Poseidon und Njörd. Ein charakterlicher Vergleich der Meeresgötter und ihre Rolle im Troja-Mythos


Essay, 2014
9 Seiten, Note: ohne

Leseprobe

Inhalt

Troja, das erste Asgard

1. Poseidon

2. Njörd

3. Troia

Schlussbemerkung

Literaturverweise

Troja, das erste Asgard

In der 9. Strophe der Gylfaginning der Edda des Snorri Sturluson heißt es in Bezug auf die Entstehung der Welt: „Als nächstes1 schufen sie [Borrs Söhne, Anm. d. A.] sich die Burg in der Mitte der Welt, die Asgard genannt wird. Das nennt man Troja. Dort wohnten die Götter und ihre Sippen…“2.

Es ist überraschend, dass der isländische Politiker und Skalde Snorri Sturluson die Kenntnis des Namens einer Stadt bezeigt, welche zu seinen Lebzeiten seit ca. 2.000 Jahren nicht mehr existiert. Ebenso überraschend ist die Vermengung dieser Kenntnis in einem eigenen Werk über die Dichtung nach altem Brauch mit dem Sitz der germanischen Götter. Galt die Legende von Troja dem Historiker des 13. Jahrhunderts eine würdige Verortung der 200 Jahre zuvor gestürzten Götter? Oder waren die Germanen gar – wie Snorri darstellt – versprengte Trojaner? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, vergleiche ich in dieser Darstellung die Attribute des griechischen Meeresgottes Poseidon und Njörds als dessen germanischer Entsprechung und stelle diese in die historisch-geographischen Begebenheiten des spätbronzezeitlichen Troja.

1. Poseidon

In der griechischen Mythologie ist Poseidon eine der unberechenbarsten Gottheiten; ebenso unberechenbar ist das Meer, welches sein Element ist. Besondere Verehrung wird ihm auf den ägäischen Inseln entgegengebracht – kaum jedoch auf dem griechischen Festland. Heilig sind ihm, der unzerstörbare Mauern zu errichten weiß3, drei Tiere: der Delphin, das Pferd und der Stier. Was bedeuten diese drei Tierattribute im mythologischen Zusammenhang?

Der Delphin gilt den frühen Griechen keineswegs als jenes harmlose, perfekt an seinem Lebensraum angepasste Meerestier, als welches wir es heutzutage sehen. Vielmehr gilt er, da er am Ende der Nahrungskette steht, als direkter Konkurrent der Fischer – man kann gar sagen: als König der Meere. Im 21. Gesang der Ilias schreibt Homer in einem Gleichnis folgendermaßen über den Delphin: „Wie vorm Delphin, dem Meeresuntier, die andern Fische Fliehend die Winkel füllen des Hafens, der gut ist zum Ankern, Voller Furcht, denn jeden verschlingt er, wen er erhascht hat“4. Der Delphin wirkt in seiner Eigenschaft als Freßfeind der vom Menschen essbaren Fische im Meer ebenso zerstörend wie der Löwe auf dem Festland, aber er ist auch ein würdiger Diener des Meeresgottes, dem er als Attribut zugegeben worden ist.

Demgegenüber wirkt der Stier als Förderer der Zivilisation; er ist meinen Überlegungen nach die Lebensgrundlage der bäuerlichen Gesellschaft und damit der Zivilisation. Als Erhalter der Zivilisation gilt in der archaischen Gesellschaft der König, dessen übliches Reittier das Pferd ist. Da Pferde jedoch – von griechischer Seite aus gesehen – von jenseits des Meeres stammen und über das Meer zuerst auf die Inseln und danach auf das Festland gekommen sind, gilt meines Dafürhaltens nach das Pferd als dem Poseidon zugehörig. Delphin und Pferd sind daher als königliche Tiere anzusehen, denn Poseidon gilt als Beherrscher des Meeres; da das Pferd dem Herrscher zugehörig ist, kann es in Verbindung mit dem Stier als Gegenstand der Zivilisation angesehen werden – es ist gar ein Mittler zwischen dem Delphin als reißendem Untier und damit des Zerstörers der Zivilisation und dem Stier als bäuerliche Grundlage der Zivilisation.

Betrachten wir Poseidon ausschließlich anhand seiner tierischen Attribute, ist er sowohl als ein (Zer-) Störer der Zivilisation als auch als deren Erbauer und Beschützer zu sehen. Demnach ist – aus der Sicht der frühen Griechen – das Meer sowohl als förderlich für das Leben zu betrachten als auch als gefährlich in seiner Unberechenbarkeit.

