Der Körper im experimentellen Kurzfilm. Intermedialität bei Mara Mattuschka


Bachelorarbeit, 2015
21 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Mara Mattuschka
Künstlerische Entwicklung
Zugang und Werk
Zentrale Thematiken

Intermedialität
Begriffsabgrenzung und Definition
Intermedialität bei Mara Mattuschka

Gestalterische und inhaltliche Aspekte
Mimi Minus
Realtrick
Rhythmus und Montage
Blicke und Perspektive
Maskerade und Deformation
Schmutz und Farbe
Sprache und Schrift

Die Bedeutung des Körpers für ihre künstlerische Arbeit
Der Körper als Instrument
Exhibitionismus
Nacktheit

Zusammenfassung

Quellenverzeichnis
Literaturverzeichnis
Medienverzeichnis
Filmverzeichnis
Musikverzeichnis

Einleitung

Die Avantgarde- oder Experimentalfilmbewegung, die abseits von konventionellen Bedingungen und ohne Rücksicht auf Sehgewohnheiten oder Erwartungshaltungen des Publikums arbeitet, ist gerade in der österreichischen Filmgeschichte von hoher Bedeutung. Was in den Fünfziger Jahren aus Strömungen wie dem Expressionismus, dem Dadaismus oder der Aktionskunst entsteht, stellt unter anderem für die Akteurinnen der feministischen Frauenbewegung in den Siebziger Jahren ein wertvolles Ausdrucksmittel dar. Um sich von gängigen Rollenbildern und gesellschaftlichen Zwängen zu befreien ist der künstlerische Film ein geeignetes und für Frauen relativ leicht zugängliches Medium. Das Genre ermöglicht eine völlig freie, von realistischen Darstellungsweisen unabhängige Gestaltung. Der Fantasie oder dem Denken entsprungene Inhalte können so direkt und individuell wie möglich transportiert werden. Der experimentelle Zugang erlaubt ein von gängigen Konventionen unabhängiges Arbeiten. Zusätzlich werden Filme dieser Art zumeist nicht in großen Teams sondern im kleinen Rahmen und in Eigenregie hergestellt, was einen deutlich geringeren organisatorischen und finanziellen Aufwand als bei kommerziellen Filmproduktionen darstellt und ebenfalls zur großen Freiheit im Arbeits- und Gestaltungsprozess beiträgt. Ausgangspunkte der vorliegenden Arbeit sind die Fragen, wie sich Filmemacherinnen diese Unabhängigkeit bei der Konstruktion und Darstellung des Körpers zu Nutze machen und welche Rolle dieser für ihr künstlerisches Schaffen spielt. Welches Bild von Körperlichkeit wird im experimentellen Film transportiert?

Im weiteren Entwicklungsprozess der Fragestellung ergab sich die Eingrenzung auf die Arbeit der österreichischen Künstlerin Mara Mattuschka. Körperpolitische Performanz ist ein wesentliches Merkmal in ihrem Schaffen, welches außerdem einen besonders hohen Anteil an Intermedialität auf mehreren Ebenen aufweist.1 Bei der sich mindestens aus Malerei, Theater, Performance, Bildhauerei und Sprachwissenschaft ergebenden filmischen Arbeit der Künstlerin ist der Körper das wichtigste Instrument. Im Zuge der Auseinandersetzung mit der Darstellung und Bedeutung von Körperlichkeit in ihrem künstlerischen Schaffen werden zunächst wiederkehrende Thematiken sowie spezifische Elemente ihrer Bildsprache ausfindig gemacht. Im Zentrum steht dabei das frühe Kurzfilmschaffen der Künstlerin aus den Achtziger Jahren, stets im Hinblick auf die Malerei als ursprüngliche Ausdrucksform Mattuschkas und die zahlreich vorhandenen intermedialen Aspekte ihrer Arbeit.

Mara Mattuschka

Künstlerische Entwicklung

Die 1959 in Sofia geborene Filmemacherin, Performancekünstlerin, Malerin, Schauspielerin und Sängerin Mara Mattuschka wächst in Bulgarien auf und lebt seit 1976 in Wien. Sie studiert zunächst Ethnologie und Sprachwissenschaften, ab 1983 Malerei und Animationsfilm in der Meisterklasse der österreichischen TrickfilmPionierin Maria Lassnig an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien. Den Unterricht bei dieser „sehr außergewöhnlichen Künstlerin“ beschreibt sie als einen äußerst klassisch ausgerichteten mit intensivem Schwerpunkt auf Aktmalerei. Da Lassnig zu dieser Zeit aber auch viel mit Animationsfilmen arbeitete, stand ein Trickfilmstudio zur Verfügung in dem Mattuschka anfing „Filme zu zeichnen.“ Ihren filmischen Zugang beschreibt sie folgendermaßen: „Für mich war das wie Malerei! Die Unterscheidung zwischen wesentlich und unwesentlich, diese Großzügigkeit, diese Toleranz hat mir die Malerei gezeigt."2

