Glücksspiel im Spätmittelalter und die Haltung der Obrigkeit in Augsburg


Hausarbeit, 2013

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Quelle
2.2 Politische Strukturen in Augsburg
2.3 Politische Einstellungen und Maßnahmen in Augsburg
2.4 Haltungen der Augsburger Obrigkeit zum Glücksspiel
2.5 Hintergründe für die Haltungen der Augsburger Obrigkeit

3. Fazit

4. Literatur

5. Anhang

1. Einleitung

,,Denn es geschehen viele tausend S ü nden durch das W ü rfelspiel, die ohne es nie gesch ä hen: viele tausend K ö rper und Seelen gehen verloren, die sonst nie verloren gingen, wenn einer nicht w ü rfelte. Davon kommt Mord, Diebstahl, Neid, Zorn, Ha ß und Nachl ä ssigkeit im Dienst Gottes. ‘‘ 1

Es ist wohl nicht unüblich, dass man mit dem Glücksspiel ein zeitloses Phänomen assoziiert, das in allen Epochen gegenwärtig ist. Wie aber aus dem Anfangszitat des Wanderpredigers Berthold von Regensburg um 1250 n. Chr. deutlich wird, war Glücksspiel im Mittelalter sogar mehr als das. Es handelte sich hier um ein Massenphänomen, das alle Stände ergriff2 und schwerwiegende Folgen für die damalige Gesellschaft sowie für den einzelnen Menschen mit sich zog3, was mir persönlich neu war - so habe ich bislang kaum etwas über den Stellenwert des Glücksspiels im Mittelalter aufgegriffen. Dennoch genießt das Glücksspiel im gesamten Mittelalter als ,, spielfreudige Epoche ‘‘4 einen generell hohen Stellenwert, welches man vor allem aus den vielen Primärquellen5 (Spielverbote, Anleitungen, Bilder usw.) ableiten kann. Meine persönliche Neugier an diesem Thema hat letztendlich dazu geführt, mich intensiver mit dem Glücksspiel und seiner damaligen Gesellschaft zu beschäftigen.

Angesichts der im Zitat aufgeführten gesellschaftlichen Folgen hatte die damalige Obrigkeit im christlich geprägten6 mittelalterlichen deutschen Reich7, die sich in weltliche und geistliche Obrigkeit untergliedern lässt8, verständlicherweise eine kritische Meinung gegenüber Glücksspielen, welche auch in meiner verwendeten Quelle deutlich wird. Nachdem ich die Haltung der geistlichen Obrigkeit anhand dieser näher erläutert habe, werde ich mich explizit auf die Haltung zum Glücksspiel in der Stadt Augsburg im Spätmittelalter - den Zeitraum von ungefähr 1250 n. Chr. - 1500 n. Chr.9 - fokussieren.

Dabei werde ich die Unternehmungen zur Unterbindung gegen das Glücksspiel aufführen, die Haltung analysieren und versuchen diese zu interpretieren. Ob diese Einstellungen und Verfahrensweisen der Augsburger Obrigkeit übertragenden Charakter für das mittelalterliche deutsche Reich haben, soll im Schlussteil geklärt werden.

Die heutige weitgefächerte Definition von Glücksspiel soll sich in diesem Essay mit dem Würfelspiel und dem Kartenspiel weitestgehend auf die zwei weit verbreitetsten Formen10 des damaligen Spieles um Geld beschränken.

2. Hauptteil

2.1 Quelle

Die zu Grunde liegende Quelle im Anhang ist ein Titelholzschnitt aus der ,, Vita Johannis Capistrani-Sermones eiusdem ‘‘, welche im Jahre 1519 n. Chr. in Augsburg erschienen ist11 und sich demnach an der Epochenschwelle des Mittelalters zur Neuzeit historisch einordnet.12 Nicht eindeutig hervor geht der Verfasser dieses Kunstwerkes. So vermutet man in der Forschung entweder Hans Leonhard Schäufelein13 oder Sebald Bopp14 als Urheber.

Auf dem Titelholzschnitt findet man eine große Menschenmenge auf einem größeren Platz vor, die gerade dabei ist, verschiedenste Spielmaterialien in einem großen Feuer zu verbrennen. Wie man oben links der Schrift entnehmen kann, handelt es sich bei der höherplatzierten Person um Johannes Kapistran.

