Vater-Deprivation. Jungenarbeit in einer integrativen Kindergartengruppe


Hausarbeit, 2013

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1.Stellenwert des Vaters in der Kernfamilie, Auswirkungen der Vater-Deprivation auf die Entwicklung von Jungen im Vorschulalter
1.1 Definition der Vater-Deprivation
1.2 Auswirkungen und Folgen der Vater-Deprivation
1.3 Familiensystemischer Platz und Aufgabenfeld des Vaters in der Erziehung seines Sohnes

2. Auseinandersetzung mit der Biografie und Persönlichkeit der Jungen
2.1 Beobachtungen als Grundlage zur Entwicklung von Handlungsstrategien
2.2 Analytische Auseinandersetzung mit der Biografie der Jungen, in Form von Anamnese und Aktenansicht
2.3 Pädagogische Rückschlüsse resultierend aus Beobachtung & Anamnese der Jungen

3. Professionalisierte Beziehungsgestaltung im Rahmen der Jungenarbeit unter Berücksichtigung der Vater-Deprivation
3.1 Methodischer Beziehungsaufbau und Reflexion erster Annäherungs- und Kontaktversuche

4. Fachtheoretische Relevanz von „Jungenarbeit“

5. Männliches und menschliches Rollenvorbild innerhalb der Jungenarbeit

6. Die Kunst der Liebe, Vergebung und Unvoreingenommenheit, bei gleichzeitiger Konsequenz und Struktur ohne zu sanktionieren

7. Geschlechtsbezogene Sozialisation und Erziehungsarbeit

8. Herausforderndes und Schwieriges im Umgang mit den Jungen

9. Ursache von Störungsbildern im Bezug auf die Vater-Deprivation

10. Positive Verhaltensänderung und sichtbare Erfolge (Gesamtreflexion)

11. Persönliche Entwicklung und Kompetenzerweiterung während des Praktikums (Resümee und Ausblick)

Nachwort

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

Vor gut acht Monaten sah ich mich mit neuen Herausforderungen konfrontiert, alles war neu, viele verschiedene Eindrücke, integratives Arbeiten, sehr fordernde Jungen, zudem U 3 Kinder und eine neue Rolle die ich fortan zu erfüllen hatte. Viele Fragen entzündeten sich immer und immer wieder am Verhalten der Kinder, insbesondere an dem der Jungen mit einer diagnostizierten Entwicklungsverzögerung im sozial-emotionalen Bereich. Ohne viel Eigenes zu Tun, suchten mich die Jungen immer häufiger in ihrem Spiel, aus anfänglicher Scheu, ja geradezu Zurückhaltung erwuchs rasch eine Vertrautheit mir gegenüber. Somit rückten diese Jungen immer mehr in meinen Fokus, so dass ich mich nach einigen Wochen und in Rücksprache mit meiner Praxisanleiterin, dafür entschloss mein Handlungskonzept hinsichtlich des Themas der „Jungenarbeit“ zu konzipieren. Meine Ausarbeitungen beziehen sich vornehmlich auf eine Gruppe von Jungen, im Alter von 5-7 Jahren. An dieser Stelle sei erwähnt, dass geschlechtsbezogene Pädagogik nicht ausschließlich Jungen vorbehalten ist, sondern einen ebenso wichtigen Stellenwert in der Entwicklung von Mädchen hat. Doch bedingt durch die gruppenspezifische Geschlechterkonstellation und der nicht mindern Tatsache, dass ich selbst ein Mann bin, lag es nahe, mein Handlungskonzept auf diese gleichgeschlechtliche Peergroup auszurichten. Dennoch bin ich bemüht ferner Gedanken, entschieden zurückzuweisen, die im Sinn haben die Rolle oder Anwesenheit des Mannes in der Erziehung von Kindern, insbesondere von Jungen zu glorifizieren. Vielmehr soll auf die dringende Notwendigkeit von Männern in der Erziehung, auf dem Hintergrund von fachtheoretischen sowie entwicklungspsychologisch fundierten Erkenntnissen hingewiesen werden. Es handelt sich um einen geschlechtsbezogenen Blickwinkel im Zusammenhang mit Vaterloser-Kindheit von Jungen bei gleichzeitiger, institutioneller Präsenz einer männlichen Bezugsperson. Meiner Arbeit gehe ich in einer Integrativen Kindergartengruppe mit 13 Kindern nach, von denen 5 einen sonderpädagogischen Förderbedarf haben, bei vier von diesen, ausschließlich Jungen im Alter 5-7 Jahre, wurde eine sozial-emotionale Entwicklungsverzögerung diagnostiziert. Alle der vier Jungen wachsen ohne die ständige Präsenz ihres leiblichen Vaters auf und haben interessanter Weise alle zuvor eine andere Kindertagestätte besucht, wurden jedoch dort auf Grund ihres Verhaltens für nicht tragbar empfunden, woraus ein Wechsel in unsere Einrichtung resultierte.

