Das Motiv des Scheiterns in J. P. Jacobsens "Niels Lyhne"


Seminararbeit, 2012
19 Seiten, Note: 1,3
Alexander Bauerkämper (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Motiv des Scheiterns in Niels Lyhne
2.1 ‚Natur’, Genealogie und Erziehung
2.2 Kunst, Traum und Wirklichkeit
2.3 Liebe und Masochismus
2.4 Atheismus und Gottesfurcht

3 Zusammenfassung und Fazit

4 Schlussbemerkung

5 Bibliographie

1 Einleitung

Niels Lyhne ist ein Roman des Scheiterns. Dies ist zunächst kein distinktives Merkmal eines einzelnen literarischen Textes, denn das „Motiv des Scheiterns, des Mißlingens, des Fehlgehens und der Vergeblichkeit als unausweichliches Schicksal des Menschen ist so alt wie die ältesten dichterischen und religiösen Zeugnisse”, von „Agamemnon bis Odipus, von Kassandra bis Sisyphos. Es spielt in jedes Schicksal hinein” (Schmied 1985) und bildet bis heute eine der wichtigsten Triebfedern narrativer und dramatischer Texte. In Jens Peter Jacobsens Niels Lyhne ist das Scheitern der Figuren jedoch nicht bloß spannungserzeugendes Element in einer konfliktgeladenen Handlung. Es ist in der krassen Dissonanz zwischen Wollen und Können der Figuren, zwischen Wunsch und Wirklichkeit, immer letzte, absolute Konsequenz aller Bewegung und Motivation in der erzählten Welt und damit Ausdruck einer desillusionierten Sicht auf das Dasein des Menschen in der Moderne.

In der vorliegenden Arbeit will ich das Motiv des Scheiterns in Niels Lyhne genauer untersuchen, um herauszufinden, worin die pessimistisch-nihilistische Grundstimmung des Textes verankert liegt, die oft konstatiert wurde (vgl. Rehm 1963: 141).

2 Das Motiv des Scheiterns in Niels Lyhne

Wir ‚scheitern’, wenn wir „ein angestrebtes Ziel o. Ä. nicht erreichen, keinen Erfolg haben”[1]. Die Bewertung der einzelnen Parameter des ‚jemand/etwas scheitert an etwas/jemandem’ hat dabei immer auch einen subjektiven Charakter. Das heißt, was äußerlich als Scheitern einer Person gewertet werden könnte, muss von dieser Person selbst nicht unbedingt auch als solches empfunden werden. Umgekehrt kann ein Individuum das eigene Handeln als gescheitert empfinden, obwohl es objektiv gesehen keinen Anlass dazu gibt.

Zu scheitern bedeutet also, eine selbstgestecktes Ziel nicht zu erreichen oder eines, das von äußeren Einflussfaktoren bestimmt doch von uns akzeptiert wurde. In Niels Lyhne liegt das Scheitern der einzelnen Figuren meist in einer an das Leben gerichtet Erwartungshaltung, die letzten Endes enttäuscht wird. So scheinen alle wichtigen Figuren im Roman dem Weg des Verfalls und des Untergangs[2] durch permanentes Scheitern verpflichtet; einem Weg der gesäumt ist von verworfenen Plänen, verwelkten Hoffnungen und Idealen.

Die vier wichtigsten, eng miteinander verknüpften thematischen Felder, an welchen sich Jens Peter Jacobsen in Niels Lyhne abarbeitet, sind der Atheismus, die Natur[3], die Kunst und die Liebe. Um sie kreisen die Sehnsüchte und Träume[4] der Figuren und vernebeln ihnen die Sicht für die Wirklichkeit. Doch die verklärten Ansprüche an sich selbst lösen sich irgendwann auf und lassen das desillusionierte Individuum in all seiner ernüchterten, entzauberten Nacktheit in diesem Kosmos der Gescheiterten zurück.

Im Folgenden werde ich den Prozess des Scheiterns einzelner Figuren in Niels Lyhne nachzeichnen. Natürlich steht dabei der Protagonist im Mittelpunkt der Analyse, da alle anderen Figuren vorwiegend in ihrer Verbindung zu ihm auftreten und ihre Eigenarten aus der narrativen Funktion für seinen Lebensweg beziehen.

