Eneas in der Unterwelt

Vergleichende Untersuchung der Unterweltsfahrt in Vergils "Aeneis", dem "Roman d’Eneas" und dem "Eneasroman" Heinrichs von Veldeke


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

31 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vergleichende Untersuchung
2.1 Vorbereitungen zur Unterweltsfahrt
2.1.1 Auftragserteilung
2.1.2 Begegnung mit Sibylle
2.1.3 Vorbereitungen
2.2 Unterweltsfahrt
2.2.1 Eingang der Unterwelt
2.2.2 Charon
2.2.3 Der Fluss des Vergessens
2.2.4 Cerberus
2.2.5 Begegnung mit Dido
2.2.6 Begegnung mit den Kriegern
2.2.7 Tartarus und Elysium
2.2.8 Gespräch mit Anchises
2.2.9 Rückkehr aus der Unterwelt
2.3 Auswertung
2.3.1 Die Unterweltsfahrt als Wendepunkt im Handlungsverlauf?
2.3.2 Die Unterweltsfahrt innerhalb der Gesamtausrichtung der Werke

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis
4.1 Quellen
4.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Ob „90 Minuten im Himmel“, „Das Licht von drüben“ oder „Ich sehe ins Jenseits“ - der Bü- chermarkt über Nahtoderfahrungen boomt. Doch nicht nur heute interessieren wir uns dafür, was nach dem Tod kommt und wohin uns die Verstorbenen bereits vorausgegangen sind: Dar- stellungen von Reisen ins Jenseits und Begegnungen mit Verstorbenen gab es bereits in der Antike. Sowohl im griechischen Mythos als auch in der lateinischen Epik werden so genannte Unterweltsfahrten erzählt. Dabei begibt sich ein Gott oder ein Held in die Unterwelt mit dem „Ziel, entweder einen bestimmten Toten zurückzuholen, die Mächte der Unterwelt zu überwin- den oder Informationen über die jenseitige Welt und das künftige Leben (…) zu erlangen“1. Einer dieser Helden ist Eneas2, dessen Unterweltsfahrt Vergil im sechsten Buch seiner Aeneis beschreibt. Vergils Darstellung der Unterwelt ist geprägt von den Vorstellungen seiner Zeit: Der Glaube an die antiken Götter spielte dabei ebenso eine Rolle wie die bereits vorhandenen Beschreibungen der Unterwelt in Homers Ilias und Odyssee.

Als ein französischer Kleriker im 12. Jahrhundert den Eneas-Stoff neu bearbeitete und die Rei- se des Eneas von Troja bis nach Latium nachdichtete, ließ er dabei auch die Unterweltsfahrt nicht aus - und das, obwohl sich die Vorstellungen vom „Leben nach dem Tod“ mittlerweile stark verändert hatten. Das Christentum mit seinem Glauben an Himmel und Hölle spielte nun die zentrale Rolle. Dementsprechend waren auch die antiken Götter den Menschen fremd ge- worden. Es stellt sich die Frage, wie der französische Dichter des „Roman d’Eneas“ an dieser Stelle mit seiner Vorlage umgegangen ist. Welche Auswirkung hat sein christlicher Glaube auf seine Erzählung der Unterweltsfahrt? Wie geht er mit den antiken Göttervorstellungen um? Welche Möglichkeiten bietet ihm Eneas’ „Gang in die Tiefe“, um seine eigenen Überzeugun- gen stark zu machen?

Die gleiche Problematik findet sich beim Eneasroman Heinrichs von Veldeke. Ende des 12. Jahrhunderts arbeitete Veldeke sich ebenfalls durch die Reise des Eneas und konnte sich der altfranzösischen Vorlage bedienen. Dennoch setzte auch er eigene Akzente. In der folgenden Arbeit soll untersucht werden, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es im Ablauf und der Darstellung der Unterweltsfahrt in den drei Werken gibt. Auch soll danach gefragt werden, welche Gründe der einzelne Dichter für Abweichungen von seiner Vorlage oder eigene Akzentsetzungen hatte.

Dabei sollen zunächst einige Eckdaten zu den zu vergleichenden Werken festgehalten werden.

