In den Jahren 1914 - 1916 schrieb Gottfried Benn fünf kurze Prosatexte, die gemeinhin als ‘Rönne-Novellen‘ bezeichnet werden. Diese Bezeichnung ist insofern irreführend, als sich Benns Prosa einer Zuordnung zu einer bestimmten literarischen Gattung entzieht, ist sie doch Ausdruck einer Ästhetik, die sich von konventionellen Erzählformen weitestgehend verabschiedet hat. „Warum Gedanken in jemand hineinkneten, in eine Figur, in Gestalten, wenn es Gestalten nicht mehr gibt? Personen, Namen, Beziehungen erfinden, wenn sie gerade unerheblich werden?“ (Roman des Phänotyp: GWE II, S. 150) So heißt es im 'Roman des Phänotyp' von 1944, und es scheint, dass diese Überlegungen schon die Produktion der Rönne-Novellen maßgeblich mitbestimmt haben. Obwohl Rönne noch als Figur gelten kann, wurde hier inhaltlich und formal eine Problematik entfaltet, die mit dem obigen Zitat korrespondiert und Benns Werk geprägt hat: der subjektiv wahrgenommene Zerfall einst verbindlicher Bezugspunkte, der daraus hervorgeht, dass man sich bestimmter erkenntnistheoretischer Implikationen zu sehr bewusst ist.
„Erkenntnis ist ein schönes Mittel zum Untergang“ (Lebensweg eines Intellektualisten: GWE II, S. 319) schreibt Benn in 'Lebensweg eines Intellektualisten' - und es ist kein Zufall, dass er dies im Rahmen eines Kommentars zu seiner Figur Rönne tut. Anhand ihr veranschaulicht er geradezu demonstrativ, dass bewusste Verarbeitung, Erkenntnis und Reflexion für den Einzelnen nicht zwangsläufig mit Sicherheit und Macht verbunden sind, sondern, im Gegenteil, auch zu einer tiefen Entfremdung von Ich und Welt bzw. zu einer Auflösung gewohnter, das Leben vereinfachender Strukturen führen können. Diese Thematik, die eine entscheidende in den Rönne-Novellen ist, bildet den Hintergrund dieser Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- 1. Das Bewusstsein als Qual
- 1.1. Bewusstsein und Entfremdung
- 1.1.1. Strukturverlust
- 1.1.2. Abkehr von gesellschaftlich konstruierter Wirklichkeit
- 1.1.3. Übersteigertes Bewusstsein
- 1.2. Parallelen zwischen Rönne und Benn
- 1.3. Das Leiden an der Moderne
- 1.3.1. Zivilisatorische Moderne und literarischer Expressionismus
- 1.3.2. Urbanisierung
- 1.3.3. Erkenntnistheoretische Verunsicherung
- 2. Versuche der Kompensation
- 2.1. Adaption bürgerlicher Verhaltensweisen
- 2.2. Wissen und logisches Denken
- 2.3. Kritik am positivistischen Weltbild
- 3. Erlösung im Rausch
- 3.1. Entgrenzung
- 3.2. Konkurrenz zweier Weltbilder
- 3.3. Die Rönne-Novellen im Kontext des Dionysischen und Apollinischen
- 3.3.1. Die Prinzipien des Dionysischen und Apollinischen bei Nietzsche
- 3.3.2. Dionysische und Apollinische Elemente in den Rönne-Novellen
- 3.4. Rausch und Kunst
- 3.4.1. Rönne als Erschaffender
- 3.4.2. Zu Benns Kunsttheorie
- 3.4.3. Frühe und späte Prosa
- 3.4.4. Ästhetik und Macht
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Phänomen des problematischen Bewusstseins in den Rönne-Novellen von Gottfried Benn. Ziel ist es, die Ursachen und Auswirkungen dieser Bewusstseinskrise zu analysieren und in den Kontext von Benns Werk und der literarischen Moderne zu stellen.
- Die Bewusstseinskrise als Folge von Entfremdung und Strukturverlust
- Die Problematik von Erkenntnis und Reflexion in der modernen Welt
- Versuche der Kompensation durch Adaption, Wissen und Kritik
- Die Rolle des Rausches und der Kunst als Auswege aus dem Bewusstseinskonflikt
- Der Einfluss von Nietzsche auf Benns Ästhetik und Kunsttheorie
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung stellt die Rönne-Novellen von Gottfried Benn vor und führt in die Thematik des problematischen Bewusstseins ein. Kapitel 1 untersucht Rönnes Wirklichkeits- und Identitätsverlust, der durch seine bewusste Wahrnehmung von Strukturen und Konventionen der modernen Welt hervorgerufen wird. Kapitel 2 analysiert Rönnes gescheiterte Versuche, die verlorene Struktur durch rationale Mittel wiederherzustellen. Kapitel 3 betrachtet die Rolle des Rausches und der Kunst als Mittel zur Erlösung aus der Bewusstseinskrise, wobei auch ästhetische Auffassungen von Benn und Nietzsche mit einbezogen werden.
Schlüsselwörter
Die Arbeit befasst sich mit den folgenden Schlüsselwörtern: Gottfried Benn, Rönne-Novellen, problematisches Bewusstsein, Entfremdung, Strukturverlust, Moderne, Expressionismus, Urbanisierung, Erkenntnistheorie, Kompensation, Rausch, Kunst, Nietzsche, Dionysisches, Apollinisches, Ästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Was sind die „Rönne-Novellen“ von Gottfried Benn?
Es handelt sich um fünf Prosatexte, die zwischen 1914 und 1916 entstanden sind. Sie zeichnen sich durch eine Ästhetik aus, die mit konventionellen Erzählformen bricht und den Zerfall subjektiver Wirklichkeit thematisiert.
Was ist das „problematische Bewusstsein“ in diesen Texten?
Es beschreibt den Zustand, in dem gesteigerte Reflexion und Erkenntnis nicht zu Macht führen, sondern zur Entfremdung von der Welt und zur Auflösung gewohnter Lebensstrukturen.
Welche Rolle spielt die Urbanisierung in Benns Werk?
Die Arbeit setzt Rönnes Leiden in den Kontext der Moderne und des Expressionismus, wobei die Urbanisierung als Faktor für die erkenntnistheoretische Verunsicherung betrachtet wird.
Wie versucht die Figur Rönne, die Krise zu bewältigen?
Rönne unternimmt Versuche der Kompensation durch die Adaption bürgerlicher Verhaltensweisen oder die Flucht in logisches Denken, was jedoch letztlich scheitert.
Was bedeuten „Dionysisch“ und „Apollinisch“ in diesem Zusammenhang?
Die Arbeit zieht Nietzsches Kategorien heran, um die Spannung zwischen Rausch (Erlösung) und Form (Kunst) in den Novellen und Benns Kunsttheorie zu analysieren.
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- Martin Abrahams (Author), 2004, Das Phänomen des problematischen Bewusstseins in den Rönne-Novellen von Gottfried Benn, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30751