Kurt Gerhard Fischer kann wohl heute als einer der bedeutendsten jener Didaktiker angesehen werden, die nach 1945 die Entwicklung und Systematisierung einer Form des sozialkundlichen Unterrichts prägten, die sich nicht in Institutionen- und Staatsbürgerkunde erschöpfte. Seine maßgeblichen Schriften zur Theorie und Didaktik der politischen Bildung verfasste er in den späten 50ern, in den 60ern und 70ern. Ausgangspunkt waren erste Veröffentlichungen empirischer Studien und Auswertungen dessen, was in der Nachkriegszeit unter Politischer Bildung verstanden wurde. Kurt Gerhard Fischer fasst sie folgendermaßen zusammen:
„Lehrer und Schüler empfanden und empfinden Unbehagen am sozialkundlichen Unterricht, der sich in formaler Kunde erschöpft, die Ergebnisse werden von den Schülern nicht erinnert und verinnerlicht, während die Lehrer zwischen Weg und Ziel, Mittel und Zweck keinen Zusammenhang zu stiften vermochten.“
Aus der Erkenntnis dieser Missstände heraus entwickelt Fischer eine Didaktik der Alternativen, deren Prinzipien hier erläutert werden. Dabei bildet den Rahmen eine kurze Darstellung der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse der Zeit. Im Anschluss daran wird die „didaktische Wende“ thematisiert. Anhand eines Unterrichtsbeispiels Fischers werden seine Theorien von Kenntnissen, Erkenntnissen und Einsichten, sowie vom exemplarischen Lernen veranschaulicht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gesellschaftliche und politische Ausgangsbedingungen zu Beginn der 60er Jahre
3. Entwicklung der politischen Didaktik als Fachdidaktik - Die „Didaktische Wende“
4. Kurt Gerhard Fischer:
4.1. Ziele von Fischers Didaktik
4.1.1. Kenntniserwerb, Erkenntnisfindung, Einsichten
4.1.1.1. Begriffsbestimmungen
4.1.1.2. Didaktische und politische Funktionen
4.1.2.3. Erziehung zur Demokratie
4.2. Methodisch- didaktische Umsetzung dieser Ziele
4.2.1.1. Exemplarisches Lernen- Das „Fall-Prinzip“
4.2.1.2. Begriffsbestimmung
4.2.1.3. Ein Unterrichtsbeispiel
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das ideengeschichtliche Vermächtnis von Kurt Gerhard Fischer und seine maßgebliche Rolle bei der Konstituierung der politischen Didaktik in der Bundesrepublik Deutschland während der 1960er Jahre. Das primäre Ziel besteht darin, Fischers Konzepte – insbesondere die „didaktische Wende“, die Theorie der „Einsichten“ und das „exemplarische Lernen“ – vor ihrem zeitgeschichtlichen Hintergrund zu analysieren und deren fachdidaktische Relevanz zu bewerten.
- Die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen der frühen 1960er Jahre als Motor der bildungspolitischen Reformen.
- Die systematische Entwicklung der politischen Bildung als eigenständige Fachdidaktik.
- Fischers methodischer Ansatz: Das „exemplarische Lernen“ als Fall-Prinzip zur Förderung politischer Urteilskraft.
- Die Rolle der „Einsichten“ als notwendige Axiome für ein stabiles Demokratieverständnis der jungen Generation.
