„Ihr ‚Romeo und Julie‘ wird leben, solange die deutsche Zunge lebt“ bescheinigte Hermann Hettner seinem Freund Gottfried Keller (1819-1890) in einem Brief vom 12. April 1856. Tatsächlich schaffte es Kellers Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe, nach ihrer Veröffentlichung im Jahr 1856, in den Kanon der deutschsprachigen Literatur, hielt bundesweit Einzug als Pflichtlektüre in den deutschen Schullehrplänen und wurde mehrfach illustriert, musikalisch bearbeitet und verfilmt.
Bei Kellers Erzählung handelt es sich allerdings nicht bloß um eine „müßige Nachahmung“ des altbekannten Romeo-und-Julia-Stoffes, der an William Shakespeares Tragödie erinnert. Durch den Zusatz auf dem Dorfe verweist der Autor bereits im Titel auf den Schauplatz seiner tragischen Liebesgeschichte. Er verortet die Handlung seiner Erzählung ins bäuerlich-dörfliche Milieu und versucht gleichsam die dort befindlichen Lebensverhältnisse und Gesellschaftsnormen der damaligen Zeit aufzuzeigen. Kellers tragische Liebesgeschichte um Romeo und Julia auf dem Dorfe wird als „höchste Erfüllung“ der Gattung ‚Dorfgeschichte‘ betrachtet. Auch Berthold Auerbach, welcher als Erfinder der Dorfgeschichte gilt, äußerte sich anerkennend, Keller habe mit seiner Erzählung „ein Kunstwerk geschaffen, das nicht viele seines Gleichen in der Literatur hat“.
Ziel der hier vorliegenden Arbeit ist es, wesentliche Merkmale der Dorfgeschichte in Kellers Erzählung aufzuzeigen und die Sozial- und Gesellschaftskritik des Autors, die durch die Tragik und Schicksalhaftigkeit seiner Dorfgeschichte zum Ausdruck kommt, herauszustellen. Dazu wird zunächst auf gattungstheoretische Merkmale des Genres ‚Dorfgeschichte‘ eingegangen sowie eine literaturwissenschaftliche Einordnung der Erzählung vorgenommen. Den Hauptteil der Arbeit bildet eine ausführliche Analyse zur Darstellung der ländlichen Idylle am Beispiel des Getreideackers, den Keller mehrfach als Schauplatz der Erzählhandlung nutzte, sowie zum dörflichen Leben der Protagonisten. Motive wie Sittlichkeit, Ehre und Recht sollen hier eine übergeordnete Rolle spielen. Anschließend wird der in Kellers Erzählung dargebotene Gegensatz zwischen Stadt und Land thematisiert und auf mögliche Sozial- und Gesellschaftskritik des Autors eingegangen. Den Abschluss dieser Arbeit bildet ein zusammenfassendes Fazit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsbestimmung und gattungstheoretische Merkmale der „Dorfgeschichte“ im 19. Jahrhundert
3. Literaturgeschichtliche Einordnung der Erzählung
4. Themen, Stoffe und Motive in Romeo und Julia auf dem Dorfe
4.1 Zur Darstellung der ländlichen Idylle – Am Beispiel des Getreideackers
4.2 Das Leben auf dem Dorf zwischen Sittlichkeit, Ehre und Recht
4.3 Der Stadt-Land-Gegensatz
5. Zur Sozial- und Gesellschaftskritik der Dorfgeschichte
6. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Seminararbeit untersucht die wesentlichen Merkmale der Gattung „Dorfgeschichte“ in Gottfried Kellers Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“. Im Zentrum steht dabei die Analyse der Sozial- und Gesellschaftskritik des Autors, die sich in der Tragik und Schicksalhaftigkeit der Erzählung widerspiegelt, sowie die Untersuchung der ländlichen Lebensnormen und des Stadt-Land-Gegensatzes.
- Charakteristika der Dorfgeschichte im 19. Jahrhundert
- Symbolik und Bedeutung des ländlichen Schauplatzes
- Einfluss sozialer Zwänge und Normen auf die Protagonisten
- Die Darstellung des Stadt-Land-Gegensatzes
- Sozialkritische Aspekte in Kellers Werk
Auszug aus dem Buch
4.1 Zur Darstellung der ländlichen Idylle – Am Beispiel des Getreideackers
An einem sonnigen Septembermorgen pflügen zwei Bauern mit „stattlichen Pferde“ und „lässig kräftigen Zuge“ ihre Felder, während die Kinder der Bauern „gemeinschaftlich den Vormittagsimbiss heranfuhren“ (ebenda), den die Bauersfrauen liebevoll zubereitet hatten. „Als gute Nachbarn“ nehmen sie folglich „mit Behagen ihr Frühstück“ ein und begegnen ihren Kindern mit „zufriedenem Wohlwollen“ (ebenda, S. 7). Doch das in der Eingangsszene vom auktorialen Erzähler präsentierte Bild einer scheinbaren Idylle, wird durch die Existenz des in der Mitte brachliegenden Ackers gestört. „Mit seinen Unkräutern, Stauden und Steinhaufen“ stellt er nicht nur eine „ungewohnte und merkwürdige Wildnis“ (ebenda, S. 9) dar, sondern steht auch im Gegensatz zur übertrieben sorgfältigen Pflugarbeit auf den „frischduftenden braunen“ Ackerflächen der beiden Bauern.
