Gender und Technologie. Die „weibliche Perspektive“ im Softwaredesign


Masterarbeit, 2011
151 Seiten, Note: Excellent (A) (Sehr gut)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Liste der Abkürzungen

1. Einführung
1.1 Zielsetzung und Forschungsfragen
1.2 Motivation
1.3 Gliederung
1.4 Abgrenzungen und Definitionen
1.4.1 Feminismus
1.4.1.1 Politische Dimension
1.4.1.2 Ideologische Dimension
1.4.1.3 Chronologische Wellen
1.4.1.4 Kritikpunkte und Diskussion
1.4.2 Gender
1.4.2.1 Die feministische Perspektive: Viele Formen der Wahrheit
1.4.2.2 Politischer Ansatz: Gender = Geschlecht?!
1.4.2.3 Unternehmerischer Ansatz: Diversität managen
1.4.2.4 Wissenschaftliche Betrachtung: Gender-Studien
1.4.2.5 Kritikpunkte und Diskussion
1.4.3 Wissenschaft & Technologie
1.4.3.1 Wissenschaft: Entdecken und erklären
1.4.3.2 Forschung: Der erste Schritt zum Wissenserwerb
1.4.3.3 Engineering & Technologie: Lösungen gestalten
1.4.3.4 Wissenschafts- und Technologiestudien
1.4.3.5 Kritik und Diskussion

2. Die Relevanz von Gender für das Technologiedesign
2.1 Frauen – Eine vernachlässigte Zielgruppe
2.2 Soziale und ökonomische Vorteile des Genderbewusstseins
2.2.1 Eine Frage der Fairness und Gleichberechtigung
2.2.2 Finanzielle Perspektiven
2.2.2.1 Frauen als Innovatoren und neue Kunden
2.2.2.2 Kaufkraft und genderbewusstes Marketing
2.2.2.3 Gesteigerte Leistungsfähigkeit von Unternehmen

3. Der geschlechtsspezifische Charakter von Technologie
3.1 Feministische Blickwinkel
3.1.1 Wissenschaft und Technologie – Soziale Phänomene
3.1.2 Technologie und Männlichkeit
3.1.2.1 Geschichte, Kultur und die geschlechtsspezifische Aufteilung von Arbeit
3.1.2.2 Symbole, Dichotomien und Sprachgebrauch
3.1.2.3 Sozialisation, Ausbildung und berufliche Diskriminierung
3.1.2.4 Geschlechtsspezifische Designprozesse und Artefakte
3.1.3 Von der Geschichte verborgen
3.1.3.1 Modelle der Marginalisierung
3.1.3.2 Erfolgreiche Frauen in Wissenschaft und Technologie
3.1.4 Ansätze zur Lösung des „Frauen-und-Technologie-Dilemmas“
3.1.4.1 Die liberale Perspektive – „Die Frauen reparieren“
3.1.4.2 Radikale und sozialistische Ansichten – Den Standpunkt ändern
3.1.4.3 Cyberfeminismus: Neue Technologien = neue Möglichkeiten!?
3.1.4.4 Sozialer Konstruktivismus – Es könnte auch anders sein
3.2 Nähere Betrachtung der Informationstechnologie
3.2.1 Was ist das Besondere an IT?
3.2.1.1 Das „Black-Box-Phänomen“
3.2.1.2 Die Rolle im Arbeitsleben der meisten Menschen
3.2.2 Gender und Informationstechnologie
3.2.3 Das Fehlen von Frauen in der IT
3.2.3.1 Ungleichheiten in der Ausbildung
3.2.3.2 Unvorteilhafte Arbeitsbedingungen
3.2.3.3 Berufliche Diskriminierung
3.2.3.4 Kulturelle Faktoren, die das Bild des Mannes bestärken

4. Hin zu mehr Genderbewusstsein im Softwaredesign
4.1 Gendered by Design?
4.1.1 Eine Balance der Perspektiven
4.1.2 Maskulinität im Designprozess
4.2 Eine Genderbewusste Organisation aufbauen
4.2.1 Managementeinsatz und -kultur
4.2.2 Gender-Workshops und Teamentwicklung
4.3 Ein genderbewusstes Design-Rahmenwerk implementieren
4.3.1 Ist-Analyse
4.3.2 Neues Setting

5. Realität heute: Gender in der Softwareindustrie
5.1 Aufbau der Interviews
5.2 Profile/Fallstudien
5.2.1 Anja, 26 Jahre – User Interface Designer
5.2.2 Christa, 45 Jahre – Software Product Owner
5.2.3 Maria, 46 Jahre - Designberaterin und Ausbilderin
5.2.4 Barbara, 47 Jahre – User Experience Designer
5.3 Interview-Ergebnisse
5.3.1 Schulischer und beruflicher Werdegang
5.3.2 Organisatorische Empfehlungen
5.3.3 „Von Frau zu Frau“

6... Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
6.1 Theorie und Praxis abstimmen
6.2 Mögliche weiterführende Untersuchungen

Literatur

Anhang

Leitfragen für narrative Erzählungen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1:Junge oder Mädchen – Wen kümmert’s?

Abbildung 2:Die eingeschränkte und allgemeine Bedeutung von Technologie

Abbildung 3:Wissenschaft versus Technologie

Abbildung 4:Automation des Zuhauses – Eine eindimensionale Perspektive

Abbildung 5:Baby-Jogger – Originalerfindung des Anwenders und kommerzielles Produkt

Abbildung 6:33 % der weiblichen „Late Majority“ könnten „Innovatoren“ werden

Abbildung 7:Eine männliche Technologiekultur

Abbildung 8:Altenpflege-Roboter – Schöne neue Welt!?

Abbildung 9:Unterschätzte Talente

Abbildung 10:Digitale Stadt Amsterdam – Eine virtuelle Welt für technisch Versierte

Abbildung 11:Blick auf Jones Beach – Zugangsbeschränkungen

Abbildung 12:„Lady Edison“ - Beulah Louise Henry

Abbildung 13:Männliche Unternehmens-Gesinnung

Abbildung 14:Exzerpt aus „Cyborg Manifesto“

Abbildung 15:EU-Kampagne „Cyberellas are IT“

Abbildung 16:„Genderasbest“

Abbildung 17:Der Teufelskreis des Ungleichgewichts in IT-Ausbildung und -Design

Abbildung 18:„Gamification“ – Die Zukunft von Unternehmenssoftware?

Liste der Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einführung

„Der erste Schritt in Richtung Wandel ist Erkenntnis. Der zweite ist Akzeptanz.“

Nathaniel Branden

Diese Arbeit möchte das Bewusstsein für das Thema Gender im Technologiedesign schärfen und legt dabei einen besonderen Fokus auf IT und Softwareapplikationen. Meine Motivation, dieses Thema zu wählen, basiert auf zwei Ausgangspunkten:

IT ist heute die Lebensader für fast alle Industrien und einer der wichtigsten Treiber für Innovationen in der westlichen Welt (vgl. Europäische Kommission 2011a; BMBF 2010; Europäische Union 2010; BMWi 2007). Neben dieser ökonomischen Bedeutung hat sich die Informationstechnologie aber auch zu einem der größten Einflussfaktoren für die Gesellschaft und das Leben – vor allem in den Industrienationen – entwickelt. Im starken Kontrast zu dieser herausragenden sozialen Rolle sind Frauen im Technologiebereich und in der IT aber auch heute noch selten anzutreffen und damit faktisch von der Gestaltung dieser neuen Realitäten ausgeschlossen. Ich sehe diese Situation aus zwei Gründen als problematisch an: einmal aus demokratischen Erwägungen, aber vor allem auch mit Blick auf die damit unvermeidliche ausschließlich männliche Perspektive, die sich in den entsprechenden Produkten widerspiegelt. Wenn man bedenkt, dass der Erfolg einer Innovation von der Akzeptanz der Kunden am Markt abhängt (vgl. Schumpeter [1934] 1982), und wenn man sich weiterhin verdeutlicht, welche wichtige Rolle den Usern für die Diffusion neuer Technologien zukommt (vgl. von Hippel 1988), ist es eine schlichte Notwendigkeit, im Rahmen der Definition neuer technologischer Lösungen die Bedürfnisse der wichtigsten Zielgruppen zu analysieren und in die Produktentwicklung einfließen zu lassen. Im Gegensatz zu dieser Erkenntnis steht die Tatsache, dass die spezifischen Bedürfnisse weiblicher Nutzer immer noch mehrheitlich ignoriert werden, obwohl die Anzahl von Frauen als eigenständige Kunden von technischen Produkten in den letzten zehn Jahren signifikant gestiegen ist. Genderspezifische Unterschiede werden in der Technologieforschung und im Technologiedesign immer noch weitgehend ausgeblendet, was im Ergebnis zu Produkten führt, die oft die Bedürfnisse weiblicher Zielgruppen nicht treffen. Ein anschauliches Beispiel dieser „Gender-Blindheit“ im Technologiedesign führen Schraudner und Lukoschat (2006, 3) an: Die ersten Spracherkennungssysteme in Autos haben auf die meisten weiblichen Stimmen nicht reagiert. Ärgerlich, aber nicht gefährlich – aber was ist zum Beispiel mit Technologien, die im medizinischen Umfeld bei Operationen verwendet werden und nicht auf den weiblichen Organismus abgestimmt sind, oder mit Airbag-Systemen, die ausschließlich auf Basis des männlichen Körpers entwickelt wurden und im Falle eines Unfalls Kinder und kleinere Frauen tödlich verletzen, anstatt zu schützen, wie Rosser (2006, 15) hervorhebt?

Der zweite Ansatz für die Themenwahl liegt darin begründet, dass trotz der erstaunlich großen Menge an – hauptsächlich feministisch orientierter – Literatur zu Fragestellungen von Gender im Kontext von Wissenschaft und Technologie wenig bis keine Forschungsarbeiten zum Thema Gender und IKT existieren. Insbesondere fehlen hier auch Analysen bezüglich des Designs von Softwareapplikationen (vgl. Bath et al. 2008, 828; Vendramin et al. 2001, 80; Wilson 2001, 355f). Als Angestellte eines großen internationalen Anbieters von Unternehmenssoftware interessiert es mich besonders, ob Gender im Rahmen der organisatorischen Prozesse, die das Design dieser – täglich von Millionen Frauen und Männern am Arbeitsplatz und in den Unternehmen genutzten – Anwendungen bestimmen, eine Rolle spielt, und in welchem Umfang weibliche IT-Expertinnen in diese Prozesse eingebunden sind und beitragen können.

1.1 Zielsetzung und Forschungsfragen

Im Zeitalter des anwenderorientierten Designs beschäftigen sich Wissenschaftler auch vermehrt mit der Gender-Thematik als einem der entscheidenden Faktoren für erfolgreiches, innovatives Produktdesign. Dies geschieht mit Blick auf Frauen als Gestalterinnen und Designerinnen sowie als Kundinnen und Nutzerinnen von Technologie (vgl. z. B. Schraudner/Lukoschat 2006).

