In dieser Arbeit wird die Frage gestellt, ob in Foucaults Darstellung des Phänomens Internierungspraxis in seinem Werk „Wahnsinn und Gesellschaft“ neben anthropologischen und kulturellen Aspekten auch ein Bildungsprogramm nachgewiesen werden kann, dem sich Geisteskranke unterziehen müssen, um den Wahnsinn zu „verdrängen“. Es wird versucht, vom Bildungskonzept des Philanthropismus Parallelen zu Foucaults Internierungspraxis aufzuweisen.
Die Arbeit konzentriert sich ausschließlich auf Foucaults Werk „Wahnsinn und Gesellschaft“. Dafür wird im zweiten Kapitel herausgearbeitet, was Foucault unter dem Begriff Wahnsinn versteht. Die Schwerpunkte werden auf die Eigenschaft des „Fehlens von Arbeit“, auf den Wahnsinn als Gegenpol zur Vernunft und auf die Geisteskrankheit gelegt.
Der Umgang mit dem Wahnsinn hat sich im Laufe der europäischen Geschichte verändert. Foucault hat einen kulturellen Prozess herausgestellt, der im Kapitel „Der Wahnsinn im geschichtlichen Abriss“ umrissen wird. Das vierte Kapitel versucht nun die dargelegten Überlegungen Foucaults mit einem Bildungskonzept in Verbindung zu bringen. Dabei wird sich zunächst allgemein mit dem Begriff Bildung auseinandergesetzt, um sich dann dem Bildungsbegriff im 18. Jahrhundert, in der Zeit der Internierungspraxis zu nähern. Dabei werden Parallelen zwischen der Psychiatrie im 18. Jahrhundert und dem Bildungskonzept des Philanthropismus herausgearbeitet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff Wahnsinn
2.1 Das Fehlen von Arbeit
2.2 Das Verhältnis von Vernunft und Wahnsinn
2.3 Die Geisteskrankheit
2.4 Bewusstseinsformen des Wahnsinns
3. Der Wahnsinn im geschichtlichen Abriss
3.1 Entwicklung der Internierungspraxis
3.2 Erklärungsmuster von Geisteskrankheiten
4. Der Bildungsprozess innerhalb der Internierungspraxis
4.1 Der Begriff Bildung
4.2 Bildung im Philanthropismus
4.3 Psychiatrie als Bildungsinstitution
5. Fazit
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob in Michel Foucaults Darstellung der Internierungspraxis von Geisteskranken im 18. und 19. Jahrhundert implizite Bildungsprogramme enthalten sind, und setzt diese in Beziehung zum philanthropischen Bildungskonzept der Aufklärung.
- Foucaults Analyse von Wahnsinn und Vernunft in der abendländischen Kultur
- Die historische Entwicklung der Internierungspraxis und ihre gesellschaftliche Funktion
- Vergleich der psychiatrischen Behandlung mit philanthropischen Bildungszielen
- Die Rolle von Arbeit und Nützlichkeit als normatives Instrument der Gesellschaft
Auszug aus dem Buch
3.1 Entwicklung der Internierungspraxis
Laut Foucault gab es einen Ursprungsort, an dem Wahnsinn und Vernunft noch nicht getrennt wurden (vgl. Foucault 1989, S. 8). Auch wurde der Wahnsinn ursprünglich nicht mit Krankheit in Verbindung gebracht. Diesen vorwissenschaftlichen Raum bezeichnet Foucault als Nullpunkt. Die ursprüngliche Wahrheit ist im Orient zu finden (vgl. ebd., S. 10). „[D]er Orient, den man sich als Ursprung denkt, als schwindeligen Punkt, an dem das Heimweh und die Versprechen auf Rückkehr entstehen, der Orient, der der kolonisatorischen Vernunft des Abendlandes angeboten wird, der jedoch unendlich unzugänglich bleibt, denn er bleibt stets die Grenze“ (ebd.). Es wird deutlich, dass Foucault eine Grenzlinie zwischen dem Abendland und dem Orient zieht. Die Vernunft versucht, sich zum Orient hin auszubreiten. Sie schafft es aber nicht, den Wahnsinn auch im Orient zurück zu treiben, da die Vormachtstellung der Vernunft nur charakteristisch für die westliche Welt ist. Der Orient hingegen bezieht sich auf andere Werte und Normen. Es ist nicht möglich, Foucaults Orient bestimmten Ländern zuzuweisen. Zum einen hat sich der Begriff des Orients im Laufe der Menschheitsgeschichte geändert und es wird nicht deutlich, auf welches Orientbild sich Foucault bezieht. Zum anderen definiert Foucault den Orient möglicherweise bewusst nicht, da er ihn als Idealfigur verwenden möchte.
