Wenn es um Vorurteile geht, scheint allgemeine Übereinkunft darüber zu herrschen, dass sie zu ächten und aus dem Denken der Menschen zu verbannen sind. Vor dem Hintergrund, dass wir auf einem Kontinent leben, auf dem mehr als 27 Nationen leben und dementsprechend viele Sprachen gesprochen werden, erscheint dieses Denken als Selbstverständlichkeit. Ein multikultureller Kontinent fordert einen toleranten Umgang miteinander und die gegenseitige Anerkennung der Kultur der Anderen. Austauschprogramme wie Erasmus oder das von vielen Schülerinnen und Schülern (SuS) genutzte Auslandsjahr, das während der Schulzeit oder danach stattfindet, sind weiterhin Ausdruck des Interesses an anderen Ländern und deren Sprache. Aber wer geht für ein Jahr in ein anderes Land beziehungswiese kann es sich leisten? Der/die Student/in, der/ die Schüler/in eines Gymnasiums, der/die Schüler/in einer Hauptschule oder alle? [...]
Wird von dem Begriff „Vorurteil“ ausgegangen, so ist zunächst an diesem Wort keine negative Konnotation zu entdecken, doch identifizierte bereits Francis Bacon das Vorurteil als ein Urteil, welches in seiner Aussagekraft eingeschränkt ist. Auch der Frühaufklärer Christian Thomasius forderte die Menschen auf, ihren Geist von den Vorurteilen zu befreien, um wieder mit dem eigenen Verstand denken zu können. Ob in Völkergedichten oder in Madame de Stael "De l'Allemagne", die Auseinandersetzung mit anderen Völkern ist in Europa schon lange ein Thema, welches in der Literatur, Musik oder Kunst behandelt wird. Bereits 1954 erkannte das Unternehmen der „Standard Vacuum Oil Company“ den Nutzen eines interkulturellen Trainings für ihre Mitarbeiter, die im Ausland eingesetzt werden sollten. Während es in der Wirtschaft allerdings um Kosten-Nutzen-Aspekte geht, steht in der Psychologie das Ziel der Vermittlung von Wissen, Fähigkeiten und Einstellungen im Vordergrund. Die Forschung zu Vorurteilen ist in Europa insofern von Bedeutung, als dass der Kontinent ein heterogen und mit verschiedenen Ethnien, Sprachen und Kulturen ausgestellt ist, wodurch er sich mit dem Phänomen der Einwanderung konfrontiert sieht.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Vorurteile
1.1 Definitionen
1.1.1 Vorurteil
1.1.2 Stereotyp
1.2 Sozialpsychologische Vorurteilsforschung
1.2.1 Theoretische Einordnung des Begriffs „Vorurteil“
1.2.2 Vorurteilstheorien
1.2.3 Entstehung und Struktur von Vorurteilen
1.2.4 Merkmale von Vorurteilen
1.2.5 Wirkung von Vorurteilen
1.2.6 Exkurs: Wie entsteht Diskriminierung?
1.3 Überblick zur bisherigen Forschung zu ethnischen Vorurteilen
1.3.1 Umgang mit Stereotypen und Vorurteilen
1.3.2 Arbeit mit Vorurteilen
1.3.3 Vorurteile bei Jugendlichen
1.3.4 Entwicklungspsychologische Betrachtung von Jugendlichen
1.4 Dekonstruktion von Stereotypen und Vorurteilen bei Jugendlichen
2. Unterrichtsversuch zur Dekonstruktion von Vorurteilen am Beispiel Islam
2.1 Darstellung der Methode
2.2 Erhebungsmethoden
2.3 Datenerhebung
2.4 Auswertungsmethode
3. Durchführung
3.1 Beschreibung der Unterrichtseinheit
3.1.1 Filme im Unterricht
3.1.2 Der Film „Almanya“ als Dekonstruktionsmittel
4. Hypothesen
5. Ergebnisse
5.1 Stereotype
5.1.1 Stereotype über Muslime
5.1.2 Stereotype über Türken
5.2 Vorurteile
5.2.1 Vorurteile über Muslime
5.2.2 Vorurteile über Türken
5.3 Negative Gedanken
5.3.1 Negative Gedanken zu dem Begriff „Islam“
5.3.2 Negative Gedanken zu aktuellen Themen
5.4 Dekonstruktion bzw. Aufweichen von Stereotypen und Vorurteilen
5.4.1 Festgestelltes Aufweichen der stereotypen Strukturen bei den SuS
5.4.2 Festgestelltes Aufweichen der Vorurteilsstrukturen
5.5 Weiterführende Fragen
5.5.1 Fragen zur Religion
5.5.2 Fragen zu aktuellen Themen
6. Interpretation
7. Fazit
8. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Masterarbeit untersucht, inwiefern durch eine wissensvermittelnde Unterrichtseinheit unter Einsatz medienpädagogischer Methoden Vorurteile gegenüber dem Islam und der ethnischen Gruppe der Türken bei Jugendlichen einer achten Klasse abgebaut werden können. Dabei liegt der Fokus auf der Dekonstruktion bestehender Stereotype durch gezielte Reflexionsprozesse.
- Sozialpsychologische Grundlagen von Vorurteilen, Stereotypen und Diskriminierung
- Entwicklungspsychologische Aspekte der Adoleszenz im Kontext der Urteilsbildung
- Methoden der interkulturellen Pädagogik und Vorurteilsprävention
- Empirische Analyse von Schüleräußerungen (Brainstorming, Filmreflexion, Interviews)
- Evaluation des Medieneinsatzes (Film "Almanya") zur Dekonstruktion von Feindbildern
Auszug aus dem Buch
1.2.3 Entstehung und Struktur von Vorurteilen
Gordon Allport stellte als einer der Ersten 1954 die Frage nach der Entstehung und den Gründen von Vorurteilen beziehungsweise deren Entwicklung in der Pubertät. Für ihn stehen die Lernprozesse im Vordergrund, in denen heranwachsende Jugendliche die bisherigen Einstellungen, die sie aus ihrem Elternhaus übernommen haben, überdenken und mit ihrer eigenen Persönlichkeit in Einklang bringen wollen. Wenn die Pubertät naht und der Prozess des Erwachsenwerdens langsam heranrückt, werden die bisherigen Einstellungen neu organisiert. Diese pubertären Prozesse nennt er Konditionierung, selektive Wahrnehmung und Vollständigkeit, Lernen der instrumentellen Funktion, das Bedürfnis nach Status sowie Kaste und Klasse und deren instrumentelle Funktion.
Während der Konditionierung kommt es bei Kindern meist zu einer erschreckten Reaktion, wenn in einer eigentlich vertrauten Situation etwas Ungewohntes geschieht, was dem Kind Angst einflößt. Die für Kinder biologisch nachvollziehbare Reaktion der Ablehnung auf alles Unbekannte, was unheimlich erscheint, setzt sich in ihrem Gedächtnis fest und bleibt meist bis in das Erwachsenenalter bestehen. Eine solche Überallgemeinerung (totale Ablehnung) einer ganzen Gruppe hat meist ein starkes Erlebnis als Hintergrund, bringt allerdings auch Schwierigkeiten aufgrund der bereits erwähnten Verallgemeinerung mit sich. In diesem Kontext stellt sich Allport die Frage, wie sich aus einer Einstellung ein Vorurteil entwickelt? Eine entscheidende Rolle spielen hierbei Vorausbedingungen wie das Elternhaus, bisherige Konditionierungen oder im sozialen Umfeld eines Kindes gebrauchte linguistische Bezeichnungen, welche alle zusammen eine Richtung vorgeben, in die Ordnungen, Haltungen und Tendenzen gehen. Sie bestimmten zu einem Großteil den Prozess der selektiven Wahrnehmung, sodass sich eine angeblich logische Vervollständigung der Einstellung geschieht.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Einführung in die Thematik der Vorurteilsforschung und Darlegung der zentralen Forschungsfrage dieser Arbeit.
1. Vorurteile: Theoretische Auseinandersetzung mit den Begriffen Vorurteil und Stereotyp sowie Analyse der Entstehung, Struktur und Wirkung von Vorurteilen aus sozialpsychologischer Sicht.
2. Unterrichtsversuch zur Dekonstruktion von Vorurteilen am Beispiel Islam: Erläuterung des methodischen Vorgehens bei der Erhebung und Auswertung im schulischen Kontext der achten Klasse.
3. Durchführung: Beschreibung der konkreten Unterrichtseinheit, der verwendeten Materialien und des Einsatzes von Filmen als pädagogisches Werkzeug.
4. Hypothesen: Formulierung der forschungsleitenden Annahmen hinsichtlich des Vorwissens und der Einstellungsänderungen der Schülerinnen und Schüler.
5. Ergebnisse: Darstellung und Analyse der empirischen Befunde aus den Befragungen, unterteilt in die Kategorien Stereotype, Vorurteile, negative Gedanken und Dekonstruktionsprozesse.
6. Interpretation: Zusammenführende Betrachtung der Ergebnisse im Lichte der Hypothesen und der theoretischen Grundlagen.
7. Fazit: Resümee über die Möglichkeiten und Grenzen einer wissensvermittelnden Unterrichtseinheit zur Vorurteilsdekonstruktion.
8. Ausblick: Diskussion der Herausforderungen von Präventionsprogrammen und Empfehlungen für die zukünftige schulische Arbeit.
Schlüsselwörter
Vorurteile, Stereotype, Islam, Jugendliche, Dekonstruktion, Sozialpsychologie, Diskriminierung, interkulturelle Kompetenz, Unterrichtsversuch, Almanya, Identitätsfindung, Vorurteilsforschung, Ethnische Minderheiten, Vorurteilsprävention, Gruppenidentität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Masterarbeit befasst sich mit der Wirksamkeit einer unterrichtlichen Intervention zur Dekonstruktion von Vorurteilen bei Jugendlichen gegenüber Muslimen und der ethnischen Gruppe der Türken.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themenfelder umfassen die sozialpsychologische Grundlagenforschung zu Vorurteilen, entwicklungspsychologische Aspekte bei Jugendlichen sowie die praktische Erprobung medienpädagogischer Methoden im schulischen Kontext.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob durch eine wissensvermittelnde Unterrichtseinheit, die verschiedene medienpädagogische Ansätze nutzt, Vorurteile gegenüber dem Islam und türkischstämmigen Menschen abgebaut werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es wurde ein qualitativer Forschungsansatz gewählt, der Brainstorming-Einheiten, eine schriftliche Filmreflexion und narrative Interviews zur Datengewinnung nutzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Block, der Definitionen und Forschungstheorien umfasst, und einen empirischen Teil, in dem der Unterrichtsversuch an einer IGS beschrieben, ausgewertet und interpretiert wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Vorurteile, Stereotype, Islam, Dekonstruktion, Sozialpsychologie, interkulturelle Kompetenz und Jugendliche.
Warum wurde gerade der Film „Almanya“ als Dekonstruktionsmittel gewählt?
Der Film bietet durch seine humorvolle und gleichzeitig tiefgründige Darstellung der deutsch-türkischen Familiengeschichte einen idealen Anknüpfungspunkt, um festgefahrene Bilder zu irritieren und einen Perspektivwechsel bei den Schülern zu fördern.
Welche Rolle spielt der sogenannte „Bumerang-Effekt“ in dieser Studie?
Der Bumerang-Effekt beschreibt das Phänomen, bei dem eine gezielte Konfrontation mit Inhalten, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, zu einer Verhärtung der ursprünglichen Ansichten führen kann, wenn die emotionale Bindung an diese Vorurteile zu stark ist.
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- Verena Blaum (Autor), 2013, Denkmuster und Vorurteile bei Jugendlichen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305416