Ein Ausgangspunkt ist die umfassende Diskussion zum Thema Gender und Technologie. Es existiert ein umfangreicher und heterogener Forschungsansatz und vielfältige Literatur zum Verhältnis von Frauen und IT. Ein übergreifendes Thema ist dabei der geschlechtsspezifisch (engl.: gendered) männliche Charakter von Technologie, der dafür verantwortlich gemacht wird, dass Frauen auch heute noch von der Schaffung und dem Design von technologischen Produkten ausgeschlossen sind. In der Folge weisen technische Artefakte und Produkte oft männliche Eigenschaften auf, die die Bedürfnisse und Vorlieben weiblicher Nutzer vielfach nicht widerspiegeln. Wie oben erläutert, hat die Informationstechnologie einen immer größeren Einfluss auf unser tägliches Leben. Sefyrin (2010a, 2) argumentiert, dass das Design von IT-Lösungen organisatorische, soziale und kulturelle Praktiken und Realitäten gestaltet und dabei bestimmte Aktivitäten besonders unterstützt, während andere eher behindert werden. Mit Blick auf den Einfluss von IT auf die Nutzer und umgekehrt, wie unter anderem von Oudshoorn und Pinch (2003) sowie Oudshoorn et al. (2004) diskutiert, stellt sie fest, dass „das Design von Informationstechnologie auch das Design von Usern ist [….], dass aber User auch die IT definieren“. Die Konsequenz daraus ist, dass IT keine neutrale Größe ist, sondern klare organisatorische und soziale Konsequenzen hat. Darüber hinaus konstruieren Designer technologischer Geräte und Anwendungen ihre Zielgruppen oft unbewusst als Abbildungen ihrer eigenen Fähigkeiten und Präferenzen. Diese Konstrukte dienen dann als Basis für Technologieszenarien, die letztendlich die Interessen und Kenntnisse ihrer Erschaffer – hauptsächlich junger, weißer Männer aus der Mittelschicht – widerspiegeln und Frauen und andere Gruppen unterrepräsentierter Nutzer ausschließen (vgl. z. B. Rommes 2006). Wenn man nun noch weiß, dass dieser maskuline Fokus, der von feministischen Wissenschaftlern so kritisiert wird, manchmal sogar dann unbewusst zum Tragen kommt, wenn Frauen einen führenden Anteil im Entwicklungsteam haben, wird deutlich, wie wichtig es ist, spezifisches Augenmerk auf die systematische Einbindung von Gender-Aspekten im Technologiedesign zu legen (Rommes et al. 2001).

Vor dem Hintergrund dieser Problematik und mit Blick auf den Mangel an Forschung im Bereich des Designs von Unternehmenssoftware möchte ich in dieser Arbeit die folgenden Fragen näher beleuchten:

1. Warum spielt Gender eine wichtige Rolle für das Technologiedesign im 21. Jahrhundert?
2. Warum kann man Technologie, und insbesondere IT, als „gendered“ bezeichnen? Woran erkennt man die männliche Dominanz und welche Ansätze existieren, um das „Frauen-und-Technologie-Dilemma“ zu bewältigen?
3. Welche Schwierigkeiten und potentiellen Lösungsmöglichkeiten gibt es, um einen höheren Grad an Bewusstsein für das Thema Gender in der Organisation von Softwaredesign zu erreichen, und wie können mehr unterschiedliche und weibliche Perspektiven eingebunden werden?
4. Finden sich die geschlechtsspezifischen Problematiken, die im theoretischen Teil erarbeitet wurden, in der persönlichen „Technologiehistorie“ der weiblichen IT-Spezialistinnen wieder, und zu welchem Grad ist das Bewusstsein für das Thema Gender heute schon in der Softwareindustrie verankert?

1.2 Motivation

Ich bin in den 1970er und 1980er Jahren in Deutschland aufgewachsen und habe damit sehr von den über Generationen andauernden Bemühungen unerschrockener und mutiger Individuen – meine eigene Mutter eingeschlossen – profitiert, die dazu geführt haben, die Situation von Frauen, insbesondere in der westlichen Welt, bis heute deutlich zu verbessern. Die meisten Industrienationen haben inzwischen mit Blick auf die Rechte von Frauen die ersten Stufen der Maslow’schen Bedürfnispyramide erklommen (vgl. Maslow 1943). Dank dieser couragierten Streiterinnen erachten wir heute das Recht auf eine akademische Ausbildung, das Wahlrecht, Geburtenkontrolle sowie das Recht, ein selbstbestimmtes Leben zu leben, als selbstverständlich. Neben der Diskussion um weitere soziale Verbesserungen, zum Beispiel mit Blick auf mehr finanzielle und organisatorische Hilfe für alleinerziehende Mütter, kämpft unsere Generation aktuell um die nächsten Schritte, die die Gleichbehandlung, den Respekt und die Selbstverwirklichung im Arbeitsleben zum Ziel haben. Dies beinhaltet Themen wie Lohngerechtigkeit und Karriereentwicklung, einen fairen Anteil an Frauen in Führungspositionen sowie Maßnahmen für eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und Privatleben.

Mit der zunehmenden Rolle, die Technologie – und insbesondere IT – im öffentlichen, beruflichen und privaten Leben spielt, stellt sich Wajcmans (2009, 150) Analyse, dass „die Identität, Bedürfnisse und Prioritäten von Frauen heute zusammen mit digitalen Technologien gestaltet werden“ als eine wichtige Erkenntnis heraus, die die Bedeutung der Integration von Frauen in den Prozess des Designs von IT unterstreicht. Ich stimme mit ihrer Aussage (ebd.) überein, dass „der Einbezug von mehr Frauen in das Technologie-Design […] nicht nur eine Frage von Chancengleichheit ist, sondern darüber hinaus entscheidend dafür, wie und für wen die Welt, in der wir leben, gestaltet wird.“

Ich bin dankbar dafür, dass meine Mutter mich früh für das Thema Feminismus und Frauenrechte sensibilisiert hat. Meinem Arbeitgeber SAP AG danke ich für die Möglichkeit, an diesem MBA-Programm mit Schwerpunkt Entrepreneurship und Innovation teilzunehmen. Ich freue mich, dass es mir im Rahmen dieser Arbeit gelungen ist, relevante Studieninhalte, zum Beispiel im Bereich des anwendergetriebenen (engl.: user-driven) Designs mit neuen Erkenntnissen im Bereich der feministischen Theorien und des Genderbewusstseins im Produktdesign zu verbinden und die Ergebnisse mit weiblichen IT-Spezialistinnen zu diskutieren und gegen die Realität der Organisation von Design- und Entwicklungsprozessen in der globalen Softwareindustrie zu testen. Mit dem Ergebnis hoffe ich, einen weiteren kleinen Puzzlestein zum großen Bild über das Verstehen von Geschlechtergleichheit und -gerechtigkeit im Kontext von IT beizutragen.

1.3 Gliederung

Die vorliegende Arbeit besteht aus sechs Kapiteln. In der Einführung erläutere ich die Grundlage der Problemstellung sowie die Motivation der Themenwahl und formuliere Zielsetzung und Forschungsfragen. Außerdem grenze ich das Thema nach verschiedenen Richtungen ab und gebe einen Überblick über grundlegende Konzepte des Feminismus sowie des Zusammenspiels von Gender, Wissenschaft und Technologie als Basis und zum Verständnis der weiteren Analyse und Diskussion im Text.

Das folgende Kapitel, Die Relevanz von Gender für das Technologiedesign, verweist auf die Wichtigkeit eines gesteigerten Bewusstseins für das Thema Geschlecht im Kontext von Technologieforschung, -design und -entwicklung. Hier analysiere und diskutiere ich die relevante Literatur und abgeleitete Erkenntnisse mit Blick auf die Abwesenheit von Frauen als wichtige Interessengruppe im Kontext von Technologie und lege die soziale und ökonomische Bedeutung der Integration von Gender als einem zentralen Aspekt für diese Prozesse dar.

Kapitel 3, Der geschlechtsspezifische Charakter von Technologie, ist das zentrale Kapitel dieser Arbeit. Hier analysiere ich aus einer feministischen Perspektive heraus die Erkenntnisse von – hauptsächlich europäischen und amerikanischen – Autoren und Autorinnen der letzten Jahrzehnte bezüglich der Fragestellung des Geschlechts in der Technologie und der Gründe für die bis heute andauernde breite Abwesenheit von Frauen als Schöpferinnen und Designerinnen sowie deren Ausblendung als Nutzerinnen und Konsumentinnen. Nach der Diskussion einiger der wichtigsten feministischen Ansätze zur Überwindung der „Frauen-Technologie-Lücke“ fokussiere ich die weitere Betrachtung auf die Geschlechterverhältnisse in der Informationstechnologie.

Kapitel 4, Hin zu mehr Genderbewusstsein im Softwaredesign baut auf diesen Erkenntnissen auf. Hier bespreche ich weiterführende Literatur und lege Hemmnisse und mögliche Lösungsansätze für die Überwindung des Phänomens der „Geschlechterblindheit“ in der Organisation von IT-Design sowie zur Erhöhung des weiblichen Anteils in der Entwicklung von Softwareanwendungen dar.

In Kapitel 5, Realität heute: Gender in der Softwareindustrie, stelle ich vier Fallstudien weiblicher IT-Spezialistinnen vor. Nach Darlegung der persönlichen Technologiehistorie analysiere ich den Grad, zu dem aus Sicht der befragten Person das Thema Genderbewusstsein in die organisatorischen Prozesse und Teams, die das Design von Unternehmenssoftware steuern, eingeflossen ist. Weiterhin liste ich die jeweiligen Empfehlungen der Teilnehmerinnen für Unternehmen und Frauen in der IT-Industrie.

Kapitel 6, Zusammenfassung und Schlussfolgerungen, subsumiert die theoretischen und praktischen Erkenntnisse darüber, wie IT-Unternehmen eine sogenannte „Geschlechterbrille“ (engl.: gendered lenses) einführen könnten, um den weiblichen Faktor in ihren Designprozessen zu erhöhen. Abschließend gebe ich einen kurzen Ausblick auf einige mögliche weitere Forschungsfragen in diesem Zusammenhang.

1.4 Abgrenzungen und Definitionen

Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der Schnittstelle zwischen Ingenieurwesen, Technologiedesign, Gender sowie feministischen Kritiken von Wissenschaft und Technologie bezogen auf das Verhältnis von Frauen und Technologie. Der spezifische Fokus bewegt sich im Bereich der IT- und Softwareindustrie. Aufgrund der umfangreichen und heterogenen Forschungslandschaft in jedem dieser Bereiche, die es zu analysieren gilt, um mögliche Ansätze zu mehr Genderbewusstsein im IT-Design herauszuarbeiten, nehme ich zunächst eine sehr umfangreiche Literaturanalyse vor und beschäftige mich dann mit der Erarbeitung und Diskussion von Möglichkeiten zur Verbesserung dieser Situation. Ich konzentriere mich dabei hauptsächlich auf die Situation in den westlichen, sogenannten „Erste-Welt“-Ländern. Die theoretischen Erkenntnisse werden anhand von Fallstudien mit einer kleinen Gruppe weiblicher Software-Ingenieure und IT-Designer validiert. Im empirischen Bereich ist diese Arbeit daher durch die individuellen Perspektiven, Geschichten und Erfahrungen der teilnehmenden Frauen bestimmt.

