Die spanische Jugendsprache. Definition und Analyse einer Varietät


Seminararbeit, 2009

17 Seiten, Note: 2,3

Alexander Bauerkämper (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Identifikation durch Sprache, Marginalisierung als Modeerscheinung
2.1 Was ist Jugendsprache?
2.2 Jugendsprache und contracultura in Spanien

3 Wie konstituiert sich die spanische Jugendsprache?
3.1 Entlehnungen und Einflüsse
3.2 Auf lexikalischer Ebene
3.3 Auf morphologischer Ebene

4 Ein Vergleich mit der mexikanischen Varietät

5 Schlussbemerkung

6 Bibliographie

1 Einleitung

In Deutschland wuchs die Jugend der letzten Jahrzehnte unter dem Vorwurf auf, für den oft zitierten „Verfall der deutschen Sprache“ verantwortlich zu sein. Im Elternhaus, in der Schule, in den Medien wurde gepredigt, was richtig und falsch sei. Jedoch entwickelten sich trotz der Stigmatisierung durch die Öffentlichkeit und die Erwachsenenwelt zahlreiche jugendkulturelle Bewegungen und damit auch verschiedene jugendspezifische Sprachvarietäten. Dieses Phänomen war und ist weltweit zu beobachten, vor allem dort, wo Jugendliche in Städten durch Arbeitslosigkeit oder gar Armut immer stärker marginalisiert werden.

Spätestens seit Beginn der 70er-Jahre erwachte auch in den Großstädten Spaniens eine neue Jugendkultur, die durch einen eigenen argot ihre Ablehnung der eta-blierten Gesellschaft und die Identifikation mit dem Untergrund ausdrücken wollte.

Heute hat ein Großteil der Wissenschaft erkannt, dass der Wert von Jugend-sprachen für die jeweiligen Normsprachen und damit auch für die Linguistik von großer Bedeutung ist. Hinzu kommt das, was die Medien „Jugendwahn“ nennen und für dessen Aufkommen sie selbst mitverantwortlich sind: Das Vergangene, Alte wird abgelehnt, alles Neue gewinnt an Wert, alles was modern und avant-gardistisch klingt steht im Mittelpunkt. Natürlich beschränkt sich dies nicht nur auf die Bereiche der Körperlichkeit, Mode oder Musik, vor allem wird auch die Sprache der Jugend immer wieder von Erwachsenen adaptiert um einen jugend-lichen Eindruck zu machen:

Si hubo un tiempo en que la gente miraba a sus mayores como modelo a seguir en su forma de vida, sus modales, su lenguaje, a partir de ahora el mimetismo cambia de dirección y son los mayores los que imitan y pretenden parecerse a los jóvenes.”(Rodríguez González 1989b: 10)

Trotz dieser Entwicklungen und der medialen Aufmerksamkeit, die der Jugend-sprache regelmäßig geschenkt wird, muss man feststellen, dass die Zahl der wissenschaftlichen Studien über Jugendsprachen – insbesondere jene der hispano-phonen Länder – verhältnismäßig beschaulich ist. Natürlich spielt hier auch ein für die Jugendsprache sehr typisches Merkmal eine Rolle: Aufgrund der Kurz-lebigkeit jugendsprachlicher Ausdrücke und Wendungen fällt es schwer, die Forschung auf aktuellem Stand zu halten. Hinzu kommt, dass ein beträchtlicher Teil der Studien zur Jugendsprache in der spanischsprachigen Welt oft jeder theo-retischen Grundlage entbehrt (vgl. Zimmermann/Müller-Schlomka 2000: 40).

Das Thema dieser Arbeit soll die Beschreibung der in Spanien gesprochenen jugendsprachlichen Varietät sein. Es soll diese vergleichend in einen größeren Rahmen eingebettet werden, um einerseits einen möglichst großen Überblick zu verschaffen, andererseits aber auch spezifischere Eigenheiten betrachten zu können: Dazu wird zu Beginn die Frage geklärt werden, was überhaupt unter ‚Jugendsprache’ zu verstehen sei und wie sich diese speziell in Spanien entwickelt hat. Darauf folgt eine Betrachtung der strukturellen Besonderheiten der jugend-sprachlichen jerga Spaniens. Zuletzt möchte ich noch einen Abschnitt einem bescheidenen Vergleich mit der mexikanischen jugendsprachlichen Varietät widmen, um die Frage zu klären, wie sich die Jugendsprachen in den verschie-denen spanischsprachigen Ländern zueinander verhalten; welche Ähnlichkeiten und welche Differenzen sie also aufweisen. Das Ergebnis dieser Gegenüber-stellung dürfte beispielhaft für alle jugendsprachlichen Varietäten der hispano-phonen Welt gelten.

