Krankheit ist und war, ob in Gestalt siecher Körper oder Geister, ein grundlegendes Thema der Literaturen aller Epochen. Die Syphilis spielt dabei als literarisches Motiv eine außerordentliche Rolle, wie Anja Schonlau in Syphilis in der Literatur herausarbeitet: „Die pathologischen Eigenschaften der Syphilis und deren kulturelle Deutungen machen die Geschlechtskrankheit zum Schmelztiegel verschiedener Diskurse über Ästhetik, Moral, Genie und Medizin“ (SCHONLAU 2005: Klappentext), und zwar in einer Art und Weise wie keine andere Krankheit.
Die philologische Forschung über das Zusammenspiel von Syphilis und Literatur konzentrierte sich bisher meist auf die Renaissance oder die Moderne. Dabei wurde das 17. Jahrhundert zwar nicht ausgespart. Eine eingehende Vertiefung fand jedoch noch nicht statt, obwohl auch in zahlreichen barocken Schriften der Syphilis Platz eingeräumt wird. In diesem Sinne will die vorliegende Arbeit Vorschläge einer tiefergehenden Behandlung der literarischen Verarbeitung der Syphilis-Thematik im 17. Jahrhundert wagen. Ganz speziell wollen wir dabei Beispiele der europäischen Pikareske dieses Jahrhunderts betrachten, denn:
Die Veränderung der Sexualmoral [Anfang des 17. Jahrhunderts] macht venerische Infektionen zur Schande und ihre Träger zu Sündern. So erfolgt die Poetisierung der Syphilis zwar weiterhin gemäß der klassischen Ästhetik in komischen und polemischen Satireformen, aber erheblich seltener als im 16. Jahrhundert. Einschlägig bleibt für die Syphilis das Umfeld des pikaresken Romans. (SCHONLAU 2005: 66)
Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen schuf mit seinem Pikaro Simplicissimus und der Pikara Courasche zwei der gewichtigsten Figuren des europäischen Schelmenromans überhaupt. Ziel unseres Beitrags soll sein, herauszuarbeiten, wo und wie sich der Simplicissimus Teutsch und die Courasche (bzw. Trutz Simplex) in Bezug auf ihre literarische Verarbeitung der Syphilis im Kontext anderer europäischer Schelmenromane verorten lassen. Denn wird auch der Syphilis in all diesen Romanen zunächst nur Platz als „Nebenmotiv in komischer Funktion“ (SCHONLAU 2005: 60) zugestanden, so müssen wir uns dennoch fragen, weshalb gerade die Syphilis in der barocken pikaresken Welt immer wieder auftaucht und weshalb Grimmelshausen seinen beiden Protagonist_innen die Krankheit auf den Hals jagt .
Es geht also um die Frage nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten in Darstellung und Symbolik der Syphilis-Thematik der einzelnen Romane.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Pathologie und (Literatur-)Geschichte der Lues venerea
2.1 Was ist Syphilis?
2.2 Etymologie und Werdegang einer ‚genuin literarischen Krankheit‘
2.3 Forschungsstand und gesellschaftlicher Diskurs im 17. Jahrhundert
3 Zum Stellenwert der Syphilis im spanischen und französischen Schelmenroman des 17. Jahrhunderts
3.1 Francisco López de Úbeda: La pícara Justina (1605)
3.2 Charles Sorel: Histoire comique de Francion (1623)
3.3 Francisco de Quevedo: Historia de la vida del Buscón (1626)
4 Grimmelshausens Schriften und die Syphilis
4.1 Simplicius Simplicissimus ‚Syphiliticus‘ (1668)
4.2 Courasche oder Trutz Simplex (1670)
5 Vergleichende Zusammenfassung
6 Schlussbemerkung
7 Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Verarbeitung der Syphilis-Thematik in ausgewählten europäischen Schelmenromanen des 17. Jahrhunderts, mit einem besonderen Fokus auf die Werke von Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern die Krankheit als narratives Motiv und semantisches Zeichen zur Charakterisierung der Protagonisten sowie zur gesellschaftlichen Repräsentation von Geschlechterrollen und Moralvorstellungen in der barocken Pikareske dient.