Einige der vorherrschenden Konzepte, die die Basis für diese Arbeit bilden, sind nicht nur sehr komplex, sondern beschäftigen sich auch mit „sich im Fluss befindenden und teilweise umstrittenen Begriffen“ (Fox et al. 2006, 5). Um eine gemeinsame Basis zu schaffen und Mehrdeutigkeiten so weit wie möglich zu vermeiden, gebe ich in den nächsten Absätzen einen Überblick über einige dieser Bereiche, liste einige der Hauptkritikpunkte auf und erläutere meine persönliche Interpretation und Begriffsnutzung im Kontext dieser Arbeit.

1.4.1 Feminismus

Der Begriff „Feminismus“ entzieht sich einer einfachen Definition, da er eine große Vielzahl an Perspektiven beinhaltet. Im Allgemeinen bezieht er sich auf die Analyse der Diskriminierung von Frauen und auf Theorien bezüglich der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Gleichheit der Geschlechter (vgl. z. B. Thiessen 2008, 37ff). Oder, wie Harding (1986, 24) feststellt: „Feminismus ist eine politische Bewegung für sozialen Wandel“. Die Ursprünge datieren grob in das späte 18. Jahrhundert und in den Kontext der französischen Revolution zurück. Frühe Hauptfiguren waren unter anderem Olympe de Gouges, die für ihre Deklaration der Rechte von Frauen und weiblichen Bürgern geköpft wurde, oder Mary Wollenstonecraft, die eine „Verteidigung der Rechte der Frau“ (1796) veröffentlichte. Wollenstonecraft verdammt die Tyrannei der Männer und verlangt eine faire und moralische Gesellschaft. Unter anderem tätigt sie die bedeutende Aussage (ebd.), dass „[…] der Machtmissbrauch durch machttrunkene, schwache Männer zeigt, dass eine Gesellschaft umso tugendhafter und glücklicher sein wird, je mehr Gleichheit zwischen den Menschen hergestellt wird.“

Insgesamt dient der Feminismus als Oberbegriff für eine Reihe an heterogenen Konzepten im akademischen Kontext der Frauen- und Geschlechterforschung, die so unterschiedliche Disziplinen wie Geschichte, Wirtschaft, Soziologie, Psychologie, Anthropologie, Philosophie, Theologie etc. umfasst. Die verschiedenen theoretischen Schulen, die sich hauptsächlich aus Europa und den Vereinigten Staaten heraus entwickelt haben, lassen sich anhand ihrer Grundideale, politischen Motive, Ideologien und Zielgruppen unterscheiden. Ein gemeinsamer Ausgangspunkt, der allen Richtungen gemein ist, ist das Aufbegehren gegen die Marginalisierung und Unterordnung der Frauen als Gruppe unter die Herrschaft der Männer, die der Auffassung von Fairness und Demokratie entgegenstehen. Ein zentraler Programmpunkt des wissenschaftlichen Feminismus im Zusammenhang mit solchen ungleichen Kräfteverhältnissen ist die Analyse der „binären Gegenüberstellung als einem strukturellen Prinzip moderner Gesellschaften und Basis für ein hierarchisches Verhältnis zwischen den Geschlechtern“ (Thiessen 2008, 37ff). Diverse Autoren haben sich mit der Geschichte des Feminismus auseinandergesetzt (vgl. z. B. Götsch 2010; Beck 2009; Holland-Cunz 2003), und ich werde auf den nächsten Seiten einige der wichtigsten Konzepte und Perspektiven kurz skizzieren.

1.4.1.1 Politische Dimension

Bedeutende politische Bewegungen sind der liberale, sozialistische und radikale (autonome) Feminismus. Der liberale Feminismus hat sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hauptsächlich aus den Reihen der Mittelschicht entwickelt und forderte gleiche Rechte für Frauen in Politik und Gesellschaft – bei gleichzeitiger Beibehaltung der traditionellen physischen, psychologischen und traditionellen Rollenunterschiede und dem Ideal der Familie als der wichtigsten sozialen Institution. Sozialistische Feministinnen sahen im Kampf für die Rechte und die Verbesserung der sozialen Situation der Arbeiterinnen einen wichtigen Aspekt im großen Streben nach Überwindung der Klassengesellschaft. Die Erkenntnis, dass patriarchalische Strukturen zumeist auch in sozialistischen Systemen dominierten, führte dazu, dass diese Ideen sich später zu einer umfassenderen Kritik an den politischen Strukturen erweiterten. Eine Strömung beinhaltet die Vision von männlichen und weiblichen Proletariern, die zusammen für mehr Gleichheit, Gerechtigkeit und bessere Lebensbedingungen kämpfen; die andere – der sogenannte radikale Feminismus – verweigert sich einem gemeinsamen Kampf beider Geschlechter und versucht, alle Frauen aus den patriarchalischen Fesseln und Mechanismen sexueller Unterdrückung zu befreien, da alle Männer als explizite oder implizite Unterstützer und Unterdrücker eingestuft werden (vgl. z. B. Millet 1971).

1.4.1.2 Ideologische Dimension

Im ideologischen Bereich beschäftigen sich die Ideen hauptsächlich mit den unterschiedlichen Gender-Konzepten. Die drei zentralen Strömungen sind der humanistisch-egalitäre Flügel, der die Gleichheit beider Geschlechter betont, der gynozentrische, essentialistische oder Differenzfeminismus, der die – hauptsächlich biologisch begründeten – Unterschiede zwischen Frauen und Männern herausstellt, und die postmoderne Perspektive, die den Essentialismus und alle feststehenden Definitionen von Geschlechtsattributen verneint und stattdessen multiple Sichten und Realitäten als gegeben ansieht. Eine vierte, neuere Bewegung ist der Postfeminismus, der unter anderem die aktuelle „Ende-des-Feminismus-Debatte“ thematisiert und herausfordert.

Die Verfechter der egalitären Strömung, die hauptsächlich aus den Sozialwissenschaften stammen und in Simone de Beauvoir eine ihrer größten Unterstützerinnen sehen, argumentieren, dass Männer und Frauen gleiche innere Voraussetzungen mitbringen und nur durch ihre Erziehung, die Gesellschaft sowie Rollenvorbilder als „männlich“ oder „weiblich“ konstruiert werden. Politik und Wirtschaft wird unterstellt, dass sie diese Unterscheidung aktiv unterstützen und eine klare geschlechtsspezifische Arbeitsteilung fördern, die Frauen diskriminiert. Männer definieren nach dieser Theorie Frauen im Verhältnis zu sich selbst als „anders“, als relative, unvollkommene Wesen und halten sie davon ab, aus ihrem tradierten und zugewiesenen Rollenumfeld herauszuwachsen und ihren gerechten Anteil am politischen und sozialen Leben zu erlangen. Diese Tendenz hat Beauvoir zu ihrem berühmten Zitat veranlasst, dass man „nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht wird“ ([1951] 2009, 334). Egalitäre Feministinnen ziehen daher die grundlegende Schlussfolgerung, dass nur eine komplette Aufhebung der Geschlechtsunterschiede – inklusive des femininen Bereiches – zu einer Gleichbehandlung von Männern und Frauen führen kann (Galster 2008, 47).

Im Gegensatz dazu sehen die Unterstützer der Differenztheorie – die hauptsächlich (aber nicht ausschließlich) aus der Psychoanalyse kommen – aufgrund der spezifischen Körperlichkeit große Unterschiede in der Art und Weise, wie Männer und Frauen denken, fühlen und handeln, und geben der patriarchalischen Gesellschaft die Schuld an der Abwertung weiblicher Attribute zugunsten einer Bevorzugung der individualistischen männlichen Kultur, die Werte wie Gewalt, Tod und Zerstörung glorifiziert. Eine der Hauptfiguren dieser gynozentrischen Bewegung, die seit Mitte der 1970er Jahre in den Diskussionen die Vorherrschaft gewinnt, ist Iris Marion Young, eine frühere Unterstützerin von Simone de Beauvoir. Aus ihrer neuen Perspektive kritisiert sie nun die egalitäre Verneinung geschlechtsspezifischer Verhaltensweisen, Fähigkeiten und Werte, die zu einer Zementierung patriarchalischer Normen und maskuliner Werte führt, und argumentiert für eine positive Einstufung weiblicher Attribute und Qualitäten in der Gesellschaft, die sie als politische Instrumente für eine Verbesserung des Status von Frauen hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit institutionalisiert sehen möchte (vgl. z. B. Lucke 2003; Jörke 2009).

Der postmoderne Feminismus ist ein theoretisches Rahmenwerk mit weit auseinanderstrebenden Blickwinkeln, der sehr stark von der postmodernen Philosophie beeinflusst ist, die auf den Ideen von Philosophen wie Nietzsche, Foucault, Derrida oder Lacan basieren (vgl. z. B. Englert 2009; Wright 2000). Traditionelle essentialistische Praktiken werden abgelehnt mit der Begründung, dass die „Realität“ nur ein subjektiver, durch Sprache und Symbole – oft auf eine sogenannte „performative“ Weise – konstruierter, Eindruck ist (Engelmann 2007, 140ff). In der Schlussfolgerung sind die existierenden Kategorien von Gender und (biologischem) Geschlecht – eingeschlossen einer generellen Kategorie „Frau“ – gegenstandslos (von Hoff 2009, 188ff; vgl. auch Villa 2008a, 146ff; Villa 2008b, 264f; Bartky 2005, 325f). In „Gender Trouble“ kritisiert die poststrukturalistische Philosophin Judith Butler, deren Arbeit eng mit den postmodernen Theorien verknüpft ist, bisherige feministische Bewegungen und stellt fest, dass „[…] die Kategorie ‚Frau‘ […] genau durch solche Machtstrukturen hervorgebracht und zurückgehalten wird, die eigentlich das Ziel der Emanzipierung unterstützen sollten“ (Butler 1991, 17). Die Befürworter des Postmodernismus schlagen Methoden wie die sogenannte Dekonstruktion, Geschlechterkunde oder narrative und diskursive Ansätze zur Erschaffung einer neuen Sicht auf die Wahrheit vor. Oder eher: multiple Wahrheiten und Realitäten basierend auf den Geschlechterunterschieden, den jeweiligen Situationen und Perspektiven.

Spezifische moderne feministische Strömungen, die sich mit der Konstruktion von Technologie, Natur und der Umwelt auseinandersetzen, sind zum Beispiel Technofeminismus, Cyberfeminismus oder Ökofeminismus (vgl. z. B. Thiessen 2008, 39).

Eine wichtige Richtung in der postfeministischen Diskussion beschäftigt sich mit der Frage, ob die Behauptungen mancher Feministinnen zur Erreichung von Gleichheit tatsächlich wahr sind. In ihrem Buch „The Aftermath of Feminism“ argumentiert McRobbie gegen dieses „Ende-des-Feminismus-Postulat“ und zeigt auf, wie tradierte Geschlechts- und Machtstrukturen im Zuge der Hinwendung zur Konsumenten- und Populärkultur wieder etabliert werden. Sie zeigt dies unter anderem am Beispiel der Kosmetik- und Medienindustrie und folgert, dass „Feminismus instrumentalisiert wird […] und dass die Zustimmung und das Mitmachen junger Frauen in vielfältiger Hinsicht aktiv gesucht und scheinbar unterstützt wird, aber auf eine Art und Weise, die sich der Idee einer zentralisierten Macht widersetzt“ (McRobbie 2009, 5ff).

