Die vorliegende Arbeit vergleicht die Unterweltfahrt des Aeneas in Vergils "Aeneis", dem französischen "Roman d’Eneas" und dem "Eneasroman" Heinrichs von Veldeke. Sie untersucht, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es im Ablauf und der Darstellung der Unterweltsfahrt in den drei Werken gibt. Darüber hinaus stellt die Arbeit die Frage, welche Gründe der einzelne Dichter für Abweichungen von seiner Vorlage oder eigene Akzentsetzungen hatte.
Dabei sollen zunächst einige Eckdaten zu den zu vergleichenden Werken festgehalten werden. Im Anschluss daran soll die Ausgestaltung der Unterweltsfahrt untersucht werden, indem ihre einzelnen Stationen der Reihe nach besprochen werden. Hier geht es darum, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Blick zu nehmen, ihre Hintergründe aufzudecken oder Fragen zu diesen zu stellen und dadurch das dem jeweiligen Autor eigene Konzept in seiner Gestaltung der Fahrt zu entdecken. Zuletzt soll in einer Auswertung auf die Fragen geantwortet werden, ob die Unterweltsfahrt einen Wendepunkt im Handlungsverlauf darstellt und welche Rolle sie innerhalb der Gesamtkonzeption der Werke spielt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vergleichende Untersuchung
2.1 Vorbereitungen zur Unterweltsfahrt
2.1.1 Auftragserteilung
2.1.2 Begegnung mit Sibylle
2.1.3 Vorbereitungen
2.2 Unterweltsfahrt
2.2.1 Eingang der Unterwelt
2.2.2 Charon
2.2.3 Der Fluss des Vergessens
2.2.4 Cerberus
2.2.5 Begegnung mit Dido
2.2.6 Begegnung mit den Kriegern
2.2.7 Tartarus und Elysium
2.2.8 Gespräch mit Anchises
2.2.9 Rückkehr aus der Unterwelt
2.3 Auswertung
2.3.1 Die Unterweltsfahrt als Wendepunkt im Handlungsverlauf?
2.3.2 Die Unterweltsfahrt innerhalb der Gesamtausrichtung der Werke
3. Schluss
4. Literaturverzeichnis
4.1 Quellen
4.2 Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die Unterweltsfahrt des Helden Eneas in drei zentralen Werken der literarischen Tradition: Vergils antiker "Aeneis", dem altfranzösischen "Roman d'Eneas" sowie dem "Eneasroman" von Heinrich von Veldeke, um Gemeinsamkeiten, Unterschiede und die jeweiligen konzeptionellen Anpassungen der Autoren an ihre Zeit aufzuzeigen.
- Vergleich der Darstellung antiker Unterweltsmythen und ihrer mittelalterlichen Transformation
- Analyse der Rolle von Götterbildern, christlichem Glauben und ritterlichen Tugendvorstellungen
- Untersuchung der Unterweltsfahrt als strukturelles Element (Wendepunkt) in der Handlungsführung
- Einordnung der Werke in ihre jeweiligen historischen und literarischen Kontexte (Antike vs. Mittelalter)
- Untersuchung von Herrschaftslegitimation und heilsgeschichtlichen Perspektiven in den Romanen
Auszug aus dem Buch
2.2.2 Charon
In allen drei Werken kommt es nun zu einem Aufeinandertreffen mit dem Fährmann Charon, der die Seelen mit seinem Boot über den Fluss der Unterwelt bringt. Nach Vergil ist Charon ein alter Mann, der – wie schon zuvor Sibylle – mit dem Adjektiv „horrendus“ (Ae 298) beschrieben wird. Er hat einen ungepflegten, grauen Bart (Ae 299f.) und trägt einen schäbigen Umhang um seine Schultern (Ae 301). Trotz seines hohen Alters ist er noch kräftig und zäh (Ae 304). Wichtig ist, dass er sogar als „de[us]“ (Ae 304), dt. Gott, bezeichnet wird. Im Roman d’Eneas wird Charon etwas ausführlicher als bei Vergil beschrieben: Wie auch in der Aeneis ist Charon alt (R 2442), runzlig (R 2444) und trägt einen Bart (R 2450). Hinzu kommt, dass sein Kopf „mit Beulen bedeckt“ (R 2446) ist. Seine Ohren werden als „grandes et velues“ (R 2447), dt. groß und zottig, seine Augenbrauen als „grosses et mossues“ (R 2448), dt. dicht und bemoost, beschrieben. Seine Stärke und Zähigkeit bleiben im Roman d’Eneas unerwähnt.
