In der Allgemeinpsychiatrie gibt es Untersuchungen zum Thema Patientenübergriffe auf Mitarbeiter. Forensische Einrichtungen sind hierbei gar nicht oder nur in kleinen Fallzahlen untersucht. Richter bezieht in seiner Studie „Patientenübergriffe auf Mitarbeiter“ mehrere Kliniken mit ein. Hierunter auch zwei forensische Abteilungen. Er stell Unterschiede fest, die allerdings aufgrund der geringen Fallzahl (N= 6), nicht als repräsentativ für die Forensik gelten können.
Rein forensische Untersuchungen gibt es im deutschsprachigen Raum nicht. Daher zielt diese Arbeit darauf ab in einer der für Deutschland größten forensischen Institution, dem Maßregelvollzugszentrum Moringen (MRVZN Moringen), erstmals Daten zu sammeln und auszuwerten. Im Kapitel zwei werden die Begriffe Gewalt und Aggression im Kontext dieser Arbeit definiert und Auslöser von Aggressionen mit dem Ziel der Prävention bestimmt. Im Kapitel drei wird der aktuelle Stand der Forschung aus der Literatur zusammengetragen und aus dem Blickwinkel der forensischen Psychiatrie auf die Übertragbarkeit überprüft. Im vierten Kapitel wird das MRVZN Moringen vorgestellt, da der institutionelle Kontext entscheidenden Einfluss auf das Leben und Verhalten ihrer Mitglieder (Patienten) hat. Neben den allgemein gültigen gesetzlichen Rahmenbedingungen wird das Sicherheits- und Therapiekonzept vorgestellt und die einzelnen Stationen sowie die repräsentativen Krankheitsbilder des MRVZN Moringen beschrieben.
In Kapitel fünf werden vorhandene statistische Daten aus dem MRVZN Moringen zusammengetragen und mit einer weitergehende Analyse der stattgefundenen Patientenübergriffe aus den Jahren 2002 bis 2007 ergänzt. Die Analyse der Daten soll Erkenntnisse über:
Häufigkeiten von Übergriffen, Prävalenz nach Diagnosen und Geschlecht, Unterschiede nach Stationen und Unterbringungsparagraphen, Sowie möglichen Vorboten von Übergriffen liefern. Im Kapitel sechs werden, anhand von Literatur, mögliche Ursachen für Zwischenfälle zusammengetragen. Hierzu werden die potentiellen Auslöser resultierend aus den Krankheitsbildern, der Institution, der baulichen Voraussetzungen und der Interaktion mit den Mitarbeitern erörtert.
Vorhandene Präventionsansätze werden im Kapitel sieben vorgestellt und bezogen auf das MRVZN Moringen nach Verbesserungspotentialen untersucht. Das achte und letzte Kapitel wendet sich den Mitarbeitern zu und gibt Anregungen zur Nachsorge von Opfern der Übergriffe.
Inhaltsverzeichnis
1. Aufbau der Arbeit
2. Begriffsbestimmung
3. Stand der Forschung
4. Vorstellung des MRVZN Moringen
4.1 Gesetzliche Grundlagen
4.2 Das Therapiekonzept
4.3 Das Sicherheitskonzept
4.3 Wohnkonzepte des MRVZN Moringen
4.3.1 Aufnahme- und Kriseninterventionsstationen
4.3.2 Geschlossene und offene Bereiche
4.3.3 Wohngruppen
4.4 Repräsentative Krankheitsbilder
4.4.1 Schizophrenie
4.4.2 Persönlichkeitsstörungen
5. Situation im MRVZN Moringen
5.1 Methodik und Vorgehensweise der Datenerhebung
5.2 Darstellungen der Ergebnisse
5.2.1 Prävalenz von Patientenübergriffen
5.2.2 Unterschiede nach Diagnosen
5.2.3 Unterschiede nach Stationen und Unterbringungsmodus
5.2.4 Vorboten von Übergriffen
5.3 Auswertung und Interpretationen der Ergebnisse
6. Ursachen von Patientenübergriffen
6.1 Ausgehend vom Krankheitsbild
6.2 In der Institution begründet
6.3 Resultierend aus Umgebungsfaktoren
6.4 In der Interaktion mit den Mitarbeitern begründet
7. Präventionsansätze
7.1 Möglichkeiten von Mitarbeiterschulung
7.2 Das Deeskalationstraining
7.3 Die professionelle Beziehungsarbeit
7.4 Die Rolle der Institution
7.5 Rückzugsmöglichkeiten für Patienten
7.6 Das Konzept der „offenen Psychiatrie“
8. Konzept zur Nachsorge für Opfer von Patientenübergriffen
8.1 Die Zielsetzung
8.2 Aufgaben der Ersten-Hilfe
8.3 Die Zusammensetzung des Betreuungsteams
8.4 Aufgaben des Betreuungsteams
9. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, erstmals statistische Daten zu Patientenübergriffen auf Mitarbeiter in einem großen forensischen Zentrum (MRVZN Moringen) zu erfassen und auszuwerten. Ziel ist es, Zusammenhänge zwischen Patientenmerkmalen, institutionellen Gegebenheiten und dem Übergriffsgeschehen zu identifizieren, um fundierte Präventionsstrategien und ein Nachsorgekonzept für betroffene Mitarbeiter abzuleiten.
