Funktionen lyrischer Subjektivität in den Zeitbildern der Droste


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur Terminologie: das lyrische Subjekt und lyrische Subjektivität
2.1. Lyrisches Ich oder lyrisches Subjekt?
2.2. Implizite und explizite Subjektivität

3. Zum politisch-historischen Kontext: die Droste in ihrer Zeit

4. Das „lyrische Subjekt“ in den Zeitbildern
4.1. „Lyrisches Wir“
4.2. „Lyrisches Ihr“
4.3. „Lyrisches Du“
4.4. „Lyrisches Ich“

5. Zusammenfassung und Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

„... und unsre blasirte Zeit und ihre Zustände gänzlich mit dem Rücken anzusehen.“[1]

Mit den Zeitbildern der Droste wurde ein Untersuchungsgegenstand gewählt, der über das bei der Droste Erwartbare, d.h. beschaulich-biedermeierliche, hinausgeht. Wenn sie betont, sie möchte der als „blasi[e]rt“ charakterisierten Zeit am liebsten den Rücken zukehren, so kann dies als eine Flucht in das Private, eine Abwendung von der Öffentlichkeit verstanden werden. Das Paradoxon, sich aber gleichzeitig sehend mit dem Rücken den Ereignissen zuzuwenden, erfasst zugleich die Ambivalenz, die sich auch aus Drostes Zeitbildern ablesen lässt. Genötigt zu einer Positionsbestimmung in der Gegenwart und doch dem Vergangenen verhaftet – in diesem Spannungsfeld bewegt sich dieser Gedichtzyklus der Annette von Droste-Hülshoff.

Ein besonderes Erkenntnisinteresse der vorliegenden Arbeit ist hierbei der Untersuchung der verschiedenen Funktionen unterschiedlich hervortretender lyrischer Subjektivität bzw. lyrischer Subjekte gewidmet. Auffällig variantenreich wendet sich die Droste mal an ein „Du“, ein „Wir“, ein „Ihr“ oder bleibt beim „Ich“ stehen. Dieser Auffälligkeit soll mit einer Untersuchung der Verwendungsweisen und Funktionen eben dieser lyrischen Subjekte entsprochen werden.

Es sollen zunächst theoretische Grundlagen gelegt werden: Die Verwendung des Terminus „lyrisches Subjekt“ wird begründet eingeordnet und entwickelt. Außerdem sollen auch implizite Formen des Erscheinens lyrischer Subjektivität vorgestellt werden.

Hierauf folgt eine Einordnung der Droste und der Zeitbilder in den politisch-historischen Kontext. Schließlich werden auf dieser Basis die unterschiedlichen Formen lyrischer Subjektivität untersucht und am Schluss der Arbeit die Ergebnisse noch einmal zusammengefasst.

Dabei soll das Untersuchen lyrischer Subjektivität einen besonderen Fokus für das Verständnis der politischen Lyrik Drostes herstellen. Adressaten und Funktionsweisen der teilweise auch recht suggestiv wirkenden Lyrik dieses Gedichtzyklus sollen herausgearbeitet werden. Dies kann auch helfen zu klären, wie sehr das lyrische Subjekt der Droste-Zeit der „blasi[e]rte[n] Zeit“ verfallen, durch sie verletzt oder beeinflusst war.

2. Zur Terminologie: das lyrische Subjekt und lyrische Subjektivität

2.1. Lyrisches Ich oder lyrisches Subjekt?

Im Folgenden soll eine Klärung des Begriffes „lyrisches Subjekt“ bzw. des in Konkurrenz hierzu stehenden Terminus des „lyrischen Ichs“ erfolgen, um eine Grundlage für das weitere Vorgehen der Analyse zu legen. Hierzu werden zunächst kursorisch historische Aspekte der Begriffsherkunft vorgestellt, um dann vor allen Dingen systematische Gesichtspunkte zu erläutern, und schließlich einen Kern herauszustellen, dessen Grundannahmen im weiteren Verlauf der Arbeit nutzbar gemacht werden sollen.

Hierbei ergeben sich aus den zahlreichen Streitständen in Bezug auf die lyrische Subjektivität interessante Ansatzpunkte, um auch bei Drostes Zeitbildern einen Erkenntnisgewinn zu erzielen: Das lyrische Subjekt wirft Fragen zu grundsätzlichen Problemen der Lyrik als Gattung auf[2] und kann somit einen Fokus für Merkmale, Besonderheiten und Auffälligkeiten in einem Gedicht herstellen.

Im Falle der Zeitbilder Droste-Hülshoffs verlaufen anhand der Streitstände zur Identität von „lyrischem Subjekt“ und Autor, dem Gattungsbegriff der Lyrik und den Anzeichen für das Vorhandensein eines lyrischen Subjektes wesentliche Erkenntnisinteressen, die es gewinnbringend erscheinen lassen, gerade die lyrische Subjektivität analytisch und interpretatorisch näher zu untersuchen. Leitfragen, die sich hieraus ergeben, sind nämlich Folgende: Spricht durch die Zeitbilder die politische Droste bzw. wo gibt es Verwebungen von Dichter-Subjekt und lyrischem Subjekt? Welche Art von Subjekt äußert sich wie zu politischen Themen und Fragestellungen des Zeitgeschehens? Wie treten die Subjekte jeweils hervor?

Um diese Fragen klären zu können ist es unerlässlich, einen systematisch begründeten Begriff des Gegenstandes zu haben, der zum Brennpunkt des Zugangs zur politischen Dichtung der Droste werden soll.

Die Subjektivität der Lyrik fand in die Lyriktheorie Eingang mit dem Terminus des „lyrischen Ichs“, den unter anderem Hegel prägte:[3] Hierbei setzt er noch Dichter-Subjekt und lyrisches Ich gleich.[4] Dilthey modifizierte und ergänzte den Begriff um den Terminus des Erlebnisses, der eine doppelte Funktion hat: Er stiftet eine Einheit, die die Totalität des Lebenszusammenhangs exemplarisch greifbar macht und zudem auf über-individuell Verständliches verweist.[5] Entscheidend für den Begriff des lyrischen Subjekts ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass das Erlebnis ein Zentrum setzt und eine Einheit stiftet, um die herum sich ein Textverständnis entwickelt.[6]

In der weiteren Entwicklung der Begriffsgeschichte spielt vor allem eine Verunsicherung in Bezug auf das Vertrauen in die Möglichkeit, einen einheitlichen Sinn zu stiften, eine Rolle. An die Stelle des Erlebnisbegriffes, der einen aller Kontingenz enthobenen einheitlichen Sinnstiftungsprozess annimmt, tritt das „Schockerlebnis“.[7] Dieses zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass Kontingenzerfahrungen und Entfremdungserlebnisse es unmöglich erscheinen lassen, eine ungebrochene Subjektivität in der Lyrik zu postulieren. Das Autor-Subjekt wird vom lyrischen Ich entkoppelt.[8]

Moderne Ansätze zum Begriff des lyrischen Ichs und seinen Ersatzformen sind vor diesem Hintergrund verständlicher, da sich gewisse Muster in der Aufnahme wie Ablehnung bzw. Modifizierung des Begriffes wiederfinden. Etwas anachronistisch mutet hier Hamburgers These an, die wieder hinter die Annahme zurückgeht, das lyrische Subjekt sei nicht mit dem Autor identisch, und es stattdessen als ein „echtes reales Aussagesubjekt“[9] wertet. Nicht nur diese Gleichsetzung, sondern auch andere Positionen in Bezug auf das lyrische Ich weisen jedoch Defizite auf, was die Möglichkeiten anbelangt, ein Gedicht wirklich komplex zu erfassen. So lässt es der Begriff des lyrischen Ichs nur zu, zwischen empirischem Autor und einem textinternen Ich zu differenzieren, was eine nähere Beleuchtung unterschiedlicher Instanzen innerhalb des Textes verbietet.[10]

Neben solchen grundsätzlichen Erwägungen lassen sich auch sprachpragmatische Einwände geltend machen: Der Begriff des „lyrischen Ichs“ unterstellt eine spezifische Sprachverwendung, die der Sprachfunktion des „Ichs“ und der Verwendung von Deiktika nicht gerecht wird.[11]

Auch lassen sich Überlegungen zur normativen Aufgeladenheit des Begriffes anstellen:[12] Wenn der emotionale Ich-Ausdruck eines „lyrischen Ichs“ zum Paradigma der Dichtung wird, werden viele Formen von Lyrik ausgeschlossen, die allgemein anerkannt zu dieser Gattung gehören.

Die Kritik am „lyrischen Ich“ als Begriff lässt sich insofern auf den Nenner bringen, als dass es ein Begriff ist, der vielen Formen von Lyrik nicht gerecht wird und der auch im Zusammenhang vorliegender Überlegungen nur ein unbefriedigendes Instrumentarium zum Erkennen und Benennen von Phänomenen lyrischer Subjektivität zur Verfügung stellt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Verunsicherungsmomente auf Ebene der durch das lyrische Subjekt geschaffenen Stiftung eines einheitlichen Sinns und eine Ablösung von Autor-Ich und lyrischem Ich (trotz zuwiderlaufenden Meinungen und Ansichten) Anforderungen an einen neuen Terminus sind. Auch müsste dieser eine feingliedrige Differenzierung von verschiedenen Instanzen lyrischer Subjektivität ermöglichen.

Als einen solchen Begriff, der diesen Anforderungen und Tendenzen Rechnung trägt, wird im Verlauf des Textes in Anlehnung an Jaegle[13] nur noch vom lyrischen Subjekt die Rede sein. Dieser Begriff scheint weiter gefasst und damit den eben genannten Kritikpunkten und Verunsicherungstendenzen bei der Sinnstiftung zu begegnen bzw. diese zu berücksichtigen.

2.2. Implizite und explizite Subjektivität

An dieser Stelle wird eine weitere Differenzierung in Form der Unterscheidung von impliziter und expliziter Subjektivität eingeführt, da diese wichtig ist, um zu unterscheiden, inwieweit Subjektivität zum Ausdruck kommt. Zudem wird so deutlich, dass auch jenseits eines offensichtlichen „Ich-Ausdrucks“ Subjektivität in der Lyrik eine Rolle spielt.

Lyrik lässt sich in drei Wirkungs- und Intentionskategorien, nämlich stimmungshaft-gefühlsorientiert, reflexiv-gedanklich oder wirklichkeits-sachorientiert, einteilen.[14] Zwar lässt sich die politische Lyrik nicht zwingend auf eine der Kategorien festlegen, aber, wo die lyrische Subjektivität hinter den Sachinhalt zurückzutreten oder fast zu verschwinden scheint, ist es von Interesse entsprechende Anzeichen für das Vorhandensein eines lyrischen Subjekts auf Textebene herauszufiltern.

Im Folgenden sollen nun die Ausgangspositionen dargelegt werden, die zu der Annahme impliziter und expliziter Subjektivität geführt haben. Abschließend werden kurz Aspekte beider Formen von Subjektivität dargelegt.

Die Annahme zweier Formen von lyrischer Subjektivität nimmt eine Mittlerposition zwischen dem Postulat einer subjektdeterminierten Lyrikdefinition und einer subjektfreien ein.[15] Erstere geht davon aus, dass die Lyrik über den Begriff lyrischer Subjektivität bestimmt wird, letztere Position hält diese für „nicht gattungskonstitutiv“.[16]

Walter Bernhart versucht nun zwischen zwei Aussageinstanzen zu unterscheiden, die sich einmal zu einem Subjekt oder Ich konkretisiert und im Falle einer impliziten Subjektivität hinter den Text zurücktritt.[17]

Explizite Subjektivität kann hierbei „intensiven Selbstausdruck“ bedeuten, d.h., das Ich tritt in Form von Personalpronomen, Selbstreflexion und verschiedene Figuren deutlich als solches hervor.[18] Anhand von Dinggedichten und ortsgebundener Lyrik wird bei Müller der Begriff der impliziten Subjektivität verdeutlicht: Durch die Erfahrung und Perspektivierung eines bestimmten Sachverhaltes oder Gegenstandes ist das lyrische Subjekt implizit im Text vorhanden, auch wenn es nicht sichtbar hervortritt.[19]

Hiermit ist also auch ein weiterer wichtiger Aspekt lyrischer Subjektivität und ihres Auftretens in unterschiedlicher Deutlichkeit geklärt. Mit der begründeten Übernahme des Begriffes eines „lyrischen Subjektes“ sowie einem Verweis auf die in verschiedenen Bereichen sich jeweils unterschiedlich stark zeigende Subjektivität sind also gewisse theoretische Grundlagen für die praktische Analyse der verschiedenen Moment von Subjektivität in den Zeitbildern Drostes gelegt.

[...]


[1] Die Droste an Elise Rüdiger (24. Juli 1843)

[2] Müller, Wolfgang: Das lyrische Ich. In: Lamping, Dieter (Hrsg.): Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Stuttgart: Metzler-Verlag 2011.

[3] Horn, Eva: Subjektivität in der Lyrik: „Erlebnis und Dichtung“, „lyrisches Ich“. In: Pechlivanos, Miltos et al. (Hrsg.): Einführung in die Literaturwissenschaft. Stuttgart: Metzler-Verlag 1995. S. 299-309. Hier: S. 299.

[4] Ebd.

[5] Horn: Subjektivität. S. 301.

[6] Ebd.

[7] Horn: Subjektivität. S. 302.

[8] Ebd.

[9] Müller: Das lyrische Ich. S. 56.

[10] Borkowski, Jan; Winko, Simone: Wer spricht das Gedicht? Noch einmal zum Begriff lyrisches Ich und zu seinen Ersetzungsvorschlägen. In: Bleumer, Hartmut; Emmelius, Caroline (Hrsg.): Lyrische Narration – narrative Lyrik. Gattungsinterferenzen in der mittelalterlichen Literatur. Berlin: Gruyter-Verlag 2011. S. 43-77. Hier: S. 55.

[11] Borkowski: Wer spricht das Gedicht? S. 58.

[12] Borkowski: Wer spricht das Gedicht? S. 55.

[13] Vgl. Jaegle, Dietmar: Das Subjekt im und als Gedicht. Eine Theorie des lyrischen Text-Subjekts am Beispiel deutscher und englischer Gedichte des 17. Jahrhunderts. Stuttgart: M&P Verlag für Wissenschaft und Forschung 1995. S. 66 f.

[14] Hinderer, Walter: Versuch über Begriff und Theorie politischer Lyrik. In: Hinderer, Walter (Hrsg.): Geschichte der politischen Lyrik. Würzburg: Königshausen und Neumann Verlag 2007. S. 11-45. Hier: S. 28.

[15] Müller, Wolfgang: Das Problem der Subjektivität der Lyrik und die Dichtung der Dinge und Orte. In: Nünning, Ansgar (Hrsg.): Literaturwissenschaftliche Theorien, Modelle und Methoden. Eine Einführung. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier 2004. S. 93-105. Hier: S. 94-95.

[16] Müller: Das lyrische Ich. S. 57.

[17] Müller: Das Problem der Subjektivität der Lyrik. S. 95.

[18] Müller: Das Problem der Subjektivität der Lyrik. S. 97.

[19] Müller: Das Problem der Subjektivität der Lyrik. S. 99.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Funktionen lyrischer Subjektivität in den Zeitbildern der Droste
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Neuere Deutsche Literatur)
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
24
Katalognummer
V305926
ISBN (eBook)
9783668038271
ISBN (Buch)
9783668038288
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Annette von Droste-Hülshoff, Lyrik, Zeitbilder, Biedermeier, Politische Lyrik
Arbeit zitieren
Philipp Hülemeier (Autor:in), 2015, Funktionen lyrischer Subjektivität in den Zeitbildern der Droste, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305926

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