würde man diesen Hintergrund nicht mit einbeziehen. Bezüglich anderer Aspekte, die für den Leser heute banal oder selbstverständlich erscheinen mögen, wird erst im Zusammenhang mit zeitgeschichtlichen Entwicklungen deutlich, wie außergewöhnlich innovativ sie für die damalige Zeit waren.

Im Anschluss daran soll die „didaktische Wende“ thematisiert werden, indem allgemein darauf eingegangen wird, wie man von der politischen Pädagogik zur Didaktik der politischen Bildung gelangte und aus welchen Gründen dies geschah.

In einem weiteren- meinem vierten- Abschnitt beschäftige ich mich tiefgreifender mit den Inhalten dieser Fachdidaktik und gehe auf den Einfluss Kurt Gerhard Fischers und die Ideen ein, die er zu ihrer Konstituierung beigetragen hat.

Untergliedert habe ich dieses Kapitel in zwei Abschnitte, um auf übersichtliche Weise sowohl auf die inhaltlichen Ziele als auch auf das methodisch-didaktische Vorgehen zur Umsetzung dieser Ziele im Unterricht eingehen zu können. In dem Abschnitt über Methoden zitiere ich eines der Unterrichtsbeispiele Fischers, da ich diese m.E. seine Theorien von Kenntnissen, Erkenntnissen und Einsichten, sowie vom exemplarischen Lernen gut veranschaulichen. Zweiteres in meinen Augen ein wesentlicher Punkt für die „didaktischen Wende“ in der politischen Bildung, die meist auf das Jahr 1960 als das Erscheinungsdatum des Buches „Der politische Unterricht“[2] datiert wird. Hier liegt der Beginn einer Konstituierung von Fachdidaktik überhaupt, an der K.G. Fischer wesentlich mitwirkte.

In meiner Schlussbetrachtung möchte ich die Ergebnisse kurz zusammenfassen. Es soll aber auch die Kritik auseinandergesetzt werden, die an den Konzepten Fischers geäußert wird.

2. Gesellschaftliche und politische Ausgangsbedingungen zu Beginn der 60er Jahre

Voraussetzung für eine „didaktische Wende“ war zunächst ein grundlegender politischer Wandel in vielen Bereichen. Dieser war Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre zunächst insofern zu verzeichnen, als sich die Beziehung der Supermächte zueinander änderte. Nach der Kubakrise, die den Weltfrieden erheblich bedroht hatte, begannen die beiden Systeme 1963 vom Kalten Krieg mehr in einen friedlichen Wettbewerb überzugehen.

Auch das deutsch-deutsche Verhältnis hatte sich nach dem Mauerbau 1961 auf längere Sicht ehr entspannt, als verschlechtert. So war es nicht verwunderlich, dass man sich auf diesem neuen Hintergrund innenpolitischen Feldern wie der Bildungspolitik zuwendete und hier Reformen anstrebte. In den 40er und 50er Jahren hatte ein großes Defizit in der pädagogischen Aufarbeitung der NS-Zeit gelegen. Auch antisemitische Ausschreitungen Ende der 50er rüttelten die zuständigen Stellen wach und führten zu einer Intensivierung der politischen Bildung. Seit 1964 kam es gar zu einer regelrechten Bildungsplanung, die viele große Bildungsreformen auf den Weg brachte.

Nachdem es der SPD unter Ablösung der Großen Koalition 1969 zum ersten Mal gelang, zusammen mit der FDP die Regierung zu stellen, wuchs auch das Vertrauen der Bevölkerung in die Demokratie wieder. In dieser Umbruchsstimmung, waren bildungspolitische Neuerungen und Modernisierungen auf dem Gebiet der politischen Bildung gut durchsetzbar waren. Besonders, da sie als Reaktion auf den Rechtsruck nötig schienen, der seit 1959 in der Bundesrepublik zu beobachten war.

Von der Kultusministerkonferenz wurde im Februar 1960 ein Beschluss über die Behandlung der Nazizeit im Geschichts- und Gemeinschaftskundeunterricht in den Schulen erlassen.[3].In einer Bundestags- Debatte vom November 1968 bekannte sich Vertreter aller Fraktionen zur Politischen Bildung.[4]

Auch die gerichtliche Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit wurde erst in dieser Zeit wieder aufgenommen. So fand beispielsweise von 1963-1966 in Frankfurt a.M. der Auschwitz- Prozess statt. Dennoch hatte man in der BRD weiterhin mit zunehmendem Rechtsradikalismus zu kämpfen. Auch dies kann als Auslöser für die anhaltende Förderung politischer Bildung von oben gesehen werden. Mit einem Beschluss der KMK von 1962 wurde der Gemeinschaftskundeunterricht zunächst für die Oberstufe in allen Bundesländern obligatorisch.

3. Entwicklung der politischen Didaktik als Fachdidaktik - Die „didaktische Wende“

Gegen Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre wurden zunächst eine Vielzahl allgemein-didaktischer Überlegungen angestellt. In diesem Zeitpunkt begann man sich von der Idee eines festen Bildungskanons zu verabschieden. Sie wurde ersetzt durch die Fragen nach dem Elementaren von politischer Bildung und dem Exemplarischen von Lerngegenständen

1958 hatte Wolfgang Klafki das Verfahren der „Didaktischen Analyse“[5] entwickelt, um der Herausforderung gerecht zu werden, die man nun in der Überprüfung von Lerninhalten auf allgemeine und lernenswerte Einsichten hin sah. Die Neuerung, die in der bildungstheoretischen Didaktik lag, ist durch die Entwicklungen in Wissenschaft und Forschung zu erklären: expotentielles Wachstum des Wissens und starke Spezialisierung machten es Lehrern unmöglich, sich wie in früheren Zeiten auf die Methodik zu konzentrieren und inhaltlich einen Überblick über das vorhandene Wissen zu geben. Immer wichtiger wurde die Auswahl der Inhalte. Damit kamen Überlegungen nach dem Elementaren dieser Inhalte, sowie nach der Begründung dafür auf, warum gerade die ausgewählten Inhalte elementar seien.