Auf den Brachacker, der zwischen den beiden Äckern von Manz und Marti liegt und eigentlich dem schwarzen Geiger gehört, werden die Steine geworfen, die die Furchen der Bauern behindern. Er dient ebenso als Spielplatz der beiden Kinder, welche „belustigt [und] Hand in Hand [inmitten] dieser grünen Wildnis“ (ebenda) umherwandern und mit Vrenchens Puppe spielen. Auch das Spiel der Kinder mit dem Puppenkopf überschattet die ländliche Idylle auf grausame Weise. Nachdem die Puppe von den Kindern mit Blättern und Blüten geschmückt wurde, wird sie entkleidet und in Einzelteile zerstückelt. Die so einst friedvoll beschriebene Atmosphäre wird somit bereits zu Beginn der Erzählung durch den Übermut und dem Zerstörungseifer der beiden Kinder überschattet. Der einst malerisch beschriebene Schauplatz wird zu einem düsteren und unheimlichen Ort verkehrt und ist Auslöser des tragischen und folgeschweren Streits der beiden Bauern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung von Kellers Novelle im literarischen Kanon ein und umreißt die Zielsetzung, die Merkmale der Dorfgeschichte und die Sozialkritik des Werkes zu untersuchen.
2. Begriffsbestimmung und gattungstheoretische Merkmale der „Dorfgeschichte“ im 19. Jahrhundert: Dieses Kapitel definiert die Dorfgeschichte als literarische Untergattung und beleuchtet die sozioökonomischen Hintergründe des 19. Jahrhunderts sowie die Entwicklung von idyllischen zu sozialkritischen Erzählweisen.
3. Literaturgeschichtliche Einordnung der Erzählung: Hier wird der Entstehungshintergrund der Erzählung, basierend auf einer Zeitungsnotiz, dargelegt und das Werk in den Kontext des bürgerlichen und poetischen Realismus eingeordnet.
4. Themen, Stoffe und Motive in Romeo und Julia auf dem Dorfe: Der Hauptteil analysiert die symbolische Bedeutung des Ackers, die gesellschaftlichen Moralvorstellungen wie Ehre und Recht sowie den Kontrast zwischen dem städtischen und ländlichen Milieu.
5. Zur Sozial- und Gesellschaftskritik der Dorfgeschichte: Dieses Kapitel arbeitet heraus, wie Keller durch das tragische Schicksal der Liebenden die starren Strukturen und moralischen Zwänge der dörflichen Gemeinschaft kritisiert.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass das Werk sowohl als poetische Erzählung als auch als Gesellschaftskritik zu verstehen ist, die das einfache Volk und dessen tragisches Scheitern in den Fokus rückt.
Schlüsselwörter
Romeo und Julia auf dem Dorfe, Gottfried Keller, Dorfgeschichte, 19. Jahrhundert, Sozialkritik, Realismus, Sittlichkeit, ländliche Idylle, Stadt-Land-Gegensatz, Gesellschaftsnormen, Literaturgeschichte, bäuerliche Epik, Seldwyla, Tragik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Seminararbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ von Gottfried Keller hinsichtlich ihrer gattungstheoretischen Einordnung als Dorfgeschichte und untersucht die darin enthaltene Sozial- und Gesellschaftskritik.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Darstellung der ländlichen Idylle, die Bedeutung von Sittlichkeit und Recht innerhalb der Dorfgemeinschaft sowie den Gegensatz zwischen dem bäuerlichen Umfeld und der Stadt Seldwyla.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel der Arbeit ist es, die gattungstypischen Merkmale der Dorfgeschichte bei Keller aufzuzeigen und die durch die Tragik des Liebespaares zum Ausdruck gebrachte Kritik an sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen herauszustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Analyse des Primärtextes unter Einbeziehung gattungstheoretischer Definitionen und fachspezifischer Sekundärliteratur zum Realismus und zur Dorfgeschichte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich einer detaillierten Motivuntersuchung (z.B. der Acker als Handlungsort), der Analyse von Sittenkodizes und dem Kontrast zwischen Stadt und Land.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Realismus, soziale Ausgrenzung, Sittlichkeit, Ehre, Gesellschaftskritik, bäuerliches Milieu und das spezifische Gattungsmerkmal der Dorfgeschichte.
Welche Rolle spielt der „schwarze Geiger“ in der Erzählung?
Er fungiert als Außenseiter, der aufgrund fehlender sozialer Zugehörigkeit und Rechtstitel diskriminiert wird und somit die Korruption sowie die starren Normen der dörflichen Gesellschaft verdeutlicht.
Warum endet die Erzählung für das Paar tragisch?
Der Freitod von Sali und Vreni wird als Konsequenz ihrer sozialen Ausgrenzung und der Unmöglichkeit gewertet, ihre Liebe innerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung und der durch die Väter initiierten Streitigkeiten zu verwirklichen.
- Citation du texte
- Anika Strelow (Auteur), 2015, "Romeo und Julia auf dem Dorfe" von Gottfried Keller. Themen, Motive und Sozial- und Gesellschaftskritik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305972