Im Anschluss daran soll die Ausgestaltung der Unterweltsfahrt untersucht werden, indem ihre einzelnen Stationen der Reihe nach besprochen werden. Hier geht es darum, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Blick zu nehmen, ihre Hintergründe aufzudecken oder Fragen zu diesen zu stellen und dadurch das dem jeweiligen Autor eigene Konzept in seiner Gestaltung der Fahrt zu entdecken. Zuletzt soll in einer Auswertung auf die Fragen geantwortet werden, ob die Unterweltsfahrt einen Wendepunkt im Handlungsverlauf darstellt und welche Rolle sie innerhalb der Gesamtkonzeption der Werke spielt.

2. Vergleichende Untersuchung

Vergils Aeneis entstand um 29-19 v. Chr.3. Das römische Nationalepos ist in zwölf Bücher unterteilt. Dabei lässt sich eine Zweiteilung4 feststellen: Im ersten Teil werden die Irrfahrten des Eneas, sein Aufenthalt in Karthago und die Dido-Episode sowie die Unterweltsfahrt mit Blick in die Zukunft erzählt. Der zweite Teil handelt dann von den Kämpfen in und um Lati- um. Vergil erzählt die Ereignisse jedoch nicht chronologisch, sondern er beginnt die Aeneis in medias res, nämlich mit dem Seesturm, der Eneas an die Küste Karthagos treibt. Die Vorge- schichte über Trojas Untergang wird später nachgeholt. Vergils Anordnung ist folglich eine ordo artificialis5. Sein Stil lässt sich - einem Heldenepos entsprechend - als „hochgetriebenes episches Pathos“6 bezeichnen.

Vergils Epos bildete die literarische Vorlage für den altfranzösischen Roman d’Eneas. Dieser entstand um 11607. Sein Verfasser ist unbekannt, war aber vermutlich ein lateinisch gebildeter Kleriker8. Er kürzte den ersten Teil den Aeneis und erweiterte den zweiten Teil, indem er die Kriegsereignisse ausführlicher als Vergil erzählt und die Episode um die Königstochter Lavinia hinzufügt. In seinem Aufbau folgt er der ordo naturalis, beginnt seinen Roman also mit Eneas’ Flucht aus Troja.

Der Eneasroman Heinrichs von Veldeke entstand nach aktueller Forschungsmeinung zwischen 1170 und 11909. Veldeke übernimmt den Aufbau seines Romans aus dem Roman d’Eneas. Sein Stil wird von Lienert als „elegante[r] Erzählton auf mittlerer Stilebene“10 beschrieben.

Immer wieder wird in der Sekundärliteratur auf weitere Vorlagen hingewiesen, derer sich die mittelalterlichen Autoren bedienen konnten. Dazu gehören zum Beispiel Werke Ovids oder auch diverse Vergil-Kommentare wie der Kommentar des Servius11.

Die beiden mittelalterlichen Romane weisen nicht mehr die Zweiteiligkeit der vergilischen Aeneis auf. Eher lässt sich eine Dreiteilung feststellen: „I. Irrfahrten und Dido-Handlung - II. Ankunft und Krieg in Latium - III. Laviniahandlung“12. Diese Dreiteilung kommt im Wesent- lichen durch die Hinzufügung der Laviniahandlung zustande. Die Episode um die latinische Königstochter lässt zugleich die Ausrichtung des Romans auf die Gründung Roms in den Hin- tergrund treten und schafft den Rahmen für eine Konzentration auf die Minnehandlung.

Die zu untersuchende Unterweltsfahrt formt nach Lienerts Einteilung in allen drei Werken den Abschluss des ersten Teils. Allein durch diese Position lassen sich bestimmte Vermutungen über den Handlungsverlauf und die Ausrichtung der Episode treffen. Zum einen kann erwartet werden, dass Eneas mit seiner Vergangenheit, sowohl seiner trojanischen Vergangenheit als auch seiner Zeit mit Dido, abschließen wird, da ihm im Anschluss an die Unterweltsfahrt Neues bevorsteht. Weiter muss während der Unterweltsfahrt der Blick des Eneas auf Zukünftiges gerichtet werden, ihm muss Mut gemacht werden, die bevorstehenden Kämpfe anzugehen und seinem Ziel der Gründung Roms nachzujagen. In der folgenden Analyse soll nun untersucht werden, ob all diese Elemente tatsächlich vorliegen und die Unterweltsfahrt somit innerhalb der Handlung als ein Wendepunkt charakterisiert werden kann.