Die Darstellung Charons bei Veldeke ist wesentlich umfangreicher als in den beiden anderen Werken. Im Gegensatz zu Vergils Beschreibung schreibt Veldeke über Charon: „ez was ein tûvel, niht ein man“ (E 3012), nhd. „Er war ein Teufel, kein Mensch“. Dementsprechend hat Charon bei Veldeke auch keine Menschengestalt, sondern viele tierische und teuflische Attribute: Sein Kopf ist „als eime lêbarde“ (E 3057), nhd. wie der eines Raubtieres, an Füßen und Händen hat er „clâwen“ (E 3064), nhd. Klauen. Auch hat er einen „zagel als ein hunt“ (E 3072), nhd. einen Schwanz wie ein Hund. Zur Beschreibung seines abschreckenden Äußeren kommt bei Veldeke die Charakterisierung Charons als grausam und schrecklich. Er trägt ein Ruder aus glühendem Stahl (E 3023) bei sich, mit dem er die Seelen schlägt. Veldeke bezeichnet ihn als „ubile schalk“ (E 3089), nhd. arglistigen Teufel. Im Vergleich zum Roman d’Eneas und zur Aeneis ist das Bild, das Veldeke von Charon zeichnet, am grausamsten und furchterregendsten. Stebbins bringt es auf den Punkt: „Aus dem alten Gott in zerfetzten Kleidern bei Vergil (A[e] VI, 299ff.) ist eine wilde Teufelsgestalt geworden.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Bedeutung der Unterweltsfahrt in der Epik dar und führt in die Fragestellung ein, wie sich die Darstellung der Unterwelt von Vergils "Aeneis" über den "Roman d'Eneas" bis zu Heinrich von Veldekes "Eneasroman" aufgrund veränderter religiöser und kultureller Vorstellungen wandelt.
2. Vergleichende Untersuchung: In diesem Hauptteil werden die einzelnen Stationen der Unterweltsfahrt (Vorbereitungen, Eingang, Charon, Fluss des Vergessens, Cerberus, Begegnungen mit Dido und Kriegern, Tartarus/Elysium, Gespräch mit Anchises und Rückkehr) detailliert in den drei Werken verglichen.
3. Schluss: Der Schluss fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass die Transformation des Stoffes durch die mittelalterlichen Autoren vor allem durch das christliche Weltbild und die höfische Kultur geprägt ist, wodurch die Unterweltsfahrt ihre ursprüngliche Funktion und Bedeutung in der antiken Vorlage teilweise verliert oder umdeutet.
Schlüsselwörter
Unterweltsfahrt, Eneas, Aeneis, Roman d'Eneas, Eneasroman, Heinrich von Veldeke, Vergil, Jenseitsvorstellungen, Literaturvergleich, Mittelalter, Antike, christliches Weltbild, Minne, Heldenschau, Transformation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die vergleichende Darstellung der Unterweltsfahrt des Helden Eneas in Vergils "Aeneis" und zwei ihrer mittelalterlichen Bearbeitungen, dem französischen "Roman d'Eneas" sowie dem "Eneasroman" von Heinrich von Veldeke.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Transformation antiker Mythen, der Einfluss des Christentums auf das Jenseitsverständnis, höfische Tugendkonzepte sowie die Funktion der Unterweltsfahrt als Struktur- und Handlungselement.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie und warum die mittelalterlichen Autoren von ihrer antiken Vorlage abwichen, um den Stoff für ein zeitgenössisches Publikum relevant zu machen und eigene weltanschauliche Akzente zu setzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende literaturwissenschaftliche Untersuchung, bei der die Texte parallel analysiert und Unterschiede in Motivik, Charakterzeichnung und Handlungsaufbau herausgearbeitet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine chronologische Besprechung der Stationen der Unterweltsfahrt – von der Vorbereitung bis zur Rückkehr – und eine anschließende Auswertung, die die Unterweltsfahrt in den Gesamtkontext der jeweiligen Werke einordnet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Unterweltsfahrt, Eneas, Transformation, Literaturvergleich, mittelalterlich-christliches Jenseitsbild und antike Tradition charakterisieren.
Wie unterscheidet sich Charons Darstellung bei Veldeke von der bei Vergil?
Während Vergil Charon als alten Gott in zerfetzten Kleidern beschreibt, wandelt Veldeke ihn in eine dämonische Teufelsgestalt mit tierischen Merkmalen wie Klauen und Schwanz um, um das Schreckliche der Unterwelt im christlichen Sinne zu betonen.
Warum spielt das christliche Weltbild bei Veldeke eine so große Rolle für die Änderungen?
Da der Selbstmord im Mittelalter als schwerste Todsünde galt, musste Veldeke die Vorlage anpassen, indem er die Darstellung von Toten, die nicht in die Unterwelt durften, veränderte und heilsgeschichtliche Bezüge (z.B. Christus) einbaute.
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- dipl. theol. Jaana Espenlaub (Author), 2011, Eneas in der Unterwelt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306647