- Literarische Repräsentation der „Lues venerea“ im 17. Jahrhundert
- Vergleichende Analyse spanischer und französischer Schelmenromane
- Die symbolische und strukturelle Bedeutung der Syphilis bei Grimmelshausen
- Geschlechtsspezifische Dimensionen der Krankheit als „Schelminnen-Motiv“
- Die Syphilis als Schnittstelle zwischen medizinischem Diskurs und poetischer Fiktion
Auszug aus dem Buch
3.2 Charles Sorel: Histoire comique de Francion (1623)
[D]a ich ein Stall für unterschiedslos alle Pferde war, sah ich mich alsbald von einem häßlichen Übel angesteckt. Verflucht mögen sie sein, die es nach Frankreich eingeschleppt haben! Es trübt braven Leuten das ganze Vergnügen und kommt nur den Badern zugute, welche einem unserer Könige Weihkerzen schulden, weil er seine Soldaten nach Neapel führte, um es dort zu erlangen und den Keim von dort mitzubringen. […] Es genügt, wenn ich euch erzähle, daß ich die Lustseuche hatte, und danach fand ich mich so verändert, daß ich mich genötigt sah, aufs neue meine Zuflucht zu verschiedenen Kunstgriffen zu nehmen. Schminken, Wässerchen und Wohlgerüche […], um den Verfall zu tilgen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Bedeutung der Syphilis als literarisches Motiv ein und skizziert das Ziel der Arbeit, deren Verarbeitung in der europäischen Pikareske des 17. Jahrhunderts zu untersuchen.
2 Pathologie und (Literatur-)Geschichte der Lues venerea: Dieses Kapitel erläutert medizinische Grundlagen der Syphilis sowie ihren sozio-kulturellen Status als „genuin literarische Krankheit“ im 17. Jahrhundert.
3 Zum Stellenwert der Syphilis im spanischen und französischen Schelmenroman des 17. Jahrhunderts: Anhand ausgewählter Werke wird analysiert, wie das Motiv der Geschlechtskrankheit in spanischen und französischen Schelmenromanen als erzählerisches Mittel eingesetzt wird.
4 Grimmelshausens Schriften und die Syphilis: Der Fokus liegt auf der Inkorporierung der Syphilis-Thematik in den Werken „Simplicius Simplicissimus“ und „Courasche“.
5 Vergleichende Zusammenfassung: Die Ergebnisse der Einzelanalysen werden zusammengeführt, um übergreifende Muster und Unterschiede in der Darstellung der Krankheit herauszuarbeiten.
6 Schlussbemerkung: Ein abschließendes Resümee, das die literarische Bedeutung der Syphilis als subversives Element innerhalb der pikaresken Struktur bekräftigt.
7 Bibliographie: Ein Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Syphilis, Lues venerea, Schelmenroman, Pikareske, Grimmelshausen, Literaturgeschichte, 17. Jahrhundert, Geschlechterrollen, Barock, Körperlichkeit, Moral, Krankheitssymbolik, Schelminnen, Medizingeschichte, Narratologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie die Syphilis in der europäischen Pikareske des 17. Jahrhunderts als literarisches Motiv dargestellt und funktionalisiert wird.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Im Zentrum stehen die medizinisch-historische Einordnung der Krankheit, ihr Einsatz als narratives Motiv in Schelmenromanen und die Verbindung zwischen Krankheit, Moral und Geschlecht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die strukturelle und symbolische Rolle der Syphilis bei Grimmelshausen sowie in anderen zeitgenössischen europäischen Romanen zu identifizieren und zu vergleichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die Primärtexte unter Einbeziehung medizinhistorischer und diskursanalytischer Kontexte interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung von Werken wie „La pícara Justina“, „Francion“, „Historia de la vida del Buscón“ sowie Grimmelshausens „Simplicissimus“ und „Courasche“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Syphilis, Pikareske, Barock, Grimmelshausen, Schelminnen und Körperlichkeit.
Warum wird Simplicius im Zusammenhang mit Syphilis diskutiert, obwohl er nicht daran erkrankt?
Obwohl Simplicius an Pocken leidet, wird das Thema Syphilis diskutiert, da er die Krankheit vermutet und diese Falschannahme sowie die literarische Abwesenheit einer Syphilis-Infektion erzählerisch von Bedeutung sind.
Welche besondere Rolle spielen weibliche Figuren (Schelminnen) bei diesem Thema?
Weibliche Figuren wie Courasche und Agathe werden aufgrund ihrer Rolle als „Männerfallen“ oder Kupplerinnen häufiger mit der Krankheit verknüpft, was zur Reproduktion eines misogynen Weltbildes im 17. Jahrhundert beiträgt.
- Arbeit zitieren
- Alexander Bauerkämper (Autor:in), 2010, Syphilitische Schelme und Schelminnen. Simplicissimus, Courasche und die europäische Pikareske des 17. Jahrhunderts im Zeichen der ‚lieben Franzosen‘, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306692