2.1 Vorbereitungen zur Unterweltsfahrt

2.1.1 Auftragserteilung

Eneas erhält den Auftrag zur Unterwelt in allen drei Werken von seinem verstorbenen Vater Anchises, der ihm bei Nacht erscheint. Vergil beschreibt diese nächtliche Begegnung bereits im fünften Buch der Aeneis (vgl. Ae V, 719-74513 ). Die Trennung von Dido und deren Selbst- mord liegen schon eine ganze Weile zurück, sie wurden im vierten Buch der Aeneis beschrie- ben. Im fünften Buch befindet sich Eneas auf der Insel Sizilien und opfert dabei am Grab seines Vaters. Während seines Aufenthalts stiftet Iuno die trojanischen Frauen dazu an, die Schiffe in Brand zu stecken, um nicht mehr weiterziehen zu müssen (vgl. Ae V, 604-663). Dies ist ein Grund für Eneas’ Verunsicherung, was seine Zukunft angeht. Er überlegt sogar, ob er das Schicksal und damit den Götterbefehl ganz vergessen soll: „oblitus fatorum“ (Ae V, 703), dt. das Schicksal vergessend. So steht Eneas am Ende seines Aufenthalts vor der Frage, ob er für einen Teil seiner Gefolgschaft eine Stadt bauen und diese dort zurücklassen soll. Für dieses Vorgehen spricht sich zunächst sein älterer Ratgeber Nautes aus und auch Anchises bekräftigt diesen Rat. Eneas soll nur die stärksten Männer auf seiner Weiterreise nach Italien mitnehmen (vgl. Ae 729f.). Das sechste Buch der Aeneis beginnt mit der Landung der Mannschaft an der Westküste Italiens. Eneas weiß durch seinen Vater, dass er sich zu der Seherin Sibylle begeben soll, weil diese ihm helfen wird, in die Unterwelt zu gelangen. Schon im dritten Buch der Ae- neis wurde ihm durch Helenus prophezeit, dass er auf Sibylle treffen würde (Ae III, 441-452). Im Roman d’Eneas und bei Veldeke ist die Sizilien-Episode im Wesentlichen auf Eneas’ Be- such am Grab seines Vaters verkürzt. Bei Veldeke wird die Insel namentlich nicht erwähnt. Während im Roman d’Eneas die nächtliche Begegnung mit dem Vater auf dem Festland statt- findet, erscheint Anchises bei Veldeke seinem Sohn, als dieser sich auf dem Weg von Karthago nach Italien befindet. Sowohl bei Veldeke als auch im Roman d’Eneas wurde unmittelbar zu- vor Didos Beisetzung beschrieben. Interessant ist, dass auch in diesen beiden Werken Anchises seinem Sohn rät, nur die Stärksten weiter mitzunehmen (R 2173-2180, E 2564-2577). Dies führt dazu, dass Eneas bei Veldeke quasi vom Meer aus eine Stadt gründet, in der er die Schwächeren zurücklassen kann. Im Roman d’Eneas entsteht dieses Problem nicht, da sich Eneas auf Sizilien befindet.

Im Roman d’Eneas und bei Veldeke ist die Auftragserteilung durch Anchises inhaltsreicher als bei Vergil. Der antike Anchises beschränkt sich in seiner Vorhersagung auf Andeutungen, was die späteren Siege und die Stadtgründung des Eneas angeht14. In den beiden mittelalterlichen Romanen hingegen bekommt Eneas „volle Gewissheit über das glückliche Ende seiner Irrfahrten“15. Thiel weist zu Recht darauf hin, dass diese „[kompositorische] Ungeschicklichkeit […] die Hadesfahrt beinahe überflüssig macht“16.

Im Vergleich zu Vergil fallen bei Veldeke und im Roman d’Eneas Auftrag und Beginn der Auftragsausführung deutlicher und klarer zusammen. Bei Vergil hingegen sind die Prophezeihungen über Eneas Zukunft - z.B. Helenus’ Weissagung über Eneas’ Begegnung mit Sibylle, (Ae III, 441-4532) - und die Auftragserteilung durch seinen Vater (Ae V, 719-745) über einen längeren Zeitraum verteilt.