2.1 ‚Natur’, Genealogie und Erziehung

Der Kern des zukünftigen Scheiterns Niels Lyhnes findet sich in seinem Elternhaus, also – mit den Worten des 19. Jahrhunderts – in seinem Blut, seinen Nerven, seiner Natur. Zu Beginn des Romans werden uns Niels Eltern als zwei Individuen vorgestellt, mit deren Geburt ein Bruch im genealogischen Kontinuum stattfindet. Im Falle Bartholines, der Mutter, äußert sich das folgendermaßen[5]:

Die Bliders waren nämlich ein praktisches Geschlecht, die das Leben nahmen, so wie es war; sie taten ihre Arbeit, schliefen ihren Schlaf […]. Aber mit Bartholine war das anders […]. Sie liebte Gedichte. In Gedichten lebte sie, in ihnen träumte sie, und an sie glaubte sie (10).

Der Erzähler des Romans bewertet dies nicht ohne Ironie als „etwas krankhafte[n] Drang, sich selbst zu fühlen, das Streben danach, sich selbst zu finden, das so oft bei einem etwas mehr als gewöhnlich begabten jungen Mädchen erwacht” (11). Auch mit dem Vater Lyhne erleidet die genealogische Linie einer Familie einen Knacks: In ihm ist „die Intelligenz gleichsam [] müde geworden, und die geistigen Aufgaben oder die ernsten Kunstgenüsse, denen er auf seinem Weg begegnet war, hatten keineswegs irgendwelchen Eifer oder ein Sehnen in ihm erweckt” (13). Eine einzige „Kleinigkeit” (20), die eine charakterliche Verbindung zu seinen Vorfahren bzw. seinem Vater herstellt, ist die Eigenart, daß er oft halbe Stunden lang auf einem Fleck oder einem Grenzstein stillsitzen und in seltsam vegetativer Benommenheit über den fruchtbar grünen Roggen oder den golden-fruchtschweren Hafer hinausstarren konnte. Das hatte er anderswo her, das erinnerte an den alten Lyhne (20).

Diese Ähnlichkeit ist allerdings ein Ausdruck des Stillstands oder noch eher der Regression: Der Menschen, der hier in unproduktiver, vielleicht noch nicht einmal kontemplativer Weise vor sich hinstarrt, kehrt zurück in einen pflanzenhaften, ent-menschlichten Zustand, wenn auch nur vorübergehend.

So ist das Motiv des Verfalls von Anfang an aktiv. Dies verstärkt sich noch, wenn der Erzähler verdeutlicht, dass auch die typische Physiognomie der Eltern Niels Lyhnes nicht mehr mit der ihrer Vorväter übereinstimmt (vgl. 9 und 13). Es findet zwar keine Wertung statt, doch die jeweilige körperbezogenen Attribuierungen (z. B. „Ihre Stimme aber war matt und klanglos”, 9) sprechen Bände und erinnern uns an Jacobsens Wissen um die Lehre Darwins vom ‚ Survival of the Fittest ’. Der Dekadenzgedanke trifft hier auf Biologie und Evolutionslehre und man vermutet: ‚Diese beiden gehören nicht zu jener Art, die durch optimale Anpassung überlebt, diese werden früher oder später untergehen’. Der Verfall des Äußeren wird zum Spiegel des Inneren.

So wird nun Niels Lyhne als „Kind eines gutmüthigen, phlegmatischen Vaters und einer schwärmerischen romantischen, poesiesüchtigen Mutter” (Brandes 1900: 466) geboren, wobei beide unterschiedlicher nicht sein könnten und „ohne es zu wissen, einen Streit um seine junge Seele stritten” (21). Zum Zeitpunkt seiner Geburt, ist die anfangs so ‚poetische’ Liebe (vgl. 15) der Eltern längst verflogen: Der Vater ist „müde, ermattet” (16) und sehnt sich einzig danach, „in beschaulicher Ruhe still auf einem Zweig zu sitzen” (16). Denn er stellte sich [ganz im Gegensatz zu ihr] die Liebe nicht vor wie eine ewig wache, lodernde Flamme, die mit ihrem starken, flackernden Schein in alle ruhigen Falten des Daseins hineinleuchtete und phantastisch alles größer und fremder erscheinen ließ, als es war; eher war die Liebe für ihn wie die stille, glimmende Glut, die von ihrem weichen Aschenlager die gleichmäßige Wärme aussendet und die in gedämpfter Dämmerung sänftiglich das Ferne vergißt und das Nahe doppelt nah und doppelt heimatlich erscheinen läßt. (16)

