Kreativität oder Methodenkompetenz? Beziehungen zwischen Handlungskompetenzen und kreativen Prozessen


Essay, 2015

9 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Ist Kreativitat alles - oder nur die ubliche Methodenkompetenz?

„Ohne eine gute Portion Neugier, Staunen und Interesse fur das Wesen und die Funk- tionsweise der Dinge ist es schwierig, ein interessantes Problem zu erkennen." (Cslks- zentmihalyi, 2010:82). Ein Problem erst einmal erfassen und formulieren zu konnen, ist jedoch manchmal entscheidender, als seine Losung zu finden. Aber was hat nun Krea­tivitat mit Problemformulierung, -losung und Organisationsberatung zu tun? Es existiert die weitverbreitete Annahme, dass Organisationsberater Spezialisten fur den Einsatz von technokratischen Methoden sind. Doch konnen sie auch kreative Prozesstreiber sein?

In diesem Essay soll es um den Begriff der Kreativitat und die Frage nach den Bezie- hungen zwischen Handlungskompetenzen in der Organisationsberatung und kreativen Prozessen gehen. Kreativitat erscheint dabei zunachst als ein schillerndes und schwer bestimmbares Phanomen. Und in der Tat weifc man bis heute nur wenig uber die ent- scheidenden Rahmenbedingungen und ihre Interdependenzen, obwohl Kreativitat mitt- lerweile fester Bestandteil von Anforderungsprofilen in der Arbeitswelt ist. Umso mehr lohnt sich die Auseinandersetzung damit.

Bevor es jedoch um die Erscheinung Kreativitat gehen soll, steht zunachst die Ausei­nandersetzung mit dem Ansatz der sinngebenden Beratung (Buer, 2/2014), der thema- tischer Motivator fur die Beschaftigung mit dem Kreativitatsbegriffs in diesem Essay war, im Zentrum. Im Diskurs von Ferdinand Buer hierzu (Buer, 2/2014:234) wird an- hand von zehn Orientierungswerten beschrieben, wie Beratung beschaffen sein muss, wenn sie sinngebend sein soll. Beratung versteht Buer als Orientierungshilfe fur sinn- volles Arbeiten. Kreativitat ist dabei einer von zehn Orientierungswerten.

Die Auseinandersetzung mit Kreativitat als Mittel, um einen Sinnbezug fur systemische Beratungsprozesse in Organisationen herzustellen, ist von besonderer Relevanz, weil Lernprozesse von den Mitgliedern einer Organisation als sinnvoll erachtet werden und mit deren Zielvorstellungen korrespondieren mussen, damit diese fur Veranderungen offen sind und sie annehmen (Konigswieser/Hillebrand, 2009:35-37). Die zentrale Fra­ge lautet daher, inwiefern entspricht ein kreativer Prozess dem des Organisationsbera- tungsprozesses im Beratungssystem, wenn Kreativitat als die wichtigste Handlungs- kompetenz des Beraters verstanden wird?

Die Ansatze von Christiane Schiersmann und Heinz-Ulrich Thiel sowie Ferdinand Buer werden in diesem Essay mit den Theorien von Mihaly Cslkszentmihalyi und Teresa Amabile zusammengefuhrt, um eine Antwort auf die Frage zu formulieren.

Die interdisziplinare Beratungsforschung zum Thema Beratung zur Forderung von Selbstorganisationsprozessen greift Kreativitat als zentralen Aspekt der Beratungs- kompetenz unter dem Begriff Systemkompetenz (Synergetik) auf (Schiersmann/Thiel, 2012). Das synergetische Prozessmanagement ist als phasenorientiertes Prozess- und Kontextmodell eine Auspragung der Systemtheorie.

Was Kreativitat genau sei, dazu gibt es ganz unterschiedliche Auffassungen. In den Kernannahmen bezuglich dieser Frage ist man sich in den Sozialwissenschaften je- doch einig. Insofern ist Kreativitat ein offenes Konzept (Weitz, 1972), auch innerhalb der systemischen Organisationsberatung. Im Kontext dieser Betrachtungsdimension fallt vor allem das Konstrukt der Komplexitat sowohl als integraler Bestandteil von krea- tiven Prozessen als auch von systemischen Beratungsprozessen ins Gewicht.

Der vorliegende Essay orientiert sich aus diesem Grund an der Definition des Begriffs Kreativitat von Cslkszentmihalyi (2010). Kreativitat ist fur ihn jede Handlung, Idee oder Sache, die eine bestehende Domane in eine neue verwandelt. Ein kreativer Mensch ist demnach eine Person, deren Denken oder Handeln eine Domane verandert oder eine neue Domane begrundet (Cslkszentmihalyi, 2010:48). Hierbei wird ersichtlich, dass Kreativitat in Interaktion zwischen individuellem Denken und soziokulturellen Kontexten stattfindet. Der Kontext wird durch die funf Promotoren der Kreativitat (Cslkszent­mihalyi) - dem Problem, dem Prozess, dem Ort sowie dem Ziel und Ergebnis (dem Prototyp) - gepragt. Diese Struktur findet sich auch in der systemischen Organisati­onsberatung im Berater-, Klienten- und Beratungssystem wieder (Konigswie- ser/Hillebrand, 2013:36 f.).