2.1.2 Begegnung mit Sibylle

Um seinen Auftrag auszuführen, ist Eneas auf die Hilfe der Sibylle angewiesen. Die Begeg- nung mit ihr wird von Vergil sehr ausführlich und auch dramatisch beschrieben. Sibylle ist eine Seherin, die in einer Grotte bei Cumae lebt. Diese befindet sich in der Nähe eines Apollo- Tempels, den Eneas gemeinsam mit seinen Männern aufsucht, bis ihn der vorausgeschickte Achates (vgl. Ae 34) gemeinsam mit der Priesterin Deiphobe abholt. Nachdem Eneas und seine Männer den Göttern Apoll und Diana ein Schlachtopfer dargebracht haben, gehen Eneas und Achates zu Sibylle in ihre Grotte. Sibylle fällt in eine Art Trance und weissagt über Eneas. Eneas spricht ein Gebet, Sibylle fährt in ihrer Weissagung fort und prophezeit Eneas Unheil, welches er aber auch bestehen kann17. Eneas gibt sich wenig beeindruckt von den angekündig- ten Schrecken18 und bittet Sibylle nun darum, ihm zu helfen, in die Unterwelt zu gelangen.

Vergil beschreibt Sibylle mit nur wenigen Attributen. Zum einen wählt er für sie das Adjektiv „horrenda[…]“ (Ae 10), welches im Deutschen ein Bedeutungsspektrum von „ehrwürdig“ über „erstaunlich“ bis hin zu „entsetzlich“ und „schaudervoll“ aufweist. Im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit als Seherin dürften vermutlich mehrere der Bedeutungsnuancen auf sie zutref- fen. Zum anderen ist sie „longaeva“ (Ae 321), dt. hochbetagt. Weiter wird sie, entsprechend ihrer Tätigkeit im Tempel, als „sacerdos“ (Ae 41), dt. Priesterin, und als „virgo“ (Ae 45), dt. Jungfrau, bezeichnet. Vergils Schwerpunkt seiner Beschreibung liegt bei Sibylle weniger auf ihrem Äußeren als vielmehr ihrem Dasein als Medium des Gottes Apoll. Ihr Trancezustand und die dabei entstehende Verbindung mit Apoll werden intensiv beschrieben:

„Während sie das vor dem Tor rief, blieb ihr Gesicht, ihre ganze Erscheinung nicht mehr dieselbe, nicht mehr geordnet ihr Haar, es keucht ihre Kehle, und in wildem Rasen schwillt ihr die Brust. Größer erscheint sie, ihre Stimme hat nichts Menschliches mehr, denn es streift sie der Anhauch des Gottes, der ihr schon ganz nahe ist.“ (Ae 46-51)19

Im Roman d’Eneas und bei Veldeke wurde die Begegnung des Eneas mit Sibylle stark verän- dert. Nachdem sein Vater ihm erschienen ist, berät sich Eneas in beiden Werken mit seinen Gefährten darüber, ob er die Schwächeren zurücklassen soll. Bei Veldeke verschweigt er dabei jedoch bewusst den Auftrag, in die Unterwelt zu gehen (vgl. E 2659-2663). Im Roman d’Eneas gibt es keinen Hinweis darauf, ob er die bevorstehende Unterweltsfahrt erwähnt oder nicht, allerdings nimmt er zu Sibylle seinen Vertrauten Achates mit, wohingegen Veldeke Eneas al- lein zu Sibylle gehen lässt.