1.4.1.3 Chronologische Wellen

Die Entwicklung des Feminismus in Europa und Nordamerika wird manchmal auch bildlich anhand von verschiedenen Wellen beschrieben (vgl. z. B. West 2010). Aus dieser Perspektive kann man vier größere, teilweise überlappende Wellen unterscheiden: Die erste Welle im 19. Jahrhundert zielt hauptsächlich auf eine Gleichstellung in grundlegenden Bereichen wie Eigentums- oder Wahlrecht. Die zweite feministische Welle beginnt in den 1960er Jahren und konzentriert sich hauptsächlich auf die kulturellen, sozialen und politischen Aspekte der Diskriminierung, wie zum Beispiel Gleichheit im beruflichen Umfeld, sexuelle Belästigung sowie die politischen Konsequenzen der Geschlechterunterschiede. Im Rahmen der dritten Welle – aufbauend auf den Themen früherer Bewegungen – werden nun Fragestellungen des Feminismus zwischen Klassen, Rassen und sexuellen Orientierungen diskutiert, die die weibliche Vielfalt herausstellen. Schließlich kann man auch eine vierte Welle im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert definieren, die postmoderne und postfeministische Ansätze inklusive der weiteren Entwicklungen feministischer Gedanken sowie die Behauptungen des „Ende des Feminismus“ und verschiedene Kritiken früherer Theorien beinhaltet (vgl. z. B. Field 2000).

1.4.1.4 Kritikpunkte und Diskussion

Zu allen oben beschriebenen Konzepten gibt es viele akademische und literarische Diskussionen und Kritikpunkte. Einer davon beschäftigt sich mit dem Ausschluss und der Klassentrennung, zum Beispiel zwischen weißen, der Mittelklasse angehörigen Frauen und Arbeiterinnen, oder zwischen schwarzen und weißen Frauen. Auch die Frage der Einordnung von Heterosexualität gegenüber allen anderen Formen der Sexualität in verschiedenen Theorien wird vielfach analysiert und kritisiert (Thiessen 2008, 40f). Ein weiterer Kritikpunkt zielt auf die zunehmende „Feminisierung“ fast aller soziologischen Subjekte ab, die so weit reicht, dass sich mittlerweile Männer oft als das in Vergessenheit geratene Geschlecht fühlen, zum Beispiel in der aktuellen Diskussion um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (Lucke 2003).

Ein spezifischer Stein des Anstoßes mit Blick auf die meisten Theorien ist die Tatsache, dass der Feminismus auf der einen Seite danach strebt, Mechanismen der Unterdrückung und Marginalisierung zu beseitigen und den Blick für ein vielfältigeres Bild zu erweitern, das auch weibliche Werte und Züge mit einschließt, dass auf der anderen Seite aber die Argumentation auf Grundlage der biologischen Vorzüge des weiblichen Geschlechts zur gleichen Zeit und oft unabsichtlich dazu führt, dass die eigentlich kritisierte Dichotomie „Mann-Frau“ weiterhin zementiert wird. Andere Kritiker verurteilen genau die Abschaffung dieser Dichotomie, wie zum Beispiel von Butler und den Postmodernisten vorgeschlagen, als unnatürlich und kontraproduktiv für das menschliche Leben (vgl. z. B. Lucke 2003, 21f; Thiessen 2008, 40ff). Ich stimme mit Gerhard (2004) überein, dass das scheinbare feministische Paradoxon, gleiche Rechte zu fordern und zur gleichen Zeit den Unterschied zwischen Frauen und Männern zu proklamieren (auch „Wollenstonecraft–Dilemma“ genannt), das zum Beispiel von Luhmann (1988) kritisiert wird, in Wirklichkeit die feministische Fähigkeit zur Reflektion und Selbstbeobachtung zeigt – „genau wie die Soziologie selbst agiert, wenn sie Krisen in der Entwicklung der Moderne diagnostiziert und interpretiert“ (Gerhard 2004, 131). Da die Vielfalt und die Kontroversen der verschiedenen feministischen Strömungen aber in der Tat zu einem gewissen Level an Konfusion führen können, gefällt mir Campells Ansatz (2004, 196), der alle Gedanken als in drei grundlegenden Wertvorstellungen verwurzelt ansieht, von wo aus alle feministischen Gruppen in „unterschiedlichen, aber organisch verbundenen Ansätzen“ (ebd.) arbeiten, um einen Nutzen für alle Frauen zu erzielen. Diese grundlegenden Gedanken sind:

„Das Recht jeder Frau auf volle Humanität. Die Bekenntnis, für sich selbst und für alle Frauen zu agieren. Das Ziel sozialer Gerechtigkeit und systemischen Wandels.“

Und schließlich bin ich der Meinung, dass Haraway (1988) mit dem folgenden Statement eine interessante und noch breitere Perspektive geschaffen hat:

„Der Feminismus liebt eine andere Wissenschaft: Die Wissenschaft und Politik der Interpretation, Übersetzung, des Gestotterten und des nur halb Verstandenen. Feminismus dreht sich um die Wissenschaft multipler Subjekte mit (mindestens) einer doppelten Vision. Feminismus hat eine zentrale Vision, die nach einer bedeutenden Positionierung in einem inhomogenen und vergeschlechtlichten sozialen Umfeld strebt.“

Im Rahmen dieser Arbeit benutze ich den Begriff „Feminismus“ analog zu Sefyrin (2010) als einen epistemologischen Ansatz, der Annahmen, Theorien und Methoden zur Erreichung von Geschlechtergleichheit zusammenfasst, und werde bei Bedarf auf spezifische Strömungen verweisen.

1.4.2 Gender

Der Begriff „Gender“ ist eng mit dem Feminismus verbunden. Es handelt sich um ein angelsächsisches Wort [für das es im Deutschen keine Entsprechung gibt – Anm. der Verfasserin], das in den 1970er Jahren eingeführt wurde, um eine Unterscheidung zwischen dem biologischen Geschlecht und den sozial und kulturell konstruierten Männlichkeiten und Weiblichkeiten zu ermöglichen – im Sinne der Aussage von Simone de Beauvoir: „Man wird nicht als Frau geboren“ (vgl. z. B. Meissner 2008; Lucke 2003; Krings 2002a; Oakley 1972). Nach Van Oost (2003) findet die Gestaltung von Gender auf drei unterschiedlichen Ebenen statt: Auf der individuellen Ebene drückt sie sich in Fähigkeiten, Einstellungen und Identitäten aus, auf der strukturellen Ebene manifestiert sie sich in Form einer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, und auf einer symbolischen Ebene sind es kulturelle Prozesse, Normen und Werte, die mit Männlichkeit oder Weiblichkeit assoziiert werden. Was als männlich oder weiblich eingestuft wird, variiert zudem mit der Zeit und verschiedenen Orten und zeigt somit, dass Gender ein „dynamisches und multiples Phänomen“ ist (ebd.). Eine häufig zitierte Definition, wie sich Gender in Organisationen und Prozessen materialisiert, stammt von Acker (1990, 146):

„Die Feststellung, dass eine Organisation oder ein anderer Analysegegenstand ‚gendered‘ ist, besagt, dass Vorteil und Nachteil, Ausbeutung und Kontrolle, Aktion und Emotion, Bedeutung und Identität durch eine Unterscheidung zwischen männlich und weiblich geprägt sind. Gender ist nicht etwas, was zu bis dahin geschlechtsneutralen laufenden Prozessen hinzugefügt wird; es ist vielmehr ein integraler Bestandteil dieser Prozesse […].“

1.4.2.1 Die feministische Perspektive: Viele Formen der Wahrheit

Die Vorstellung eines sozial konstruierten Geschlechts, des „Gender“, kann als ein „Minimalkonsens“ in vielen Bereichen der Feminismus- und Genderforschung angesehen werden (Meissner 2008). Die Frage der Breite und Tiefe dieser Konstruktion wird hingegen konträr diskutiert. Sie reicht von der Einsicht, dass es je nach individuellem Kontext auch unterschiedliche, individuelle Kategorien „Frau“ gibt – z. B. mit Blick auf die soziale Schicht, das Alter, die Rasse, die Geografie, die Sexualität, die Ausbildung und Erziehung etc. (ebd.) – bis hin zur kompletten Verneinung der grundlegenden binären Konstruktion „Mann – Frau“. Diese letztere, sehr kontroverse Richtung, die substantiell von den anderen feministischen Strömungen abweicht, basiert auf Judith Butlers Argumentation, dass das biologische Geschlecht selbst konstruiert ist und ein Produkt von Sprache und Symbolismus darstellt (Butler 1991, 22ff). Butler kritisiert sogar die ihrer Meinung nach immer noch zu enge Verbindung zwischen Geschlecht und Gender, die durch die vorherigen feministischen Denkrichtungen festgelegt wurden, und verweist auf die Tatsache, dass auch reale Dinge wie der Körper soziale Konstrukte darstellen können.

Mit Blick auf die Art und Weise, in der Individuen für sich und andere mit Hilfe von Sprache und Symbolen eine sozial konstruierte Gender-Realität gestalten, haben West/Zimmermann (1987, 126) den Begriff „Gender schaffen“ („doing gender“) eingeführt. Sie verstehen Gender als (ebd.) „[…] eine methodische und wiederkehrende Routine-Aktivität, die sowohl von Frauen als auch von Männern unternommen wird, [...] und die einen Komplex von sozial gelenkten, die Wahrnehmung, Interaktionen und Mikropolitik betreffenden Aktivitäten umfasst, die bestimmte Bestrebungen als Ausdruck männlicher oder weiblicher Naturen zementieren.“

Damit werden Gender und Geschlecht nicht als Grundlage für die Unterschiede im menschlichen Verhalten gesehen, sondern umgekehrt – als das Resultat komplexer sozialer Prozesse (Gildemeister 2008, 137).

1.4.2.2 Politischer Ansatz: Gender = Geschlecht?!

Krings (2002a, 5) beschreibt die lebhaften und kontroversen Diskussionen anlässlich der vierten UN-Weltfrauenkonferenz in Peking im Zusammenhang mit dem Konzept des Gender als sozialem Konstrukt. Viele nationale und geistliche Delegationen inklusive des Vatikans befürchteten in diesem Zusammenhang eine Marginalisierung des biologischen Geschlechts. Als Ergebnis dieser Kontroverse definiert der Abschlussbericht den Begriff „Gender“ als „eine alternative Möglichkeit, über Frauen und Männer zu sprechen“, „Gender-Gleichstellung“ als „Synonym für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen“ und „Genderbewusstsein“ als „Bewusstsein über die unterschiedlichen Auswirkungen von politischen Entscheidungen auf Frauen und Männer“ (ebd.). Das sogenannte „Gender-Mainstreaming“ als Strategie und Konzept soll helfen, Gender-Gleichstellung im täglichen Leben zu gewährleisten. Es richtet sich hauptsächlich an Regierungen und Institutionen mit dem Ziel, die Gender-Perspektive in allen politischen Entscheidungen und Programmen zu berücksichtigen (Vereinte Nationen 1995; vgl. auch Zimmermann/Metz-Göckel 2007, 13ff; Meuser 2004, 101ff; McGregor/Bazo 2001, 18ff).