Eine Trennung von Vernunft und Wahnsinn entstand nach Foucault bei den Griechen mittels der Sprache. Durch die Sprache werden Diskurse gebildet, welche eine Grenzlinie ziehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in Foucaults Werk ein und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der Parallelen zwischen Internierungspraxis und philanthropischen Bildungskonzepten.
2. Der Begriff Wahnsinn: Dieses Kapitel definiert Wahnsinn als kulturelles Phänomen, als Gegenpol zur Vernunft und als Zustand des Fehlens von Arbeit.
3. Der Wahnsinn im geschichtlichen Abriss: Es wird der Wandel der Internierungspraxis von der Antike bis zum 19. Jahrhundert sowie die Entstehung neuer Erklärungsmuster für Geisteskrankheiten analysiert.
4. Der Bildungsprozess innerhalb der Internierungspraxis: Dieser Abschnitt untersucht den Bildungsbegriff der Aufklärung und setzt ihn in direkten Bezug zur psychiatrischen Internierung als bildendes Instrument.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Psychiatrie als Bildungsinstitution fungierte, um Menschen auf den „Weg der Vernunft“ zu bringen und ihre gesellschaftliche Nützlichkeit sicherzustellen.
Schlüsselwörter
Wahnsinn, Vernunft, Foucault, Internierungspraxis, Philanthropismus, Bildung, Geisteskrankheit, Aufklärung, Utilitarismus, Gesellschaftsordnung, Unvernunft, Arbeit, Psychiatrie, Geschichte, Menschbild.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit Foucaults Werk „Wahnsinn und Gesellschaft“ und untersucht die Internierungspraxis als Instrument, das neben der Kontrolle auch erzieherische und bildende Funktionen gegenüber Geisteskranken ausübte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Konstruktion des Wahnsinns, die Trennung von Vernunft und Unvernunft sowie die Verknüpfung von psychiatrischer Inhaftierung mit den Bildungsidealen der Aufklärung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu prüfen, ob die Internierungspraxis im 18. und 19. Jahrhundert als ein Bildungsprogramm verstanden werden kann, das darauf abzielte, den Geisteskranken zur Vernunft und zur gesellschaftlichen Nützlichkeit zu führen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Textanalyse von Foucaults „Wahnsinn und Gesellschaft“ sowie einer vergleichenden Literaturstudie zum philanthropischen Bildungskonzept jener Zeit.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Foucaults Definitionen von Wahnsinn, zeichnet die historische Entwicklung der Internierung nach und vergleicht das psychiatrische Vorgehen mit den pädagogischen Forderungen der Philanthropen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Wahnsinn, Vernunft, Internierungspraxis, Philanthropismus und Bildung maßgeblich charakterisiert.
Warum spielt die Kategorie „Fehlen von Arbeit“ eine so große Rolle für Foucault?
Für Foucault ist „Fehlen von Arbeit“ das konstitutive Merkmal, an dem die abendländische Kultur den Wahnsinn als Gegenpol zur nützlichen Vernunft identifiziert und begründet.
Wie unterscheidet Foucault das Leben in der Anstalt vor und nach Pinel?
Während die frühe Internierung rein repressiv war, wandelte sich das Bild unter Pinel hin zum Patienten, der zwar aus den Ketten befreit wurde, aber nun unter die Disziplinierung und Deutungsmacht des Arztes geriet.
Welche Funktion hat die Psychiatrie als Bildungsinstitution laut Autorin?
Die Psychiatrie dient dazu, durch Beobachtung und Klassifikation das als anormal geltende Verhalten zu unterdrücken und den Menschen wieder in die gesellschaftlich geforderte Ordnung der Vernunft einzugliedern.
- Citation du texte
- Nancy Reichel (Auteur), 2014, Der philanthropische Bildungsbegriff und die Psychiatrie des 18. Jahrhunderts. Michel Foucaults „Wahnsinn und Gesellschaft“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306193