Kern der Kreativitat ist insofern die „sinnvolle Neuartigkeit", die das Neue durch Nutz- lichkeit, Werthaltigkeit, Bedeutsamkeit und Qualitat auszeichnet (Sonnenburg, 2012:73). Dehnt man den Gedanken der „sinnvollen Neuartigkeit" zu einer Kreativitat im weiteren Sinn aus, so umfasst diese die selbstorganisationsfordernden Prozess- Grundsatze: suchen und Sinnbezug herstellen, um ein losungsoffenes und individuel- les Prozessergebnis zu erzielen. Daraus konnen die generischen Prinzipien des Selbstorganisationsprozesses im Beratungssystem erschlossen und gefordert werden. Als generische Prinzipien gelten nach Schiersmann/Thiel u. a. folgende: Transparenz schaffen, Muster identifizieren, unerwunschte Zustande destabilisieren und einen Sinnbezug herstellen (Schiersmann/Thiel, 2009:3).

Die Selbstorganisation basiert ausgehend von den generischen Prinzipien auf der Entwicklung der emotionalen und motivationalen Bedeutung von Zielen, Anliegen und Visionen. Kreativitat wird dabei zwar von Schiersmann/Thiel nicht wortlich als generi- sches Prinzip genannt, doch der von ihnen beschriebene synergetische Beratungspro- zess konkretisiert die Kreativitat durch die Kernelemente der sinngebenden Beratung nach Buer und der systemischen Haltung der systemischen Organisationsberatung (vgl. Konigswieser/Hillebrand, 2013:40 f.). Insofern versteht der Essay den synergeti- schen Beratungsprozess auch als Referenzrahmen fur Beratungssysteme.

Das Systemmodell von Cslkszentmihalyi dient an dieser Stelle als eine weitere Ver- standnis-Brucke zwischen der systemischen Organisationsberatung und kreativen Pro- zessen. Prozessual orientiert sich das Systemmodell am Grundmodell des kreativen Prozesses von Graham Wallas aus dem Jahr 1926 (Sonnenburg, 2012:25 f.). Es glie- dert den kreativen Prozess in die Phasen Praparation, Inkubation, Illumination und Ve- rifikation. Cslkszentmihalyi erganzt hier nach der Praparation noch die Problemlosung als eigenstandige Phase. Morris Stein modifizierte den Ansatz weiter, indem er auch die soziokulturelle Dimension des kreativen Prozesses, also die Bewertung, Wurdigung und Akzeptanz nach dem Prozessschritt Verstehen, thematisierte (Sonnenburg, 2012:27). Damit rucken die Assoziationen zur sinngebenden Beratung immer wieder in den Mittelpunkt. Und auch die Ahnlichkeit von kreativen Prozessen und Organisations- beratungsprozessen in ihrer offenen und komplexen Aufgabenstellung und ihren inten- siven und unbewussten Vorgangen wird dadurch bewusster und verstandlicher (Son­nenburg, 2012:28). Diese Prozessauffassung entspricht wiederum der systemischen Schleife zur Etablierung von Klarheit und Verstandnis im Organisationsberatungspro- zess durch Informationssammlung, Hypothesenbildung, Interventionsplanung und In- terventionsdurchfuhrung als Meta- und Subprozess an sich. Im Folgenden werden der Kreativitatsprozess und dessen Entsprechungen im systemischen Organisationsbera- tungsprozess (Klammerdefinitionen) dargestellt.

1. Praparation - Informationssammlung durch die Nutzung bereichsrelevanter Fahigkeiten (= Hypothesenbildung)
2. Problemidentifizierung - intensive Phase, insbesondere, wenn die Problemlosung inner- halb des Prozesses erarbeitet werden soll. Anregungen kommen durch das soziale Um- feld, durch eine Aufgabenstellung und durch intrinsische Motivation (= Informationssamm­lung und Systemanalyse/Organisationsdiagnose)
3. Inkubation - un- bzw. noch nicht bewusste Weiterverarbeitung der Aufgabe „schopferische Pause“ (bildliche Vorstellungskraft, Metaphern) (= Interventionsplanung)
4. Illumination bzw. Losungsgenerierung - (= Intervention durchfuhren)
Synthese der Wissenselemente - (Heureka-Effekt) (= ist der bedeutendste Aspekt der Problemlösung mittels Aufgabenmotivation und durch kreativitätsrelevante Prozesse, u. a. gefördert durch Spontanität)

[...]

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Kreativität oder Methodenkompetenz? Beziehungen zwischen Handlungskompetenzen und kreativen Prozessen
Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
9
Katalognummer
V305324
ISBN (eBook)
9783668051959
ISBN (Buch)
9783668051966
Dateigröße
399 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Essay, Kreativität, Kompetenz, Methodenkompetenz, Beratung, Systemische Beratung, Flow
Arbeit zitieren
Vanessa Burgardt (Autor), 2015, Kreativität oder Methodenkompetenz? Beziehungen zwischen Handlungskompetenzen und kreativen Prozessen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305324

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