1.4.2.3 Unternehmerischer Ansatz: Diversität managen

Parallel zu diesen Ansätzen im politischen Bereich, die sich hauptsächlich darauf konzentrieren, Chancengleichheit auf Basis ethischer Überlegungen herzustellen, hat die Industrie zunehmend die amerikanische Idee des sogenannten „Diversity Management“ verwirklicht. Hintergrund ist die Erkenntnis, dass die Wertschätzung und der proaktive Einbezug einer Vielfalt von Ethnien, Altersgruppen, Mitarbeitern mit unterschiedlichem Gender, Religionen etc. einen positiven Effekt auf den wirtschaftlichen Erfolg der meisten Unternehmen hat (vgl. z. B. Schraudner 2010, 13; Pasero 2004, 156).

1.4.2.4 Wissenschaftliche Betrachtung: Gender-Studien

Die wissenschaftliche Diskussion rund um das Thema Gender hat sich aus dem Bereich der Frauenforschung in den Sozialwissenschaften entwickelt. Während die Frauen-forschung durch eine enge Verbindung der theoretischen Analysen mit den politischen Zielsetzungen zur Verbesserung der Situation der Frauen gekennzeichnet ist, beschäftigt sich die Gender-/Geschlechterforschung mit der kulturellen Einstufung von Männlich-keit(en) und Weiblichkeit(en) im Kontext sozialer Organisationen und ist auch mit anderen Wissenschaften und Themen, wie Technologie, Physik, Mathematik oder Medizin, vernetzt (vgl. z. B. Braun/Stephan 2009, 32; Leicht-Scholten 2007, 9ff; Zorn et al. 2007, 17; Krings 2002a, 5). Durch den Einbezug von Männern und Frauen impliziert der wissenschaftliche Gender-Ansatz einen strukturellen Unterschied, aber zur selben Zeit betont er auch deutlich den Grad der sozialen und kulturellen Verschiedenheit innerhalb und zwischen den Geschlechtern und bildet so eine gemeinsame Plattform und breite Basis für die verschiedensten Theorien und Herangehensweisen (Krings 2002a). Die Konzepte und Blickwinkel bezüglich der Kluft zwischen den Geschlechtern („gender gap“) haben sich im Laufe der Zeit und mit wechselnden Interessenlagen ebenso geändert, wie die diesbezüglichen theoretischen und politischen Positionen. Im Folgenden stelle ich kurz drei Perspektiven vor, die einigen der weiter oben erwähnten feministischen Theorien ähneln, und die zu unterschiedlichen Aktivitäten auf Seiten der Politik und der Unternehmen geführt haben: die liberale Tradition, die sogenannte Standpunkt-Theorie („standpoint theory“) und den Poststrukturalismus (vgl. z. B. Maass et al. 2007, 12ff). In der im politischen Bereich gebräuchlichen liberalen Tradition werden Männer und Frauen als gleichwertig angesehen. Die gebräuchlichen Ansätze zielen darauf ab, den Frauen zu helfen, vorhandene Nachteile zu überwinden, sowie Praktiken der Diskriminierung offenzulegen. Der Kerngedanke der Standpunkt-Theorie lautet, dass Frauen und Männer grundlegend unterschiedlich sind, und dass feminine Eigenschaften neu beurteilt und aufgewertet werden müssen. Bestehende Systeme und Kulturen sollen sich in der Folge an diese neuen weiblichen Anforderungen anpassen. Der poststrukturalistische Blickwinkel ist sehr viel weiter und betrachtet, wie Identitäten bzw. „ge-genderte Subjektivitäten“ durch Sprache und Bilder bzw. Symbole geformt werden mit dem Ziel, „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ zu dekonstruieren und neu zu definieren. Im Zuge der weiteren Einbettung in die Wissenschaft hat sich der Fokus der Gender-Studien verändert und kombiniert nun weitere Bereiche der Diversität, wie z. B. Rasse, Alter oder Ethnien – hin zu „für den gesellschaftlichen Wandel relevanten, analytischen, dekonstruktiven Forschungsfragen“ (Zorn et al. 2007; siehe auch Kapitel 3.1.4).

1.4.2.5 Kritikpunkte und Diskussion

Auch heute ringen die Wissenschaftler teilweise noch mit dem Begriff „Gender“, und die Interpretationen variieren mit den jeweiligen theoretischen Positionen und akademischen Perspektiven (Zimmermann/Metz-Göckel 2007, 19f). Nach Meissner (2008, 6ff) macht die Negierung des binären Verhältnisses der Geschlechter den Begriff zu „einer paradoxen Kategorie“. Auf der anderen Seite besagt ein wichtiger Kritikpunkt – analog zu vielen feministischen Ansätzen – dass Gender in der praktischen Anwendung oft doch wieder auf die biologische Dichotomie „männlich – weiblich“ reduziert wird und somit die alten Kategorien erhalten und die Unterschiede in den entsprechenden Gender-Gruppen ignoriert werden. Auf diese Weise werden existierende Stereotype und männliche Normen unabsichtlich weiterhin repliziert (vgl. auch Maass et al. 2007, 13f; Frey et al. 2006).

Nachdem ich die verschiedenen Konzepte und Perspektiven zum Begriff „Gender“ dargelegt habe, und auch mit dem Wissen, dass viele Feminist(inn)en, insbesondere in der postmodernen Tradition, für einen breiten Fokus stimmen würden, bezieht sich dieser Text – um nicht zu komplex zu werden – auf die grundlegenden Kategorien „Mann/männlich“ und „Frau/weiblich“. Dies geschieht jedoch unter der Anerkennung, dass Stereotype nicht existieren, und dass jede Gruppe mit Blick auf soziale und kulturelle Kriterien, wie z. B. Ausbildung, Alter, soziale Schicht oder Religion, in sich heterogen ist (vgl. z. B. Bessing 2006, 19; Schraudner/Lukoschat 2006, 7; Wajcman 2000, 452; Fox-Keller 1995, 84f). Ich stimme mit Liz Popolo (2006) überein, dass uns Vorurteile und eine übermäßige Vereinfachung mit Blick auf Gender und Orientierung daran hindern, alle Facetten individueller Persönlichkeiten zu erkennen. Ich habe ihren kleinen Cartoon eingefügt, um diesen Gedanken zu verdeutlichen (Abb. 2). Da ich mich hauptsächlich mit der Beziehung von Frauen und Technologie beschäftige, werde ich Aspekte zum Thema Technologie und Männer/Männlichkeit nur dann aufgreifen, wenn sie diese erstere Beziehung näher erläutern oder beeinflussen (für diesen Blickwinkel vgl. z. B. Light 2006).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Junge oder Mädchen – Wen kümmert’s?

Quelle: Liz Popolo (2006)

1.4.3 Wissenschaft & Technologie

Wissenschaft und Technologie – und auch die Begriffe „Forschung“, „Ingenieurwesen“ und „Design“ – werden oft im gleichen Atemzug genannt, wenn man über die Analyse von Gender-Aspekten im Zusammenhang mit einem dieser Felder spricht (vgl. z. B. Smith Keller 1992, 5ff). Da tatsächlich auch verschiedene Anknüpfungspunkte und Überschneidungen existieren, ist es schwierig, eine trennscharfe Abgrenzung zwischen den Bereichen vorzunehmen. Besonders in der feministischen Debatte wird oft nicht zwischen Wissenschaft und Technologie unterschieden, wie Wajcman erläutert (1991, 13). Staudenmaier (1985, 83ff) beschreibt die anhaltende Diskussion und die widersprüchlichen Definitionen der Begriffe im Bereich der sog. „Science and Technology Studies (STS)“ [Der Begriff der Science and Technology Studies (STS) ist seit den 1980er Jahren der gängige Begriff für sozialkonstruktivistische Forschungen zu Wissenschaft und Technik im englischsprachigen Bereich – Anm. der Verfasserin]. Sie stellt fest, dass sich die Grenzen zwischen den Disziplinen mit der Zeit und unterschiedlichen historischen Perioden und Perspektiven verändert haben.

Wissenschaft und Forschung sind eng verbunden und werden oft als Synonyme verwenden, z. B. wenn über „ein wissenschaftliches, oder ein Forschungsprojekt“ gesprochen wird. Allerdings ist diese Nutzung nicht korrekt, wie ich im Folgenden aufzeigen werde.

1.4.3.1 Wissenschaft: Entdecken und erklären

Der englische Begriff „science“ für „Wissenschaft“ hat seine Wurzeln im lateinischen „scientia“, was so viel wie „Wissen“ bedeutet. Heutige Definitionen sind komplexer und verweisen hauptsächlich auf den inkrementellen Prozess des Wissenserwerbs. Im Lexikon wird Wissenschaft unter anderem definiert als „Wissen oder ein Wissenssystem, das grundlegende Wahrheiten bzw. die Ausübung grundlegender Gesetze abdeckt; insbesondere jener, die mithilfe der wissenschaftlichen Methode erlangt und getestet wurden“ (Merriam-Webster 2011). Eine der Hauptzielsetzungen ist es, dauerhafte Prinzipien der physischen Erscheinungswelt zu entdecken. Naturwissenschaften wie Mathematik oder Physik studieren die Naturphänomene, Sozialwissenschaften beschäftigen sich mit dem menschlichen Verhalten, Organisationen und Gesellschaften. Wichtige Paradigmen der Wissenschaft sind die sogenannte „wissenschaftliche Methode“ und der empirische Ansatz, der voraussetzt, dass das erworbene Wissen und die Ergebnisse durch eine Reihe spezifischer Schritte erlangt wurden und auf nachvollziehbaren Phänomenen basieren, die durch andere Forscher in einem gleichartigen Versuchsaufbau validiert werden können (vgl. z. B. Popper 1959). Es wird auch ein Unterschied zwischen formalen und angewandten Wissenschaften gemacht – die ersten beschäftigen sich mit formalen Systemen wie Logik, Informatik oder Systemtheorie und bleiben dabei in einem theoretischen Rahmen, während die zweiten die wissenschaftlichen Erkenntnisse in die tatsächliche Welt übertragen.

1.4.3.2 Forschung: Der erste Schritt zum Wissenserwerb

Forschung im Allgemeinen bezeichnet den tatsächlichen Informationsgewinn. Dieser kann auf verschiedene Art und Weise erfolgen, z. B. durch Beobachtung, Experimente, Literaturstudium oder Recherche. Im wissenschaftlichen Kontext ist die Forschung der erste Schritt im Prozess des systematischen Wissenserwerbs unter Anwendung der wissenschaftlichen Methodik. Das „Frascati Manual“ der OECD definiert drei Formen der Forschung (OECD 2002):

„Grundlagenforschung bezeichnet experimentelle oder theoretische Arbeit, die in erster Linie dazu dient, neues Wissen zu erlangen […], ohne dabei bereits eine bestimmte Anwendung im Blick zu haben.