Im Roman d’Eneas wird Sibylle wie bei Vergil als „la prestesse“ (R 2266), dt. Priesterin, be- schrieben, die sich aber nicht in einer Grotte, sondern in einem Tempel aufhält. Sie bietet Eneas und Achates einen furchterregenden Anblick:

„Sie saß vor dem Eingang / ganz schneeweiß, mit wild herabhängendem Haar; / ihr Gesicht war völlig bleich / und ihr Fleisch schwarz und runzlig; / Furcht ergriff einen bei ihrem Blick, / sie schien eine Frau der Hölle zu sein.“ (R 2667-2272)20

Diese Attribute werden im Wesentlichen noch einmal wiederholt, nachdem Eneas Sibylle um ihre Hilfe bei der Unterweltsfahrt gebeten hat. Sibylles Weissagung wird im Roman d’Eneas ausgelassen und Eneas trägt direkt seine Bitte um Hilfe bei der Unterweltsfahrt an sie heran. Thiel geht davon aus, dass die altfranzösische Darstellung der Sibylle durch Ovids Beschrei- bung der Seherin beeinflusst wurde21. Den Einfluss Ovids sieht er sowohl in „dem märchenhaft hohen Alter und der abstoßenden Hässlichkeit der Priesterin“22 als auch in ihrer Reaktion auf die von Eneas vorgetragene Bitte. Ovids Sibylle ist 700 Jahre alt23 und es ist ihr bestimmt, „durch das fortschreitende Alter so zusammenzuschrumpfen, daß zuletzt nur noch ihre Stimme erhalten bleibe“24. Das Bild, das von Sibylle gezeichnet wird, stimmt mit dem im Roman d’Eneas überein, denn auch hier werden ihr Alter und ihre Hässlichkeit betont und führen so- gar zu Furcht beim Betrachter. Die zweite Gemeinsamkeit zwischen Ovids Beschreibung und der des Roman d’Eneas im Gegenüber zu Vergils Aeneis ist das Erstaunen Sibylles, als Eneas sie um Hilfe bittet: Sie zieht die Augenbrauen hoch, öffnet die Augen und schaut ihn „fiere- ment“ (R 2291-2292), dt. entrüstet, wild, an25.

Hervorstechend bei der Charakterisierung der Sibylle im Roman d’Eneas ist die Beschreibung, die Anchises von ihr gibt. Als er seinem Sohn mitteilt, dass Sibylle ihm helfen wird, in die Unterwelt zu gelangen, hebt er ihre Weisheit und ihr Wissen hervor (R 2200-2209). Ihre Kenntnisse in den sieben Wissenschaften Astronomie, Magie, Heilkunst, Rhetorik, Musik, Dialektik und Grammatik lassen sich in Bezug zu den septem artes liberales, dem in der Antike entstandenen Kanon der sieben freien Künste setzten. Die von Anchises genannten Wissenschaften stimmen mit dem Kanon bis auf die Magie und die Heilkunst, welche an die Stelle der Arithmethik und der Geometrie traten, überein.

Veldeke ist in seiner Beschreibung der Sibylle noch ausführlicher und dramatischer als seine altfranzösische Vorlage. Sie wird als „vil freislîche“ (E 2693), als „egeslîch[…]“ (E 2703) und „grûwelîch“ (E .2727) beschrieben, wodurch vor allem ihr grauenerregendes Äußeres betont werden soll. Andererseits vereint sie jedoch auch Widersprüche in sich, ist eine „wunderlîche“ (E 2729) Person:

„sine was einer frouwen / niht gelîch noch einem wîbe. / hern hete in allem sîme lîbe / nie niht solhes gesehen“ (E 2696-2699) nhd. „Sie sah weder einer vornehmen noch einer einfachen Frau ähnlich. Er hatte in seinem ganzen Leben noch nie so etwas gesehen.“26

Sie hat langes, graues und verfilztes Haar, das an eine Pferdemähne erinnert (E 2704-2711). Sie ist fast taub (E 2720-2722), hat ein verwildertes Gesicht (E 2722-2737) und einen abgema- gerten Körper (E 2840f.), der mit einem zerlumpten Kleid (E 2739) bekleidet ist. Sibylle er- scheint als eine alte Frau, die am Leben keine Freude mehr hat: „si saz in der gebâre, / alse ir leben wâre / an aller slahte wunne“ (E 2731-2733). Doch gleichzeitig wird sie auch als weise und klug dargestellt, denn sie liest in einem Buch (E 2714-2715). Begabungen und Kenntnisse in den verschiedenen Wissenschaften wie in der Beschreibung im Roman d’Eneas werden je- doch nicht explizit genannt. Eneas traut sich aus Furcht und Erstaunen kaum, sie anzusprechen. Dann jedoch antwortet sie ihm - ganz im Gegensatz zu den Erwartungen, die die Beschreibung ihres Äußeren schürte - „vile minnechlîchen“ (E 2747), nhd. sehr freundlich, und ist auch be- reit, ihm zu helfen. Es tut sich bei der Sibylle folglich ein Gegensatz zwischen ihrem hässli- chen Äußeren und ihrem freundlichen Inneren auf.