Für die Arbeit mit den Jungen, war es für mich sehr wichtig die Gründe ihrer individuellen Vater-Deprivation zu erfahren. Einer der Jungen besucht seinen leiblichen Vater, im zweiwöchentlichen Turnus am Wochenende, einem weiteren wird der Vater vorenthalten und dessen Abwesenheit sowie Existenz nicht zum Gespräch gemacht. Ein weiterer Junge hat seinen Vater durch Suizid verloren, ein anderer wiederum wächst mit dem neuen Mann der Mutter auf und glaubt, dieser sei sein Vater. Durch Berichte der entsprechenden Mütter, lässt sich darauf schließen, dass den Jungen ein sehr negativ geprägtes Bild von ihrem Vater suggeriert wird. Auf Grund der bereits beschriebenen Gruppensituation, dem omnipräsenten Thema, Verlust bzw. dauerhafte Entbehrung des Vaters, sowie in Anlehnung meines Handlungskonzepts zur Jungenarbeit, fällt mein fachtheoretischer Schwerpunkt auf die Vater-Deprivation. Denn alle vier Jungen wachsen aus den unterschiedlichsten Gründen ohne ihren biologisch-genetischen Vater auf. Vor dem Hintergrund dieses Themas und der damit verbundenen Arbeit, habe ich mich unweigerlich mit meiner eigenen Biografie und meinem Werdegang auseinandersetzen und meine bis dato erlangten Handlungsstrategien immer wieder selbstkritisch Hinterfragen müssen. Von den Schicksalen der Jungen blieb ich keinesfalls emotional unberührt, wenn es mir desgleichen dennoch gelang eine professionelle Distanz aufzubauen und zu wahren. Was nicht die Tatsache außerkraftsetzen kann, dass mir die Arbeit mit diesen Jungen sehr viel bedeutet, mich gleichzeitig fordert, aber mir auch und vor allem hilft mich persönlich weiter zu entwickeln. Meine personalen Ressourcen werden ebenso gestärkt wie umgekehrt die der Jungen. Der Unterschied zwischen projekthaften Arbeiten mit Kindern und meinem Handlungskonzept, liegt in meiner Rolle und Präsenz als männliches Rollenvorbild begründet. Ich habe mir meine Aufgabe nicht selbst erdacht oder mich willkürlich zum Vorbild der Jungen auserkoren, vielmehr haben ihre familien-systemischen Umstände und der Zufall, Berufspraktikant in ihrer Gruppe zu sein, mich zwangsläufig zu diesem gemacht. Die Tragweite meiner Arbeit und die Wichtigkeit meiner Person im Leben der Jungen, war für mich zu Beginn meiner Arbeit in der integrativen Kita X überhaupt nicht absehbar, ganz zu schweigen von den unermesslich kostbaren Erfahrungen, die ich im Umgang und Zusammenleben mit ihnen sammeln durfte. Die nachfolgenden Erläuterungen, Signifikanzen, Begrifflichkeiten und Eindrücke, sollen meine Arbeit visualisieren, sie begreifbar und nachvollziehbar machen, sowie einen Einblick geben, welch unvergesslichen Teilabschnitt ihres Lebens, ich, gemeinsam mit den Jungen gehen durfte.

Aus dem Prozess der letzten Monate habe ich erkannt, dass jedes Kind, unabhängig von seiner Persönlichkeit, seinen Fähig- und Fertigkeiten oder Unzulänglichkeiten, ein Recht darauf hat angenommen, geliebt und ressourcenorientiert gefördert zu werden.