Diese Art von Massenverbrennung wurde ursprünglich durch den heiligen Prediger Bernhardin von Siena einberufen, der das Glücksspiel als Erfindung des Teufels verurteilte und die Bevölkerung mobilisierte, jegliches Spielzubehör öffentlich niederzubrennen.15 Sein Schüler Johannnes Kapistran, welcher im Holzschnitt zu erkennen ist, setzte diese Tradition der sogenannten ,, bruciamenti ‘‘ dann seit den 1430ern n. Chr. als Wanderprediger fort.16 Diese Verbrennung unnütz angesehener Dinge - in Deutschland auch als ,, Verbrennung der Eitelkeiten ‘‘ tituliert - wurden von ihm ab 1450 n. Chr. auch verstärkt in deutschen Städten ausgeübt.17 Daher ist der Titelholzschnitt im Sinne einer Verallgemeinerung auf mehrere Städte seines Wirkens übertragbar. Die Verbrennungen von Brettspielen, Würfeln und Kartenspielen lassen sich unter anderem in den Städtechroniken von Wien, Meißen, Regensburg, Nürnberg, Erfurt, Halle, Magdeburg, Görlitz, Breslau und Augsburg zurückverfolgen.18

Die schwerpunktmäßig gewählte Stadt Augsburg, bei der die Verbrennung von unter anderem 1500 Spielbrettern19 auf den 22. September 1454 n. Chr. datiert wird20, demonstriert dabei mit ihrer großen Anzahl an Spielutensilien, die gewaltige Spielbesessenheit innerhalb der Stadt. Sie fand dabei auf dem Fronhof vor angeblich 20.000 Menschen statt.21

Obwohl die damaligen Schätzungen leicht übertrieben scheinen, spiegelt die Quelle insgesamt die ,, epidemische Verbreitung des Gl ü cksspiels ‘‘22 sowie die allgemein ablehnende Haltung der obersten Kirche im Spätmittelalter wieder.

2.2 Politische Strukturen in Augsburg

Im Folgenden soll analysiert werden, ob diese Einstellung jetzt genauso auf die Stadt Augsburg übertragbar ist. Dabei wird zunächst auf die politischen Strukturen im spätmittelalterlichen Augsburg eingegangen, die sich phasenweise unterschiedlich gestalteten.

1250 n. Chr. - 1368 n. Chr.

Während bis zum Spätmittelalter die Stadtherrschaft üblicherweise durch einen Stadtherrn in Form eines Bischofs23 ausgeübt wurde, bildete sich fortan das sogenannte Patriziat als Gruppe ratsfähiger Familien Städte übergreifend heraus24, das sich seit spätestens 1257 n. Chr. auch in Augsburg in Form eines Rates vorfand.25 Ab 1276 n. Chr. war die Stadt dann endgültig von einem Stadtherrn unabhängig26 und stellte den Stadtrat bis 1368 n. Chr.27 Konträr zu anderen Städten kann das Patriziat in Augsburg nicht als adelig bezeichnet werden, da es durch das Kooptationssystem28 besonders reiche Bürger, vornehmlich Kaufleute, hervorbrachte.29 Demnach existierten noch wenige ehemalige der Kirche nahestehenden Ministeralien im Rat, die zuvor im Auftrag des Bischofs vor allem administrative Aufgaben zu erfüllen hatten.30 Diese hatten zunächst die wichtigsten politischen Rollen inne.31 Aktive Ministeralien, die dem Bischof unterstanden, gab es innerhalb des Rates hingegen keine.32

1368 n. Chr. - 1500 n. Chr.

Ab 1368 n. Chr. gab es dann, ausgehend durch das Eintreten der Zünfte, eine anhaltende Aufteilung der politischen Macht zwischen Patriziat einerseits und dem auf Handwerkervereinigungen basierenden Zunftbürgertum.33

Die politische Führungsschicht bestand ab diesem Zeitpunkt also aus ,,einem kleinen, zwar nicht abgeschlossenen, wohl aber eng umgrenzten Kreis von Ratsfamilien'', überwiegend bestehend aus wohlhabenden Kaufleuten und Handwerkern34, welche eine insgesamt gut funktionierende ,,Wirtschaftskoalition''35 eingingen.

