John Widdup Berry und Akkulturation


Hausarbeit, 2012
25 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung: Zweck und Aufbau

2. John W. Berry und sein Leben als Pluralist
2.1. Persönlicher Werdegang
2.2. Sozialer, kultureller und historischer Kontext
2.3. Werte und Überzeugungen

3. Wissenschaftliche Leistung
3.1. Die „Cross-Cultural Psychology“
3.1.1. Definition und Konzept
3.2. Akkulturation
3.2.1. Definition und Konzept
3.2.2. Modell der Akkulturation
3.2.3. Orientierungen der Akkulturation
3.2.4. Feldstudie am Beispiel der Inuit und Temne (1966/1967)

4. Bedeutung der „Akkulturation“ für die Interkulturalitätsforschung
4.1. Zusammenarbeit mit weiteren Interkulturalisten
4.2. Kritische Würdigung der Arbeit
4.3. Berrys wissenschaftliche Arbeit im Gesamtkontext der Interkulturalitätsforschung
4.3.1. Kulturbegriff und Zusammenhang von Kultur und Psychologie
4.3.2. Kulturkontakt

5. Parallelen zwischen Biographie und wissenschaftlicher Leistung

6. Literaturverzeichnis

1.Einleitung: Zweck und Aufbau

Das Feld an Interkulturalisten in den verschiedenen Ländern der Kontinente ist breit aufgestellt und repräsentiert die einzelnen Disziplinen der Wissenschaft. John W. Berry, der das Zusammenwirken von Kultur und Psychologie untersucht, ist kein Pionier auf diesem Gebiet. Umso interessanter ist seine persönliche Verbundenheit mit dem Thema Interkulturalität und ihrem Auftreten in der Gesellschaft, das Berry über Jahre hinweg in seinem Leben in Kanada hautnah beobachten konnte. In dieser Arbeit soll nicht nur die wissenschaftliche Arbeit Berrys im Fokus stehen, sondern auch das persönliche und interkulturelle Umfeld, in das Berrys Forschungsarbeit eingebettet ist. Neben seinem persönlichen Werdegang und den eigenen Werten und Überzeugungen wird aufgezeigt, inwiefern seine Erfahrungen der Jugend in der Arktis einen immensen Einfluss auf seine Arbeit als Psychologe und Interkulturalist nehmen. Dies wird beispielhaft an seiner Studie über die Inuit und Temne dokumentiert.

Sinn und Zweck dieser Arbeit ist weiterhin die Einordnung von Berrys wissenschaftlicher Leistung in den Gesamtkontext der Interkulturalitätsforschung. Neben Berry haben sich auch namhafte internationale Interkulturalisten wie Thomas oder Triandis eingehend mit den Begriffen Kultur und Psychologie auseinandergesetzt, allerdings kamen die diversen Forscher im Rahmen der unterschiedlichen Disziplinen und Forschungsschwerpunkte zwangsweise zu anderen Ergebnissen und Erkenntnissen. Eine der zentralen Fragestellungen wird hierbei sein, inwiefern die einzelnen Interkulturalisten die Komponente der Psychologie in ihre Arbeit gänzlich oder nur teils integrieren. Des Weiteren untersucht werden soll der Kontakt der Kulturen, allem voran in der Interkulturalisätsforschung von Größen wie Bernd Müller-Jacquier, Alexander Thomas oder Milton Bennett. Nicht nur die zentralen Gemeinsamkeiten sind hierbei Teil der Untersuchung, auch ansatzweise Überschneidungen in den unterschiedlichen Interkulturalitätstheorien werden berücksichtigt.

Neben der Präsentation von Berrys Akkulturationstheorie und den damit verbundenen Orientierungen der Integration, Assimilation, Separation und Marginalisierung, kommt im Rahmen dieser Arbeit auch die Kritik an den „Berry boxes“ zur Sprache. Diesem Kritikpunkt steht die kritische Würdigung an Berrys wissenschaftlicher Leistung gegenüber, die im Gegensatz zu den Negativpunkten positive Aspekte, wie die Berücksichtigung des Emic- und Etic Ansatzes, in Berrys Arbeit hervorhebt.

2. John W. Berry und sein Leben als Pluralist

Für das Verständnis von Berrys Auffassung von Interkulturalität und Cross-Cultural Psychology ist es wichtig, sich näher mit dem persönlichen Werdegang, dem Umfeld, in dem er aufgewachsen ist, sowie seinen Werten und Überzeugungen auseinanderzusetzen. Dies soll im Folgenden geschehen.