In einem Gespräch mit Peter Tscherkassky beschreibt sie die Entwicklung der unterschiedlichen Ausdrucksformen in ihrer künstlerischen Laufbahn. In Bulgarien habe sie sehr viel geschrieben. Vor allem „phantastische, surreale, utopische Geschichten, die eine pseudowissenschaftliche Erklärung der Welt lieferten.“ Mit dem Umzug nach Wien und dem daraus resultierenden Verlust ihrer Sprache widmete sie sich verstärkt dem Malen von Bildern. Der Film letztendlich habe beides, den sprachlichen und den visuellen Aspekt, miteinander vereint. In den späten Achtzigern erkannte Mattuschka ihre Stärke in der Produktion von besonders kurzen experimentellen Filmen und begann sich auf diese zu spezialisieren. Kurzfilme vergleicht sie mit Aphorismen oder Epigrammen. Dabei geht es ihr vor allem um die in der Filmwelt viel zu wenig ausgeschöpfte Möglichkeit, kurze und prägnante Aussagen treffen zu können. Während ihre frühen Filme sich durch Poetik, Verdichtung und Knappheit auszeichnen, lässt sich im weiteren Verlauf ihres Schaffens eine Steigerung der narrativen Komponente feststellen. Die Langfilme, an denen sie mittlerweile arbeitet, fallen deutlich weniger radikal aus.3

Zugang und Werk

Ihr Oeuvre umfasst neben einer beachtlichen Anzahl an Gemälden mittlerweile über 40 Filme, unter denen hauptsächlich Kurz-, aber auch Lang- und Episodenfilme zu finden sind. Die filmische Arbeit der Künstlerin weist einen hohen Anteil interdisziplinärer und intermedialer Gesichtspunkte auf. Es handelt sich um eine Vielschichtigkeit, die zwischen Musik, Sprachwissenschaft, Theater, Performance, Bildender Kunst und Film anzusiedeln ist. Dass sie eher für ihre Filme bekannt ist als für ihre Bilder trägt dazu bei dass die Malerei ihr verborgenes Selbst, ihr Refugio bleibt, während Film als Medium an sich und im Produktionsprozess schon von vornherein viel mehr Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit mit sich bringt. Die Malerei als ihre ursprüngliche

Ausdrucksform spielt nach wie vor eine große Rolle für die Künstlerin und stellt einen wichtigen Teil ihres Privatlebens dar. Ihr kann sie sich hingeben, ohne gewissen Ansprüchen gerecht werden zu müssen. Durch ihre Eigenschaft als zweites Standbein müssen die malerischen Werke letztendlich nicht zwingend präsentierbar sein.4 In Bezug auf ihre filmische Arbeit wiederum habe sie von Beginn an sehr hohe Ansprüche gehabt. Der Film als zeitliches Phänomen und Aneinanderreihung von Einzelbildern sollte als räumlicher Eindruck im Kopf der Rezipienten bleiben. Sie wollte nicht einfach nur Bilder oder flache Projektionen zeigen, sondern etwas Dreidimensionales, Plastisches erschaffen.5

Die ihre gemalten Bilder auszeichnende Intimität und Nähe zu den Personen wollte sie stets auch in ihren Filmen erreichen. Oft spricht sie über ihre anfänglichen Schwierigkeiten mit den Unterschieden von Film, Bild und Theater. Sie habe sehr darunter gelitten und sich immer danach gesehnt diese drei Disziplinen zu vereinen. Mittlerweile, stellt sie fest, haben sich die unterschiedlichen Medien einander genähert und können gegenseitig voneinander lernen.6 Im Rahmen der Sendereihe KurzSchluss auf Arte beschreibt die Künstlerin ebenfalls eine gegenseitige Erschließung und Beeinflussung ihrer beiden bevorzugten künstlerischen Disziplinen. Ihre Erfahrungen mit dem einen Medium wirken sich auf das jeweils andere aus. „Die Großzügigkeit der Malerei kommt zur Geltung im Film. Die Kompositionen, die ich durch die Malerei gelernt habe kommen wieder im Film und umgekehrt.“ Mattuschka selbst sieht sich als das vereinende Element der beiden Ausdrucksformen. Für sie ist die Entwicklung einer individuellen Bildsprache wesentlich, die dann sowohl in dem einen, als auch in dem anderen Medium angewendet werden kann.7

Sich dem Werk in jeder Phase der Produktion zu widmen beschreibt Mattuschka als wesentlichen Aspekt ihres filmischen Schaffens und meint damit „die Wahrung des Gefühls, eine Mischung aus Emotion und Atmosphäre“, die vermittelt werden soll.