1. Stellenwert des Vaters in der Kernfamilie, Auswirkungen der Vater-Deprivation auf die Entwicklung von Jungen im Vorschulalter

1.1 Definition der Vater-Deprivation

Die Begrifflichkeit derfindet ihren Ursprung im lateinischen, deprivare „berauben“ und bezeichnet gemeinhin einen Zustand des Entzuges, der Entbehrung, der Isolation oder gar des Verlustes von etwas Vertrautem, sowie das Gefühl benachteiligt zu werden. Im Bezug auf die Vater-Deprivation, bedeutet das, dass ein oder mehrere Kinder der Kernfamilie unter der Entbehrung ihres leiblichen/biologischen Vaters aufwachsen. Gründe für die Abwesenheit eines Vaters von seinen leiblichen Kindern mag es diverse wie ebenso plausible geben, dennoch muss eine gewisse Anwesenheit bestanden haben, durch welche eine Abwesenheit durch Flucht, Ausschluss oder Gleichgültigkeit des Vaters resultieren und definiert werden kann. Der Zustand der Vater-Deprivation kann sowohl Jungen als auch Mädchen, also Söhne und Töchter gleichermaßen betreffen, wobei der Verlust (wenn auch nur räumlich) des Vaters für den Sohn weitaus gravierendere Folgen haben kann, als dies für eine Tochter der Fall ist.

1.2 Auswirkungen und Folgen der Vater-Deprivation

„Rund zwei Millionen Kinder, so Schätzungen, wachsen in Deutschland derzeit bei nur einem Elternteil auf, der ganz überwiegende Teil davon bei ihrer Mutter. So sind von den rund 1,5 Millionen alleinerziehenden Eltern in Deutschland nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes nur knapp zehn Prozent Väter.“ [Die Welt online 2008]-Warum viele Väter nicht aktiv die Erziehung ihres Sohnes mitgestalten oder postnatale Anforderungen an das „Elternsein“ mittragen, liegt zum Teil an der immer noch klassischen Geschlechterteilung, nach der, die Frau binnenorientiert für Haus und Kinder zu sorgen und der Vater außenorientiert, den Unterhalt der Familie zu verdienen hat. Im Falle der Jungen, die ich betreue stellt sich die Absenz des Vaters in völlig anderer Weise dar. Hier gibt es unteranderem einen Vater, der nach Gewalthandlungen gegenüber sowohl Kind als auch Mutter, die Familie sehr früh verlassen hat. Seit jeher wird dem Jungen, von Seiten seiner Mutter, die Existenz des Vaters vorenthalten, obwohl dieser in der Nähe wohnt und die Familie ihm des Öfteren begegnet, wird er nicht thematisiert. Der älteste der Jungengruppe, dessen Zwillingsbruder auch die Einrichtung besucht, hat seinen Vater vor gut einem Jahr durch Suizid verloren. In Gesprächen über seinen Vater spürt man sofort, dass er diesen förmlich verehrt hat. Nach dem Vaterverlust (durch Tod), der Vaterlosigkeit (durch Vorenthaltung) folgt eine dritte Form der Vater-Deprivation, die Vaterabwesenheit. Hier wissen die Jungen, dass es einen Vater gibt, haben auch sporadisch bzw. nach gerichtlich angeordneten Rhythmen, Kontakt zu ihm, leben jedoch nicht permanent mit ihm zusammen. „Nicht nur im Fall eines sterbenden Elternteils, sondern ganz generell sind Eltern aus einem psychologischen Blickwinkel heraus nicht nur entweder „da“ oder „verloren“, sondern es lassen sich unterschiedliche Grade an Verfügbarkeit (Fthenakis, 1985) eines Vaters (bzw. einer Mutter) feststellen. Ist z.B. ein Vater aufgrund ausschließlichem Interesses für seinen Beruf oder aufgrund von durch Alkoholabhängigkeit bedingter Apathie psychologisch nicht verfügbar, können die psychologischen Konsequenzen für die Kinder oftmals mit denen eines absoluten Verlusts durch Tod oder Trennung vergleichbar sein.“[2] Das Fehlen des Vaters führt unweigerlich zu Spannungen im Leben eines Jungen, die Jungen machen eine massive Trennungserfahrung, aus der sich Trennungsängste sowie Beziehungsstörungen entwickeln können, all zu oft weisen die Jungen sich selbst die Schuld für den Ausstieg des Vaters aus der Kernfamilie zu. Die seelischen Folgen des vollen oder eingeschränkten Vater-Verlusts, zeigen sich in ihrer ganzen Dramatik erst viele Jahre später, aber dass sich dieser Verlust destruktiv auf die psychische und seelische Gesundheit der Jungen auswirkt, lässt sich schon heute an ihrem fehlangepassten Verhalten beobachten.