2 Identifikation durch Sprache, Marginalisierung als Modeerscheinung

Kurz gefasst ist unter Jugendsprache zu verstehen: „Un conjunto de fenómenos lingüísticos [...] que caracterizan la manera de hablar de amplios sectores de la juventud, con vistas a manifestar la solidaridad de edad y/o de grupo” (Casado Velarde 1989: 167). Im folgenden Abschnitt möchte ich die verschiedenen Eigenschaften von Jugendsprache etwas genauer beleuchten und danach kurz die Entstehung und Entwicklung der wohl einflussreichsten spanischen Jugend-sprache, des cheli (bzw. pasota), in Spanien wiedergeben.

2.1 Was ist Jugendsprache?

In seinem vergleichenden Aufsatz über die spanischen, französischen und deutschen jugendsprachlichen Varietäten stellt Zimmermann die Hypothese auf, daß die heutigen Jugendsprachen […] in ihrem Varietäten-Charakter wesenhaft gleichartig sind, d.h. daß sie unabhängig von ihrer Realisierung in einer historischen Sprache […] mit gleichartigen Mitteln zur Erreichung gleichartiger Funktionen […] arbeiten“ ( 1993: 128f).

In einer Kurzcharakterisierung, die sich im Aufbau im Wesentlichen an Zimmermann/Müller-Schlomka (2000) anlehnt und mit Gedanken von Zimmermann (1996), Casado Velarde (1989) und Rodríguez González (1989b) erweitert wurde, möchten wir uns diesen, allen Jugendsprachen gemein-samen Charakteristika nähern.

1. Die Jugendsprache ist eine diaphasische Varietät, deren spezifischen Eigen-heiten von jugendlichen Sprechern geformt werden. Insofern ist sie lingu-istisch betrachtet keine Sprache.

2. Wie in anderen Varietäten werden bei der Wortneuschöpfung verschiedene Konstitutionsverfahren angewandt. Diese betreffen alle Ebenen der Linguistik, sind aber besonders häufig im lexikalischen und morphologischen Bereich anzutreffen.[1]

3. Die Jugendsprache ist ein Phänomen, das vor allem in der gesprochenen Sprache auftritt und auch im Zuge mündlicher Kommunikation zwischen Ju-gendlichen, in jugendkulturellen Kontexten entsteht. Insofern wäre der Anteil paralinguistischer Elemente auch ein für die Jugendsprache äußerst relevanter Aspekt, welcher allerdings bisher kaum erforschbar ist (vgl. Zimmermann 1996: 499f).

Durch die Massenmedien, neue Technologien und besonders mit der Verbrei-tung des Internets entstehen für die Jugendlichen ganz neue Interaktions-möglichkeiten. Hierdurch hält die Jugendsprache auch immer mehr Einzug in die Schriftsprache: Dabei sind SMS und Blogs die populärsten Beispiele.

4. Des Weiteren ist Jugendsprache durch einen starken Hang zur Metaphorik gekennzeichnet. Trotz dieser Verbildlichung der Sprache gilt Jugendsprache aber als besonders direkt, unter den Jugendlichen selbst sogar als ehrlicher (vgl. Zimmermann 1996: 503).

5. Einer der wichtigsten Gründe für die Entstehung und den Erfolg von Jugendsprache ist ihre funktions-pragmatische Eigenschaft: Sie wirkt identi-tätsstiftend und ist ein effektives Mittel zur gewünschten Abgrenzung von der Erwachsenenwelt. Wie andere kommunikativen Zeichen und Tätigkeiten (darunter vor allem Kleidung, Musik, Drogenkonsum usw.) wirkt sie provo-zierend auf Erwachsene und durch ihren mystischen Charakter zugleich anziehend für Kinder.

Die Jugendkultur, welche wiederum aus verschiedenen Subkulturen besteht, stellt sich gegen die schulische Norm, den estilo culto [2] und damit die Kultur der Erwachsenen. Um sich von diesen normativen Institutionen, welche vom Bürgertum und dessen Lebensstil kontrolliert werden, abzugrenzen, versetzen sich die Jugendlichen in eine selbst gewählte Marginalisierung[3]. Interessant ist aus linguistischer Perspektive, dass Jugendsprache zwar die sprachlichen Normen der Gesellschaft missachtet und herausfordert, nicht aber die sprach-inhärenten Regeln komplett über Bord wirft.

6. Die passenden Ideen für ihre mal spielerische mal vulgäre Auflehnung findet die Jugend oft und zu einem beträchtlichen Teil im Sprachschatz anderer marginalisierter Varietäten. Entlehnungen finden sich zahlreich aus den Sprachen des Drogenmilieus, der delincuentes oder der gitanos. Diese Affini-täten kommen natürlich auch durch die tatsächlichen Überschneidungen dieser Varietäten in der Lebenswelt der Jugendlichen zu Stande. So lässt sich auch oft nicht entscheiden, ob eine Variante spezifisch jugendsprachlich, umgangssprachlich, gaunersprachlich oder aus der Umgangs- oder Gauner-sprache entlehnte Jugendsprache ist.