2.3 Politische Einstellungen und Maßnahmen in Augsburg

Um einen groben Überblick über die Entwicklung des Glücksspiels in Augsburg zu erhalten, werden vorerst die themenbezogenen Einstellungen und nachfolgenden Maßnahmen chronologisch dargelegt.

Betrachtet man die städtische Glücksspielhistorie, so wird deutlich, dass eine gewisse Tradition schon früh im Mittelalter einsetzt. So drohte beispielsweise schon Otto der Große auf dem Reichstag in Augsburg 952 n. Chr. den Klerikern mit ihrer Absetzung, sollten diese das Würfelspiel weiter betreiben.36

Die ersten Interventionen erfolgen jedoch erst im Spätmittelalter, nachdem das Glücksspiel überall bezüglich der Intensität - auch durch die Erfindung des Kartenspiels (ab ungefähr 1377 n. Chr.)37 und durch das immer häufigere Spiel um Geld38 - außerordentlich zunimmt und ein gesellschaftliches Problem darstellte. In Augsburg wurden dabei 1276 n. Chr. erstmals Vorkehrungen gegen das Glücksspiel getroffen, indem die Gesetze Kinder (Kindern ist der verspielte Betrag zur ü ckzuerstatten)39 sowie Fremde (nur mitgebrachte Wertgegenst ä nde d ü rfen von einem Fremden gefordert werden)40 schützen.

Zusätzlich wurden Spieler vor der Kleiderabnahme bewahrt (keine Kleiderabnahme, daf ü r durften Geld und Wertsachen genommen werden)41 sowie vorm Falschspiel gewarnt.

Die erste Erwähnung eines Falschspielers fand zudem im Jahre 1349 statt.42

Im 14. Jahrhundert griff die Obrigkeit insofern ein, indem sie 1377 n. Chr. den Spieleinsatz beschränkte43 sowie 1391 n. Chr. ein Kartenspielverbot verhängte.44 Seit 1418 n. Chr. beteiligte sich Augsburg an der Produktion des Glücksspiels. Wahrscheinlich kam einer der ersten Berufskartenmacher aus Augsburg.45 Nach der Verbrennung der Eitelkeiten 1454 n. Chr. nahm das Glücksspiel weiterhin eine tragende Rolle ein.

[...]


1 Frank Meier, Von allerley Spil und Kurzweyl. Spiel und Spielzeug in der Geschichte, Ostfildern 2006, S. 82.

2 Frank Meier, Von allerley Spil und Kurzweyl, S. 73.

3 Jürgen Fritz, Spiele als Spiegel ihrer Zeit. Glücksspiele-Tarot-Puppen-Videospiele, Mainz 1992., S. 21-23.

4 Ulrich Schädler, Globusspiel und Himmelsschach. Brett- und Würfelspiele im Mittelalter, Darmstadt 1998, S. 7.

5 Frank Meier, Von allerley Spil und Kurzweyl, S. 72,73,77,85.

6 Martina Hartmann, Mittelalterliche Geschichte studieren, 2. Auflage, Konstanz 2007, S. 46.

7 Martina Hartmann, Mittelalterliche Geschichte studieren, S. 100.

8 Martina Hartmann, Mittelalterliche Geschichte studieren, S. 106. 3

9 Martina Hartmann, Mittelalterliche Geschichte studieren, S. 43 / 45.

10 Annette Köger , Spielkarten und Glücksspiel, in: Volles Risiko. Glücksspiel von der Antike bis heute. Aus Anlass der Sonderausstellung im Karlsruher Schloss, 12.4. - 17. 8. 2008, Hg. Ulrike Näther / Schoole Mostafawy, Karlsruhe 2008 (Volkskundliche Veröffentlichungen des Badischen Landesmuseums Karlsruhe / 9), S. 63.

11 Dagmar Maria Schumacher, Würfelglück im Mittelalter, in: Volles Risiko. Glücksspiel von der Antike bis heute, S. 44.

12 Martina Hartmann, Mittelalterliche Geschichte studieren, S. 43:

13 Dagmar Maria Schumacher, Würfelglück im Mittelalter, S. 44.

14 Walter Tauber, Das Würfelspiel im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Eine kultur- und sprachgeschichtliche Darstellung, Frankfurt a. M. / Bern 1987 (Europäische Hochschulschriften 1 / 959), S. 50. 4

15 Walter Tauber, Das Würfelspiel im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, S. 51.

16 Dagmar Maria Schumacher, Würfelglück im Mittelalter, S. 60. / Dagmar Maria Schumacher, Glücksspiel in Mittelalter und früher Neuzeit, in: Volles Risiko. Glücksspiel von der Antike bis heute, S. 86. 17 Dagmar Maria Schumacher, Glücksspiel in Mittelalter und früher Neuzeit, S. 86.