Auszug aus dem Buch
4.2.1.1. Begriffsbestimmung
Sowohl um den Demokratiebegriff Fischers zu verstehen, als auch um den bei ihm zentralen Begriff der Einsicht richtig einordnen zu können, scheint es zunächst notwendig, die Termini „Kenntnisse, Erkenntnisse, Einsichten“ zu klären. Historischen Hintergrund bildete die bereits geschilderte Tatsache, dass politischer Unterricht sich bislang oftmals in der Vermittlung von Kenntnissen erschöpft hatte. Fischer beklagt in seinen Schriften diese Beschränktheit auf eine formale „Kunde“ und wendet sich ausdrücklich gegen damals aufkommende Vorschläge einer „verbindlichen, von der Sache ausgehenden Elementarlehre“, denn „Stoffansammlung“ kann nicht Ziel des politischen Unterrichts sein. Diese Einschätzung Fischers drückt sich bereits durch seine Definition von Kenntnissen aus, in der er Kenntnisse ( Wissen, Informationen), als das Lehren und Lernen von Wörtern bezeichnet, die für etwas stehen. Das Lehren und Lernen dieser durch Definition bestimmten Symbole könne jedoch nur „anlässlich von Urteilsbildung, aus dem Denkprozess heraus, durch Symbol- Isolierung erfolgen.“
An dieser Stelle wird m.E. sehr deutlich, dass Fischer aus einer genau umgekehrten Perspektive denkt, wie das all die Jahre der Fall war. Begriffserläuterungen oder –definitionen sind bei ihm ausschließlich zur Klärung von Fragen notwendig, die aus einem Denkprozess entstehen, keinesfalls aber Selbstzweck.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung von K.G. Fischer als Didaktiker ein und skizziert das Forschungsziel, seine Theorien im historischen Kontext der politischen Bildung zu beleuchten.
2. Gesellschaftliche und politische Ausgangsbedingungen zu Beginn der 60er Jahre: Dieses Kapitel erläutert den politischen Wandel und die Reformstimmung der 60er Jahre, die eine Intensivierung der politischen Bildung notwendig machten.
3. Entwicklung der politischen Didaktik als Fachdidaktik - Die „Didaktische Wende“: Das Kapitel beschreibt den Übergang von einer allgemeinen Pädagogik zu einer fachdidaktisch fundierten politischen Bildung durch die Abkehr vom starren Kanon.
4. Kurt Gerhard Fischer: Das zentrale Kapitel analysiert Fischers Ziele, wie den Kenntniserwerb und die Demokratieerziehung, sowie seine methodischen Umsetzungen durch exemplarische Fallbeispiele.
5. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung würdigt Fischers Verdienste bei der Verwissenschaftlichung der Fachdidaktik und diskutiert kritische Einwände zur Lernzielorientierung seines Konzepts.
Schlüsselwörter
Kurt Gerhard Fischer, Politische Bildung, Didaktische Wende, Fachdidaktik, Exemplarisches Lernen, Demokratieerziehung, Einsichten, Politischer Unterricht, Fall-Prinzip, Politische Partizipation, Bildungsgehalt, Demokratie-Lernen, Politische Didaktik, Urteilsbildung, Gesellschaftliche Ordnung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Entwicklung der politischen Didaktik in der Bundesrepublik durch die maßgebliche Arbeit von Kurt Gerhard Fischer.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konstituierung der Fachdidaktik, die Bedeutung von Lerninhalten und die didaktische Vermittlung demokratischer Grundwerte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, Fischers didaktische Ansätze, wie das exemplarische Lernen und die Theorie der Einsichten, in den zeitgeschichtlichen Kontext der 1960er Jahre einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturgestützte Analyse von Fischers zentralen Schriften und setzt diese in den Kontext der zeitgenössischen fachdidaktischen Debatte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Fischers Zielsetzungen zur Demokratiebildung, die Begriffe Kenntnisse und Erkenntnisse sowie die methodische Umsetzung durch das Fall-Prinzip.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Politische Bildung, Didaktische Wende, Exemplarisches Lernen und Demokratieerziehung geprägt.
Wie unterscheidet sich Fischers Ansatz vom traditionellen Unterricht?
Fischer lehnt die bloße „Stoffansammlung“ ab und fordert stattdessen die Reduktion auf das Elementare, um Schüler zur eigenständigen Urteilsbildung zu befähigen.
Warum ist der Begriff „Einsicht“ bei Fischer so zentral?
Fischer sieht Einsichten als „Axiome“ oder notwendige Grundüberzeugungen, die als Basis für politisch vernünftiges Handeln in einer Demokratie dienen.
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- Nadine Stern (Author), 2002, Die "didaktische Wende"- Kurt Gerhard Fischers Ideengut und seine zeitgeschichtliche Einordnung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30512