Er begnügt sich mit der „Prosa” (17) und der Alltäglichkeit seines Daseins, während seine Frau über „ihre verlorenen Illusionen” (17) trauert, sich „bitter getäuscht” (17). Die Passivität der „erdgebundene[n] Gedanken und traumlose[n] Erklärungen” (25) des Vaters, zu dem sich Niels nur selten flüchtet, erzeugt keinen Ausgleich zur Erziehung der Mutter. „Die Anlage des Sohnes, durch die die Mutter auf ihn einzuwirken versuchte, war seine Phantasie” (22)[6]. In verbitterten, wenngleich wohl unbewussten Stellvertreterplänen projiziert Bartholine ihr eigenes Scheitern auf den Sohn[7], den sie mit träumerischen Erzählungen zum Phantasten erzieht – determiniert.

Niels irrte sich nicht in der Moral dieser Erzählungen; er sah vollkommen ein, daß es verächtlich sei, so zu werden, wie die Menschen im allgemeinen waren; er war auch bereit, sich dem harten Schicksal hinzugeben, das den Heroen zufiel (23).

2.2 Kunst, Traum und Wirklichkeit

Diese bipolare Veranlagung Niels Lyhnes erweist sich „als der Kern seiner Existenzproblematik” (Sørensen 1991: 76), auf dessen unglücklicher Grundlage sich sein Lebensweg abrollt. Die verblendete, Selbst-süchtige Phantasie der Mutter und den Drang des Vaters nach Selbstauflösung im Nirwana (vgl. Sørensen 1991: 83) des Alltäglichen und ‚Erdgebundenen’ verinnerlicht Niels in seiner Jugend weiter und entwickelt früh den Anspruch an sich selbst, im Rennen um „das Große” (22) an erster Stelle dabei zu sein. Was Niels oder seine Mutter darunter genau verstehen, wird lange nicht deutlich[8]. Nur in Andeutungen („Aus Niels Lyhne sollte ja ein Dichter werden”, 110) oder Bewertungen seiner poetischen Versuche durch den Erzähler („aber bis jetzt hatte er kaum etwas anderes als seine Träume gehabt, woraufhin er Dichter werden konnte, und nichts ist einförmiger, eintöniger als die Phantasterei”, 110) erfahren wir von seinem (ersehnten) Dichtertum. Selbst von der Liebe zu Frau Boye beflügelt, kommt er nicht sonderlich weit, wie der Erzähler durch eine mitten im Satz abbrechende erlebte Rede verdeutlicht – gerade dort wo es poetisch zu werden beginnt: „Nein; wenn er einmal fertig wurde, so sollte es Musik werden, – mit Posaunen...” (113). Das ist einer seiner „Anläufe zu einem Sprung, der niemals gesprungen wurde” (192) und so ist es nur treffend, wenn Niels nicht selten als ‚Dichter, der nicht dichtet’ charakterisiert wird (vgl. z. B. Rehm 1963: 126).

Nach dem Tod des Vaters[9] führt Niels ein Gespräch mit der Mutter. Er versichert:

„[...] Mutter, ich bin Dichter, wirklich – mit ganzer Seele. Glaub nicht, daß es Kinderträume oder Träume der Eitelkeit sind. […] [I]ch will im Kampf um das Größte mit dabeisein [sic!], und ich verspreche dir, daß ich nie versagen, stets treu gegen mich selber und gegen das, was ich besitze, sein werde. […]. [D]enn verdanke ich es nicht dir, daß es in meiner Seele so hoch bis zur Decke ist; sind es nicht deine Sehnsucht und Träume, die meine Fähigkeiten zum Wachsen gebracht haben […].” (123)