2.1. Persönlicher Werdegang

John Widdup Berry wurde am 20. Mai 1939 in Kanada als Sohn von William Macfarlane und Hariett Evelyn geboren. Aufgewachsen ist er in Montreal, Québec, wo er ab 1956 die West Mount Highschool besuchte. 1963 schloss Berry das Psychologiestudium an der Sir George Williams University ab, das sich ihm zufolge zur Hälfte aus Psychologiekursen und zur anderen aus Soziologie-, Anthropologie- und Biologiekursen zusammensetzte. Sein Psychologieprofessor blieb während dieser drei Jahre Professor James W. Bridges, der seinen Doktorgrad Ph.D. zusammen mit Hugo Munsterberg an der Harvard University erhielt. Bridges war neben seiner Tätigkeit als Psychologe auch Anthropologe, der auf dem Forschungsgebiet der Psychologie eng mit dem kanadischen Psychologen Otto Kinderberg zusammenarbeitete. Die strikte Trennung der beiden Disziplinen Psychologie und Anthropologie hatte Berry während seinem Studium nicht als besonders praktisch angesehen. Eine Zusammenführung schien ihm zu diesem Zeitpunkt bereits als sinnvoll (vgl. Berry 2011).

Drei Jahre später, im Jahr 1966, promovierte Berry an der University of Edinburgh. Diese Universität suchte er sich insbesondere wegen der langjährigen Involvierung in die zwei Forschungsgebiete Arktis und Afrika aus. In Edinburgh erforschte Berry unter seinem Doktorvater James Drever die sensorischen und wahrnehmenden Fähigkeiten der Bevölkerungsgruppen Temne in Sierra Leone und Inuit in der kanadischen Arktis und verglich diese anschließend miteinander (vgl. Bond 1997). Die daraus hervorgehende Forschungsarbeit wird in Kapitel 3.2.4. näher betrachtet.

In den Jahren 1966 bis 1969 hielt John Berry mehrere Vorlesungen an der University of Sydney, bis er 1969 schließlich für drei Jahre an die Queens University berufen wurde, um dort als Assistenzprofessor zu unterrichten und zu forschen. In den Jahren darauf reiste Berry in die unterschiedlichsten Länder der Welt und lehrte als Gastdozent, u.a. an der Universität in Nizza (1979/80) und der Universität von Bergen (1986/87).

Seit 1999 ist der Interkulturalist emeritierter Professor an der Queens University. Diese Tätigkeit übt Berry neben seinem großen Engagement in zahlreichen Vereinigungen noch bis heute aus. Schon seit 1974 ist Berry aktives Mitglied der Interamerican Society of Psychology, eine Gesellschaft die neben Kanada auch die US-amerikanischen Staaten mit einschließt. Zu seiner Mitgliedschaft in den diversen Vereinigungen zählt auch die International Association of Applied Psychology, der er seit 1999 angehört (vgl. Canadian Who´s Who).

2.2. Sozialer, kultureller und historischer Kontext

Als kanadischer Bürger bekam es Berry schnell zu spüren, was es bedeutet, mitten in einer Kultur aus Kanadiern und Immigranten aufzuwachsen. Der Kontakt mit Interkulturalität stellte sich bei Berry schon in den frühen Jahren ein, schließlich wuchs er in einer englischsprachigen Familie auf, die wiederrum in einer französischsprachigen Stadt in Quebec, nahe einem Mohawk-Indianerreservat, lebte. Dies bildete den Rahmen für seine interkulturelle Welt. Hinzu kam, dass Berry in seiner Jugendzeit als Seemann für die Handelsmarine arbeitete. Diese Arbeit war verbunden mit längeren Aufenthalten in der kanadischen Arktis, an den afrikanischen Küsten und im indischen Ozean. Die dort gesammelten, unterschiedlichen Erfahrungen nahmen einen besonderen Stellenwert in Berrys späterem Forschungsgebiet der „Cross-Cultural Psychology“ ein, wie seine Arbeit in den Folgejahren zeigen wird. Später, in den 1960er Jahren, traf Berry in seinen Teilzeitjobs tagtäglich auf Immigranten, die mit ihm zusammen in kanadischen Fabriken arbeiteten. Berry verdiente sich tagsüber sein Geld durch diverse Jobs, beispielsweise als Assistent des Produktionsmanagements. Im Gegensatz zu der Mehrheit seiner Kollegen ist Berry jedoch kein Immigrant, sondern kanadischer Staatsbürger (vgl. Bond 1997).

Einfluss auf seine Arbeit als Psychologe nahmen in seinem Leben nicht viele Personen aus seinem sozialen Umfeld der Jugend- und Studienzeit, wie Berry auf Nachfrage Auskunft gibt. Lediglich sein Psychologieprofessor James W. Bridges, der in Kapitel 2.1. aufgeführt wurde, könne als Person mit einer gewissen Einflussnahme auf ihn zu diesen Personen zählen.

2.3. Werte und Überzeugungen

Berry bezeichnet sich als Pluralist. Somit vertritt er die Theorie des Pluralismus, die davon ausgeht, dass alle Individuen der Gesellschaft die gleichen Partizipationsmöglichkeiten erhalten und auch ethnische Minoritäten gezielt gefördert werden. Radikale Pluralismustheorien fordern zudem eine größere Verteilungsgerechtigkeit und eine Annäherung an effektive Gleichheit politischer Ressourcen (vgl. web1).

Laut Berry sind Gesellschaften, in denen Gruppen und Individuen zusammenleben und dennoch ihre Herkunftskultur bewahren, als kulturell pluralistische Gesellschaft zu bezeichnen und verkörpern die multikulturelle Vision Kanadas (vgl. Berry 2011). Diese Vision teilt auch Berry, indem er die Bewegungsfreiheit von Immigranten und Flüchtlingen unterstützt und befürwortet.

Das 1971 weiterentwickelte politische Vorgehen Kanadas dient Berry hierfür als maßgeblicher Schritt in Richtung multikulturelle Gesellschaft:

““A policy of multiculturalism within a bilingual framework…. (is) the most suitable means of assuring the cultural freedom of all Canadians. Such a policy should help to break down discriminatory attitudes and cultural jealousies. National unity, if it is to mean anything in the deeply personal sense, must be founded on confidence on ones own individual identity; out of this can grow respect for that of others, and a willingness to share ideas, attitudes and assumptions…. The Government will support and encourage the various cultural and ethnic groups that give structure and vitality to our society. They will be encouraged to share their cultural expression and values with other Canadians and so contribute to a richer life for all””. Government of Canada (1971)

Zusammen mit der kürzlich erschienen Verkündigung der kanadischen föderalen Regierung „Integration is a two-way process, requiring adjustment on the part of both newcomers and host communities […]. “ (Berry 2011) glaubt Berry an eine Balance zwischen beiden Komponenten innerhalb einer Gesellschaft. Dies sollte den einzelnen Gruppen und Individuen einen Platz in ihrer Herkunftskultur sichern und einen weiteren in der größeren Gesellschaft.

3. Wissenschaftliche Leistung

Im Rahmen seiner Interkulturalitätsforschung befasst sich John W. Berry im Wesentlichen mit der „Cross-Cultural Psychology“, einer Symbiose aus Kultur und Psychologie. Die Akkulturation als Folge des psychologischen und kulturellen Wandels ist Teil dieser wissenschaftlichen Forschung und wird in Zusammenarbeit mit weiteren Kollegen in Büchern wie „The Cambridge handbook of acculturation psychology“ (2006) näher untersucht.

Im Anschluss hieran wird ausgehend von der Cross-Cultural Psychology die wissenschaftliche Leistung Berrys eingehender betrachtet. Das Psychologiestudium Berrys nahm maßgeblichen Einfluss auf seine Arbeit und wurde schließlich durch den ständigen Kontakt mit Immigranten sowie durch diverse Auslandsaufenthalte um die interkulturelle Komponente erweitert.

3.1. Die „Cross-Cultural Psychology“

3.1.1. Definition und Konzept

Die Tatsache, dass Kultur und Psychologie eng miteinander verwoben sind, erkannte im 19. Jahrhundert bereits der Franzose Comte. In seinem umfassenden Werk aus 6 Bänden „Cours de philosophie positive“ (1830-1842) versuchte er diese Verbindung näher aufzuschlüsseln. Die Geschichte der „Cross-Cultural Psychology“ reicht somit weit zurück und steht unmittelbar mit namhaften Pionieren wie Francis Galton oder William Halse Rivers in Verbindung (vgl. Berry / Poortinga / Pandey 1997).

Das damalige Bild von Kultur und Psychologie hat sich im Laufe der Zeit allerdings verändert, sodass der Begriff „Kultur“ heute weniger statisch, jedoch mehr dynamisch und gestalterisch verstanden wird (vgl. Berry / Poortinga / Pandey 1997).