„Film wirkt wie eine Skulptur und Film entwickelt sich in der Zeit. Erinnert wird der Ton oder Stimmung, eine bestimmte Stimmung als eine narrative und konsequente Überwindung der Zeit. Es gilt, das Gefühl zu wahren. Ich glaube, Distanz automatisiert das Gefühl.“

Ähnliche Worte sind von Maria Lassnig aus Gesprächen über ihre Körperbilder und die sogenannte body awareness bekannt. Künstlerisches Arbeiten verlange nach Widmung und Aufmerksamkeit in dem was man tut. Den Zugang zur Kunst habe Mara Mattuschka unter anderem dadurch gefunden.8

Zentrale Thematiken

Mattuschkas Arbeiten behandeln immer etwas Psychologisches und gelangen allesamt „zu einem Punkt, an dem alle Gegensätze aufgelöst und zusammengeführt werden.“9 Den Ursprung ihrer bevorzugten Thematiken und den Beginn der Beschäftigung mit manchen ihrer zentralen Motive vermutet sie in ihrer Kindheit. Den Begriff des Autobiographischen möchte sie in Bezug auf ihre Arbeit trotzdem vermeiden. Sie beschreibt es als etwas Existenzielles in einer abstrakten Form. Die Suche nach Identität und das Potential des Menschen nennt sie als eines der beiden ihrer Arbeit zu Grunde liegenden Themen. Sie beschäftigt sich mit der Frage danach, was ein Mensch alles zu sein und zu können vermag, welche Dinge sich äußern, welche nicht und wie unerwartet diese auftreten können. Andererseits beschreibt sie ihre Beschäftigung mit der Kunst als eine ästhetische Suche nach so etwas wie Schönheit, von der sie immer mehr und mehr zu entdecken vermag.10 Ihre Arbeit beinhaltet spielerische, kindliche, karnevaleske und groteske Eigenschaften, die einen „Balanceakt zwischen politischer Aussage und humorvoller Ausdrucksweise bilden.“11 Als wäre es ein notwendiger Ausgleich, arbeitet die Künstlerin stets an einem ernsthaften und einem lustvollen oder kindlichen Werk gleichzeitig. Fast jeder der Filme thematisiert außerdem Schrift oder Sprache, allerdings in einer weniger augenscheinlichen Form als die Körperlichkeit. Körper und Sexualität sind als zentrale Themen ihrer Arbeit durchgehend präsent. In ihren Filmen tritt sie bis zum Jahr 2005 stets selbst in der Rolle einer ihrer Kunstfiguren auf und macht ihren Körper dadurch auf gewisse Weise zum Material. Zumeist handelt es sich dabei um ihr Alter Ego Mimi Minus, „dessen Sinnlichkeit den exzessiv ausgespielten Gegenpol zum Abstrakten des Sprachlichen markiert.“12

Intermedialität

Begriffsabgrenzung und Definition

Eine Definition des Begriffs „Intermedialität“ gestaltet sich aus verschiedenen Gründen problematisch und die Forschung auf diesem Gebiet als unübersichtlich. Grenzüberschreitungen und Interferenzen, das Mischen, Durchdringen oder Bezugnehmen unterschiedlicher Medien ist spätestens seit den Neunziger Jahren eine „immer offenkundiger und allgegenwärtig zutage tretende Tendenz“13. Die Auseinandersetzung Irina O. Rajewskys mit dem Intermedialitätsbegriff stellt eine Orientierungshilfe in diesem vielschichtigen Forschungsgebiet dar. An die daraus resultierende Definition unterschiedlicher intermedialer Phänomene und ihre Einteilung in Begriffe hält sich auch die vorliegende Arbeit.

Rajewski unterscheidet zunächst zwischen „Inter-, Intra- und Transmedialität“. Die sehr allgemein gehaltene Definition von Intermedialität als „Hyperonym für die Gesamtheit aller Mediengrenzen überschreitenden Phänomene [..] die [...] in irgendeiner Weise zwischen Medien anzusiedeln sind“14, erfordert eine Abgrenzung vom Bereich des Intramedialen, welcher sich innerhalb der Grenzen eines bestimmten Mediums befindet.