Im Unterschied zu den beiden Werken des Mittelalters kommt das Element der Furcht bei Ver- gil nicht vor. Für den antiken Helden Eneas ist eine Priesterin mit der Gabe, Weissagungen zu sprechen, nichts Erschreckendes, sondern gehört zu seiner Vorstellungswelt dazu. Die direkte Verbindung zu den antiken Göttern - in diesem Fall zu dem Gott Apoll, der durch Sibylle spricht - sollte im Roman d’Eneas und bei Veldeke wohl vermieden werden. In beiden Werken befindet sich Sibylle zwar in einem Tempel, doch der Name des Apollon wird nicht erwähnt. Dementsprechend kommt es auch zu keinem Trancezustand oder einer Weissagung, sondern es bleibt bei einem einfachen Gespräch zwischen Eneas und Sibylle. Sibylles Existenz als Prieste- rin und Medium des antiken Gottes bleibt von den beiden mittelalterlichen Autoren unerwähnt, was nicht bedeutet, dass sie der Sibylle nicht weiterhin übernatürliche Fähigkeiten zuschreiben. Doch diese stehen vor allem im Kontext ihrer Aufgabe, Eneas sicher in die Unterwelt und wie- der hinaus zu führen.

2.1.3 Vorbereitungen

Bevor Eneas mit Sibylle in die Unterwelt gelangen kann, müssen in allen drei Werken noch bestimmte Vorbereitungen dafür getroffen werden. Übereinstimmend ist dies das Auffinden eines Zweiges27, welcher zwei Eigenschaften hat: Er kann weder mit dem Schwert noch durch sonstiges Metall abgeschlagen werden und es wächst nach dem Ausreißen sofort ein identi- scher Zweig nach. Diesen Zweig findet Eneas - bei Veldeke nach einem Opfer an die Götter (E 2826-2828) - und bringt ihn zu Sibylle. Im Roman d’Eneas sind mit dem Finden des Zwei- ges und einem anschließenden Opfer an den Gott der Hölle die Vorbereitungen vorerst been- det. Vor dem tatsächlichen Weg in die Unterwelt bekommt Eneas von Sibylle dann jedoch noch eine Salbe gegen den Gestank den üblen Gestank der Unterwelt (R 2393-2396) und den Auftrag, mit dem Schwert den Weg zu leuchten (R 2431-2434). Bei Veldeke bekommt Eneas nach dem Finden des Zweigs ein Kraut zu essen, das gegen den Gestank der Hölle wirkt (E 2848-2855), und eine Salbe aufgetragen, welche ihn gegen das Höllenfeuer schützen soll (E 2860-2864). Zuletzt weißt Sibylle ihn darauf hin, dass er sein Schwert unter seinem Gewand tragen solle, um später den Weg leuchten zu können (E 2872-2877).

In Vergils Aeneis ist der goldene Zweig ein Geschenk für die Göttin Proserpina, die Göttin der Unterwelt. Doch das Finden des Zweiges ist nur ein Teil der Vorbereitungen, die Eneas von Sibylle aufgetragen bekommt. Weiter muss Eneas den Leichnam des Misenus bestatten und schwarze Schafe als Sühnopfer darbringen28. Wie auch in den späteren Werken bittet Eneas bei der Suche nach dem Zweig seine Mutter, die Göttin Venus, um Hilfe. Bei Vergil hilft diese ihm durch ein Vogelzeichen, nämlich ein Taubenpaar (Ae 192f.), im Roman d’Eneas ebenfalls durch ein göttliches Zeichen (R 2338-2340), welches jedoch nicht näher beschrieben wird.

