Es sollen in dieser Arbeit Brüche, Risse, Irritationen, also ‚Leerstellen’ in Adalbert Stifters Nachsommer untersucht werden, welche die erzählte Welt durchziehen. Sie geben Aufschluss darüber, was im Sumpf von Leidenschaft und Tod, über welchem die Nachsommer-Welt ihre wackeligen Pfähle baut, versenkt worden ist.
Adalbert Stifters Nachsommer ist todlangweilig. Das, was gemeinhin als langweilige Erzählweise empfunden wird – Armut an konfliktreicher Handlung, spröde Dialoge, ‚aufgesetzte’ Sprache, endlose Landschaftsbeschreibungen – das findet sich im Nachsommer wieder und wird hier bewusst eingesetzt, um etwas zu schaffen, das vielleicht nicht als langweilig, wohl aber als spannungsarm und ‚kurzweilig’ intendiert ist. Es sind die analysierten Leerstellen, die dem Werk seine anhaltende Aktualität verleihen und sie sind es auch, die uns für die Langeweile ‚entschädigen’.
Ich möchte also zunächst versuchen, im Folgenden eine Sammlung und Analyse dieser Leerstellen zu unternehmen. Von dort ausgehend wird kurz auf den Lebensrückblick Risachs und dessen außerordentliche Rolle innerhalb der Erzählung einzugehen sein, um dann zum Schluss die Frage zu stellen, was von der idyllischen Konstruktion eigentlich bleibt am Ende der Erzählung, oder: Was kommt nach dem Nachsommer?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Tod steckt im Detail: Irritationen und ‚Leerstellen’ im Nachsommer-Idyll
2.1 Die äußere Welt: Gesellschaft und Natur
2.2 Die Kunst und die innere Welt der Leidenschaft
2.3 Tote Handlung, tote Sprache – Harmonisierungsstrategien
3 Gegenentwurf zum Gegenentwurf: Risachs Leben
4 Zum Schluss: Was bleibt am Ende des Nachsommers
5 Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die verdeckten Spannungsfelder in Adalbert Stifters Roman "Nachsommer", indem sie die als "idyllisch" beschriebene Welt kritisch hinterfragt. Das primäre Ziel ist es, die systematische Unterdrückung von Leidenschaft, Tod und Chaos durch Harmonisierungsstrategien aufzudecken, um die literarische Bedeutung dieser "Leerstellen" zu verdeutlichen.
- Analyse von Harmonisierungsstrategien und Ordnungsstrukturen im Rosenhaus.
- Untersuchung der Rolle von Leidenschaft und Tod als verdrängte Triebfedern.
- Deutung der gesellschaftlichen und natürlichen Isolation der Figuren.
- Kontrastierung des Risach-Lebensrückblicks mit dem restlichen Erzählfluss.
- Dekonstruktion des Idyll-Begriffs im Kontext von Stifters Biedermeier-Roman.
Auszug aus dem Buch
2 Der Tod steckt im Detail: Irritationen und ‚Leerstellen’ im Nachsommer-Idyll
„Einfachheit, Halt und Bedeutung” (679) sind die programmatischen Schlussworte des Nachsommers und die Wegpfeiler zu diesem „größere[n] Glück” (679), wie es Stifter durch seinen Ich-Erzähler, Heinrich Drendorf, propagiert. Welche Eigenheiten muss nun eine Welt aufweisen und welche Maßnahmen müssen innerhalb dieser Welt getroffen werden, um die Grundlagen zu schaffen für dieses „reine Familienleben, wie es Risach verlangt” (679)? Denn die Familie und die Liebe – freilich „gereinigt von jeder Leidenschaft, von jedem erotischen Affekt, von jedem körperlichen Verlangen” (MATZ 2005: 28) – sind es, welche die oben genannten biedermeierlichen Maximen garantieren sollen.
Es muss eine sterile, abgeschlossene Welt sein. Alle Handlungen müssen dahingehend orientiert sein, dass alles so bleibe, wie es ist; das heißt, sobald ein Idealzustand erreicht ist, darf Handlung nur noch in der exakten Wiederholung ihrer selbst stattfinden, da sich sonst Veränderungen und damit Konflikte einstellen können, welche die Welt ins Ungleichgewicht bringen würden. So funktioniert das Nachsommer-Idyll, wie vielerorts besprochen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung etabliert die These, dass Stifters vermeintlich langweilige Erzählweise ein bewusstes Mittel ist, um ein spannungsarmes, aber hochgradig kontrolliertes Idyll zu schaffen.