Angewandte Forschung umfasst ebenfalls originäre Untersuchungen mit dem Ziel, neues Wissen zu erwerben. Dies geschieht jedoch schwerpunktmäßig bereits mit Blick auf ein spezifisches, konkretes Ziel.

Experimentelle Entwicklung ist eine systematische Herangehensweise, die auf existierendem Wissen aus der Forschung und/oder praktischer Erfahrung aufbaut, und die darauf gerichtet ist, neue Materialien, Produkte oder Geräte zu produzieren, neue Prozesse, Systeme oder Services zu installieren, oder bereits bestehende substantiell zu verbessern.“

Kurz: Grundlagenforschung hat in der Regel kein direktes wirtschaftliches Ziel und lebt hauptsächlich von der Neugier oder dem Interesse des Forschenden, wohingegen die angewandte Forschung existierende Theorien, Wissen, Methoden und Techniken nutzt, um einen praktischen – oft wirtschaftlichen – Nutzen zu erzielen. Angewandte Forschung ist vor allem im industriellen Umfeld oft eng mit der experimentellen Entwicklung verzahnt und wird hier auch F&E genannt (Forschung & Entwicklung). Die Grundlagenforschung bildet in der Regel die Basis für die angewandte Forschung.

Empirische Forschung basiert auf der wissenschaftlichen Methode und wird unterteilt in die quantitative Forschung, die auf Basis von groß angelegten Befragungen Statistiken erzeugt, und in die qualitative Forschung, die Einstellungen und Verhaltensweisen mit Hilfe von Methoden wie Interviews, Notizen, Feedback-Bögen oder Videos analysiert. Verglichen mit der großen Teilnehmerzahl und den verhältnismäßig kurzen Kontaktzeiten im quantitativen Bereich suchen qualitative Ansätze nach detaillierten Informationen über die Vorstellungen und Erfahrungen einer Person, richten sich an weniger Teilnehmende, aber der Kontakt dauert in der Regel länger. Nicht-empirische Forschung basiert eher auf der subjektiven Interpretation, als auf Anhaltspunkten aus der realen Welt. Beispiele nicht-empirischer Methoden sind das Erstellen von Szenarien, Dekonstruktion oder Delphi-Techniken. (vgl. z. B. Clarke 2003; Smith Keller 1992, 5f).

1.4.3.3 Engineering & Technologie: Lösungen gestalten

Während die Beziehung und die Unterscheidung von Wissenschaft und Forschung ziemlich eindeutig ist, sind die Begriffe Wissenschaft, Engineering und Technologie enger miteinander verschränkt und oft Gegenstand von Debatten – im Besonderen, wenn es um das Verhältnis von Engineering vis-à-vis den anderen beiden Konzepten geht. Da Engineering und Technologie das Kernstück meiner Forschungsfragen sind, werde ich die verschiedenen Ansichten und Perspektiven, die einige Autoren zur Erklärung dieser Themen vorbringen, etwas mehr beleuchten. Während in gewissen Publikationen Engineering und Technologie „zunehmend unter Wissenschaft subsumiert“ werden (Macilwain 2011), ist die Wikipedia-Autorenschaft (2009) zu folgender Definition gelangt:

„Engineering (auch Ingenieurwesen oder technische Wissenschaften) ist die Disziplin, Kunst, Kompetenz und Profession, wissenschaftliches, mathematisches, ökonomisches, soziales und praktisches Wissen zu erwerben und anzuwenden, um Strukturen, Maschinen, Geräte, Systeme, Materialien und Prozesse zur sicheren Umsetzung von Verbesserungen im menschlichen Alltag zu gestalten und zu schaffen.“

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Engineering mit Design und interdisziplinärer Theorie verbunden ist und umfassendere Bereiche einschließlich Prozessen und Systemen umspannt. Oft wird von einem speziellen Fachbereich und einer angewandten Wissenschaft gesprochen, die Wissen einsetzt, um etwas Strukturelles zu schaffen, wie z. B. eine Solaranlage.

Im Gegensatz dazu bezieht sich Technologie auf Artefakte und Anwendungen, deren Ziel die Kontrolle und Anpassung an unsere Umgebungen ist. Nimmt man die Solaranlage als Beispiel für ein Engineering-Projekt, so war die Entwicklung der Solarzelle ein entscheidender technologischer Beitrag. Smith Keller definiert Technologie als die Anwendung von wissenschaftlichen sowie praktischen Kenntnissen, Werkzeugen und Verfahren, um praktische Zielsetzungen zu erfüllen. Sie zieht eine Abgrenzung zur Wissenschaft mit der Anmerkung, dass „sich Technologie von Wissenschaft darin unterscheidet, dass es bei Letzterem um das Entdecken und Erklären geht, und bei [Engineering und] Technologie um das Gestalten und Machen“ (Smith Keller 1992, 25ff).

Während Technologie sich oft auf Ergebnisse aus Wissenschaft und Engineering stützt, ist sie als ein menschliches Unterfangen um vieles älter als die Wissenschaft, hat eine größere Auswirkung auf das tägliche Leben und existiert vielerorts auch ohne wissenschaftlichen Input. Das Wort leitet sich ab vom griechischen „tekhne“ (steht für „Kunst“ oder „Art und Weise etwas zu tun“) und „logike“ (was „logisch denken“ bedeutet) – somit kann Technologie übersetzt werden als „die Kunst des Tuns logisch überdenken“ („reasoning about the art of doing“, Smith Keller 1992, 24). Schon in ihrer frühen Geschichte zeichnete sich die Menschheit dadurch aus, dass sie – während sie einerseits begonnen hatte, natürliche Ressourcen in einfache Werkzeuge für Jagd, Behausung oder andere Zwecke zu verwandeln - gleichzeitig über die besten Materialien und Designs für diese Objekte nachdachte. Somit deckt Technologie tatsächlich eine große Bandbreite an Bedeutungen ab, angefangen mit sehr einfachen Artefakten und Fähigkeiten, wie der Verwendung von Werkzeugen aus Knochen zum Durchtrennen von Tierhäuten und Schaffen von Kleidung, oder der Fähigkeit, Feuer unter Kontrolle zu bringen, über wichtige Erfindungen für Mobilität und Kommunikation, wie das Rad oder Telefon, bis zu extrem komplexen Geräten wie Raumschiffen oder dem weltbekannten Teilchenbeschleuniger - dem „Large Hadron Collider“ – am Europäischen Kernforschungszentrum.

Ein interessanter Ansatz, der die Vielfalt des Begriffes „Technologie“ veranschaulicht, wurde von Long/Dowell (1989) entworfen. Die Autoren differenzieren drei Modelle der Technologie: Das Handwerksmodell, das Engineering-Modell und das Modell der angewandten Wissenschaften. Das Handwerksmodell, auch „Meister-Lehrling-Modell“ genannt, bezieht sich auf die älteren und grundlegenden Technologien, wie Holzverarbeitung oder Töpferei und verwendet praktische Faustregeln. Die Technologie entwickelt sich mit der Zeit und mit Erfahrung, sie kann selten verallgemeinert werden und wird oft mündlich überliefert, oder im besten Fall mittels Skizzen, die beim Leser oder Interessenten ausreichendes Wissen zu den verwendeten Methoden voraussetzen. Das Modell bezieht sich auf vergangene Zeiten und Technologien in vielen Dritte-Welt-Ländern. Das Engineering-Modell entstand im späten Mittelalter, als man versucht hat, Hypothesen und Prüfungen für die Ausübung von Technologie zum Einsatz zu bringen. Aufgrund dieses systematischeren Ansatzes kann Wissen nun verallgemeinert und schriftlich festgehalten werden. Dieses Modell liegt dem Engineering im 19. Jahrhundert und vielen der heute etablierten Bereiche wie Maschinenbau oder Tiefbau zugrunde. Das Modell der angewandten Wissenschaft bezieht sich auf die „Hightech“-Entwicklung des 20. und 21. Jahrhunderts. Dabei kommen wissenschaftliche Kenntnisse und Methoden zum Einsatz, die zur Lösung von technischen Problemen in Bereichen wie Materialwissenschaften oder Elektrotechnik Anwendung finden. Diese Art von Technologie zielt darauf ab, die Natur zu modifizieren, um eine gewisse Vorgabe zu erreichen, z. B. Metall für neue Anwendungszwecke auf neue Art und Weise zu transformieren.

Eine weitere Art, das Thema zu betrachten, ist nach dem Entwicklungsgrad: Smith Keller (1992, 25ff) unterscheidet vom Level zwischen niedrig, hoch, intermediär und alternativen Technologien. Die sehr grundlegenden Methoden von Nahrungsmittelproduktion, Wohnbau oder Gesundheitsvorsorge, welche die Grundbedürfnisse adressieren, fallen unter niedriges Technologieniveau. Hohes Technologieniveau entspricht unserem westlichen Gebrauch und Verständnis von Technologie als einem Konzept,, das sich auf große Systeme umlegen lässt, wie etwa die Nahrungsmittelproduktion zur Deckung eines Bedarf, der die Grundbedürfnisse übersteigt, und für den die Nachfrage künstlich stimuliert werden muss, um die notwendigen Skaleneffekte zu erzielen. Intermediäre Technologien versuchen, Technologielösungen im maßgerechten Umfang speziell für weniger bemittelte und Dritte-Welt-Länder zu liefern, wo Hightech-Artefakte nicht angemessen sind.. Dieses Konzept ist eng an alternative Technologien angelehnt, die versuchen, die Umweltbelastung der Technologie zu minimieren. Ein konkretes Beispiel sind erneuerbare Energiequellen, wie Solarzellen auf den Dächern kleiner ländlicher Hütten in Ländern der Dritten Welt, die elektrische Energie zum Kochen und Heizen liefern und damit offenes Feuer im Haus mit den verbundenen Risiken und Gesundheitsproblemen obsolet machen und daneben die Notwendigkeit, Brennholz zu sammeln, als zentrale tägliche Aufgabe für Frauen eliminieren.

Das UK Technology Education Centre (2011) prägte eine weitere Perspektive, die fünf verschiedene Ansichten zur Technologie unterscheidet und zusätzliche organisatorische und soziale Aspekten enthält:

„1. Technologie als Objekte: Werkzeuge, Maschinen, Instrumente, Waffen, Geräte – die physischen Elemente technischer Leistung
2. Technologie als Wissen: Das Know-how hinter technologischer Innovation
3. Technologie als Tätigkeiten: Was Menschen tun – ihre Fähigkeiten, Methoden, Arbeitsweisen, Routinen
4. Technologie als ein Prozess: Beginnt mit einem Bedarf und endet mit einer Lösung
5. Technologie als ein sozio-technisches System: Produktion und Gebrauch von Objekten unter kombinierter Einbindung von Menschen und anderen Objekten.“

Ferner hebt Johnson (2006, 2) die sozialen Aspekte folgendermaßen hervor:

„Technologie ist vieles mehr als Engineering. Obwohl Technologie oft mit Ingenieuren beginnt, sind viele andere Akteure und Institutionen daran beteiligt, zu bestimmen, welche Technologien erfolgreich sind, wie Technologien angewendet werden und welche kulturelle Bedeutung mit ihnen assoziiert wird. […] Sowohl auf unserem physischen als auch auf unserem sozialen Weg durch das Leben treffen wir auf Technologie.“

In Ergänzung zu diesen Ausführungen über die breitere Dimension von Technologie möchte ich als letzte Perspektive jene von Pacey (1983, 4ff) darlegen, der das Technologiekonzept als eine „Übung“ vorstellt, um die Breite des Themas einschließlich kultureller und organisatorischer Aspekte aufzuzeigen. Abbildung 2 verdeutlicht diesen Ansatz und illustriert ebenso, wie der Begriff manchmal in einem eingeschränkten Sinn und manchmal in einer viel breiteren Auslegung zum Einsatz kommt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die eingeschränkte und allgemeine Bedeutung von Technologie

Quelle: Pacey, A. (1983, 6). The Culture of Technology. Oxford: Blackwell Publisher Ltd.