Interessant ist, dass im Eneasroman Heinrichs von Veldeke erneut erwähnt wird, dass Sibylle und Eneas den anderen Menschen die geplante Fahrt in die Unterwelt verschweigen (E 2884f.). Generell lässt sich festhalten, dass die Vorbereitungen bei Vergil am umfangreichsten sind und auch am ausführlichsten beschrieben werden. Besonders die Opferriten werden in allen Einzel- heiten geschildert (Ae 243ff.) und direkt vor dem Beginn der Unterweltsfahrt kommt es zu ei- ner Anrufung der Unterweltsgötter durch Eneas (vgl. Ae 264-267), die in den mittelalterlichen Werken ausgelassen wurde. Die Ausführungen Vergils werden von den beiden mittelalterli- chen Autoren somit besonders an den Stellen verkürzt, an denen sich ein Bezug zu den antiken Göttern findet. Zwar werden diese in den mittelalterlichen Romanen nicht grundsätzlich he- rausgestrichen, doch die antiken religiösen Rituale haben im Roman d’Eneas und bei Veldeke ihre vormalige Relevanz eingebüßt.

2.2 Unterweltsfahrt

2.2.1 Eingang der Unterwelt

Auf ihrem Weg in die Unterwelt begegnen Sibylle und Eneas bei Vergil und im Roman d’Eneas Ungeheuern, auf die Eneas mit seinem Schwert losgehen will (Ae 290ff; R 2421- 2425). Sibylle erklärt ihm jedoch, dass es sich bei diesen Ungeheuern nur um körperlose Schat- tenwesen (Ae 293; R 2429) handelt. Diese Begebenheit wird von Veldeke in seinem Eneasro- man weggelassen. Stattdessen beschreibt Veldeke, wie Eneas sich vor dem „brinnende[n] wazzer“ (E 2892) der Hölle fürchtet und ihm der Weg in die Unterwelt schwer fällt, weil dieser „freissam“ (E 2939), nhd. gefährlich, Furcht erregend, schrecklich, ist. Sibylle beruhigt Eneas und spricht ihm Mut zu (E 2910f.). Weiter beschreibt Veldeke als Einziger, wie Sibylle und Eneas vor dem Eingang der Unterwelt auf Selbstmörder treffen - nackte Männer und Frauen, die durch Kälte und mehrere grausame Tiere unaufhörlich gequält werden und nicht in die Un- terwelt hineindürfen (E 2941-2987). Bei Vergil und im Roman d’Eneas gibt es an der gleichen Stelle der Unterwelt auch Gestorbene, die nicht in die Unterwelt hinein dürfen. Es handelt sich bei ihnen jedoch nicht um Selbstmörder, sondern um Tote, die nicht bestattet wurden (Ae 325; R 2465f.). Im Gegensatz zu Veldeke gibt es für sie die festgesetzte Zeit von 100 Jahren, die sie umherirren müssen, bis sie in die Unterwelt hineindürfen. Veldeke hingegen drückt sich sehr unbestimmt aus, was die Wartezeit der Selbstmörder angeht (E 2986). Knapp weist darauf hin, dass Veldeke hier „gegen alle Logik eine zweite Stätte ewiger Höllenstrafen“29 einführt30.

Grund für die Änderungen Heinrichs von Veldeke mag einerseits gewesen sein, dass er sich über die Bedeutung der Totenbestattung in der Antike nicht im Klaren war31 und daher eine Umdeutung von den Unbestatteten in die schlimmsten Sünder, nämlich die Selbstmörder, vor- nahm. Daher rührt nach Fromm auch die Streichung der auf 100 Jahre festgesetzten Wartezeit: „Für den Selbstmord waren andere Maßstäbe gesetzt. Er war seit Augustin die denkbar schwerste Todsünde.“32

Ein Ereignis, das sowohl im Roman d’Eneas als auch von Veldeke nicht aufgegriffen wird, ist die Begegnung mit Eneas’ ehemaligen Steuermann Palinurus, dessen Leichnam im Meer um- hertreibt (Ae 337 u. 362). Da Palinurus in den mittelalterlichen Romanen auch zuvor nicht be- schrieben wurde und dem Leser somit völlig unbekannt ist, lässt sich diese Auslassung unschwer nachvollziehen.

[...]


1 Felber, Anneliese: Unterweltsfahrt. In: Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. 8, S. 810.

2 Der Einfachheit halber wurde in dieser Arbeit die Schreibweise „Eneas“ gewählt, auch wenn bei Vergil die Schreibweise „Aeneas“ vorherrscht.