18 Walter Tauber, Das Würfelspiel im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, S. 49-50.

19 Heinrich Dormeier, Um Geld und Glück. Tric-Trac, Schach und Kartenspiel, in: Feste und Bräuche aus Mittelalter und Renaissance: die Augsburger Monatsbilder, Hg. Christina Langner / Detlef Wienecke-Janz, Gütersloh / München 2007, S. 59.

20 Walter Tauber, Das Würfelspiel im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, S. 50.

21 Heinrich Dormeier, Um Geld und Glück. Tric-Trac, Schach und Kartenspiel, S. 59.

22 Jürgen Fritz, Spiele als Spiegel ihrer Zeit, S. 20.

23 Maximilian Gloor, Politisches Handeln im spätmittelalterlichen Augsburg, Basel und Straßburg, Heidelberg 2010 (Heidelberger Veröffentlichungen zur Landesgeschichte und Landeskunde / 15), S. 324.

24 Martina Hartmann, Mittelalterliche Geschichte studieren, S. 99.

25 Maximilian Gloor, Politisches Handeln im spätmittelalterlichen Augsburg, Basel und Straßburg, S. 70.

26 Maximilian Gloor, Politisches Handeln im spätmittelalterlichen Augsburg, Basel und Straßburg, S. 324 / 329.

27 Maximilian Gloor, Politisches Handeln im spätmittelalterlichen Augsburg, Basel und Straßburg, S. 253.

28 Maximilian Gloor, Politisches Handeln im spätmittelalterlichen Augsburg, Basel und Straßburg, S. 415.

29 Maximilian Gloor, Politisches Handeln im spätmittelalterlichen Augsburg, Basel und Straßburg, S. 80.

30 Martina Hartmann, Mittelalterliche Geschichte studieren, 2. Auflage, Konstanz 2007, S. 97.

31 Maximilian Gloor, Politisches Handeln im spätmittelalterlichen Augsburg, Basel und Straßburg, S. 80.

32 Maximilian Gloor, Politisches Handeln im spätmittelalterlichen Augsburg, Basel und Straßburg, S. 146.

33 Martina Hartmann, Mittelalterliche Geschichte studieren, S. 67.

34 Heinz Schilling, Ruhe im Sturm. Zum historischen Hintergrund, in: Feste und Bräuche aus Mittelalter und Renaissance: die Augsburger Monatsbilder, S. 37.

35 Maximilian Gloor, Politisches Handeln im spätmittelalterlichen Augsburg, Basel und Straßburg, S. 426. 6

36 Walter Tauber, Das Würfelspiel im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, S. 27.

37 Annette Köger , Spielkarten und Glücksspiel, S. 62-63.

38 Frank Meier, Von allerley Spil und Kurzweyl, S. 84.

39 Frank Meier, Von allerley Spil und Kurzweyl, S. 89.

40 Walter Tauber, Das Würfelspiel im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, S. 63.

41 Frank Meier, Von allerley Spil und Kurzweyl, S. 89.

42 Frank Meier, Von allerley Spil und Kurzweyl, S. 87.

43 Walter Tauber, Das Würfelspiel im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, S. 61.

44 Annette Köger , Spielkarten und Glücksspiel, S. 64.

45 Jerzy Gizycki / Alfred Górny, Glück im Spiel zu allen Zeiten, Zürich 1970, S. 305. 7

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Glücksspiel im Spätmittelalter und die Haltung der Obrigkeit in Augsburg
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Mittelalterlicher Alltag
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V307100
ISBN (eBook)
9783668056381
ISBN (Buch)
9783668056398
Dateigröße
1021 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Glücksspiel, Augsburg, Mittelalter
Arbeit zitieren
Jan Strohe (Autor), 2013, Glücksspiel im Spätmittelalter und die Haltung der Obrigkeit in Augsburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307100

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