7. Auch das Englische dient immer wieder als Gebersprache für Entlehnungen und Lehnübersetzungen. Dies betrifft meist die semantischen Bereiche der Technik, Drogen, Unterhaltung usw.

8. Weiterhin ist auffällig, dass Jugendsprache vor allem von männlichen Sprechern verwendet und geschaffen wird. Doch, wie auch in anderen Bereichen der jugendlichen Welt, wird auch die Sprache immer mehr ‚unisex’: Junge Frauen wenden verstärkt jugendsprachliche Varietäten an und nehmen an deren Schaffung teil. Die Wissenschaft scheint aber im labov’schen Sinne nach wie vor davon überzeugt zu sein, dass Frauen zu einem „estilo más cuidado y a un mayor refinamiento en la expresión“ (Rodríguez González 1989b: 12) tendieren.

9. Natürlich handelt es sich bei einer nationalen Jugendsprache nicht um eine uniforme Art zu Sprechen. Vielmehr muss nach allen soziolinguistischen Merkmalen hin differenziert werden. So gibt es regionale, soziale, geschlechterspezifische, ethische oder zum Beispiel bildungsabhängige Faktoren, die einen jugendsprachlichen Soziolekt bestimmen. Dadurch und durch ihre Abhängigkeit von situativen Bedingungen ist „sie kein Wesens-merkmal […], sondern eine mehr oder weniger bewußt adoptierte Varietät“ (Zimmermann/Müller-Schlomka 2000: 42).

10. Eine an dieser Stelle letzte und womöglich die außergewöhnlichste Eigenschaft der Jugendsprache ist ihre extrem schnelle Wandelbarkeit und die Kurzlebigkeit vieler ihrer Ausdrücke. Dieses Phänomen entspringt der Tat-sache, dass die Jugendlichen gezwungen sind, stetig neue Wörter zu kreieren um den Symbolcharakter ihrer Sprache als Identifikationsmittel zu erhalten. Denn dieser wird bedroht von der Assimilierung durch die Medien, die Imi-tation durch die Erwachsenenwelt, sowie der Übergang einiger jugend-sprachlicher Wörter in die Umgangs- oder gar Standardsprache.

2.2 Jugendsprache und contracultura in Spanien

Die zuvor genannten Aspekte galten in verschiedener Ausprägung global für jede bisher erforschte Jugendsprache. Nun wollen wir die Entwicklung der spanischen Jugendsprache betrachten und dabei auf ihre Historie und Ursprünge eingehen.

Angesichts der Verlautbarungen, die hin und wieder durch die Real Academia Española geschahen, könnte man zu der Auffassung gelangen, dass Dialekte und Varietäten wohl so etwas wie wuchernde Auswüchse einer historisch primären Standardsprache seien. Dabei ist klar, dass die Deklaration einer Standardsprache durch die kulturellen Machthaber, also einstmals durch den Hofadel und später durch das Bürgertum, nichts weiter als eine Bewertung des eigenen Soziolekts und damit automatisch eine Abwertung aller anderen Varietäten bedeutete (vgl. Zimmermann 1993: 121).

Dieses Hochspanisch, das unter Franco nichts Abweichendes neben sich duldete, wurde für die spanische Jugend mit Beginn der 70er-Jahre zum Inbegriff der dekadenten und gefesselten Bürgerlichkeit, die ihnen so zuwider war. Die Franco-Ära ging zu Ende, die transición und eine Weltwirtschaftskrise standen vor der Tür. Diese trieb tausende von Jugendlichen in die Arbeitslosigkeit und raus in die Vorstädte Madrids, Barcelonas, Sevillas und der anderen Metropolen.

[...]


[1] Bis vor kurzem herrschte in der Forschung die Meinung vor, dass Jugendsprache nur auf ihre lexikalischen Eigenheiten zu erforschen sei, weil die anderen linguistischen Ebenen nicht betroffen seien. (vgl. Zimmermann/Müller-Schlomka 2000: 40)

[2] Der estilo culto ist der ‚gebildete Stil’. Er steht dem Vulgären gegenüber und entspringt den gehobenen Gesellschaftsklassen welche ihre Kultur auch durch eine gepflegte Sprache auszudrücken wünschen.

[3] „[…] una extensión de la marginalidad, entendiendo ésta en un sentido activo, como un estilo de vida al margen, de automarginación.” (Rodríguez González 1989b: 10).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die spanische Jugendsprache. Definition und Analyse einer Varietät
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Romanische Philologie)
Veranstaltung
Soziolinguistik
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V306375
ISBN (eBook)
9783668043022
ISBN (Buch)
9783668043039
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziolinguistik, Spanische Jugendsprache, jerga, Umgangssprache, mexikanisches Spanisch, Linguistik, Varietät, Sprachwissenschaft
Arbeit zitieren
Alexander Bauerkämper (Autor), 2009, Die spanische Jugendsprache. Definition und Analyse einer Varietät, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306375

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