Das Wesen von Design als eines Schlüsselaspekts von Engineering und Technologie ist auf ähnliche Weise komplex. Archer (1973, zitiert vom UK Technology Education Centre 2011) schrieb:

„Design ist jener Bereich von menschlicher Erfahrung, Können und Wissen, der sich mit der Fähigkeit des Menschen befasst, seine Umgebung nach seinen materiellen und spirituellen Bedürfnissen zu formen.“

In Bezug auf Engineering und Technologie wird Design als ein strukturierter Problemlösungsprozess definiert. Angefangen mit der Wahrnehmung eines Bedarfes oder der Identifikation eines Problems, kommt es anschließend zur Formulierung einer Spezifikation, zur Generierung von Ideen, zur finalen Lösung und schließlich zur Evaluierung der Lösung (vgl. auch Bratteteig 2002).

Zusammenfassend kann man sagen, dass Engineering und Technologie einen immensen Einfluss auf die Gesellschaft und das Leben jedes einzelnen Individuums haben. Mit der Anwendung dieser Disziplinen sind wir in der Lage, unsere natürlichen Ressourcen zur Erfüllung unserer grundlegenden sowie anspruchsvollen Bedürfnisse effektiv einzusetzen. Beide Bereiche sind unabdingbar für die Entwicklung und das Wachstum der Infrastruktur und Wirtschaft einer jeden Nation.

1.4.3.4 Wissenschafts- und Technologiestudien

Wissenschafts- und Technologiestudien (im Englischen als „Science and Technology Studies“, kurz STS bezeichnet) sind Mitte der 1980er Jahre entstanden, als Technologie als Thema und Konzept in die Wissenschaftsstudienprogramme eingegliedert wurde. STS beleuchten und dokumentieren, wie wissenschaftliche Forschung und technologische Innovation und Design von sozialen, politischen und kulturellen Aspekten beeinflusst werden und umgekehrt (vgl. z. B. Johnson 2006, 3). In diesem Zusammenhang hat sich Gender als eines der Hauptmerkmale der sogenannten „sozialen Formgebung/sozialen Konstruktion von Technologie“ (vgl. z. B. Hackett et al. 2008; MacKenzie/Wajcman 1999; Hughes/Bijker 1987) herauskristallisiert. „Feminist Technoscience“ (Feministische Technowissenschaft oder feministische Studien der Wissenschaft und Technologie) ist ein überlappendes Feld von STS, das sich mit Arten der Verwobenheit von Gender mit Naturwissenschaften, medizinischen und technischen Wissenschaften innerhalb sozio-technischer Netzwerke und Gepflogenheiten befasst. Der Ausdruck „Technowissenschaft“ wurde geprägt, um die Tatsache zu betonen, dass Wissenschaft und Technologie nicht voneinander oder von der Gesellschaft (Sefyrin 2010b) getrennt werden können, und dass Grundlagenwissenschaft – gewöhnlich als neutral erachtet – in „gesellschaftliche Interessen verwickelt ist und politisch und ethisch zur Verantwortung gezogen werden kann, wie auch die technologischen Praktiken und Interventionen, die sie hervorzurufen vermag“ (Åsberg/Lykke 2010, 299; vgl. auch Weber 2006).

1.4.3.5 Kritik und Diskussion

Das Feld der Wissenschaft und Technologie ist groß, eng verknüpft und verflochten – und in gewissen Bereichen lebhaft debattiert. Einige Eckpunkte der Diskussion konzentrieren sich auf die etablierte „westliche“ Definition des wissenschaftlichen Ansatzes als den einen Weg, um (mithilfe von Experimenten, abstrakten Theorien und Modellen) die Wahrheit zu ergründen, wodurch gleichzeitig alle anderen wissenschaftlichen Disziplinen abgewertet werden (vgl. z. B. Campbell 2004, 197). Smith Keller (1992, 5) bemerkt „Alle Kulturen versuchen die materielle Welt um sich herum zu ergründen, Ursache und Wirkung vorherzusagen und Verfahren und Wissen zu entwickeln, um Artefakte zu produzieren, aber viele der von ihnen angewandten Methoden würden nach unseren Maßstäben nicht als ‚wissenschaftlich‘ gelten.“

Ein weiteres Diskussionsthema ist die Frage, ob und wie Wissenschaft und Technologie und Wissenschaft und Engineering verbunden sind, und ob Engineering und Technologie „angewandte Wissenschaften“ sind. MacKenzie und Wajcman (1999, 6f) argumentieren, dass, während Technologie oft als angewandte Wissenschaft eingeordnet wird, diese „Tätigkeiten keineswegs immer verbunden“ gewesen sind und dass sie dort, wo sie verzahnt sind, einander im gleichen Maße zugutekamen (vgl. auch McCormick et al. 1993, vii). Das UK Technology Education Centre (2011) erklärt:

„Sehr wenig Technologie könnte als angewandte Wissenschaft eingestuft werden. Technologie zeichnet sich aus durch andere Zwecke, andere Prozesse, einen anderen Zugang zu etabliertem Wissen und eine besondere Beziehung zu spezifischen Handlungszusammenhängen.“

Konkret hat der Begriff „Engineering“ als ein Synonym für angewandte Wissenschaft eine Menge Kontroversen ausgelöst, wie zum Beispiel über die Frage, ob das „lineare Innovationsmodell“, welches besagt, dass wissenschaftliche Erkenntnis die Basis für Engineering sei, tatsächlich die Wirklichkeit widerspiegelt. Um diese These zu widerlegen, deuten viele Ingenieure – besonders im Licht der Diskussion zur öffentlichen Förderung, die dazu tendiert, der Grundlagenforschung den Vorrang zu geben – oft auf technologische Innovationen wie die Luftfahrt oder elektrisches Licht, die dem wissenschaftlichen Verständnis der Materie vorausgingen und trotzdem für die Gesellschaft einen immensen Nutzen beigetragen haben (vgl. z. B. Macilwain 2011).

Eine interessante Diskussion findet derzeit um Werte und die negative und destruktive Seite der Technologie statt. Während viele Menschen noch immer daran festhalten, Technologie wäre wertfrei und technologische Entwicklung geschähe unabhängig von menschlicher Zweckgebundenheit/Intervention, so kann eindeutig beobachtet werden, dass dies nicht der Fall ist (vgl. z. B. Riggs/Conway 1991). In der industriellen Kultur dominieren oft materialistische und prestigeträchtige Absichten die Regierungsentscheidungen und geraten manchmal sogar außer Kontrolle. Pacey (1983, 80) beobachtet, dass „[…] es immer noch vorkommt, dass technologische Entwicklungen der politischen Kontrolle zu entschlüpfen scheinen und dass die Zwänge dahinter sogar über militärische Erfordernisse sowie wirtschaftliche Sinnhaftigkeit hinausgehen. Die verzerrten Prognosen und einseitigen Weltanschauungen der Experten können manchmal Politiker in Positionen manövrieren, die sie nie einnehmen wollten.“

Ein aktuelles Beispiel ist die Diskussion um die Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke, die eindeutig von den wirtschaftlichen Zielen der Betreiber dominiert wird. Diese argumentieren, dass „deutsches Hightech“ absolut sicher sei, und üben damit Druck auf Politiker aus, diese gefährliche Technologie weiterhin zu unterstützen. Ein historisches Beispiel einer unheiligen Allianz zwischen technologischen Visionen und dem Streben um politische Macht ist die Entwicklung des US-Atomprogramms in den frühen 1950er Jahren. Um herauszustellen, wie der „Technologiezwang“ gewisse Wissenschaftler und Ingenieure verleiten kann, die „wissenschaftliche Neugier und technologische Virtuosität“ über das Wohlergehen der Menschheit zu stellen, beruft sich Pacey (1983, 124f) auf Edward Teller, den theoretischen Physiker und Leiter des „Manhattan-Projekts“, der beauftragt wurde die erste Atombombe zu entwickeln. Sein ganzes Leben lang und sogar, als nach Hiroshima und Nagasaki die horrenden Konsequenzen einer Atomexplosion für jedermann klar geworden waren, war Teller von den Möglichkeiten dieser Technologie besessen und ein starker Verfechter von Atomwaffen, ohne sich um die sozialen Konsequenzen zu kümmern.

Ein spezifischer Angriffspunkt für Kritik an feministischen Schriften im Kontext von Wissenschaft und Technologie wird von Wajcman (1991) vorgebracht, wonach viele feministische Autoren Wissenschaft rein als „Wissen“ konstruiert haben und diese Ansicht auch auf ihre Analyse der Technologie übertragen haben. Genau wie zur Wissenschaft jedoch spezifische Praktiken und Institutionen gehören, ist dies auch bei der Technologie der Fall, wo es grundlegend um die Erschaffung von Artefakten geht, die wiederum Realitäten schaffen. Sie betont daher die Notwendigkeit für einen „anderen theoretischen Ansatz zur Analyse der Geschlechter-Beziehungen in der Technologie“ (Wajcman 1991, 13), welcher einen Teil meiner Literaturübersicht zu Gender und Technologie in Kapitel 3 darstellen wird.

Da mein Interessensschwerpunkt auf der Evaluierung von Gender-Aspekten in Technologiedesign und insbesondere Softwarelösungen liegt, werde ich primär Engineering und Technologie einschließlich angewandte Forschung, sowie experimentelle und aktuelle Entwicklungsaktivitäten berücksichtigen. Ich benutze den Ausdruck „Design“ im weiteren Sinne synonym für die Planung und Erzeugung von Prototypen, Anwendungen und Schnittstellen. Im engeren Sinne verstehe ich IT-Design, wie von Suchman (2002, 100) vorgeschlagen, als „einen Prozess, der Wissen und Aktivitäten in neue Materialformen überträgt“. Die Beziehungen Gender/Frauen–Wissenschaft werden nicht explizit analysiert Aufgrund der Wechselbeziehungen und Überschneidungen zwischen Wissenschaft, Forschung, Engineering und Technologie werden diese Begriffe und Konzepte jedoch zum Teil in der Argumentation sowie in den Meinungen unterschiedlicher Autoren und Wissenschaftler vermischt.

Abbildung 3 illustriert zusammenfassend die allgemeine Beziehung zwischen Wissenschaft und Technologie und zeigt auf, dass obwohl es in einem Bereich, der als „angewandte Wissenschaft“ bezeichnet werden kann, Überschneidungen gibt, es zwischen den beiden Bereichen eine Reihe von deutlichen Unterschieden gibt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Wissenschaft versus Technologie

Quelle: Angelehnt an Sparkes, J. (1993, 25 - 36). Some Differences between Science and Technology. In: McCormick, R./Newey, C./Sparkes, J. (Hrsg.): Technology for Technology Education. Reading, MA: Addison-Wesley Publishing.

2. Die Relevanz von Gender für das Technologiedesign

„Frauen sind die größte ökonomische Revolution unserer Zeit.“

Avivah Wittenberg-Cox Die UNESCO stellt im Bericht „Wissenschaft, Technologie & Gender“ von 2007 fest, dass, obwohl Frauen in einigen Bereichen signifikante Beiträge zur technologischen Entwicklung leisten und ebenso in großem Ausmaß Nutzen aus Technologie ziehen könnten, „die Belange und Beiträge von Frauen in der politischen Agenda von Wissenschaft und Technologie wie auch in Wissenschaft und Entwicklung häufig unbeachtet bleiben“ (UNESCO 2007, 45). In den meisten Fällen bleiben Frauen auf allen Ebenen der entsprechenden Gremien für Strategieplanung und Entscheidungen dramatisch unterrepräsentiert. Nicht nur konnten sie wenig zur Forschungsplanung beitragen, sondern Wissenschaft und Technologieforschung haben auch größtenteils ihre Situation, Interessen und Anliegen vernachlässigt, und zwar sowohl aus physiologischer, als auch sozialer Sicht – daher betont die UNESCO (2007, 51) zutreffend:

„Die Vorteile, die neue Produkte und Technologien mit sich bringen, können nicht ihr vollstes Potenzial entfalten, wenn sie nicht existierende Fähigkeiten und Kenntnisse ihrer beabsichtigten Zielgruppe ergänzen – d. h. von Männern und Frauen.“

Es hat den Anschein, dass die Abwesenheit von Frauen in Entscheidungs- und Designprozessen ihren möglichen Einfluss als Konsumentinnen und Entwicklerinnen von Technologie stark einschränkt. Bei den Gewinnen kann es sich nur um Verbesserungen im kleinen Stil handeln, da die Entscheidung immer von den gegenwärtig im Einsatz befindlichen Technologien limitiert ist. Das allgemeine, dieser Situation zugrundeliegende Problem wurde „Collingridge Dilemma“ genannt, was sich auf die Tatsache bezieht, dass die Folgen neuer Technologien nicht immer vorhersagbar sind. Bis sich herausstellt, dass mit einer Technologie etwas nicht stimmt, haben sich sowohl deren Erzeugnisse, sowie das gesellschaftliche Interesse in Verbindung damit derart eingefahren, dass sich damit beträchtliche Hürden für Veränderung in den Weg stellen (Collingridge/Reeve 1986; siehe auch Faulkner 2001). In Anbetracht der Tatsache, dass Frauen die Hälfte der Personen einer jeden Nation darstellen, ist es wichtig, den Geschlechteraspekt in Technologieplanungen und -prozesse einzubeziehen und Frauen viel mehr in den Prozess des Technologiedesigns sowie in den Kontext der Anwendung einzubinden.

2.1 Frauen – Eine vernachlässigte Zielgruppe

Die Märkte haben sich über die letzten Jahrzehnte massiv verändert, was sich auf die Auswirkungen der Globalisierung zurückführen lässt, aber auch auf soziale und demografische Faktoren. Dazu gehört auch die Veränderung des Geschlechterverhältnisses, die sich in westlichen industrialisierten Ländern vollzogen hat. Während das Geschlecht der Anwender als Designvariable in gewissen Sparten, wie z. B. Kosmetika, Medien oder Bekleidung, seit langem Berücksichtigung findet, so ist es bisher auf dem Gebiet von Technologieprodukten zum größten Teil vernachlässigt worden – trotz einer zunehmenden Zahl von ökonomisch unabhängigen Frauen mit hohem Bildungsniveau, die als autonome Kundinnen und designbewusste Anwenderinnen von Technologie agieren (vgl. z. B. Van Oost 2003). Diese Entwicklung vollzieht sich, während erfahrungsgemäß eine homogene Gruppe von Wissenschaftlern und Ingenieuren die Bedürfnisse weiblicher Nutzer in Technologieforschung, -design und –entwicklung noch selten berücksichtigt (vgl. z. B. Joost et al. 2010; Schraudner/Lukoschat 2006). Im Gegenteil werden, wie in der Einführung bereits angesprochen, Geschlechterdifferenzen in der Technologieentwicklung eher ausgeblendet, wie anhand des Beispiels der Spracherkennung illustriert (Schraudner/Lukoschat 2006, 3) und – viel schlimmer – am Beispiel des Airbag-Systems, bei dem die Fahrlässigkeit, die Besonderheiten des weiblichen Körpers nicht zu berücksichtigen, für kleinere Frauen und Kinder tödlich enden könnte (Rosser 2006, 15; siehe auch Püchner 2009; Karpf 1987, 159).

Ein Grund für diese Vernachlässigung augenscheinlicher Realitäten wird in der kontinuierlichen männlichen Dominanz im Bereich von Technologieforschung, -design und -entwicklung gesehen. Die entsprechenden Abteilungen sind hauptsächlich mit Männern besetzt und somit werden Geschlechterstereotypen oft ohne bewusste Erwägung alternativer Ansätze perpetuiert (Joost et al. 2010; siehe auch Kapitel 3). Als weiteres Beispiel für diesen geschlechtsspezifischen Designprozess kann die Entwicklung des „Smart Home“ gesehen werden, von Berg (1999, 301ff) als technologieunterstütztes Haus der Zukunft beschrieben. Die Designer modellierten die Technologie unbewusst nach männlichen Normen, indem sie Energieeinsparungen, Sicherheit, Kommunikationstechnologie und Unterhaltung den Vorzug gaben und die Wohnmuster von Männern abbildeten, die im Allgemeinen das Haus öfter mit Essen, Schlafen und Entspannen in Verbindung bringen. Die typischen Wohnmuster von Frauen, die im Durchschnitt mehr Zeit zu Hause mit Arbeit, mit der Pflege von Kindern und mit sozialen Tätigkeiten für die Familie verbringen, sind nicht verzeichnet. Honeywell verwendet sogar den Slogan „The house that will do the job for you (Das Haus, das die Arbeit für Sie macht)“ (Berg 1999, 306) und bezieht sich auf die Tatsache, dass alle Gerätschaften in ein einziges elektronisches Netzwerk integriert sind, um den Nutzerkomfort zu verbessern. Hier wird „Job“ (oder „Arbeit“) nicht mit tatsächlicher Arbeit, die unter normalen Umständen in einem Haus anfällt, in Verbindung gebracht, und Aufgaben mit weiblicher Konnotation werden komplett ignoriert. Was in diesem Beispiel besonders hervorsticht, ist, dass Frauen wichtige Fähigkeiten und Kenntnisse zum Thema Leben und Arbeiten zu Hause besitzen und damit wichtige Anlaufpartner für den Designprozess und das ideale Marketingsubjekt für das „Smart Home“ wären. Dennoch haben die Designer diese hochrelevante Gesellschaftsgruppe vollkommen vernachlässigt. Auf die Frage nach ihrer Käufer-Zielgruppe haben sowohl Honeywell als auch andere Hersteller nach mehreren Diskussionsrunden endlich zugegeben, den Anwender als „den Besitzer und somit synonym mit dem Mann des Hauses […] zu sehen, der ihre Faszination mit elektronischen oder technologischen Spielereien teilt“ (Berg 1999, 311; siehe auch Pacey 1983, 104ff). Abbildung 4 stammt aus einer Honeywell-Broschüre und veranschaulicht diese Auffassung auf perfekte Weise.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Automation des Zuhauses – Eine eindimensionale Perspektive

Quelle: http://www.ae.com.tr/upload/HoneywellHomeAutomation.pdf

Ein spezifisches Phänomen sind Unternehmen, die sich über ihren weiblichen Markt im Klaren sind, aber noch immer Produkte und Marketingstrategien entwickeln, die auf stereotypen Mustern aufbauen und die Realität und Bedürfnisse ihrer Kunden marginalisieren. Wittenberg-Cox/Maitland (2009) berichten neben anderen Beispielen von einem amerikanischen Hersteller für Haushaltsgeräte, der Waschmaschinen, Geschirrspüler, Mikrowellen und dergleichen für überwiegend weibliche Endverbraucherinnen herstellt. Das Unternehmen wird beinahe ausschließlich von Männern geleitet und der Leiter der F&E-Abteilung behauptet enthusiastisch, zur „Befreiung der Frauen beizutragen“ – in den Augen der Autoren scheint es jedoch eher, als wären die Vorstellungen des Managements darüber, was zeitgenössische Frauen brauchen könnten, „in die historische Tiefkühltruhe gesperrt“ worden (Wittenberg-Cox/Maitland 2009, 99f). Er war zutiefst überrascht, als er gefragt wurde, ob er nicht auf bessere Weise zur Befreiung der Frauen beitragen könne, indem er seine Marketing-Kampagne mehr auf die Arbeitsteilung im Haushalt richtete – ein Beweis dafür, dass er sich der Situation moderner Frauen und Paare nicht bewusst ist. Alle diese Beispiele zeigen auf, dass die Marginalisierung von Frauen im Kontext von Technologie einen tiefgreifenden Einfluss auf Design, technischen Inhalt, Gebrauch und Anwendbarkeit von Produkten hat.

[...]

Ende der Leseprobe aus 151 Seiten

Details

Titel
Gender und Technologie. Die „weibliche Perspektive“ im Softwaredesign
Hochschule
Technische Universiät Wien  (Institut für Managementwissenschaften)
Veranstaltung
Master of Business Administration - Entrepreneurship & Innovation
Note
Excellent (A) (Sehr gut)
Autor
Jahr
2011
Seiten
151
Katalognummer
V307181
ISBN (eBook)
9783668052383
ISBN (Buch)
9783668052390
Dateigröße
5707 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
- Ausz. Kommentar: Viele politische Initiativen in Europa drängen derzeit darauf, Frauen in die Erforschung und Entwicklung von Technologien zu integrieren. Dennoch zeigen bisherige Maßnahmen wenig Erfolg. Henrike Pätz geht dem Phänomen auf den Grund, wie die Entwicklung und Nutzung von Technologie mit der Erzeugung von sozialem Geschlecht verschränkt ist. Erst ein solch grundlegendes Verständnis ermöglicht, wirksame Maßnahmen gegen die Marginalisierung von Frauen insbesondere in den männerdominierten naturwissenschaftl. und techn. Bereichen zu entwickeln. - Best Thesis Award TU Wien 2011
Schlagworte
Genderforschung, Gender, IT, Informatik, Technik, Frauen, Software Design
Arbeit zitieren
Henrike Paetz (Autor), 2011, Gender und Technologie. Die „weibliche Perspektive“ im Softwaredesign, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307181

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