- Analyse der Inzidenz und Prävalenz von Patientenübergriffen im forensischen Kontext.
- Identifikation möglicher Vorboten aggressiven Verhaltens anhand retrospektiver Dokumentenanalyse.
- Untersuchung aggressionsfördernder Faktoren innerhalb der institutionellen Struktur und des klinischen Umfelds.
- Evaluation bestehender Gewaltpräventionsansätze und der Rolle professioneller Beziehungsarbeit.
- Entwicklung eines strukturierten Nachsorgekonzepts für Mitarbeiter nach Gewalterfahrungen.
Auszug aus dem Buch
6.4. In der Interaktion mit den Mitarbeitern begründet
Aus den Untersuchungen der Allgemeinpsychiatrie lässt sich entnehmen, dass häufiger jüngere unerfahren Mitarbeiter Opfer von Übergriffen werden. (vgl. Keller 1999:20); (vgl. Richter, Berger 2001:243) Wobei kritisch angemerkt wird, dass ältere, erfahrene Pflegekräfte oft in der Position der Stationsleitung sind und somit eher patientenfern arbeiten. Das Risiko steigt proportional zur Nähe zum Patienten, daher sind fast ausschließlich Pflegekräfte betroffen. (vgl. Richter, Berger 2001:243f).
Eine häufige Ursache für Aggressionen liegt in der Interaktion der Mitarbeiter und den Patienten. Von Seiten der Mitarbeiter geht es um Kommunikationsfähigkeiten (d.h. der Fähigkeit mit Worten deeskalierend auf den Patienten einzuwirken und Missverständnisse durch klare Ausdrucksweisen vorzubeugen) (vgl. Abderhalden et al 2005:241f), das Wissen über Ursachen von Aggression sowie das Erlernen deeskalierender Verhaltensweisen. (vgl. Schank 2008:156ff) Je mehr Erfahrung ein Mitarbeiter hat, umso leichter wird es ihm fallen Situationen richtig einzuschätzen und angemessen zu reagieren.
Allerdings spielt auch die emotionale Verfassung eine große Rolle. Unzufriedenes Personal reagiert wohlmöglich unprofessionell auf Störungen der Patienten, wodurch ebenfalls Übergriffe entstehen können.
Auch mangelnde Selbstpflege (Psychohygiene) löst bei den Mitarbeitern auf Dauer Gereiztheit und Aggression aus. Teamkonflikte tragen das Übrige dazu bei. (vgl. ebenda:156ff)
In der forensischen Psychiatrie haben Pflegekräfte es mit besonderen Belastungen zu tun. Hier seien besonders das Delikt der Patienten, die Gefahr eines Übergriffs oder evtl. schon erlebte Ereignisse sowie mögliche Schuldgefühle nach einem Vorfall genannt. (vgl. Heltzel 2007:12)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Aufbau der Arbeit: Diese Einleitung erläutert die Relevanz des Themas in forensischen Einrichtungen und beschreibt den methodischen Aufbau der Untersuchung im MRVZN Moringen.
2. Begriffsbestimmung: Hier werden Gewalt und Aggression im forensischen Kontext definiert und voneinander abgegrenzt, um eine einheitliche Grundlage für die Analyse zu schaffen.
3. Stand der Forschung: Das Kapitel trägt aktuelle Erkenntnisse aus der Literatur zusammen und prüft diese auf ihre Übertragbarkeit in den forensischen Bereich.
4. Vorstellung des MRVZN Moringen: Diese Sektion bietet einen Überblick über die gesetzlichen Rahmenbedingungen, das Sicherheits- und Therapiekonzept sowie die räumliche und strukturelle Gestaltung der Klinik.