2. Njörd

Gegenüber der Unberechenbarkeit Poseidons erscheinen die Überlieferungen zu Njörd im Punkt einer klaren Charakterisierung als schwierig; auch weil sie abhängig sind von Quellen, die in christlicher Zeit verfasst und überliefert wurden. Njörd als Vane5 gilt in Snorris Edda zwar als „dritter Ase“6, jedoch wurde er in Wanenheim geboren und kam nach einem Krieg als Geisel zu den Asen. Seine Aufgabe ist es, als friedfertiger Gott die Stürme zu beruhigen, die von dem urgermanischen Meeresgott Ägir hervorgerufen werden.7 Er wird von Seefahreren und Fischern angerufen, aber er ist auch der Gott der Jäger. Seine Begleiter sind die Möwe, der Seehund und der Schwan.8 Auffallend an diesen drei Attributen ist ihre Lebenswelt, das nördliche Meer im Bereich der Küste. Während der Seehund dort auch im Winter zu finden ist, gelten Möwen und Schwäne als Boten des Sommers, wenn sie nisten und ihre Jungen aufziehen, während sie im Winter hier nicht anzutreffen sind. Alle drei Tiere pflanzen sich im Sommer fort, wenn das Wetter am Meer relativ mild ist. Möwe und Schwan sind außerdem Kulturfolger des Menschen, wobei sie neben dem Seehund auch als Nahrungskonkurrenten zu sehen sind. Sowohl Seehund als auch Schwan können bejagt werden – der Seehund als Fettlieferant auch im Winter, wobei dessen Haut zu Kleidung verarbeitet werden kann. Obwohl alle drei Tiere auf dem ersten Blick allgemein als friedfertig angesehen werden, sind sie wehrhaft, wenn sie angegriffen werden, was nicht vollständig mit dem Bild des friedfertigen Meeresgottes korrespondieren möchte.

Dennoch ist der Reichtum Njörds sagenhaft, was wiederum am Besitz von Seehundhäuten, Daunenfedern von Möwen und Schwänen sowie dem Verzehr von Fleisch zu zeigen ist. Auch ist die Wohnstätte Njörds, die Schiffsbaustätte Noatun, eine Voraussetzung, um an diese Güter zu gelangen. Jedoch ist der Bau eines Schiffes ebenfalls nicht ganz billig, so dass nur Großbauern sich ein Schiff, dessen Unterhalt und die Fahrt zur Jagd auf Meerestiere leisten können.

3. Troia

Der sagenhafte Reichtum Njörds korrespondiert mit dem sagenhaften Reichtum der Stadt Troia. Obgleich nicht der Schiffbau die Ressource der bronzezeitlichen Stadt ist sondern vielmehr der Handel, der hier aufgrund der geographischen Lage an den Dardanellen eine Konzentration findet. Sie ist „geprägt von den ständig aus dem Nordosten wehenden Winden sowie der starken Oberflächenströmung aus dem Schwarzen Meer und dem Marmarameer in die Ägäis. Wind und Strömung zwangen die Schiffe vor der Küste Troias zum Verweilen, um … auf den seltenen Südwind zu warten.“9 Mittels dieser Lage vermochten die Trojaner, den hier ankommenden Händlern für die Zeit der Reede den Preis für eine solche sowie den Handel mit Lebensmitteln zu diktieren, aber auch , sie dazu zu zwingen, hier ihre Ladungen zu löschen. Dadurch war die geographische Lage der Stadt überaus profitabel – obgleich sie lediglich an der Peripherie der damals erschlossenen Handelswelt lag. Tatsächlich ist Troia für die mykenischen Griechen als der wichtigste Verbindungspunkt zum mittelmeerischen Handelsimperium zu sehen10, da die damalige Seefahrt nicht von der Hochseeschifffahrt bestimmt war sondern von der Küstenschifffahrt. Die Dardanellen als engste Verbindung zwischen dem europäischen Festland und Kleinasien müssen daher ein wichtiges Nadelöhr der Handelsverbindungen gewesen sein.

Dadurch steht die Stadt Troia für unermesslichen Reichtum, so wie auch Njörd eine Metapher für einen solchen ist. Tatsächlich steht Njörd jedoch für den sanften Wind11, bei dem die Seefahrt erst sicher wird; dieser sanfte Wind, der Südwind, ist jedoch nicht allzu profitabel für Troia, denn dann können die Schiffe ihren Weg durch die Dardanellen fortsetzen. Profitabel für die Stadt Troia ist vielmehr der Nordwind, der die Händler zwingt, vor Troia zu ankern.

Sehen wir uns Poseidon genauer an, der in der Ägäis beheimatet ist. Wie bereits erwähnt, ist er der Erbauer von Mauern, die unüberwindlich sind. Im 21. Gesang der Ilias lässt Homer Poseidon folgendes zu Apollon sagen: „Narr, ein dummes Herz hast du; und nicht einmal daran Denkst du, wie vieles Schlimme wir beide erlitten um Troja, Wir von den Göttern allein, als von Zeus gesendet wir kamen Und ein ganzes Jahr dem stolzen Laomedon dienten Um bedungenen Lohn; und er befahr und gab Weisung. Ja, da erbaute den Troern ich um die Stadt eine Mauer, Ausgedehnt und schön, eine unzerbrechliche Festung. […] Doch als die freudigen Horen es Lohnes Ziel heran führten, Da enthielt Laomedon vor uns beiden den ganzen Lohn, fort uns schickend mit drohenden Worten…“12.