In seiner Arbeit folgt Berry den Spuren Darwins und geht der Beziehung zwischen der Entwicklung und dem Ausdruck des menschlichen Verhaltens näher auf den Grund. Der kulturelle Kontext, in dem sich diese abspielen, spielt hierbei eine ebenso wichtige Rolle in seiner Forschung. Grundsätzlich ist die „Cross-Cultural Psychology“ als Schlüssel zum Verständnis des Verhaltens von Individuen zu verstehen, die durch ihre vielzähligen kulturellen Erfahrungen geprägt sind (vgl. Berry 2011). Berry widmet sich im Speziellen jedoch vorrangig der ökokulturellen Forschung, indem er die Abhängigkeit von Kultur und Psyche untersucht. Die These, Kultur sei eine interdependente Variable, bekräftigt Berry ebenso sehr wie die der Kultur als orgastische Variable. Somit beruft er sich auf Kroeber (1917) und dessen Theorie der „superorganischen Kultur“ im Sinne von „super“ gleich oben bzw. unten und „organisch“ gleich individuelle biologische und psychologische Basis (vgl. Van de Vijer / Chasiotis / Breugelmans 2011).

Für Berry steht während seiner gesamten Forschung die Kultur an erster und die Psychologie an zweiter Stelle. Demnach ist es wichtig, zuerst den kulturellen und ökokulturellen Rahmen zu verstehen, um anschließend psychologische Forschung zu betreiben. Die Grundlage für Berrys Forschung orientiert sich an der qualitativ-wissenschaftlichen Methode, mittels der Daten durch Beobachtungen, Bewertungen und Experimente erhoben werden (vgl. Bond 1997).

Im Laufe der Jahre wich der Fokus allerdings weg von den Unterschieden zwischen den kulturellen Gruppen und die Forscher, u.a. auch Berry, konzentrierten sich nun auf die Gemeinsamkeiten unter ihnen. Die Annahme, Gruppen und Individuen verfügen über ein Repertoire an Universalen, führt John Berry zu den kulturellen und psychologischen Charakteristika, die in jeder Gesellschaft verankert sind. Zu den drei Charakteristika, die maßgeblichen Bestandteil am psychologischen Leben haben, zählen der Prozess, die Kompetenz und die Performance. Die Auswahl der drei Universale erklärt Berry hierdurch: bereits mit der Geburt wird jedem einzelnen Kind ein Set an grundlegenden psychologischen Prozessen oder Fähigkeiten bereitgestellt. Die kulturellen Erfahrungen in den darauffolgenden Jahren formen dieses anfängliche gemeinsame Repertoire und bringen unterschiedliches Verhalten (Kompetenz) hervor. In unterschiedlichen Kulturen und Umgebungen führen diese wiederrum zu den unterschiedlichen Äußerungen (Performance) der Individuen (vgl. Berry 2011).

3.2. Akkulturation

3.2.1. Definition und Konzept

Akkulturation bezeichnet den dualen Prozess der kulturellen und psychologischen Veränderungen, die sich als Resultat des Kontakts zwischen zwei oder mehreren kulturellen Gruppen und ihren individuellen Mitgliedern ergeben. Die Arten des Kontakts sowie die Veränderungen finden aufgrund verschiedener Ereignisse, wie zum Beispiel Kolonisation, Migration oder militärisches Eingreifen statt und nehmen zum Teil mehrere Generationen oder Jahrhunderte in Anspruch (vgl. Berry 2005).

Graves Unterscheidung zwischen den beiden Leveln der Akkulturation („Kollektives Phänomen“ oder „Psychologische Akkulturation“) befindet Berry in dem Kontext als überaus wichtig, schließlich erlaubt sie, systematisch die Beziehung zwischen Kultur und Verhalten zu untersuchen (vgl. Bond 1997). Während bei dem Kollektiven Phänomen die Veränderungen in der Kultur der Gruppe stattfinden, spielen sich bei der Psychologischen Akkulturation die Veränderungen lediglich in der Psyche des Individuums ab, das an einer kulturellen Situation teilnimmt. Graves geht zudem davon aus, dass Individuen durch die externe Kultur in gleichem Maße beeinflusst werden, wie sie es durch die verändernde Kultur werden, der das Individuum als Mitglied angehört (vgl. Berry / Sam 2006).

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
John Widdup Berry und Akkulturation
Hochschule
Universität Passau
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
25
Katalognummer
V306344
ISBN (eBook)
9783668048683
ISBN (Buch)
9783668048690
Dateigröße
959 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
John W. Berry, Biographie, wissenschaftliche Arbeit, Würdigung
Arbeit zitieren
Christina Drechsel (Autor), 2012, John Widdup Berry und Akkulturation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306344

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