2 Der Tod steckt im Detail: Irritationen und ‚Leerstellen’ im Nachsommer-Idyll: Dieses Kapitel analysiert, wie die "reine" Rosenhaus-Welt durch die systematische Verbannung von Leidenschaft und Tod aufrechterhalten wird.
2.1 Die äußere Welt: Gesellschaft und Natur: Hier wird untersucht, wie soziale Isolation und eine strenge Lenkung der Natur als Bollwerk gegen den Zeitgeist und das Chaos dienen.
2.2 Die Kunst und die innere Welt der Leidenschaft: Dieses Kapitel beleuchtet das Kunstverständnis und die Rolle der Kunstschaffenden als Schnittstelle, an der unbewusste Leidenschaften hervorbrechen können.
2.3 Tote Handlung, tote Sprache – Harmonisierungsstrategien: Es werden die erzähltechnischen Methoden wie Entschleunigung und Ritualisierung dargelegt, die das Idyll nach außen hin stabilisieren.
3 Gegenentwurf zum Gegenentwurf: Risachs Leben: Das Kapitel analysiert den Lebensrückblick Risachs als spannungsreiche Binnenerzählung, die nachträglich die Leerstellen und Beweggründe des gesamten Romans offenbart.
4 Zum Schluss: Was bleibt am Ende des Nachsommers: Die Schlussbetrachtung resümiert, dass die "Idylle" von Grund auf brüchig ist und gerade in ihren Leerstellen ihre anhaltende literarische Aktualität findet.
5 Bibliographie: Ein Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Sekundärliteratur zur Analyse von Stifters Werk.
Schlüsselwörter
Adalbert Stifter, Nachsommer, Biedermeier, Idyll, Leidenschaft, Leerstellen, Harmonisierungsstrategien, Rosenhaus, Risach, Vergänglichkeit, Dekonstruktion, Literaturanalyse, Ordnungssystem, erzählerische Entschleunigung, Tod.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Adalbert Stifters "Nachsommer" unter dem Aspekt, wie der Autor durch spezifische erzählerische Strategien versucht, eine Welt zu konstruieren, die frei von Leidenschaft, Tod und Chaos ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Unterdrückung von Leidenschaft, die Funktion des Idylls als Schutzraum, die Bedeutung von Ritualen und die kritische Auseinandersetzung mit der biedermeierlichen Weltanschauung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die "Risse" und "Leerstellen" im Text freizulegen, um zu zeigen, dass die vermeintlich heile Welt des Romans eigentlich auf verdrängten Ängsten und existenzieller Not basiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text auf erzähltechnische Muster wie Entschleunigung, Auslassungen und Metaphorik hin untersucht und diese durch Sekundärliteratur stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Rosenhaus-Welt, die Rolle der Naturbeherrschung, das Kunstverständnis der Figuren und wie die Erzählung versucht, Konflikte durch "tote Sprache" und Handlungslosigkeit zu kaschieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie "Idyll", "Leerstellen", "Harmonisierungsstrategien", "Leidenschaft" und "Dekonstruktion" charakterisiert.
Warum ist die Rosenhaus-Welt als "sterile" Welt beschrieben?
Die Rosenhaus-Welt ist steril, weil alle Handlungen auf die exakte Wiederholung eines Idealzustands ausgerichtet sind, wodurch jede spontane oder konfliktbehaftete menschliche Äußerung unterbunden wird.
Welche Rolle spielt die Rosenzucht für die Interpretation des Autors?
Die Rosenzucht wird als sadomasochistisches Ritual interpretiert, in dem die Figuren ihre verdrängten Gefühle von Schmerz und unerfülltem Liebesglück in eine gereinigte, ästhetisierte Form übertragen.
Was sagt die Arbeit über das Ende des Romans aus?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Idylle am Ende in sich zusammenbricht, da die Figuren den kommenden Herausforderungen des Lebens ohne die "lenkende Hand" des Freiherrn von Risach kaum gewachsen sind.
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- Alexander Bauerkämper (Author), 2012, Brüchiges Idyll, Leidenschaft und Tod in Adalbert Stifters "Nachsommer", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306372