Individualisierung im ländlichen Pakistan

Der Einfluss der Urbanisierung auf Individualisierungsprozesse innerhalb pakistanischer Familien


Hausarbeit, 2015
13 Seiten, Note: 2,2

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Urbanisierung innerhalb der Modernisierung

3 Individualisierung

4 Familienstrukturen im ländlichen Raum

5 Einflüsse von Urbanisierung auf Familienstrukturen

6 Abschließende Betrachtung

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In einer Vergleichsstudie wurde festgestellt, dass in Pakistan in den 1990er Jahren die meisten Haushalte in ganz Südasien1 bestanden (74,2 Prozent) und diese aus fünf oder mehr Mitgliedern. Diese Zahl hat sich durchschnittlich kaum verändert, da eine Frau im Schnitt 3,26 Kinder2 bekommt. Und auch heute sind die Bünde zwischen den einzelnen Familienmitgliedern noch sehr eng, sogar wenn ein Teil der Familie ausgewandert ist (Vgl. Wilk 2013:11). Es lassen sich über die letzten Jahre hinweg auch einige wirtschaftliche Veränderungen feststellen, die unter anderem dazu geführt haben, dass viele Familien vom Land in die Städte gezogen sind, um ihre Großfamilien ernähren zu können. Allein diese Aufspaltungen innerhalb der Stadt kann die Dynamik innerhalb der Familie stören und stellt nur einen von vielen Faktoren dar, die die Aushandlungen von Konflikten innerhalb der Familie bedingen. Dieser Faktor der Urbanisierung und die damit einhergehende Individualisierung hat die Grenzen der Stadt längst überschritten und macht sich auch in den ländlichen Gebieten Pakistans bemerkbar und beeinflusst dort ebenfalls die Familienstrukturen, die vor allem durch die sogenannten Austauschehen versucht werden abzuschwächen. Durch welche Elemente der durch die Modernisierung herbeigeführten Urbanisierung die Individualisierung der Familienmitglieder in der ländlichen Bevölkerung Pakistans außerdem beeinflusst oder gehemmt wird soll nun in den weiteren Kapiteln untersucht werden. Dazu werden zuerst die entscheidenden Momente der Urbanisierung, genauso wie die Individualisierungsthese nach Beck genauer erläutert und im Gegensatz dazu außerdem die Familienstrukturen und Heiratsmuster dargestellt. Im letzten inhaltlichen Kapitel werden diese beiden zusammengeführt, um die Fragestellung beantworten und einen Ausblick geben zu können.

2 Urbanisierung innerhalb der Modernisierung

Bereits Parsons und Smelser haben im Jahre 1969 erkannt, dass ”modernization is a complex process that influences the whole society and changes its norms, values and belief systems especially in rural areas” (Ibrahim et al. 2014:272). Viele Faktoren spielen bei diesem komplexen Prozess eine wesentliche Rolle, wie es beispielsweise Cowgill3 definiert hat: “Modernization is the transformation of a total society from a relatively rural way of life based on animate power, limited technology, relatively undifferentiated institutions, parochial and traditional outlook and values, toward a predominantly urban way of life based on inanimate sources of power, highly developed scientific technology, highly differentiated institutions matched by segmented individual roles, and a cosmopolitan outlook which emphasizes efficiency and progress. ” Die in dieser Arbeit wichtig zu betrachtenden Punkte sind zum einen die Veränderung vom ländlichen Lebensstil hin zum urbanen und die damit einhergehenden veränderten Rollen der einzelnen Individuen. Modernisierung ist vor allem geprägt von ökonomischen Wachstum beziehungsweise Industrialisierung. Dementsprechend verringert sich der Anteil der in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung, während der Anteil der in der Industrie arbeitenden Bevölkerung weiter zunimmt. Somit steigt der Anteil der urbanen Einwohnerschaft jährlich um rund 3,45 Prozent, jedoch steigt der Anteil der ländlichen Einwohnerschaft lediglich um 2,24 Prozent (Vgl. Qadeer 1999: 1196). Oftmals wird Modernisierung auch mit dem Begriff der “Westernization“ gleichgesetzt (ebd.:1194), sodass die logische Konsequenz wäre, dass Dritte Welt Länder nicht nur ihre Ökonomie an die der westlichen, industrialisierten Länder anpassen, sondern sich auch an deren Werten, Normen und Lebensstilen orientieren. Dies könnte sich jedoch im Falle Pakistans als Trugschluss erweisen und soll in den kommenden Kapiteln genauer analysiert werden.