Das hier abgegebene Versprechen wird Niels nicht halten. So scheitert er an seinen eigenen Ansprüchen, die er zwar von seiner Mutter übernommen, aber als Stellvertreter akzeptiert hat. Sie scheint sich damit zunächst zu begnügen: „‚[...][J]etzt ist mein Leben nicht bloß ein langer unnützer Seufzer gewesen [...]’” (123). Doch auch noch während ihrer letzten Lebenstage in Clarens zerstört ihr sehnsuchtsvolles Gemüt jegliche Hoffnung auf Versöhnung mit der Welt. Denn sie ist unfähig die reale, nicht-imaginierte Schönheit wahrzunehmen, die sie umgibt, „weil sie sich nach Farben gesehnt hatte, die das Leben nicht besitzt” (128). „Mitten in all dieser Schönheit saß sie mit ungestillter Schönheitssehnsucht in ihrem Herzen” (129) – eine gescheiterte Existenz, ein sinnloses Leben, dem nur noch Todessehnsucht bleibt.

Pathologisch gesehen, ist Bartholine Lyhne eine hochgradig depressive Frau, die ihre Depression an ihren Sohn weitergibt, indem sie ihm den unerreichbaren ‚Kampf um das Große’ aufschwatzt. Sie verliert den Glauben an ihre „Begabung” (12) jedoch nie und sehnt sich einen Tod zusammen, „Angesicht zu Angesicht mit der Herrlichkeit, Seele zu Seele mit der Schönheitsfülle” (130). Niels Anspruch an sich selbst bleibt zwar ungebrochen, doch mit jedem Schicksalsschlag und mit jeder abgerissenen Beziehung nimmt auch sein Elan immer weiter ab und versandet („Nicht um zu schaffen; das hatte keine Eile”, 148; „Er kann warten, sagt er”, 191). Schon vor seiner Beziehung zu Fennimore ist sein schöpferisches Walten gänzlich zum Erliegen gekommen und nur

[z]uweilen steigt ein Schaffensdrang in ihm auf, voll Sehnsucht, einen Teil seiner selbst in seiner Arbeit befreit zu sehen, und ganze Tage lang kann sein Wesen angespannt sein von frohen, titanischen Anstrengungen, den Ton für seinen Adam zu kneten; aber es gelingt ihm nie, ihn seinem Vorbild ähnlich zu formen; er hat nicht Ausdauer genug (191).

Niels scheitert im Endeffekt nicht im Versuch, als Künstler tätig zu sein, denn so weit kommt es erst gar nicht. Obwohl er nichts anderes hat als seine Träume, gelingt es ihm nicht, diesen treu zu bleiben. Sein träumerisches Wesen stumpft nach und nach ab, ernüchtert von der Einsamkeit und der Liebesunfähigkeit:

Niels Lyhne war müde; diese häufigen Anläufe zu einem Sprung, der niemals gesprungen wurde, hatten ihn ermattet. Alles schien ihm hohl, wertlos, verdreht und verwirrt, und außerdem so klein; […] die Wurzel seiner Müdigkeit war aus seiner verfehlten Liebeshoffnung entsprungen; von dort hatte sie sich schnell über sein ganzes Wesen, über all seine Fähigkeiten und Gedanken ausgebreitet. Jetzt war er kalt und leidenschaftslos (192).

Außer Niels und seiner Mutter lassen sich noch weitere Figuren aufzählen, die sich im träumerischen Dunstkreis der Kunst bewegen und mehr oder minder scheitern[10]. Da wäre zum einen der Hauslehrer Bigum, das willentlich verkannte „Genie” (33) einer zwar nicht bildenden aber eingebildeten Kunst. Er „verkörpert an sich schon die Diskrepanz von ‚Traum’ und Leben, da seine maßlose Selbstüberschätzung in einem grotesken Mißverhältnis zu seinen faktischen Leistungen und Fähigkeiten steht” (Sørensen 1991: 76). Und trotz der versuchten Selbstverblendung ist er sich im Grunde über seine Kleinheit im Klaren (vgl. 34).

