Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges übernahmen in Deutschland die alliierten Siegermächte die Regierungsgewalt. Sie verständigten sich darauf, das Land in vier Besatzungszonen aufzuteilen, in denen die jeweilige Besatzungsmacht fortan regieren sollte. Berlin wurde als besonderes Gebiet behandelt und ebenfalls in einen östlichen und drei westliche Sektoren geteilt. Für die Stadt und deren Bewohner bedeutete diese Entscheidung aber weitaus mehr als eine bloße politische und administrative Spaltung.
Während die Westberliner Bevölkerung nämlich vom Wirtschaftswunder und dem Bemühen der Bundesregierung profitierte, Westberlin politisch und wirtschaftlich zu stabilisieren, war das Leben der Ostberliner durch eine miserable Versorgungslage, die Einschränkung persönlicher Entfaltungsmöglichkeiten und den zunehmenden Verlust von Freiheits- und Bürgerrechten gekennzeichnet. Dies hatte wiederum zur Folge, dass bis zum August 1961 rund drei Millionen Menschen aus der DDR flüchteten. Die Flüchtlinge, darunter vor allem die junge Generation und qualifizierte Fachkräfte, nutzten dabei die noch offene Sektorengrenze in Berlin.
Um den Exodus in den Westen und das damit verbundene wirtschaftliche und bevölkerungsmäßige Ausbluten der DDR zu stoppen, wurde Ostberlin am 13. August 1961 von starken militärischen Verbänden auf der ganzen Länge der Sektorengrenze abgeriegelt. Der Bau der Berliner Mauer zog weit reichende Konsequenzen nach sich. So bildete der Mauerbau für die DDR in erster Linie die Voraussetzung für die nachfolgende wirtschaftliche Konsolidierung und ermöglichte ihr somit den Aufstieg zu einer leistungsstarken Industriemacht. Gleichzeitig war der 13. August 1961 aber auch der Beginn eines nun für alle erkennbaren Schauplatzwechsels des Kalten Krieges, der sich jetzt deutlich in die Dritte Welt verlagerte.
Umso interessanter ist deshalb die Frage, wie genau es zu dem Entschluss, eine Mauer zu errichten, kam. Ziel dieser Arbeit soll es demzufolge sein, den Entscheidungsprozess im sozialistischen Lager in seinen Grundzügen darzustellen. Dabei soll der Fokus vor allem auf den genauen Zeitpunkt der Entscheidung gerichtet werden: Wurde sie, wie von einigen Historikern behauptet, erst Anfang August getroffen oder muss tatsächlich ein viel früheres Datum angenommen werden?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erste Überlegungen - Die Fünfziger Jahre
3. Die Fundamentlegung: Das Jahr 1960 und die erste Jahreshälfte 1961
4. Die Entscheidung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Entscheidungsprozess innerhalb des sozialistischen Lagers, der zum Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 führte, mit besonderem Fokus auf den exakten Zeitpunkt der Beschlussfassung.
- Analyse der Fluchtbewegung aus der DDR in den 1950er Jahren
- Untersuchung der diplomatischen Spannungen zwischen Walter Ulbricht und Nikita Chruschtschow
- Evaluierung der Auswirkungen der Berliner Krise auf die sowjetische Außenpolitik
- Untersuchung konkreter Planungsschritte zur Grenzabriegelung vor August 1961
- Kritische Würdigung des Forschungsstands zum Zeitpunkt der endgültigen Entscheidung
Auszug aus dem Buch
Die Fundamentlegung: Das Jahr 1960 und die erste Jahreshälfte 1961
Da eine solche Entscheidung aber nur von der Sowjetunion getroffen werden konnte, musste zuvor eine entsprechende Überzeugungsarbeit geleistet werden. Dabei schienen zwei Wege in Frage zu kommen. Während der erste Weg eine „Politik der kleinen Nadelstiche“ vorsah, mit der die UdSSR in der Berlin-Frage unter Zugzwang gesetzt werden sollte, beinhaltete der zweite die Betonung der eigenen Schwäche gegenüber der Sowjet-Führung, um diese so von der dringenden Notwendigkeit der Grenzschließung zu überzeugen.