5. Situation im MRVZN Moringen: Hier werden statistische Daten über Patientenübergriffe der Jahre 2002 bis 2007 erhoben, analysiert und hinsichtlich Prävalenz, Diagnosegruppen und Stationsmerkmalen ausgewertet.
6. Ursachen von Patientenübergriffen: Das Kapitel diskutiert die multifaktoriellen Ursachen für Übergriffe, ausgehend von krankheitsbildspezifischen Faktoren bis hin zu institutionellen und interaktionsbedingten Aspekten.
7. Präventionsansätze: Hier werden Strategien zur Gewaltprävention, wie Mitarbeiterschulungen, Deeskalationstraining und eine professionelle Beziehungsgestaltung, auf ihr Optimierungspotenzial für das MRVZN untersucht.
8. Konzept zur Nachsorge für Opfer von Patientenübergriffen: Dieses Kapitel entwirft ein Konzept zur zielgerichteten Unterstützung betroffener Mitarbeiter durch Erste-Hilfe-Maßnahmen und die Einrichtung multiprofessioneller Betreuungsteams.
9. Zusammenfassung und Ausblick: Der abschließende Teil fasst die zentralen Forschungsergebnisse zusammen und bewertet die aktuelle Situation des MRVZN Moringen anhand der erarbeiteten Qualitätsmerkmale.
Schlüsselwörter
Forensische Psychiatrie, Patientenübergriffe, Gewaltprävention, MRVZN Moringen, Schizophrenie, Persönlichkeitsstörungen, Aggressionsmanagement, Deeskalationstraining, Opfernachsorge, Arbeitssicherheit, Pflegepersonal, Mitarbeiterbelastung, stationäres Setting, Maßregelvollzug, Patientenbeziehung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Problem von Patientenübergriffen auf Mitarbeiter innerhalb des Maßregelvollzugszentrums (MRVZN) Moringen, um Ursachen zu identifizieren und Präventions- sowie Nachsorgemöglichkeiten zu entwickeln.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die Schwerpunkte liegen auf der statistischen Auswertung von Übergriffen, der Rolle der institutionellen Umgebung, dem Einfluss spezifischer Krankheitsbilder auf das Aggressionspotenzial und der psychologischen Unterstützung für betroffene Mitarbeiter.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Hauptziel besteht darin, Daten zur Prävalenz von Übergriffen zu sammeln, mögliche Vorboten für aggressives Verhalten zu analysieren und konkrete Ansätze zur Gewaltprävention und Opfernachsorge für die forensische Praxis abzuleiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine Kombination aus einer Dokumentenanalyse vorhandener „Besonderer Vorkommnisse“ der Jahre 2002-2007 (N=98 Fälle) sowie eine Literaturrecherche, um die erhobenen Daten in den Kontext wissenschaftlicher Erkenntnisse der forensischen Psychiatrie zu setzen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst die detaillierte Vorstellung der Institution, die Auswertung von Patientendaten (Diagnosen, Stationen), die Diskussion der Ursachen von Aggressionen (krankheitsbedingt, institutionell, interaktionsbedingt) und die Präsentation von Präventions- und Nachsorgekonzepten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Forensische Psychiatrie, Gewaltprävention, Aggressionsmanagement, Patientenübergriffe, Opfernachsorge und Maßregelvollzug beschreiben.
Welche Rolle spielen die "Besonderen Vorkommnisse" bei der Analyse?
Sie dienen als zentrale Datenbasis der Untersuchung. Durch ihre retrospektive Auswertung konnte die Autorin Häufigkeiten, typische Betroffenengruppen und zeitliche Muster der Übergriffe im MRVZN Moringen bestimmen.
Warum wird im Rahmen der Prävention ein besonderer Fokus auf die Opfernachsorge gelegt?
Die Autorin argumentiert, dass die Fürsorge für Opfer ein Qualitätsmerkmal psychiatrischer Kliniken ist. Da Mitarbeiter ein Berufsrisiko eingehen, ist eine professionelle Nachsorge notwendig, um Traumatisierungen zu minimieren und die psychische Gesundheit des Personals als wichtige Ressource zu erhalten.
- Citation du texte
- Daniela Ische (Auteur), 2011, Patientenübergriffe in der forensischen Psychiatrie. Das Maßregelvollzugszentrum Niedersachsen Moringen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305314