Erich Refstrup hingegen wird von Anfang an als ein produktiver, bodenständiger Mensch vorgestellt, der „frei war von allem, was Träumerei, Exaltation oder Phantas-terei hieß” (69). Erich entscheidet sich schon früh, Künstler zu werden und verfolgt diesen Wunsch konsequent. Sein Schaffen ist von Erfolg gekrönt (vgl. 165), doch dann trübt sich das Bild ein und wir erfahren, dass er zuweilen „von einem wahnsinnigen Drang nach groben Genüssen, nach grober Lust ergriffen werden und sich ihnen in die Arme werfen [konnte], fieberbesessen von dem menschlichen Trieb nach Selbstvernichtung” (168). Diese Seite an ihm tritt erst in seiner Ehe mit Fennimore ganz zu Tage. Frustriert über sein Leben und die plötzliche Schaffenskrise, gibt sich Erich der schlechten Gesellschaft, dem Nihilismus (vgl. 207) und dem Alkohol hin. Er stirbt im Suff und scheitert so trotz seiner ‚guten Anlagen’, dieser „selbstbewußte[n] Unbesonnenheit, […] die handelt und die Folgen hat” (106), die Niels an „Zentauren” (106) wie ihm beneidet. Vielleicht wollte er im Innersten doch kein Künstler sein:

er war zu gesund, zu wenig von Träumen vergiftet, und es kam fast wie ein Ausschlag in ent- gegengesetzter Richtung zu seiner Hingebung an die höheren Mächte der Kunst, glich fast einer Rache, als fühle sich seine Natur gekränkt durch die Wahl jenes ideellen Lebensziels, das zu verfolgen die Umstände ihn gezwungen hatten. (167)

Ob Bigum, Refstrup, Lyhne: Im Bereich der Künste suchen Viele Zuflucht, die sich selbst nicht kennen. Doch Selbstverblendung verschließt den Weg zur gelungenen Kunst, ebenso wie totgeborene, phantastische Stellvertreterprojektionen von Eltern auf ihre Kinder keine gesunde Grundlage für deren Aufwachsen sind.

[...]


[1] So definiert es der Duden. Zur näheren definitorischen Begriffserklärung von ‚scheitern’ vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/scheitern [letzte Einsicht am 27.09.12].

[2] Das „Motiv des Verfalls und des Untergangs” hat in Niels Lyhne seinen festen Platz, ebenso wie „Pes-simismus und Melancholie” (Sørensen 1997: 289). Zur Literaturgeschichte der Dekadenz, des Fin de Siècle und zur Frage, inwiefern Niels Lyhne dieser ‚Epoche’ zugerechnet werden darf, vgl. ebenda.

[3] Gemeint ist hier die ‚Natur’ des Menschen, also sein ‚Wesen’ oder sein Charakter. So ist Bigum beispielsweise eine „plumpe[] philosophische[] Natur” (46). Im 19. Jahrhundert ging man weniger von einer postnatalen, durch Erziehung und Gesellschaft bedingte Charakterbildung aus. Stärker betont wurde die biologische Vererbung bestimmter Wesenszüge von Generation zu Generation.

[4] Ich verstehe ‚Traum’ in dieser Arbeit im Sinne Jacobsens als Ausdruck eines semantischen Bereichs, in dem sich auch ‚Sehnsucht’, ‚Hoffnung’, ‚Verlangen’, ‚Wünschen’, ‚Streben’ usw. befinden. Denn ‚Traum’ hat in Niels Lyhne „fast nie die übliche Bedeutung des Wortes, sondern bezieht sich meistens auf den Zustand, in dem sich der Mensch bei wachem Bewußtsein fiktiven, oft sehnsuchtsvollen Vorstellungen der Phantasie hingibt, die von der Wirklichkeit abweichen” (Sørensen 1991: 74).

[5] Die Zitate aus Niels Lyhne werden in dieser Arbeit per angehängter Seitenzahl in Klammer nachgewiesen. Sie stammen aus der Taschenbuchausgabe des Insel Verlags (Jacobsen 1973).

[6] Doch er kommt auch nach dem Vater: „Es geschah, daß er sich müde lief und daß seine Phantasie gar keine Farben mehr hatte; […] es erschien ihm, daß er ein unwürdiger Lügner sei, der sich frech den Anschein gegeben hatte, als liebe er das Große und als verstehe er es, während er in Wirklichkeit nur Gefühle hatte für das Kleine, während er das Alltägliche liebte und alle, alle erdgebundenen Wünsche und Begierden lebendig in sich fühlte” (24).