3 Vgl. Lienert, Elisabeth: Deutsche Antikenromane des Mittelalters, S. 72. Folgend genannt Lienert.

4 Vgl. Lienert, S. 73, und Ruh, Kurt: Höfische Epik des deutschen Mittelalters, S. 75. Folgend genannt Ruh.

Brandt hingegen weist darauf hin, dass auch eine Dreiteilung der Aeneis gedacht werden kann, vgl. Brandt, Wolfgang: Die Erzählkonzeption Heinrichs von Veldeke in der ‚Eneide’, S. 78ff. Folgend genannt Brandt.

5 Vgl. Lienert, S. 74.

6 Lienert, S. 74.

7 Vgl. Lienert, S. 73.

8 Vgl. Opitz, Karen: Geschichte im höfischen Roman, S. 38. Folgend genannt Opitz.

9 Vgl. Lienert, S. 77.

10 Lienert, S. 74.

11 Vgl. Thiel, Joachim: Der altfranzösische Eneasroman und Vergils Aeneis, S. 120 u. S. 150. Folgend genannt Thiel.

12 Lienert, S. 75.

13 Die Versangaben werden nach folgendem Schlüssel angegeben: Ae - Aeneis, R - Roman d’Eneas, E - Eneasroman. Sofern nach „Ae“ nicht direkt das Kürzel für das entsprechende Buch der Aeneis folgt, bezieht sich die Angabe auf das sechste Buch der Aeneis.

14 Vgl. Thiel, S. 115f.

15 Thiel, S. 116.

16 Thiel, S. 116.

17 „Du aber weiche vor dem Unheil nichts zurück, sondern tritt ihm kühner entgegen als es deine Lage erlaubt.“ (Ae 95), S. 248/249.

18 „Nicht eine Art der Plagen […] erscheint mir neu und unerwartet. Auf alles bin ich gefaßt und habe es im Herzen gründlich erwogen.“ (Ae 103-105), S. 250/251.

19 Die Übersetzung folgt der im Literaturverzeichnis aufgeführten Ausgabe der Aeneis.

20 Die Übersetzung folgt der im Literaturverzeichnis aufgeführten Ausgabe des Roman d’Eneas.

21 Vgl. Thiel, S. 121.

22 Thiel, S. 121.

23 Ovid, Metamorphoseon Liber XIV, 144f., S. 415.

24 Thiel, S. 120.

25 Vgl. Ovid Metamorphoseon Liber XIV, 106f.: „vultum tellure moratum erexit“ / „furibunda“, S. 414.

26 Die Übersetzung folgt der im Literaturverzeichnis aufgeführten Ausgabe des Eneasroman.

27 Im Roman d’Eneas und bei Vergil ist es ein goldener Zweig.

28 Eneas bringt später jedoch abweichend von Sibylles Forderung vier Jungstiere, ein schwarzes Lamm und ein Kalb als Opfer (Ae 240ff.).

29 Knapp, Fritz Peter: Der Selbstmord in der abendländischen Epik des Hochmittelalters, S. 142. Folgend genannt Knapp.

30 Die erste Stätte ist der Tartarus, auf den in Kapitel 2.2.7 noch eingegangen wird, vgl. S. 16ff.

31 Vgl. Fromm, Hans: Die Unterwelt des Eneas, S. 79. Folgend genannt Fromm.

32 Fromm, S. 80.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Eneas in der Unterwelt
Untertitel
Vergleichende Untersuchung der Unterweltsfahrt in Vergils "Aeneis", dem "Roman d’Eneas" und dem "Eneasroman" Heinrichs von Veldeke
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistik)
Veranstaltung
Heinrich von Veldeke - Eneasroman
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
31
Katalognummer
V306647
ISBN (eBook)
9783668045859
ISBN (Buch)
9783668045866
Dateigröße
663 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eneas, Äneas, Roman d'Eneas, Eneasroman, Aeneis, Vergil, Heinrich von Veldeke
Arbeit zitieren
dipl. theol. Jaana Espenlaub (Autor), 2011, Eneas in der Unterwelt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306647

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