Die Anwendung dieser Überlegungen auf die Fachdidaktik führte dann zu der „didaktischen Wende“. Diese Beeinflussung der neu entstehenden Fachdidaktik durch die Überlegungen in der allgemeinen Didaktik wird von Fischer folgendermaßen beschrieben:

„Man muss diese didaktische Wende im Zusammenhang mit der geisteswissen-schaftlich- hermeneutischen Allgemeinen Didaktik sehen und verstehen; die von ihr bereitgestellten Begriffe – das Elementare, das Fundamentale, das Exemplarische usw. – konnten in die Reflexion eingebracht werden.[6]

Einer der ersten, die sich mit Möglichkeiten einer Reduktion auf das Wesentliche in der politischen Bildung auseinander setzten war dann auch Kurt Gerhard Fischer. Seine Antwort bestand zunächst in einem Katalog von „Einsichten“ als Quintessenz der politischen Bildung.

Methodisch griff Fischer bei seinen Bemühungen um die Konstituierung einer Fachdidaktik das in den 50er Jahren entwickelte „exemplarische Lernen“ auf. Anhand von beispielhaften Fällen sollen die genannten Einsichten erarbeitet werden. In den Unterrichtsbeispielen in „ Der politische Unterricht“[7] veranschaulichen Fischer und Koautoren dieses Prinzip.[8]

Als Auslöser der „didaktischen Wende“ kann also die Anwendung allgemeindidaktischer Prinzipien auf die Fachdidaktik und die damit einhergehende Verselbständigung dieser Wissenschaft gesehen werden. Da die Fachdidaktik nun die zunächst aus der allgemeinen Didaktik entlehnten Prinzipien instrumentalisieren konnte, um eigene, von den politikwissenschaftlichen Überlegungen unabhängige Wege einzuschlagen, eröffneten sich neue Perspektiven.

Es war nicht mehr nötig, dass sie die Wissenschaft kopierte, „ eine Miniaturausgabe von ihr im Unterricht anbot. Vielmehr entwickelte sie Verfahren, durch welche die Inhalte ausgewählt und neu strukturiert wurden, mithin eine didaktische Struktur bekamen.“[9]

Ein Verdienst Fischers war auch die Auseinandersetzung mit Legitimation und Begründung dessen, was als Lerninhalt ausgewählt wurde. Seine Lösungsansätze, die von der totalitären Herrschaft des Antikommunismus bis hin zu erkenntnis-theoretischen Begründungen gehen, sind zweitrangig. Wesentlich ist vielmehr, dass er durch das Einbringen dieses Problems in den didaktischen Diskurs zur Verwissen-schaftlichung der Fachdidaktik beigetragen hat.

In dieser Entwicklung von der Übertragung der Erkenntnisse der allgemeinen Didaktik bis hin zur Weiterentwicklung zu eigenständigen, fachgerechten Denkgerüsten, sehe ich die „didaktische Wende“.

[...]


[1] K.G. Fischer: Überlegungen zur Didaktik des Politischen Unterrichts, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1972, S. 29

[2] Kurt Gerhard Fischer/Karl Herrmann/Hans Mahrenholz: Der politische Unterricht, Gehlen, Bad Homburg v.d.H. 1960

[3] vgl. Karl Borcherding, Wege und Ziele politischer Bildung in Deutschland. Eine Materialsammlung zur Entwicklung der politischen Bildung in Schulen 1871-1965, Olzog, München 1965, S. 88ff

[4] Siehe hierzu: Das Parlament. 18. Jg., Nr. 48 vom 30. November 1968

[5] Wolfgang Klafki: Die didaktische Analyse als Kern der Unterrichtsvorbereitung, 1958. In: Heinrich Roth/ Alfred Blumenthal (Hrsg.), Auswahl. Grundlegende Aufsätze aus der Zeitschrift Die Deutsche Schule 1, Schroedel, Hannover 1964, S. 5-34

[6] Kurt Gerhard Fischer: Einführung in die Politische Bildung, J.B.Metzler, Stuttgart 1982, S. 27

[7] vgl. Anm. 2

[8] vgl. Kapitel 4.2.2., wo ein Unterrichtsbeispiel aufgegriffen und erläutert werden soll.

[9] Walter Gagel, Geschichte der politischen Bildung in der Bundesrepublik Deutschland 1945-1989, Leske+Budrich, Opladen, 1994, S. 135

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die "didaktische Wende"- Kurt Gerhard Fischers Ideengut und seine zeitgeschichtliche Einordnung
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1
Autor
Jahr
2002
Seiten
19
Katalognummer
V30512
ISBN (eBook)
9783638317627
ISBN (Buch)
9783638778411
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wende, Kurt, Gerhard, Fischers, Ideengut, Einordnung
Arbeit zitieren
Nadine Stern (Autor), 2002, Die "didaktische Wende"- Kurt Gerhard Fischers Ideengut und seine zeitgeschichtliche Einordnung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30512

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