[7] Der Psychoanalytiker und Soziologe Erich Fromm, auf dessen Abhandlung Die Kunst des Liebens ich in dieser Arbeit mehrfach zurückgreifen werde, schreibt über das „Bestreben, das eigene Existenzproblem auf das Leben der Kinder zu projizieren” (Fromm 1985: 114): „Wenn jemand das Gefühl hat, daß es ihm nicht gelungen ist, seinem Leben einen Sinn zu geben, versucht er, den Sinn seines Lebens im Leben seiner Kinder zu finden. Aber dieses wird zwangsläufig für einen selbst und hinsichtlich der Kinder scheitern” (Fromm 1985: 114).

In morbider Drastik äußert sich dies wenn Bartholine in ihren Erzählungen über den totgeborenen Knaben phantasiert, den sie einige Jahre nach Niels Geburt zur Welt brachte: „[...] all das, was er hätte werden können, wurde jetzt dem Bruder in wildem Wechsel vorgeführt, Prometheussehnsucht, Messiasmut und Herkuleskräfte” (23).

[8] Andere zentrale Begriffe rund um den „Kampf um das Größte” (275) sind „die Idee” (274) und „das Neue” (275), wobei deren Bedeutungen sich im Text immer wieder überschneiden. Meist scheint ‚das Große’ sich auf Niels künftiges, glorreiches Dichterdasein zu beziehen, während‚die Idee’ und ‚das Neue’ tendenziell eher in Zusammenhang mit dem Atheismus auftauchen. Dass sich Lyhne unter den anderen jungen Menschen der Kopenhagener Kunstszene aber wiederum als „ein Mann in der Menge, ein Soldat im Sold der Idee und des Neuen” (87) fühlt, zeigt, wie sehr Jacobsen seine ‚Terminologie’ hier verschwimmen lässt bzw. wie beschränkt und unkonkret die Sehnsüchte und Ausdrucksfähigkeit Lyhnes sind.

[9] Niels Reaktion auf die Todesnachricht ist paradigmatisch für sein ästhetizistisches Wesen: Er betrauert nicht den realen Tod seines Vaters. Vielmehr scheint es zunächst um die Tatsache zu gehen, dass er all die sehnsüchtigen Gedanken, die er vor dem Tod des Vaters an diesen und die Heimat nicht hatte, jetzt nicht mehr haben kann. Er fühlt seinen eigenen Gefühlen hinterher: „[B]edrückt, wie er war, von der Trauer, fühlte er, wie seine Reue sich so verdunkelte, daß er sich eine mystische Schuld an dem Geschehenen beimaß” (117). Aus dieser etwas artifiziellen Selbstbespiegelung entwickeln sich dann die realen Schuldgefühle einer gescheiterten Vater-Sohn-Beziehung (vgl. 118).

[10] Frau Boye bewegt sich zwar im Kreis der Künstler, ist selbst jedoch keine Künstlerin. Ihr Plädoyer für „das Natürliche” (80) in der Kunst (vgl. auch 84 f.) ist vor allem als Nebenprodukt ihrer Wut über die fanatisch-verklärende Liebe der Männer zu den Frauen (vgl. 96-100) zu verstehen und nicht so sehr als eigenständige, ästhetische Theorie. „Über ihren Ausführungen schwebt aber eine von Jacobsen, aber nicht von Frau Boye selbst beabsichtigte Ironie, da weder sie noch ihr unerfahrener Liebhaber [Niels] sich nach den vorgetragenen Grundsätzen richten” (Sørensen 1991: 78).

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Motiv des Scheiterns in J. P. Jacobsens "Niels Lyhne"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V306693
ISBN (eBook)
9783668047372
ISBN (Buch)
9783668047389
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Niels Lyhne, Jens Peter Jacobsen, Scheitern, Ästhetizismus, Dänemark, dänischer Autor, Natur, Traum, Wirklichkeit, Kunst, Liebe, Masochismus, Atheismus, Nihilismus
Arbeit zitieren
Alexander Bauerkämper (Autor), 2012, Das Motiv des Scheiterns in J. P. Jacobsens "Niels Lyhne", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306693

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