Was erfahren wir aus dieser Quelle?

Zunächst erfahren wir, dass Poseidon vor Beginn des Trojanischen Krieges den Trojanern eine unzerbrechliche Mauer erbaute. Weiter wird berichtet, wie er nach getaner Arbeit nicht entlohnt sondern vertrieben wurde. Dies ist die Ursache für Poseidons Groll gegen Troia und die Trojaner. Poseidon grollt jedoch auch den Mykenern, die selbst eine Mauer errichten, ohne ihm, dem Gott des Festungsbaus, zu opfern.13 Aus diesem Grund entschließt er sich, der auch der Gott der Erdbeben, die auf der See aus ihren Ursprung haben, ist, sowohl die mykenische Mauer zu zerstören als auch die der Trojaner, die er selbst errichtet hat. Tatsächlich ereignete sich um das Jahr 1250 v. Chr. ein Erdbeben, bei dem sowohl Troja als auch Mykene zerstört wurden14. Meiner Vermutung nach handelte es sich hierbei um ein Seebeben, in dessen Folge Tsunamis beide Städte zerstört wurden.15 In Bezug auf Mykene heißt es im 12. Gesang der Ilias dazu: „Und der Erdenerschütterer selbst, in den Händen den Dreizack, ging voran und stieß von Grund auf heraus mit den Wogen Alles an Stämmen und Steinen, was mühsam gefügt die Achäer.“16

[...]


1 Nach der Schaffung des Menschen und Midgards als deren Wohnwelt.

2 Die Edda des Snorri Sturluson. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Arnulf Krause. Stuttgart 1997. SnE 9.

3 Hesoid: Theogonie. Übersetzt und herausgegeben von Otto Schönberger. Stuttgart 1999. 732-733.

4 Homer: Ilias. Übersetzung, Nachwort und Register von Roland Hampe. Stuttgart 1979. 21, 22-24.

5 Neben den Asen, zu denen die meisten nordischen Götter gehören, gibt es die Götterfamilie der Vanen, die aus lediglich drei Vertretern bestehen; neben Njörd sind dies dessen Kinder Freyr und Freya.

6 SnE Gylfaginning 23.

7 Bordas, Thierry: Die Mythologie der Kelten und Germanen. Augsburg 2004. S. 93.

8 Ebd.

9 Korfmann, Manfred O.: „Troia – Archäologie eines Siedlungshügels und seiner Landschaft.“ In: Korfmann, Manfred O. (Hrsg.): Troia – Archäologie eines Siedlungshügels und seiner Landschaft . Mainz 2006. S. 2.

10 Dessen Zentrum war das östliche Mittelmeergebiet mit dem Hethiterreich, Zypern, Assyrien, Babylonien, Mitanni, Palästina und Ägypten. (Nähere Informationen in: Damals 40, 10 2008 , Damals 33, 4 2001 sowie Marc van de Mieroop: The Eastern Mediterranean in the Age of Ramesses II. Malden, MA, and Oxford 2010.)

11 Vgl. die Formulierung „es ist damit der sanfte Gang leiser Winde gemeint“ in Elard Hugo Meyer: Mythologie der Germanen. Straßburg 1903. S. 363.

12 Homer: Ilias. 21, 441-452.

13 Homer: Ilias. 7, 446.

14 Vgl. dazu sowohl Korfmann, Manfred/ Mannsperger, Dietrich: Troia. Ein historischer Überblick und Rundgang. Stuttgart 1998. S. 38. als auch Schofield, Louise: Mykene. Geschichte und Mythos. Mainz 2009. S. 82-83. (im Zusammenhang mit der Erweiterung und Befestigung Mykenes um 1250 v. Chr.)

15 Homer: Ilias. 12, 17-23.

16 Homer: Ilias. 12, 27-29.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Poseidon und Njörd. Ein charakterlicher Vergleich der Meeresgötter und ihre Rolle im Troja-Mythos
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Nordeuropa-Institut)
Veranstaltung
Tutorium
Note
ohne
Autor
Jahr
2014
Seiten
9
Katalognummer
V306171
ISBN (eBook)
9783668044586
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Poseidon, Njörd, Troja, Erdbeben, Seebeben, Athen, Ägäis, Snorra-Edda, Snorri, Archäologie, Religion, pagan
Arbeit zitieren
Petra Rodloff (Autor), 2014, Poseidon und Njörd. Ein charakterlicher Vergleich der Meeresgötter und ihre Rolle im Troja-Mythos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306171

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