Transmedialität beschreibt das Auftreten medienunspezifischer Phänomene in mehreren Medien, ohne einen vorhergehenden Kontakt vorauszusetzen.15 Intermediale Phänomene werden nach Rajewski noch einmal in drei Teilbereiche gegliedert. Sie unterscheidet zwischen der Medienkombination, dem Medienwechsel und dem Phänomen der intermedialen Bezüge. Während die Kombination mindestens zweier Medien zur Entstehung neuer Kunst- oder Medienformen führen kann, steht der Medienwechsel für die Übertragung des Inhalts von einem Medium auf ein anderes. Dies kann mit intermedialen Bezügen einhergehen, die Bezugnahmen von einem auf ein anderes Medium in unterschiedlichen Vorgehensweisen beschreiben. Wichtig ist, dass Medienprodukte in mehrfacher Hinsicht intermedial sein können.16

Intermedialität bei Mara Mattuschka

Der Film, welcher nach Rajewsky bereits an sich eine Medienkombination darstellt, zeigt bei Mattuschka ein besonders hohes Maß an Intermedialität. Die Malerei als ursprüngliche Ausdrucksform der Künstlerin stellt nicht nur die Grundlage ihres Schaffens, sondern auch jene des filmischen Mediums im Allgemeinen dar. Neben ihrem grundsätzlich bereits medienübergreifenden Zugang zur Kunst, welcher sich aus mehreren Disziplinen entwickelt und zusammengesetzt hat, weist Mattuschkas Werk stark performative, theatralische und aktionistische Elemente, sowie zahlreiche Bezüge zu anderen künstlerischen und kulturellen Phänomenen und Verweise auf spezifische literarische, filmische oder musikalische Vorlagen auf. Neben Malerei, Performance und Bildhauerei sind Schrift, Sprache und Zeichensysteme stark vertretene intermediale Elemente, die in der folgenden Abhandlung immer wieder zutage treten. Wiederkehrende Motive und charakteristische Elemente zwischen den malerischen, filmischen und performativen Arbeiten der Künstlerin betonen ihre Suche nach einer eigenen, medienunabhängigen - und in diesem Sinne transmedialen - (Bild)sprache.

[...]


1 Stöger, Katharina/Dirk, Valerie, „Ohne Anführungszeichen“, S. 1.

2 Rudigier, Saskya, „Filmpoetin und Kunstfigur“, S.19.

3 Vgl. Tscherkassky, „Mimi Minus oder die angewandte Chaosforschung.“, S. 99 - 100.

4 Vgl. „Mara Mattuschka im Meierhof“, 02’30’’.

5 Vgl. Kremski, Überraschende Begegnungen der kurzen Art, S. 39.

6 Vgl. „Mara Mattuschka im Meierhof“, 06’30’’.

7 Vgl. „Interview mit Mara Mattuschka (1/4)“, 00’05’’.

8 Vgl. Rudigier, Saskya, „Filmpoetin und Kunstfigur“, S.19.

9 Tscherkassky, „Mimi Minus oder die angewandte Chaosforschung.“, S. 103.

10 Vgl. „Interview mit Mara Mattuschka (1/4)“, 02’55’’.

11 Stöger/Dirk, „Ohne Anführungszeichen“, S. 2.

12 Vgl. Tscherkassky, „Mimi Minus oder die angewandte Chaosforschung.“, S. 96.

13 Vgl. Rajewsky, Intermedialität, S. 1.

14 Rajewsky, Intermedialität, S. 12.

15 Vgl. Rajewsky, Intermedialität, S. 12-13.

16 Vgl. Rajewsky, Intermedialität, S. 15-17.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der Körper im experimentellen Kurzfilm. Intermedialität bei Mara Mattuschka
Hochschule
Universität Wien  (Theater- Film- und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Übung Medienübergänge: "Filmische Aspekte in der Bildenden Kunst"
Note
2
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V306390
ISBN (eBook)
9783668043619
ISBN (Buch)
9783668043626
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mara Mattuschka, Avantgardefilm, Experimentalfilm, Medienübergänge, Performance, Kurzfilm, Animationsfilm, Körperlichkeit, Intermedialität
Arbeit zitieren
Katharina Hofmann (Autor), 2015, Der Körper im experimentellen Kurzfilm. Intermedialität bei Mara Mattuschka, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306390

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