Neben der Durchführung einseitiger Handlungen an der Berliner Grenze, verfolgte Ulbricht aber gleichzeitig auch seine zweite Taktik, die schonungslose Offenbarung der inneren Schwäche der DDR. In einer direkten Unterredung mit Chruschtschow am 30. November 1960 führte er diesem eindringlich die großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und deren bestehende Verbindung mit der Berlin-Frage vor Augen.
Der hier von Ulbricht formulierte Offenbarungseid verdeutlichte seinem Gegenüber zum einen die Dramatik in der DDR, zum anderen ließ er darüber hinaus auch den Willen der SED-Führung erkennen, möglichst aktiv gegen die Misslage anzukämpfen – in welcher Form, möglicherweise mittels weiterer eigenmächtiger Handlungen an der Grenze in Berlin, das ließ Ulbricht an dieser Stelle offen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Ausgangslage der Nachkriegszeit ein und definiert das Ziel der Arbeit, den Entscheidungsprozess zum Mauerbau zu untersuchen.
2. Erste Überlegungen - Die Fünfziger Jahre: Das Kapitel beleuchtet die steigende Fluchtbewegung und die frühen, zunächst erfolglosen Versuche der SED-Führung, eine Grenzschließung bei der sowjetischen Führung durchzusetzen.
3. Die Fundamentlegung: Das Jahr 1960 und die erste Jahreshälfte 1961: Hier werden die Taktiken Ulbrichts beschrieben, durch wirtschaftlichen Druck und Nadelstiche Chruschtschow von der Notwendigkeit einer Grenzabsperrung zu überzeugen.
4. Die Entscheidung: Dieses Kapitel analysiert den Prozess der definitiven Beschlussfassung im Sommer 1961 und widerlegt die These, die Entscheidung sei erst kurz vor dem Mauerbau gefallen.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass der 6. Juli 1961 als entscheidendes Datum für die Grenzschließung anzusehen ist.
Schlüsselwörter
Berliner Mauer, Mauerbau, DDR, Sowjetunion, Walter Ulbricht, Nikita Chruschtschow, Kalter Krieg, Republikflucht, Berlin-Krise, Grenzabriegelung, SED, Entscheidungsprozess, Deutschlandpolitik, 13. August 1961, Ost-West-Konflikt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den politischen Entscheidungsprozess innerhalb des sozialistischen Lagers, der schließlich zum Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 führte.
Welches ist das zentrale Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, den genauen Zeitpunkt der Entscheidung zum Mauerbau zu identifizieren und zu belegen, dass dieser deutlich vor dem tatsächlichen Baubeginn lag.
Welche Themenfelder werden primär behandelt?
Thematisiert werden die Flüchtlingsproblematik der DDR, das komplexe Verhältnis zwischen Ulbricht und Chruschtschow sowie die geopolitischen Interessen der Sowjetunion im Kalten Krieg.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die sich primär auf Quellenmaterial, Zeitzeugenberichte sowie die wissenschaftliche Fachliteratur von Historikern wie Hope M. Harrison und Matthias Uhl stützt.
Was bildet den inhaltlichen Kern des Hauptteils?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Jahre 1952 bis 1961 und beleuchtet die diplomatischen Bemühungen der DDR-Führung, die sowjetische Seite von einer Grenzschließung zu überzeugen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die zentralen Schlagworte sind Mauerbau, DDR, UdSSR, Kalter Krieg, Berlin-Krise und der Entscheidungsprozess zwischen Ulbricht und Chruschtschow.
Welche Rolle spielte der sowjetische Partei- und Staatschef Chruschtschow in diesem Prozess?
Chruschtschow war zwischen den Interessen der DDR und dem Risiko einer globalen Konfrontation mit den USA hin- und hergerissen, bis er schließlich die Notwendigkeit der Mauer einsah.
Warum wird der 6. Juli 1961 als so bedeutend für den Mauerbau hervorgehoben?
Die Arbeit identifiziert diesen Tag als den Zeitpunkt, an dem Chruschtschow die Zustimmung zur Grenzabriegelung gab, was das Ende der eigentlichen Entscheidungsphase markiert.
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- Martin Liborius (Autor), 2011, Der Entscheidungsprozess zum Bau der Berliner Mauer im sozialistischen Lager, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305397