Festzustellen ist jedenfalls, dass durch die Urbanisierung, sich die Bevölkerungsdichte in einigen Gebieten enorm erhöht. Während der Landbesitz einer ganzen Familie oder einem ganzen Klan gehörte, wird (ländlicher) Besitz in urbanen Gegenden eben aufgrund dieser hohen Bevölkerungsdichte eher einzelnen Individuen zugeschrieben (Vgl. ebd.:1197).

Dementsprechend entsteht ein größerer Konkurrenzdruck zwischen einzelnen Individuen um das jeweilige Land. Dies bezieht sich vor allem auch auf Wohnraum, der in urbanen Gebieten sehr begrenzt ist. Daraus resultiert eben dieses Phänomen, dass das Zusammenleben eines ganzen Klans im urbanen Raum nur noch schwer zu realisieren ist und die Tendenz zum Zusammenleben mit den Direktverwandten und nicht auch mit beispielsweise dem angeheirateten Teil der Familie steigt. Durch beschriebene und in den folgenden Kapiteln weiter ausgeführten sozialen Veränderungen durch Urbanisierung, kann man diese selbst nicht nur als räumliches Phänomen betrachten, sondern eben auch als den “urban way of life“ wie ihn Quadeer beschreibt, der sich über das ganze Land erkennbar macht (Vgl. ebd.: 1199). Die ländliche Bevölkerung ist die pakistanische Minorität und wird wohl in den kommenden Jahren weiter schrumpfen, da der städtische Einfluss auf das ländliche Gebiet des Landes sehr stark ist, wie sich in den folgenden Kapiteln feststellen lässt. Da die starke Bevölkerungsdichte weiterhin auch ausschlaggebend für die Allokation von Gütern ist, besteht die Notwendigkeit einer Kollektivierung vieler Güter und Dienstleistungen, die in ländlichen Gebieten hingegen privat und innerhalb der Familie verwaltet werden. Aufgrund dieser Tatsache ist es erforderlich Institutionen und Organisationen zu entwickeln, die den städtischen Lebensweisen angepasst sind (Vgl. ebd.: 1200). Innerhalb der ländlichen Familie beziehungsweise innerhalb des ländlichen Klans besteht diese Notwendigkeit noch nicht, weil die Allokation von Gütern lediglich innerhalb desselbigen stattfindet und hier eine familiäre Hierarchie besteht (Vgl. Wilk 2013:12). Wer innerhalb dieser Hierarchie eine niedere Stellung einnimmt, bekommt Güter zugewiesen und kann nicht selbst darüber bestimmen, denn das Gut gehört dem Kollektiv. Wie ein Individuum aus dieser äußerst patriarchalen Rangordnung ausbrechen und selbstbestimmt leben kann, wird im folgenden Kapitel vor allem mit der Individualisierungsthese nach Beck beschrieben.

[...]


1 Hierzu zählen: Bangladesch, Bhutan, Indien, Malediven, Nepal, Pakistan, Sri Lanka, Afghanistan, Myanmar und Tibet. Siehe: Jiloha R.C.: Impact of Modernization on Family and Mental Health in South Asia. In: DELHI PSYCHIATRY JOURNAL (Vol. 12 No.1), 2009.

2 Diese Daten stammen aus dem Jahre 2012. Siehe: Statistisches Bundesamt, https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/LaenderRegionen/Internationales/Land/Asien/Pakist an.html

3 Cowgill zitiert in “Modernization and the Status of the frail elderly; Perspective on continuity and change” von Barbara Logue in J J Cross-cultural Gerontol 1990; 5: 345 - 347.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Individualisierung im ländlichen Pakistan
Untertitel
Der Einfluss der Urbanisierung auf Individualisierungsprozesse innerhalb pakistanischer Familien
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Individuum und Kollektiv im Nahen und Mittleren Osten
Note
2,2
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V306337
ISBN (eBook)
9783668043534
ISBN (Buch)
9783668043541
Dateigröße
700 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Urbanisierung, Individualisierung, Individualisierungsprozesse, ländlicher Raum, Ulrich Beck, watta satta, pakistan, familienstruktur
Arbeit zitieren
B.A. Lena Müller (Autor), 2015, Individualisierung im ländlichen Pakistan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306337

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