1.3 Familiensystemischer Platz und Aufgabenfeld des Vaters in der Erziehung seines Sohnes

Der Vater setzt somit seinem Sohn klare Grenzen und fördert eine positive Gewissensbildung. Es konnte mehrfach – auch empirisch – nachgewiesen werden, dass sich Bewegungsunruhe in der Nähe des Vaters messbar zurückbildet. Bewegungsunruhe ist also auch eine Form von Aggressivierung, die den Individuationskonflikt mit der Mutter über Fortbewegungsimpulse ausdrückt. Wir können das gelegentlich besonders eindrücklich bei manchen Söhnen alleinerziehender Mütter erfahren. Fehlt der Vater als triangulierendes Objekt, ist der Junge hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, mit der Mutter narzisstisch zu verkleben und sich andererseits zu individuieren;er zappelt gleichsam am Angelhaken und sucht sich gewaltsam zu befreien (Heinemann/Hopf 2009, S.168).“[3]„Natürlich geht es auch ohne Vater. Es geht so. So, wie es Menschen gibt, die ohne rechtes Bein, ohne Augen, ohne sauberes Trinkwasser oder auch ohne Mutter leben können. Irgendwie geht das. Aber es geht nicht gut. […] mit Vater ginge es leichter und besser.“[4]

Gerade bei Jungen macht es die Abwesenheit des Vaters nicht leichter, im Familiensystem ist ein wichtiger Platz unbesetzt, die Identifikationsfigur und das Rollenvorbild fehlen. Ein gleichgeschlechtliches Gegenüber ist nicht präsent, somit mangelt es an gelebter „Männlichkeit“, sowie einem streitbaren und greifbaren männlichen Gegenüber, mit dem das Kind in Beziehung treten kann.

Der Vater also der Mann,jenerechter Kerl, dessen Menschlichkeit noch intakt ist und der sich tatsächlich im unmittelbaren Lebensumfeld seines Sohn aufhält und ihm Aufmerksamkeit schenkt, ist die absolut beste Chance, die ein Junge hat, in sich selbst gefestigt und mit sich selbst im reinen aufwachsen zu können.

„Das Kind wird von einem vernünftigen, wenn auch, was die Kenntnisse betrifft, etwas beschränkten Vater besser als von dem geschicktesten Lehrer der Welt erzogen werden; denn der Eifer wird das Talent eher als das Talent den Eifer ersetzen.“ (Jean-Jacques Rousseau, 1712 - 1778).

[...]


[1]Frank Krause: „Söhne brauchen ihre Väter“

[2]Oerter Montada: „Entwicklungspsychologie“ 3., vollständige überarbeitete Auflage, (Seite 1038)

[3]Hurrelmann/Schultz: „Jungen als Bildungsverlierer“ (S. 208)

[4]Reinhard Winter: „JUNGEN-Eine Gebrauchsanweisung“ (S. 50-51)

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Vater-Deprivation. Jungenarbeit in einer integrativen Kindergartengruppe
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
24
Katalognummer
V307304
ISBN (eBook)
9783668069510
ISBN (Buch)
9783668069527
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Auswahl des Themas ist sehr gut gelungen. Die Jungenarbeit ist einerseits eine persönliche große Herausforderung und betrifft andererseits einen zentralen Aspekt der pädagogischen Arbeit mit den Kindern in der Gruppe. Die Theorie zur Jungenarbeit und zur Vater-Deprivation ist gelungen dargestellt. Ebenso gelingt der Bezug zur eigenen Praxis und zur Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle.
Schlagworte
Jungenarbeit, Facharbeit, Vater-Deprivation, Integrativ, Kindergarten, Gender, Kinder, Jungen, Erziehung, Sozailpädagogik, Vaterlos, Kindheit, geschlechtsbezogen
Arbeit zitieren
Florian Esser (Autor), 2013, Vater-Deprivation. Jungenarbeit in einer integrativen Kindergartengruppe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307304

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Vater-Deprivation. Jungenarbeit in einer integrativen Kindergartengruppe



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden