Fahren mit Fahrassistenssystemen. Betrachtung der Interaktionsbeziehung zwischen Mensch und Maschine unter der Hybridperspektive nach Werner Rammert


Hausarbeit, 2015

16 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Verteiltes Handeln in soziotechnischen Konstellationen - die Hybridperspektive von Werner Rammert

3. Anwendung der Hybridperspektive auf das Fahren eines Autos mit Assistenzsystemen
3.1. Vorbedingungen und Konkreter Fall
3.2. Einordnung des technischen Systems in den Dimensionen der Aktivität
3.3. Einordnung des Aktivitätsniveaus des technischen Systems
3.4. Distributed Action -Betrachtung der Handlungs- und Aufgabenverteilung zwischen dem Fahrer und dem technischen System

4. Fazit & Ausblick

1. Einleitung

Man stelle sich vor, man fährt mit Frau und Kinder im Urlaub auf einer kurvigen Bergstraße. Plötzlich nach einer Kurve ein Fels mittig auf der Straße, rechts ein steiler Abhang, links vom Felsen eine Gruppe von Menschen und für eine möglicherweise tödlichen Kollision mit dem Felsen der Bremsweg zu kurz. Ein moralisches Dilemma! Man hat die Qual der Wahl: Entweder man schützt sein und das Leben der eigenen Familie, oder das Leben der Anderen - eine schwierige Wahl, die man nur ungern treffen möchte. Szenenwechsel: Auf der Consumer Electronic Show (CES) kommt unter staunenden Blicken der Messegäste ein Auto auf die Bühne gefahren. Das an sich mag jetzt noch keinen so recht erstaunen, doch als die Türen des Mercedes F015 sich öffneten, wird erkennbar, dass dieses Fahrzeug sich offensichtlich autonom fortbewegt haben muss, denn die darin befindliche Person konnte es jedenfalls entsprechend seiner Sitzposition nicht gesteuert haben. Es ist kein geringerer als Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender von Mercedes, der da aussteigt und den Messegästen einen Blick in die Zukunft des Automobils gewährt. Autonomes Fahren also; Technik machts möglich. Zurück zum moralischen Dilemma: Entscheidet also in Zukunft nicht mehr der Fahrer, sondern der Entwickler des Fahrzeugs und dessen eingebautes Programm, wer weiter leben wird und wer nicht und wer trägt dann die Verantwortung? Für die Beantwortung solcher Fragen haben wir noch etwa 10 - 15 Jahre Zeit, wenn man einer Studie von Ernst & Young Glauben schenken mag (vgl. [EYC]). Aber wie ist das Heute? Schaut man sich Werbung von Automobilherstellern an oder begibt sich zur Bestellung eines neuen Fahrzeugs ins Internet, begegnen einen neben

BS und ESP Begriffe wie „ daptive Cruise Controll“, „Pre Sense Front“, „ ktiv Lane ssist“, „ ktive Side ssist“ und viele mehr, womit die Hersteller mit dem Verweis von sicheres Fahren ihre Fahrassistenzsysteme anpreisen. Auch auf der Cebit werden Apps vorgestellt, die es ermöglichen mittels seines Smartphones oder der Smartwatch nicht nur den Status der Systemkomponenten seines Autos vor der Fahrt zu überprüfen, sondern es auch aus der Garage entweder rein oder raus fahren zu lassen. Man stellt sich zwangsläufig die Frage, ob der Detektiv Derrick seinen Partner Harry noch anweisen kann, den Wagen zu holen, oder ob der Satz nicht schon mittlerweile „Wagen, hol schon mal den Harry͘“ lauten müsste͘ Fahren wir also noch uto in der heutigen Zeit und wie ist dabei die Struktur der Interaktion zwischen Fahrer und Auto mit den Fahrassistenzsystemen sowie dessen Aktionsverteilung zu beschreiben? Wie lässt sich deren Beziehungsform charakterisieren und was bedeutet dies dann letztlich für den Entwickler solcher Systeme und die daran beteiligten Institutionen? Im Folgenden wird der Versuch unternommen, der Beantwortung der Fragen anhand eines techniksoziologischen Theoriekonzepts gerecht zu werden.

2. Verteiltes Handeln in soziotechnischen Konstellationen - die Hybridperspektive von Werner Rammert

Um den gestellten Fragen begegnen zu können, fiel die Wahl eines passenden Theoriekonzepts aus dem Bereich der Akteur-Netzwerk-Theorie. Allerdings nicht auf die Konzepte seitens Bruno Latours, da es sich hierbei mehr um die Fragen der Struktur von Handlung und Interaktion zwischen Mensch und einer Maschine sowie auch die Verteilung der Handlungen in einem Mensch-Maschine-System handelt. Die Fragestellung verlangt einen mikropolitischen Ansatz, dem es gelingt, die Interaktion zwischen Mensch und Technik erfassen zu können. Der semiotische Ansatz von B. Latour zielt mehr auf einen meso-makropolitischen Ansatz, welcher jedoch nicht die Interaktionen beschreibt und damit zu kurz greift. Daher fiel die Wahl auf den Ansatz von Prof. Dr. Werner Rammerts Hybridperspektive, dessen Ausrichtung zwar ebenso wie Latour den Dualismus zwischen der Intersubjektivität und Interobjektivität verwirft, aber sich dabei mehr auf die Interaktions- und Beziehungsformen zwischen Mensch und Technik bezieht und hierfür auch entsprechende Kategorien und Typologien zur Verfügung stellt, die eine mikrosoziologische Beschreibung und Einordnung ermöglichen. Zunächst wird eine Zusammenfassung der Aspekte des Ansatzes der Hybridperspektive geboten, die für die Beantwortung der Ausgangsfragen notwendig sind. Anschließend werden dann der Rahmen eines konkreten Falls umrissen, der zur Beschreibung und Einordnung dienen soll und woraufhin dann die Anwendung sowie dessen Ergebnisse folgen. Abschließend folgt ein Fazit sowie Ausblick, was sich nochmal mit der Unterscheidung zwischen Bruno Latour und Werner Rammert auseinandersetzt und eine Einordnung der Ergebnisse hinsichtlich der daraus resultierenden gesellschaftlichen Herausforderungen widmet.

Die folgende Zusammenfassung bezieht sich ausschließlich, sofern nicht anders gekennzeichnet, auf Werner Rammerts usführungen in „ utonome Maschinen“ von Thomas Christaller und Josef Wehner (vgl. T. Christaller, J. Wehner; 2003 S.289ff).

Zunächst stellt W. Rammert die Dimensionen technischen Wandels und entsprechende Merkmale „autonomer Maschinen“ heraus͘ Hierbei verweist er darauf, dass neuere Technologien sich von vergangenen Generationen von Technik sich in sachlicher, räumlicher und zeitlicher Dimension wesentlich unterscheiden1. In der sachlichen Dimension ist die Technik komplexer, kombinierter und undurchsichtiger geworden. Mit der Komplexität meint W. Rammert das stetige Ansteigen der Menge technischer Elemente und ihre Beziehungen untereinander in einem technischen Gesamtsystem. Daran anknüpfend den zunehmenden Grad an Kombiniertheit, also die Menge der Integration verschiedener Techniken in einem System und schließlich den aus der Komplexität und Kombiniertheit resultierenden Grad der zunehmenden Undurchsichtigkeit des Systems in Bezug auf Ablauf und Gerichtetheit eines technischen Systems und die damit einhergehende Zunahme des Eindrucks eines autonomen Gegenübers.

Darüber hinaus eröffnet W. Rammert zwei weitere Dimensionen, die die Aktivitäten der Technik und das Aktivitätsniveau bzw. die Aktionsfähigkeiten beschrieben und eine Einordnung bzw. Klassifizierung ermöglichen. Die Dimension der Aktivitätsweise beinhaltet hierbei 4 Kategorien, in der die Eigenaktivität eines technischen Systems zunimmt:

1. Motorik (Antrieb & Bewegung): von unbewegt zu automotiv bzw. automobil
2. Aktorik (Arbeit & Ausführung): von fremdbewegt zu eigentätig bzw. automatisch
3. Sensorik (Umwelt- & Selbstwahrnehmung): von fremdabgestimmt zu umweltsensitiv bis selbstanpassend
4. Informatik (Steuerung & Regelung): von festverdrahtet zu flexibel programmiert bis hin zu einem autonomen System verteilter Problemlösung

Um die Gesamtperformanz eines technischen Systems besser erfassen zu können, macht W. Rammert den Vorschlag, eine Typologie von fünf Stufen zu verwenden, die nach Aktivitätsniveaus variiert:

a) Passiv: hierunter können Werkzeuge gelten, die bewegt werden und mit denen gewirkt wird
b) Aktiv: Maschinen, die bestimmte Operationen in mindestens einer der 4 oben genannten Kategorien der Aktivitätsweise selbsttätig ausführen
c) Reaktiv: z.B. kybernetische Mechanismen, die für eine einfache Umweltanpassung sorgen bzw. die Fähigkeit, auf Umwelteinflüsse zu reagieren
d) Interaktiv: z.B. Multiagentensysteme, die sich vermittels wechselseitiger Abstimmung für eine Lösung der Aufgabe abstimmen.
e) Transaktiv: z.B. intelligente Systeme, die im Hinblick auf die Wechselwirkung von Eigenaktion, Fremdaktion und Gesamtaktion Ziel-Mittel-Relationen selbständig reflektieren und verändern

Um letztendlich die Art der Beziehung zwischen Menschen und Technik bzw. Maschinen erfassen zu können, bedient sich W. Rammert drei spezifische Beziehungstypen, die sich aus den zuvor beschriebenen Dimensionen entsprechend herausbilden können und aufzeigen,

inwieweit sich das Verhältnis zwischen Mensch und Technik in Abhängigkeit des Wandels der

Technik zu autonomer Aktionsfähigkeit verändert:

I) Instrumentelle Beziehung

Hierbei gelten nach Rammert passive Werkzeuge sowie auch Maschinen, wie eine Bohrmaschine, die vom Menschen lediglich nur instrumentell genutzt werden.

II) Instruktiv-kommunikative Beziehung

Hierunter können technische Systeme oder Maschinen gefasste werden, die programmierbar sind und Mensch-Maschine-Schnittstellen (MMS) besitzen, in denen der Mensch in einem Dialog Instruktionen an das technische System richten kann. Das technische System übernimmt dann entsprechend die Disposition der Ausführung der Aufgabe und es tritt eine Verschiebung der Aktivitäten der Disposition und Deutung vom Menschen zum System ein, wobei der Mensch das System als ein Gegenüber erfährt.

III) Interaktiv-kommunikative Beziehung

Diese Form der Beziehung würde dann existieren, wenn das technische System in der Lage ist, abweichend von den Erwartungen oder eben Kontingent bzw. auch reflexiv auf Erwartungen des Menschen zu handeln.

Daran anschließend behauptet W. Rammert, dass sich durch den Wandel hin zu neuen Formen der Technologien und für dessen Analyse der soziotechnischen Konstellationen ein Muster der Verteilung und Verflechtung herausgebildet habe, welches sich von früheren Formen unterscheide͘ Diese benennt er „fragmentale Verteiltheit“ und verweist hierbei auf sein in 2002 herausgegebenes Workpaper, worin er den Typus der fragmentalen Differenzierung in der Wissensproduktion einführt und erläutert (vgl. W. Rammert 2002). Angelehnt daran ist unter fragmentaler Verteiltheit eine Konstellation zu verstehen, wo die Aufgabenerfüllung und Aufteilung parallel unter Kombination von heterogenen nebeneinander getrennten Techniken erfolgt2, welche jedoch in Bezug auf das Gesamtsystem gestaltet sind. Auf diese Form der Verteiltheit entwickelt er das Konzept der „distributed action“ welches sich von den Konzepten des „distributed computing“3 und des „distributes cognition“4 durch folgende Eigenschaften unterscheidet:

[...]


1 In der hier vorliegenden Ausführung beschränke ich mich jedoch nur auf die Erwähnung der sachlichen Dimension, da es einerseits für die Ausarbeitung hinreichend ist und andererseits eine Betrachtung der sachlichen, räumlichen und zeitlichen Dimension den Rahmen dieser Ausarbeitung sprengen würde.

2 Ein Beispiel wäre hier die Kombination von Kamera- bzw. Bildverarbeitungstechniken und

Telekommunikationstechniken zu nennen, dessen Verknüpfung die Videotelefonie ermöglichen.

3 Hierbei handelt es sich um eine Technik der Anwendungsprogrammierung, bei der die einzelnen Prozesse einer verteilten Anwendung ein gemeinsames Ergebnis berechnen (vgl. [WEB]).

4 Vgl. Edwin Hutchins

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Fahren mit Fahrassistenssystemen. Betrachtung der Interaktionsbeziehung zwischen Mensch und Maschine unter der Hybridperspektive nach Werner Rammert
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Soziologie)
Veranstaltung
Techniksoziologie
Note
1.3
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V307550
ISBN (eBook)
9783668057289
ISBN (Buch)
9783668057296
Dateigröße
850 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fahrassistenzsysteme, Beziehung Mensch Auto, hybridperspektive, werner rammert, audi a8, acc, pre sense front, fahrsituationen, einordung, bruno latour, akteur-netzwerk-theorie
Arbeit zitieren
Bastian Mehlfeld (Autor), 2015, Fahren mit Fahrassistenssystemen. Betrachtung der Interaktionsbeziehung zwischen Mensch und Maschine unter der Hybridperspektive nach Werner Rammert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/307550

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Fahren mit Fahrassistenssystemen. Betrachtung der Interaktionsbeziehung zwischen Mensch und Maschine unter der Hybridperspektive nach Werner Rammert



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden